Foto: Marleen Stahlhuth

Enissa Amani: „Meine Schlagfertigkeit ist meine größte Stärke“

Enissa Amani hat ihren neuen Podcast „Statements aus Seide“ gestartet und will damit all jene begleiten, die gerade an einem Tiefpunkt stehen – und spricht dabei auch über ihre eigenen.

Enissa Amani ist Komikerin, linke Aktivistin und Podcasterin – genau in dieser Reihenfolge. In ihrem neuen Podcast spricht sie jeden Freitag über die Themen, „die uns intensiv durchs Leben begleiten.“ Doch Enissa traut sich in ihren Selbstgesprächen nicht nur an die gesellschaftskritischen Themen, sondern auch an ihre eigene Familiengeschichte. Sie spricht über Flucht, Angst und der Sehnsucht nach Freiheit. Ihre laute und klare Stimme steht für das „Statement“ im Podcast-Titel, die ehrlichen Themen, die Kraft geben sollen, für die „Seide“ – es sind Statements aus Seide, so widersprüchlich wie Enissa selbst.

Dein Podcast heißt „Statements aus Seide“. Warum Seide?

„Statement ist ein hartes Wort und ich brauchte einen sanften Gegensatz. Das Statement steht für meine klare Position. Die Seide für Menschen, die verletzlich und zugleich angreifbar sind. Sie sollen etwas haben, was ihnen konkret guttut, woraus sie Kraft schöpfen können. Es gibt Krisen-Phasen in unserem Leben, in denen wir Hilfe brauchen, weil wir sonst daran zerbrechen. Und deshalb ist dieser Podcast auch so ,seiden‘. 

Auch in meinem Leben gibt es viele Schmerzmomente und Sehnsüchte. Tiefpunkte, an denen ich lernen musste, mit ihnen umzugehen. Es geht mir nicht bloß darum, ein gutes Gefühl zu vermitteln – ich möchte mit dem Podcast in schweren Zeiten eine Stütze sein. Es geht darum: Wie kann ich konkret durch diesen Tag kommen?“ 

Wie kamst du zur Podcast-Idee?

„Ich war in einem Podcast zu Gast und erzählte darin über die Krebserkrankung einer Freundin. Ich habe nur kurz angerissen, was ich ihr damals mit auf den Weg gegeben habe. Nach dem Podcast rief mich der Vater meiner Freundin heulend an und erzählte mir, dass sie jetzt voller Mut und Entschlossenheit die Operation antreten wolle. Sie wolle einen Zettel mit meinen Worten mitnehmen. Das hat mir sehr viel bedeutet. 

Später schrieb mir außerdem ein Fan auf Instagram und bedankte sich auch für meine geteilten Gedanken, die ihm durch eine Krankheit geholfen haben: ,Enissa, deine Worte sollen bitte von der Krankenkasse als Schmerzrezept verschrieben werden.‘ Mit dem Podcast möchte ich Menschen Kraft geben und sie motivieren.“

Du bist Komikerin, Aktivistin, Schauspielerin, Moderatorin und jetzt auch noch Podcasterin. Wie bezeichnest du dich selbst?

„Ich bin Künstlerin durch und durch. Ich lehne seit zwei Jahren alles ab, was mir nicht künstlerisch genug ist, jeden Moderationsjob, jede Quizshow oder Jury bei Castingshows etc. – all das, was Entertainment ist, aber keinen künstlerischen Faktor hat, selbst wenn es mir mehr Bekanntheit oder mehr Follower bringen würde.

Ich schreibe Drehbücher, habe gerade das erste Mal Regie geführt, habe andere Künstler unter Vertrag und nichts ist mir wichtiger als mein Aktivismus als Humanistin für unsere Gesellschaft, für Schwächere, für Menschlichkeit. Meine Liebe zur Comedy ist auf jeden Fall für immer da, es wird wieder Specials geben und ich gehe natürlich jedes Jahr auf Tour. Gerade vermisse ich die Bühne auch sehr. Aber letztens fragte mich mein Manager, wie er mich in einem Pressetext benennen solle, weil ,nur‘ Standup Comedian einfach nicht mehr stimmt. Er fragte, ob Künstlerin oder Aktivistin? Wir haben dann einfach meinen Namen geschrieben. Ich bin Enissa Amani und ich mache all das, was mich bewegt und hoffentlich auch andere.“

Welche Rückmeldungen bekommst du zu deiner Arbeit?

„Meine Fans finden mein politisches Engagement gut, am Anfang haben natürlich viele noch gesagt, dass sie mich lieber in der Comedy sehen. Das ist weltweit immer das Gleiche, sobald jemand einen neuen Schritt macht, wird das kritisch beäugt. Das hat sich inzwischen extrem geändert. Leute sagen jetzt häufig, dass sie meine Comedy zwar feiern, aber meine politischen Statements noch mehr, weil sie mehr Aussagekraft haben.

Generell finde ich, dass wir uns alle viel zu viele Grenzen setzen. Warum braucht es für alles Labels? Heute sage ich selbstbewusst, dass ich eine der wenigen Künstlerinnen in Deutschland bin, die hauptsächlich frei improvisiert arbeitet und niemals jemand was für mich schreibt. Meine größte Stärke ist meine Schlagfertigkeit, aber auch das musste ich erst mal selbst erkennen und den Mut haben, es auch mit den Menschen so zu teilen.“

Du weißt, wer du bist und wofür du stehst. Hast du einen Tipp für alle jene, die noch an sich zweifeln?

„Ich kenne diese Gedanken. Ich war ja genau diese Frau, die voller Zweifel war. Meine Reise ist immer noch anstrengend und geprägt von meinen Unsicherheiten. Es gibt gute und schlechte Tage. Vor allem packen mich die Selbstzweifel, wenn es um ein neues Projekt geht. Es wird immer jemanden geben, der dich bewertet, egal was du tust. Bestes Beispiel ist die Comedy für mich. Meine Familie war skeptisch, weil es einfach keine sichere Karriere war. Aber die Angst zu überwinden ist herausfordernd.

Wir Menschen haben Angst. Wir lassen uns davon kontrollieren. Sicher kann Angst im ersten Moment schützend sein. Aber die meiste Zeit hindert sie uns daran, weiter zu kommen. Wenn wir uns Mut zusprechen, sind wir zu Unglaublichem fähig, da bin ich mir sicher. Und oft sind es auch die verzweifelten Momente, an denen wir wachsen. Das heißt nicht, dass ich jetzt sage, dass alles gut wird. Oder dass, wenn du heute Nacht ins Bett gehst, morgen deine Probleme weg sind. Ich glaube, es gibt immer einen Weg dahin, dass alles gut wird. Diese Strecke wird immer für uns da sein, um unsere Sehnsucht zu stillen.“

Enissa Amani wurde am 08.12.1983 in Teheran, Iran geboren. 1985 flohen ihre Eltern nach Deutschland und lebten von da in Frankfurt am Main. Enissa studierte Literatur und gewann mehrere Misswahlen. 2013 fing sie mit Stand-up-Comedy an und ist seither kaum aus der Szene wegzudenken. Neben ihrem Comedy-Programm gerät Enissa auch mehr und mehr für ihr politisches und gesellschaftliches Engagement in den Fokus der Öffentlichkeit. Sie setzt sie sich lautstark für soziale Gerechtigkeit, Toleranz und Frieden ein.

Enissas Podcast Statement aus Seide ist ab dem 27. November 2020 auf Spotify zu hören.

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Fatima studiert Sozialpolitik, ist politisch aktiv – und wenn sie nicht gerade auf den Kölner Straßen eine Rede hält, ist sie im Podcast „Kahvehane” des „renk”-Magazins zu hören. Aktuell unterstützt sie die Redaktion von Edition F.

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