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Der Tod meines Vaters hat mir gezeigt: Beerdigungen sind auch nur ein Geschäft

Der Tod ihres Vaters brachte unsere Community-Autorin das erste Mal mit einem Bestattungsunternehmen in Berührung. Sie findet: Trauernde brauchen dringend eine transparente und ehrliche Beratung.

 

3. Oktober, Tag der deutschen Einheit

Ich bin zu Besuch bei meiner Schwester in München. Die beiden Tage zuvor tanzten wir auf Bierbänken mit ’ner Maß in der linken und ’nem Jungen an der rechten Hand auf der Wiesn. Wir fuhren Riesenrad und kreischten uns an. Wasser brodelt in einer Kaffeepadmaschine. Ein übersüßter Cappucino bereitet mich auf das Schlimmste vor, von dem ich noch nichts ahne. Ich ziehe mich an, sie liegt im Bett, schreibt mit irgendwelchen Jungen. 

Mein Smartphone klingelt: Anonym. Ich vermute einen Bekannten, der immer anonym anruft. „Hallo Carola.” Es ist meine Mutter. Bevor sie weiterreden
kann, keife ich: „Mama, warum rufst du anonym an?” Meine Mutter
entschuldigt sich. Meine Mutter entschuldigt sich oft. Diesmal entschuldigt sie
sich in einem besonders demütigen Ton. Diesen Tonfall kenne ich. Meine Mutter
sagt irgendwas. Meine Mutter sagt: „Papa ist tot.” Mir entfährt ein
tiefer Schrei. Diese Art schmerzerfülltem Schrei, von dem immer in Unterhaltungsliteratur die Rede ist. Ich hatte nie verstanden, wie
sich solch ein Schrei tatsächlich anhört, geschweige denn wie man ihn macht.
Bis zu diesem Moment. Ich weiß, wann meine Mutter zuletzt so sprach: als mein Großvater starb. Meine Mutter redet weiter in diesem leisen,
entschuldigenden Tonfall. Umgekippt, Jacke auf, Hubschrauber, Klinik, zwei
Herztöne, Null Prozent Sauerstoff.

Ich schreie weiter, werfe mich auf’s Bett, schreie meine Schwester an. Sie
versteht mich nicht: „Papa ist tot.” Ich verspreche meiner Mutter, dass wir
sofort nach Hause kommen. „Okay.”, sagt sie. Es klingt wie
„Entschuldigung.”

Einen Tag später in Hofgeismar, meiner Heimatstadt

Die Ehefrau, älteste Tochter und der jüngste Sohn vom Verstorbenen fahren zum Bestattungsunternehmen. Mein Bruder ist mit der Tochter des Inhabers befreundet. Für meine Mutter das Hauptkriterium, das Institut zu beauftragen. Ich prüfte die Bewertungen auf Google – leider gibt es nur einen Mitbewerber in Hofgeismar.

Die Bestatterin und ihre Tochter schütteln die Hand der Witwe, sprechen ihr ihr Beileid aus, sie bedankt sich entschuldigend. Sie umarmen meinen Bruder. Ich schaue mich um. Viel Holz, Pflanzen, Terrakotta-Fliesen – würde die Bestatterin  eine weiße Hose und ein weißes Shirt tragen, würde sie mich jetzt wohl in den Spa-Bereich führen. Stattdessen trägt sie eine violette Strickjacke, Jeans und Nail-Art und wir setzen uns auf eine beige Ledercouch an einen Kacheltisch. Ich breite meine Notizzettel aus. Dutzende hatte ich in den vergangenen 24 Stunden angefertigt. Da standen Fragen drauf wie: „Bekommt mein evangelischer Vater ein katholisches Begräbnis?” und Hinweise wie „Essen!” 

Meine Mutter legt den Personalausweis mit dem Passbild nach oben und die
Geburtsurkunde meines Vaters auf den Tisch, die Bestatterin ein Formblatt und einen Leitzordner, aus dem Klarsichthüllen hervorlugen.

Fragen, die man sich noch nie gestellt hat 

Ich beginne, meine Notizzettel, von denen ich vermute, dass sie die Beerdigung
betreffen, vorzulesen. Die Bestatterin fragt uns, auf welchem Friedhof wir ihn
beerdigen möchten. Ich drehe den Personalausweis um. Meine Mutter weiß manchmal nicht recht, was sie antworten soll, und schaut mich an. Nur bei einer Frage ist sie sich sicher: Sie möchte ein Doppelgrab. Dass sie neben meinem Vater beerdigt werden möchte, ist der eine Grund. Der andere: Sie wird sich, wenn sie tot ist, nicht mehr bei ihren Kindern entschuldigen können, dass sie ein Grab für sie aussuchen müssen. 

Ich blicke in meine Notizen für eine Frage, die ich mir schon drei Stunden nach dem Tod meines Vaters stellte: „Was kostet das Ganze?” Die Bestatterin lacht. Sie lacht immer, wenn ich etwas sage. Ich habe das Gefühl, dass sie lieber reden würde, während wir weinen. Sie beantwortet meine Frage nicht. „Bekommen wir eine schriftliche Aufstellung der Leistungen Ihres Unternehmens?” Sie lacht wieder und erklärt, wir würden zwei Wochen nach der Beerdigung eine Rechnung bekommen. In meinen Notizzetteln steht nichts von Insistieren, also belasse ich es dabei. 

Sie klappt den Leitzordner auf. Wir sollen für die Traueranzeige ein Symbolbild aussuchen. Wir wissen schon, dass wir eine Tanne möchten. Rose, Taube, Engel – lauter Grafiken im Stil von Microsoft Word 2003, keine Tanne. Die Bestatterin verspricht, für eine Tanne die Lokalzeitung zu kontaktieren. Ich gönne ihr keinen weiteren Lacher, daher verkneife ich mir, sie zu fragen, ob sie die Tanne telegrafisch anfordert. Einige Tage später kontaktiere ich entnervt die Lokalzeitung, weil die Bestatterin und ich feststellen, dass wir nicht die gleichen Vorstellungen von effizientem Arbeiten haben und ich die Traueranzeige lieber selbst in Auftrag gebe. 

Wie sucht man einen Sarg aus?

Die Bestatterin führt uns in einen Ausstellungsraum. Aus Lautsprechern erklingt sakrale Musik. Wir schauen uns verstört um. Särge mit Preisschildern dran. Ich weiß, dass meine Mutter nur aufgefordert etwas sagen würde und Angst hat. Angst davor, den falschen Sarg auszusuchen. Ich entscheide, dass es der Sarg „Eiche rustikal” sein soll. Klingt nach meinem Vater. 1029 Euro – mein Boxspringbett hat genauso viel gekostet und zwanzig Jahre Garantie. Wie lange es wohl dauert, bis „Eiche rustikal” von Würmern, Maden und
Käfern zerfressen ist? Jetzt noch die Decke. Die Decke? Achso, der Verstorbene
wird in eine Decke gewickelt. Mir wird schlecht. Alle Decken sind aus weißem
Satin, manche mit weißen Stickereien. Ich zeige auf die schlichteste. Mein
Vater hat Mützen immer über dem Ohr und niemals Handschuhe getragen. Nun soll er in eine Satin-Decke gewickelt werden. Das ist also dieses: „Vor dem Tod
sind alle gleich.” So wie Millionen Lebende in Malm-Betten von Ikea
schlafen, werden Millionen Tote in weiße Satin-Decken gewickelt und in eichene Särge gelegt. 

Noch bis ins vergangene Jahrhundert bestatteten viele Angehörige ihre
Verstorbenen selbst. Doch Waschen und Einkleiden von Toten sind heute Aufgaben, vor denen die meisten, insbesondere wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt, zurückschrecken. Ein Profi nimmt diese Last. Aber: Bestatter werden für die Beratung der Angehörigen bezahlt. Die Trauernden sind überfordert und der Kompetenz der Institute ausgeliefert. Die meisten Bestatter gehören zum Einzelhandel, doch haben große Konzerne das Geschäft mit dem Tod in den letzten Jahren für sich entdeckt. Die Ahorn-AG in Berlin betreibt 250 Filialen. Von  911.000 Toten im Jahr 2016 hat die Aktiengesellschaft 30.000
bestattet. Wir fordern verständlichere Geschäftsbedingungen von Facebook
und Transparenz bei der Produktionsbedingungen unserer Sportschuhe und
hinterfragen Mietverträge. Verbraucherschützer mahnen Telefongesellschaften ab. Aber niemand erklärt Familien nach dem Ableben ihres Angehörigen, was es zu beachten gilt. Das Verbraucherportal Baden Württemberg empfiehlt im Todesfall: „Es ist ratsam, sich Angebote von verschiedenen Bestattungsunternehmen einzuholen und diese zu vergleichen. Dabei ist es empfehlenswert, diese Angebote schriftlich und verbindlich einzuholen.” …  

Acht Tage Zeit bis zur Beerdigung

Das Bestattungsgesetz sieht eine Beisetzungspflicht in einem Zeitfenster von acht Tagen vor – Feiertage inbegriffen. Angehörige, die oftmals unter Schock stehen, sollen unter Zeitdruck Unterlagen einfordern, die wie im Fall unserer Bestattungsunternehmens nicht einmal auf telefonische Nachfrage geliefert werden. 

Mein Vater wurde 64 Jahre alt. Hätte er nicht so gern gelebt, hätte er sich möglicherweise ab dem nahenden Renteneintrittsalter und absehbaren Todeszeitpunkt selbst um seine Beerdigung gekümmert. Er hätte Angebote vergleichen und schriftlich festhalten können, in welchen Sarg er gelegt werden möchte. Mein Vater war ein bodenständiger Mann, doch bei Möbeln legte er Wert auf Qualität. „Gartenmöbel nur von Garpa!”, pflegte er zu sagen. Unvergessen auch unsere Diskussion über einen kostspieligen Seifenhalter von Manufactum: „Seifenhalter nur von Manufactum!” Von welcher Marke man Särge kaufen sollte, hat er nicht gesagt. Vielleicht hat er es selbst nicht gewusst, aber zumindest hätte er wissen wollen, ob „Eiche rustikal” nicht in Wirklichkeit aus dunkelbraun bemaltem Sperrholz besteht. 

Bestattungen sind eine eigene Industrie

An Beerdigungen verdienen Bestatter, Floristen, Friedhofsverwalter und Schreiner. Das ist ihr gutes Recht, doch sollten Angehörige wissen, welche Leistungen sie erwerben. Tod und Geld liegen nah beieinander, doch erst bei Erbschaften dürfen sie moralisch unverfänglich in einem Satz genannt werden. Ich habe nichts gegen die Monetarisierung des Todes, da jeder Lebensbereich davon betroffen ist. Doch wenn schon Kommerz, dann ohne falsches Anstandsgebahren. Angehörige müssen wissen, was welche Leistung des Bestatters kostet. Zeitdruck und Schockzustand der Angehörigen erfordern unmittelbare und unkomplizierte, mündliche und schriftliche Aufklärung seitens des Bestatters.

Paare, die in Las Vegas heiraten, müssen sich dem Vorurteil stellen, dass ihre Hochzeit unpersönliche Massenware sei. Und doch haben sie im Gegensatz zu Angehörigen, die ihre Toten beerdigen, die Wahl: Sie haben die Wahl und sie wird Ihnen so einfach wie möglich gemacht. Für jeden Typ gibt es das passende Paket: die Romantiker, die Abenteurer, die Sparfüchse, die Diven. Jedes Paket umfasst eine genaue Aufstellung der Kosten – sofort. Niemand lacht, wenn sie fragen, was der Blumenstrauß kostet, obwohl es sich um einen der emotionalsten Momente in ihrem Leben handelt. 

Ich hätte gerne bei der Beerdigung meines Vaters die Wahl gehabt: Die persönliche Gestaltung der Beerdigung unter Beratung des Bestatters, der mich – professionell – über alle Schritte informiert oder Massenware, in Form von Gesamtpaketen, die in einem Katalog mit hinzubuchbaren Extras übersichtlich aufgelistet sind.

Angehörige brauchen eine bessere Beratung 

Nach der Beerdigung meines Vaters und meinem wachsendem Ärger über den
mangelhaften Service des Bestattungsunternehmens fand ich heraus: Tatsächlich gibt es solche Angebote schon. Discountbestatter tun sich mit Vergleichsportalen zusammen und locken ihre Kunden mit Rabatten. Die Deutschen achten zunehmend auf den Preis einer Beerdigung. Das deckt sich zum einen mit der steigenden Zahl derer, die ein Urnenbegräbnis vorziehen und zum anderen mit der sinkenden Zahl derer, die ihre Verstorbenen auf dem Friedhof besuchen und ein Grab pflegen möchten: Weniger als die Hälfte der Deutschen geht mehr als einmal pro Jahr auf den Friedhof. 

Ich glaube nicht, dass ich öfter gehen werde. Ich lebe in Berlin und sehe nicht, warum ich das Grab meines Vaters monatlich besuchen sollte. Ich habe ihn auch zu Lebzeiten immer seltener gesehen. Meine Mutter lebt 600 Meter entfernt. Sie wird das Grab pflegen und Zwiesprache mit meinem Vater halten. Das tut ihr gut, der Friedhofsverwaltung und dem Gärtner noch besser. Für eine Nutzungsdauer und Grabpflege von 20 Jahren kommen schnell 3.000 Euro zusammen. Diese Informationen habe ich nach der Beerdigung recherchiert – von dem kleinen Bestattungsunternehmen gab es diese Informationen nicht. 

Ich habe meinen Vater gegoogelt. Der dritte Eintrag: Seine Todesanzeige. Wie
schön, dass das Internet nicht vergisst. Ich wäre trotzdem gerne darüber informiert worden, dass die Todesanzeige im Printteil auch online auf einer Trauer-Landingpage veröffentlicht wird. Ich bin mir nicht sicher, ob unser Bestattungsunternehmen selbst darüber Bescheid weiß. Ich weiß, dass ich nichts wusste.

Auch der Tod ist ein Geschäft 

Natürlich bleiben wir durch gesellschaftliche Tabus von grotesken Beerdigungen verschont: Wäre von einem Markt für Tote öffentlich die Rede, gäbe es aktuelle
Urnen-Trends, Särge aus alten Serverwänden mit WLAN-Anschluss und Cloud-Zugang für Techies, und Mumifizierungen erlebten ein Revival. Aber Pietät darf den Blick auf das Verhältnis zwischen Bestatter und Angehörigen nicht trüben: Auftraggeber und Dienstleister gehen ein Geschäftsverhältnis ein. Gerade in kleinen Bestattungsunternehmen ist Handschlagmentalität üblich. Ich finde, für vier- bis fünfstellige Beträge ist ein schriftlicher Vertrag angemessen. Dass Angehörige sich in einem psychischen Ausnahmezustand befinden, macht Transparenz unabdingbar.

Meine Mutter hat vorgeschlagen, in der Zeitungsanzeige mit der Danksagung auch den Bestatter zu nennen. Ich wehrte mich dagegen. Ich applaudiere in der Regel nicht dem Piloten, weil ich dann auch der Ingenieurin, dem Steward, den Fluglotsen und dem Gepäckträger danken müsste. Ich zahle dafür, dass jemand seine Arbeit macht. Bezahlung schließt Wertschätzung nicht aus. Ich respektiere Bestatter – insbesondere dafür, dass sie dem Toten ein ehrbares Äußeres geben und so den Angehörigen einen liebevollen Abschied ermöglichen. Aber wie Liebende sind Trauernde Kunden. Des einen Tod ist des anderen Lebensunterhalt. 

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