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Gründen kann man nur in Berlin? So ein Quatsch!

In Berlin mag es zum guten Ton gehören, selbst zu gründen. In Niederbayern nicht. So habe ich den Gründungsprozess erlebt.

 

Die Ausgangssituation

Ganz ehrlich? Ich hatte mich nie als Unternehmerin gesehen. Meine Karriere hatte mehr Kurven als eine Serpentinenstraße in Südtirol. Darunter Stationen wie: Zitherspielerin auf Kreuzfahrtschiffen (ab neun), Nachhilfelehrerin für Mathematik (ab 13), Veranstaltungsmanagerin für klassische Musik (ab 19), Lehramtsstudentin für Geographie und Englisch (ernsthaft, wo liegt der Unterschied zwischen Management-Meetings und dem Umgang mit pubertierenden 13-jährigen?), Marketing-Managerin (ab 25) und Unternehmensberaterin (ab 29). Mein Selbstbild: Fragmentiert. Das Selbstvertrauen: ausbaufähig. Veränderung: eine Frage der Gewohnheit.

Mein Privatleben hingegen: Bilderbuch. Den Mann meines Lebens heiratete ich 2014 und wir begaben uns auf die Suche nach einem Ehebett. Das gestaltete sich schwieriger als geplant, denn ein Bett, wie wir es wollten, gab es einfach nicht. Ich dachte mir, andere würden bestimmt ähnliche Probleme haben. So entstand mein Unternehmen – das Betten designt und vertreibt – aus dem konkreten Bedarf heraus. 

Die Reaktionen

Meine Familie zeigte sich gewöhnt unbeeindruckt: „Du gründest ’ne Firma? Aha. Gibst du mir mal die Butter?” Wir sind keine Familie, in der viel gesprochen wird. Man „macht” einfach, man liebt sich bedingungslos, würde das aber nie sagen und geht ansonsten seines Weges. Als ich mein Unternehmen gründete, schwappten keine Begeisterungswellen, sondern eher die Milch in den Kaffee und dann über den Tassenrand. Aber ich wusste, wenn es in die Hose geht, nimmt mir das keiner übel. Wenn es durch die Decke geht, wird man trotzdem nicht mehr geschätzt. Da sind soziale „Achievements” wie Heiraten, Kinderkriegen, Haus bauen viel bedeutsamer. Also alles easy an der Familien-Front. 

Mein Bekanntenkreis war da schon kritischer: „Tu nicht so, als könntest du die Welt verändern.”, könnte man die Reaktionen zusammenfassen. Dazu muss man wissen, dass mein Unternehmen ein sogenanntes Social Enterprise (ein Begriff, den ich für absolut hinfällig halte, weil jedes Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen sollte) war. In meinem Fall lautete der Kerngedanke der Gründung, dass Geflüchtete integriert werden sollen, im traditionellen Handwerk, im Bayerischen Wald. 

„Krass, was du dich traust.”, „Was machst du, wenn es nicht klappt?”, „Wie geht es dir?“, „Schon schwierig, mit den Flüchtlingen, sag ehrlich und komm, gib schon zu: Es wird dir doch alles zu viel!” Aber mein engster Freundeskreis steht voll dahinter: begeistert, besorgt, einige sind auch bei der Gründung involviert. Im erweiterten Kreis geht’s dagegen heiß her: „Oh Mann, jetzt kommt sie mit den Flüchtlingen daher. Das klappt doch eh nicht mit der Integration.” Konflikt voraus! Einmal mehr habe ich in dieser Zeit gemerkt, dass der engste Freundeskreis einfach fürs Leben gemacht ist, nicht nur für einen Lebensabschnitt. 

„Aha, mit den Preisen gibt’s die nicht lang” – die Konkurrenz 

Andere Unternehmen nehmen uns bisher recht wohlwollend wahr: „Die kleine, naive Weltverbesserer-Truppe aus dem Bayerischen Wald, die nicht nur das Handwerk retten, sondern auch noch die Integration auf die Reihe bekommen will. Die werden schon sehen, wann sie ihre erste Werkstatt in Ungarn eröffnen, weil sie dem Preisdruck nicht gewachsen sind. Aber nett, dass sie versuchen, eine neue Wertigkeit fürs Handwerk herzustellen. Das kommt uns auch zu Gute.” Eine unmittelbare Gefahr geht von meinem Unternehmen erst mal nicht für andere aus. 

„Kriegt die das unter einen Hut?” – Der Chef und die Kollegen 

Jetzt wird es richtig kompliziert: Denn mein eigenes Unternehmen gründete ich neben einem Vollzeitjob. Der größte Fan und kritischste Beobachter: Mein Chef. Unter den Kollegen habe ich viele Freunde, die mein Engagement richtig gut finden – und andere, die sich wohl eher freuen, wenn bei mir mal wieder etwas richtig gegen die Wand fährt. Welche Gruppe von Menschen macht wohl häufiger spitze Bemerkungen, natürlich nicht vor einem persönlich, aber gegenüber dem Chef? Kein Haifischbecken, eher ein Zierfischaquarium, wo man um die Wette für die meiste Aufmerksamkeit strahlt. Ich bin da wohl eher der Fensterputzerfisch.

Die Welt da draußen

Ok, jetzt wird’s abgefahren: Die Kanzlerin lädt mich zum Abendessen ein. Der Bundespräsident ehrt unseren Betrieb für unser Engagement. Die Aufmerksamkeit, die wir bekommen, steht in keinem Verhältnis zum gemachten Umsatz. Krass gutes Feedback wechselt sich nun ab mit abgrundtiefem Hass: „Deine Firma ist das Krebsgeschwür unserer Gesellschaft.” Mit der Integration Geflüchteter bringt man die Gemüter zum Kochen. Meine Absicht war das nicht. Aber: Je mehr Hass ich ernte, desto mehr sehe ich die Relevanz für mein Handeln.  

Und so geht es mir

Ich fühle mich wohl in meiner Rolle als Unternehmerin, als Angestellte, als Teil meiner Familie. Aufgegeben habe ich mittlerweile allen Erwartungshaltungen gerecht zu werden. Einige Menschen haben sich abgewandt, andere habe ich selbst hintenangestellt. Gewonnen habe ich: Viele wertvolle Menschen und Erfahrungen, die mich in jeder Hinsicht weiterbringen. Die Familie steht sowieso über allem. Und das ist die Hauptsache. Bleibt nur die Frage, welche Aussicht ich wohl hinter der nächsten Serpentine habe. Denn konkrete Bedürfnisse hätte ich ausreichend, um noch ein paar Unternehmen zu gründen. 

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