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Zwischen Freiheit und Verantwortung: Meine Selbstständigkeit hat einen hohen Preis

Selbstständig sein ist toll. Was aber oft vergessen wird: Wir zahlen auch einen hohen Preis für die Freiheit als Unternehmer.

 

Die zwei Seiten der Medaille

Ich habe neulich diesen wunderbaren Artikel von Nancy Nielsen gelesen, in dem sie davon erzählt, wie es hinter den Kulissen einer Unternehmerin wirklich aussieht. Sie beschreibt die Kehrseite der Medaille, die unweigerlich jedem Gründer unter uns verliehen wird – und das ohne Vorwurf, denn wie ich hat auch sie sich bewusst dafür entschieden. Es ist die Entscheidung, das Risiko einzugehen, die Herausforderung Selbstständigkeit anzunehmen, weil der Glaube an die Sache stärker ist als jeder Zweifel. 

Ich habe mich damals gegen einen sicheren Job entschieden, habe weder Freunde noch Familie in meinen Plan zu gründen eingeweiht, stattdessen die Zeit genutzt und eine kleine Beratung aufgebaut. Ich hatte Glück mit meinem ersten Kunden, tolle Ideengeber und das Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich wusste, nicht alles, was glänzt, ist Gold. Aber in den ersten Monaten war mir das egal. Da gab es nur die Arbeit und Neuaufträge. Nach vier Monaten fragte mich jemand: „Und, schon erste Zweifel?”, „Nein”, antwortete ich, woraufhin er entgegnete: „Dann hast du noch nicht richtig gegründet.”

Heute weiß ich, was er damit meint. Auf die ersten Aufträge folgte ein bürokratischer Krieg, Umsatzsteuer, die erste Praktikantin, die erste zermürbende Vertragsverhandlung, die ersten Briefe vom Fiskus, der erste Angestellte und die erste Steuererklärung. Plötzlich merkte ich das ungeheure Gewicht der Medaille, die um meinen Hals hing. Als Unternehmer lebt man für seinen Job. Man liebt ihn, das tue auch ich. Als Selbstständiger arbeitet man nur leider eben selbst und das ständig. Ich kann nicht, wie die anderen Mittwoch Abend spontan auf den Geburtstag meines Kumpels gehen. Als Berater muss ich am Donnerstag wieder nach München. Also kein Geburtstag am Mittwoch. 

Freie Zeit ist nicht gleich Freizeit

Ich habe Glück. Mein Kumpel ist selbst Unternehmer und versteht meine Absage deshalb. Mit anderen ist das nicht immer so einfach. Weniger Verständnis zeigen zum Beispiel Angestellte in meinem Umfeld. Für sie gibt es Feierabend, Wochenende und Feiertage, an denen man ausschläft und die Seele baumeln lassen kann. 

Diese Tage bedeuten auch für mich Ruhe, nur eben eine andere Art von Ruhe. Hier finde ich endlich die Zeit, das abarbeiten zu können, was im Laufe der Woche angefallen und liegen geblieben ist. Unternehmer sein, bedeutet eben auch Jonglieren lernen, sonst fallen die Bälle alle gleichzeitig herunter. Als Chefin bin ich für meine Angestellten verantwortlich, als Beraterin bin ich für meine Kunden auch bis in den späten Abend präsent, als Speakerin bin ich Entertainerin und als Unternehmerin muss ich auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Von mir wird erwartet, dass ich die Buchhaltung und das Steuerrecht wie das Einmaleins beherrsche und ganz nebenbei noch Kleinigkeiten wie Marketing und Vertrieb unterkriege. 

Die Unternehmerin Nancy Nielsen schreibt in ihrem Beitrag: „Ja, ich habe mich entschieden Unternehmerin mit allen Konsequenzen zu sein. Ja, ich habe mir vorher überlegt, was auf mich zukommen könnte. Nein, ich habe nicht gewusst, dass es so hart werden würde. Ja, mein Beruf hat viele Vorteile gegenüber dem Arbeitnehmerleben, aber er hat eben auch viele Nachteile.” Und diese Ansicht teile ich mit ihr. Ich habe die Freiheit spontan für eine Woche in die USA zu fliegen, wenn ich während dessen weiter an meinem Vortrag feile. Ich habe die Möglichkeit Fortbildungen unter der Woche zu besuchen, weil ich bereits am Wochenende für den Kunden gearbeitet habe. Ich habe die Freiheit die Sauna im Hotel zu nutzen, nur leider nur sechs Stunden Zeit, bis der neue Projekttag beginnt. Ich genieße den Luxus einen Assistenten zu haben und trage gleichzeitig die Verantwortung mich um ihn zu kümmern. 

Freiheit verlangt Verantwortung 

Ein Leben mit vielen Freiheiten verlangt immer auch nach genauso viel Verantwortung. Mit jedem neuen Angestellten wachsen zuerst neue Wurzeln. Wurzeln stabilisieren, sie halten einen aber auch erst einmal davon ab leichter zu fliegen. Mit jedem neuen Jahr, wachsen Ordner wie Löwenzahn und mit jedem Monat, mit jeder Woche, mit jedem Tag wächst die Herausforderung den Überblick über alles zu behalten. Das ist wunderbar, hat aber auch seinen Preis. Mein Assistent bekommt Geld, unabhängig davon, ob ich genug habe, um mir selbst ein Gehalt auszuzahlen oder nicht. Mit jedem neuen Jahr, wachsen Ordner wie Löwenzahn und mit jedem Monat, mit jedem Tag wächst die Herausforderung den Überblick über alles zu behalten. Und dann sind da noch die zahlreichen Abende, Kaffeetreffen und Geburtstage, die ich abgesagt habe und absagen werde. Unter den vielen Bällen befindet sich eben auch das noch: Mein Privatleben. Ich bin Unternehmerin aus Leidenschaft; aber ich bin eben auch Freundin. Meine Lösung? Die Bitte um mehr Verständnis, dafür, dass diese Medaille immer zwei Seiten hat. Und dass nur eine davon aus Gold ist. 

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