Foto: Anatol Kotte

Familien: Das Hamsterrad als Dauerzustand

Zwei Journalisten gehen in ihrem Buch der Frage nach, warum auch sie als Väter Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.

 

Väter und Mütter: ständig erschöpft, ständig müde

Heute ist es für die meisten Familien mit Kindern Alltag, alles unter einen Hut kriegen zu müssen: Liebevolle Eltern sein, zwei Gehälter nach Hause schaffen; den Alltag zwischen Aufstehen, Frühstückmachen, Rumgezeter, zur Kita oder zur Schule hetzen, zum Büro hetzen, wieder zur Kita oder zu Schule hetzen, Einkaufen, Essen kochen, Hausaufgaben und Haushalt machen irgendwie so zu managen, dass alle einigermaßen glücklich sind. Klappt ja dann auch immer irgendwie. Meistens. Außer, wenn das Kind wegen Bronchitis zwei Wochen lang nicht in die Kita oder in die Schule gehen kann. Oder man zufällig mal selber krank werden sollte. Sowas sollte besser nicht passieren. 

Marc Brost und Heinrich Wefing sind Journalisten bei der „Zeit“ und merkten ständig: Nein, es klappt nicht. Zumindest nicht so, dass es sich für alle Beteiligten einigermaßen richtig anfühlt. Väter und Mütter sind ständig müde und erschöpft und haben trotzdem das Gefühl, einer ewigen To-Do-Liste hinterherzurennen, die immer länger und länger wird. Die beiden haben ein Buch geschrieben, das diesen ewigen Spagat von Familien beschreibt. Das Buch, wie es im Vorwort heißt, spricht von den Sorgen und Nöten der ersten Generation, die Gleichberechtigung zu leben versucht. 

Auf EDITION F bringen wir einen Auszug aus Kapitel 6: „Hypertasking“:

„Neben unseren Betten stapeln sich Handbücher über die perfekte Work-Life-Balance. Aber wir haben gar nicht die Ruhe, sie wirklich zu lesen. Wir überfliegen sie nur, scannen sie, suchen nach Stichpunkten, an denen wir uns festhalten können. Wir haben uns sogar ein Buch über „Zeitwohlstand“ gekauft. Die Verfasser haben sich wirklich Mühe gegeben, ihr Werk ganz innovativ zu gestalten – mit Tipps fürs schnelle Lesen, einer Anleitung fürs langsame Lesen und vielen Piktogrammen, die uns durch die Seiten führen sollen. Doch wir haben keinen Nerv für Piktogramme und Anleitungen, wir suchen die verdammte Quintessenz – wo steht die denn bloß, wo? Nur: So sehr wir uns auch anstrengen, wir erleben jeden Tag, dass man nicht alles mit allem verbinden kann. Dass zum Wesen mancher Beschäftigung eben auch ihre Unteilbarkeit gehört.

In einem schönen, melancholischen Essay in der „Literarischen Welt“ hat die Schriftstellerin Julia Franck vor einer Weile notiert, dass Schreiben und Kinder im Grunde unvereinbar seien: „Wenn ich schreibe, kann ich nicht mit meinen Kindern sein, und wenn ich mit meinen Kindern bin, kann ich nicht schreiben. Dieser Zwiespalt erzeugt eine enorm hohe Spannung, weil ich in beidem voller Hingabe lebe, beides ist Hingabe und Liebe.“ Und sie resümiert: „Man erlebt das Leben als ständiges Scheitern.“

Wir sind keine Schriftsteller, nur Journalisten. Aber diese Spannung, die kennen wir auch. Und das Gefühl des Scheiterns. Alle kennen das, Väter wie Mütter. Das Gefühl, nichts richtig zu machen, gehört zu unserem Alltag wie der Eisberg zur Titanic. Also fangen wir an, unser Leben wie ein börsennotiertes Unternehmen zu organisieren. Nicht Ausgeglichenheit, Lebensfreude, Glück sind die Ziele, sondern: höchste Effizienz, optimierte Prozesse, maximale Nutzung der Ressourcen.

Outsourcing: Verräterischer Begriff

Erster Schritt: Wir versuchen, die Belastungen zu minimieren. Wir bringen die Hemden in die Reinigung, engagieren eine Putzhilfe, ab und zu einen Babysitter. Outsourcing nennen wir das, Outsourcing von lästiger Arbeit im Haushalt. Schon der Begriff ist verräterisch, klassische Management-Sprache. Management für Familien. Das muss man sich finanziell überhaupt leisten können. Und das Wichtigste lässt sich ohnehin nicht delegieren: Zuwendung für die Kinder. Sicher, wir können dafür sorgen, dass sich ein Au-pair-Mädchen oder die Babysitterin um unsere Kinder kümmert, sie morgens in die Schule und abends ins Bett bringt. Wir können dafür bezahlen, dass sie ein warmes Mittagessen bekommen, dass man ihnen vorliest und mit ihnen spielt. Aber unsere Liebe können wir nicht an andere delegieren – und das wollen wir auch nicht.

Und Zeit sparen wir durch das ganze Outsourcen auch nicht wirklich. Ironie des Kapitalismus: Während wir uns an ein bisschen Outsourcing versuchen, kommt die Arbeit hinterrücks zu uns zurück. Denn auch die Unternehmen, die Dienstleister, die Banken und Verwaltungen sourcen out. Am liebsten zu uns, den Kunden. Das klassische Beispiel ist das Finanzamt. Früher konnte man dem Finanzbeamten bei der Einkommensteuererklärung einfach den Schuhkarton mit den gesammelten Rechnungen und Belegen rüberschieben, der Mann rechnete dann für uns. Heute klingt das unvorstellbar. Nun muss man ein mehrseitiges Formular ausfüllen und alle Belege selbst sortieren, alle Posten selbst verrechnen.

Wann erledigen wir das? In der Freizeit. Oder in dem, was Freizeit heißt. Und so ist es immer häufiger. Wir lesen den Wasserzähler selber ab, wir drucken unsere Kontoauszüge zu Hause aus. Die Unternehmen sparen Personalkosten, weil wir die Arbeit erledigen, nicht mehr irgendein Angestellter.

Capitalism kills time

Also beginnen wir, zweiter Schritt, Abstriche zu machen. Wir verkürzen unsere Pausen. Wir schlafen weniger, obwohl das verdammt schwerfällt, so fertig, wie wir immer sind. Aber alle tun das: Die durchschnittliche Schlafdauer hat vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre um zwei Stunden abgenommen und seitdem noch einmal um 30 Minuten. In den Forschungslaboren der US-Armee, schreibt der Essayist Jonathan Crary in seinem Buch „24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus“, arbeiten Forscher seit langem an „Techniken zur Schlafüberwindung, unter anderem durch Neurotransmitter, Gentherapie oder transkranielle Magnetstimulation“. Kurzfristig gehe es dabei um die Entwicklung von Methoden, um Soldaten mindestens sieben Tage lang wach und voll einsatzfähig zu halten. Aber dabei werde es nicht bleiben: „Der schlaflose Soldat könnte der Vorläufer des schlaflosen Arbeiters oder Verbrauchers sein. Anti-Schlaf-Pillen, aggressiv vermarktet von Pharmaunternehmen, könnten zunächst zu einer Lifestyle-Option und schließlich für viele zu einer Notwendigkeit werden.“ Und solange es diese Pillen noch nicht gibt, trainieren wir uns das Schlafen selber ab.

Überflüssiges aus dem Leben streichen

Weil das aber immer noch nicht reicht, fangen wir an, dritter Schritt: Überflüssiges aus unserem Leben zu streichen. Oder das, was uns auf den ersten Blick überflüssig erscheint. Ärzte, Therapeuten und Soziologen können ziemlich genau beschreiben, nach welchen Mustern sich die Arbeit immer tiefer ins Leben hineinfrisst. Und was dabei auf der Strecke bleibt: Erst werden die Hobbys aufgegeben, das Rumbasteln an alten Radios, das Malen, das Fahrradfahren. Wir gehen nicht mehr raus, wissen nicht mehr, was gerade im Kino läuft, verpassen all die tollen Konzerte. Dann werden die Freunde vernachlässigt. Früher waren wir immer stolz darauf, einen besten Freund zu haben oder eine beste Freundin. Jemanden, der uns sehr lange kennt. Für den wir immer da sein wollten. Mehr als zwanzig Jahre kennen wir uns schon, er hat uns zum Paten seiner Tochter gemacht, er weiß fast alles von uns. Besser gesagt: Er wusste alles. Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir schon sehr lange nicht mehr in Ruhe miteinander geredet.

Und es ist ja nicht nur der eine beste Freund. Es sind all unsere Freunde, die wir vernachlässigen. Einer unserer Interviewpartner für dieses Buch sagte: „Wenn meine Frau nicht ab und zu Gäste einladen würde, wäre ich längst ein sozialer Autist.“ So wird die Welt immer enger, der Horizont schrumpft, dreht sich nur noch um den Kampf gegen die Uhr. Irgendwann entfällt der Sport, erst gelegentlich, dann häufiger, schließlich ganz. Was bleibt, ist ein schlechtes Gewissen. Und gute Vorsätze: Ich sollte mal wieder laufen gehen. Täte mir gut. Ganze Industriezweige leben von diesen Ambitionen. Dann werden neue Laufschuhe gekauft oder Crosstrainer im Internet bestellt, die nach ein paar Wochen zuverlässig einstauben. Die Kraft reicht nicht, die Selbstdisziplin bröckelt. Es ist so viel anderes zu tun.“

Aus: „Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können“, Rowohlt, 27. März 2015,  240 Seiten, Hardcover 16,95 Euro.

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