Foto: Germany's Next Topmodel | ProSieben I Instagram

Germany’s Next Topmodel: Heidis zum Erbrechen schöne Welt

Germany’s Next Topmodel steht immer wieder in der Kritik. Nervt die Sendung nur, oder geht es um echte Probleme?

 

Frauen am Rande der Nichtigkeit

Wir betreiben Frauenpolitik, kämpfen für Gleichberechtigung und mehr Diversität auf allen Ebenen sowie dafür, dass der weibliche Körper bitte nicht mehr als Projektionsfläche für allerlei Fantasien herhält.

Aber wenn Sendungen wie Germanys Next Topmodel (GNTM) beim Durchzappen aufpoppen, dann bleiben wir trotzdem hängen. Weil lustig, weil Drama und prima zum Aufregen – außerdem lässt es sich nebenher so schön empört twittern.

Alles Entertainment

Ist ja auch in Ordnung. Und doch sollten wir immer mal wieder hinterfragen, was wir da eigentlich konsumieren. Das nicht unbedingt, weil wir als Erwachsene nicht in der Lage wären, das Gezeigte zu abstrahieren, sondern weil die adressierte Zielgruppe das nicht schafft.

Denn das sind junge Mädchen, die gerade sich und ihren Körper entdecken, für die kleine Brüste oder eine große Nase zu einem essentiellen Problem werden. Weil das Äußere ein wichtiger Teil der eigenen Identität wird und es schwierig ist, in dem Alter mit allen Konsequenzen für sich einzustehen – und das vor allem mit Körpermerkmalen, die unpopulär scheinen. Denn alles andere kann man bei Bedarf ganz gut verbergen. Wie furchtbar fühlt es sich also an, wenn man nicht nur vor der Klassengemeinschaft, sondern vor einem scheinbar von aller Welt akzeptierten Idealbild bestehen muss? Manche schaffen diesen gedanklichen Sprung ja nicht mal als erwachsene Frau. Denn auch wenn wir so aufgeklärt und selbstbewusst sind – die Unsicherheit, nicht zu genügen, steckt in vielen von uns tief.

Hungern a lá Heidi?

Heidi Klums Sendung steht seit Beginn immer wieder scharf in der Kritik. Aktuell ist es abermals der Zusammenhang von Magerwahn und der Sendung, der jetzt von einer Studie belegt wurde. Eine Überraschung? Wohl eher nicht. Da hilft es auch nicht, wenn Heidi nun gerne mal Mädchen nach Hause schickt, die sie dann doch etwas zu dünn findet. Denn natürlich geht es bei GNTM um nichts anderes als die Maße und das Gewicht. Und wer noch nicht unter „ideal“ läuft, der wird eben während der Sendung optimiert. Aber dagegen sollte man sich nicht wehren, denn ein eigener Kopf ist ganz schön sperrig und das mögen die Leute nicht. Ja, ist klar.

Es geht hier eben um die Modebranche, ein gesunder Körper oder ein starke Persönlichkeit sind da keine Prioritäten. Möchte man meinen – oder? Ein absurdes Argument, denn die reale Modebranche lebt gerade von jenen Figuren, die aus der Menge heraustechen. Was ist mit der kleinen Kate Moss, Cara Delevigne, die mit ihrer rotzig-burschikosen Art zum Idol wurde,  der meinungsstarken, korpulenten Suzy Menkes als eine der wichtigsten Kritikerinnen oder John Galliano, der mit Eigenwilligkeit seine Geschäfte macht? In der Model-Massenproduktion von GNTM wird all das ausgeblendet.

Anpassung, Ausflösung, prima!

Aber nicht nur, dass wir bereit sind, junge Mädchen dabei zu beobachten, wie sie eine Sendung am Laufen halten, die Frauen zu Kleiderständern degradiert, wir lassen mit unserem halb-ironischen Konsum auch zu, dass ein Frauenbild über die Bildschirme flackert, von dem wir uns doch seit den 60er Jahren verabschieden wollten. Hier werden Frauen herangezüchtet, deren Hauptaufgabe es ist, zu funktionieren.  Welche Botschaft gibt man Mädchen damit weiter? Dass maximale Anpassung ein Vorteil ist, ein lieblicher Charakterzug? Was werden diese Heranwachsenden einmal im Vorstellungsgespräch sagen, wenn es um ihre Stärken geht? Ich bin leicht formbar und beschwere mich nicht? Es ist absurd.

Etwas, das aktuell auch Caroline Kebekus aufregt. Die für direkte Worte bekannte Comedian hat sich im „Stern“ zu Wort gemeldet und ihre Meinung zu dem von Heidi Klum als Gallionsfigur der GNTM-Maschinerie propagierten Selbstoptimierungswahn kundgetan. Sie fragt sich, wie es sein kann, dass jemand so viel Raum bekommt, um zu erklären, dass wir Frauen niedlich und einfach sein sollen, um im Leben weiterzukommen? Dass der Körper das Kapital, die eigene Meinung aber nur nervendes Beiwerk einer Frau ist? Und warum wir Klum bei ihrem unerträglichen Getue zusehen sollten, dass sie selbst als perfekte Frau zeigt: Makelloser Körper, Familie, Karriere – alles easy! Das fragen wir uns allerdings auch. Und Döner liebt sie auch! Klar, jede Frau kann das. Und vor allem soll das – was den meisten fehlt, ist doch nur etwas Selbstdisziplin. Was da für ein Bollwerk an Unterstützern – Kindermädchen, Assistenten, Personal Trainer, Stylisten – dahinterstehen mag, um dieses Zerrrbild einer erfolgreichen Mutter darstellen zu können, man mag es sich nicht ausmalen. Erfahren werden wir davon sowieso nie. Die nächsten Mädchen sollen von Übermodelmama-Klum doch schließlich auch noch angespornt werden, die Schönste im Land zu werden.

Hier hinkt es doch mit jedem Schritt. Aber hey, alles nur harmloses Entertainment. Oder?

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