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In einer Beziehung vergisst man oft den anderen wertzuschätzen – so kannst du das ändern

In der Partnerschaft oder innerhalb der Familie vergessen wir oft irgendwann, den anderen ausreichend Wertschätzung entgegenzubringen. Der Mentalcoach Dirk-Oliver Lange gibt Tipps, wie uns das wieder gelingen kann.

Liebe wird selbstverständlich

Es gibt mit Sicherheit keinen besseren Raum für Wertschätzung und Anerkennung als in der Partnerschaft und Familie. Warum? Weil es Menschen sind, für die wir etwas empfinden und bei denen die Hemmschwelle daher geringer ist als gegenüber fremden Personen. Und doch gerade hier, in der Partnerschaft, fällt es vielen so unendlich schwer. Aus eigener Unzufriedenheit wird da das „Haar in der Suppe“ gesucht – auch wenn der Koch eine Glatze hat. Daher ist es der erste Schritt für Wertschätzung, Dankbarkeit zu entwickeln für das, was ich bereits habe. Besonders eine Partnerschaft nicht als selbstverständlich zu empfinden und sein Verhalten zu hinterfragen, wenn ich, so wie Steffen Kirchner es treffen formulierte, denke: „Warum soll ich dem Bus hinterher laufen, in dem ich bereits drin sitze?”

Wenn auch du in deiner Beziehung zu hören bekommst: „Du nimmst mich nicht wahr. Du weißt gar nicht, was ich Tag für Tag alles für euch tue. Immer mäkelst Du nur an mir rum. Man kann dir nichts recht machen.“, dann solltest du aufhorchen und diesem Ruf nach Wertschätzung auf den Grund gehen. Bei welcher Gelegenheit hast du etwas vielleicht nicht wahrgenommen und nicht genug gewürdigt?

Die folgenden Tipps zur Frage: „Wie kann ich meinem Partner gegenüber Wertschätzung entgegen bringen?“ verblüffen meine Klienten immer wieder.

1. Augenkontakt

Blickkontakt ist ein elementarer Bestandteil des gesprochenen Wortes. Hierdurch kann ich bereits nach wenigen Sekunden erkennen, ob mein Gegenüber aufrichtig und an diesem Gespräch mit mir interessiert ist. Ist er unaufrichtig oder leidet unter einem verminderten Selbstwertgefühl, wird er dem Blick ausweichen und woandershin sehen. Blickkontakt strahlt Kompetenz, Vertrauen und Aufmerksamkeit aus. Viel zu oft habe ich erlebt, dass mir auf einer Messe mein Gesprächspartner beim Reden permanent über die Schulter schaut, statt sich auf unser Gespräch zu fokussieren. Erst wenn ich ihn davon in Kenntnis setzte, hatte ich zwar seine Aufmerksamkeit, der erste persönliche Eindruck war jedoch nicht mehr veränderbar.

Blickkontakt in der Partnerschaft bedeutet auch: Schau mich an und sei interessiert an mir. Nimm dir gemeinsam mit deinem Partner oder deiner Partnerin die Zeit, euch drei Minuten lang anzusehen, ohne zu sprechen. Dann notiert jeder fünf Eigenschaften oder Äußerlichkeiten, die einem besonders gut an dem anderen gefallen. Ich verspreche dir bereits jetzt einen besonders innigen Moment mit deinem Partner.

2. Miteinander reden

Die meisten Missverständnisse in Beziehungen entstehen nicht, weil nicht miteinander geredet wird, sondern weil aneinander vorbei geredet wird. Viel zu oft wird vorausgesetzt, dass der Inhalt einer Aussage auch genau so vom anderen verstanden wird.

Wir wissen nicht, was der Partner denkt und fühlt. Wir interpretieren sein Verhalten und sind dann wegen unserer eigenen Gedanken beleidigt. Das hängt von vielen Faktoren ab, besonders mit den eigenen Wünschen und Ansprüchen an den anderen. „Ich wünsche mir, dass du aufmerksamer bist und dies oder jenes tust“. Wenn der andere nun sofort in falschen Aktionismus verfällt, hat man das Gefühl, dass die Worte ins Leere gelaufen sind. Kommunikation ist eine der schönsten Arten der Verständigung, zugleich aber auch eine der schwierigsten. Dem liegt zugrunde, dass wir nur hören, was wir hören wollen. Besonders wenn unser Leben mehr getrieben als ausgeglichen ist.

„Je länger du mit der falschen Person zusammen bist, desto wahrscheinlicher ist es, dass du die Chance verpasst, den Richtigen zu treffen.” (Konfuzius)

Worte haben eine ungeheure Kraft. Können Positives und Verletzendes bewirken: Liebe und Verständnis oder Hass und Wut. Miteinander zu reden sagt etwas über die Nähe zum anderen aus. Ist es dir auch schon mal aufgefallen, dass Paare, die schon einige Zeit liiert sind, sich nichts mehr zu sagen haben? Da sitzt man im Urlaub in einer kleinen Taverne, umgeben von einem wundervollen Ambiente und in Vorfreude auf einen Gaumenschmaus, und zwei Menschen schweigen sich an. Wenn du diesen Zustand in deiner Beziehung bemerkst, zieh die Notbremse. Lernt wieder miteinander zu reden, sucht nach Gemeinsamkeiten und nehmt nicht einfach hin, dass es halt so sei. Denn es ist eure Lebenszeit und ihr habt nur das eine Leben!

3. Zuhören

Miteinander zu reden bedeutet auch zuzuhören. Lass deinen Partner ausreden. Zeige ihm dadurch Respekt und fahre ihm nicht über den Mund. Viele Zwistigkeiten in der Partnerschaft erledigen sich, wenn du deinem Partner aufmerksam und aufrichtig zuhörst. Ermuntere deinen Partner, über seine Wünsche, seine Ziele, seine Ängste und Sorgen zu sprechen. Zuhören bedeutet Sicherheit und Nähe zu schaffen. In meiner Funktion als Mentalcoach liegt das Verhältnis bei 80 Prozent Zuhören und 20 Prozent Sprechen. Schaffe Raum, um zuzuhören. Besonders gut eignet sich dazu gemeinsames Kochen. In diesem Moment, in dem du diesen Artikel liest, hörst du mir zu. Und wünscht du dir nicht auch, über deinen Partner sagen zu können: Ich kann mit ihm oder ihr über alles reden?

4. Stille/Schweigen

Ja, du liest richtig. Stille oder besser Schweigen hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Wer in der Lage ist, im richtigen Moment zu schweigen, der spricht durch das Gefühl. Wenn du einem Menschen innig verbunden bist, dann musst du diesen nicht ununterbrochen unterhalten. Wenn ihr zusammen am Strand in den Sonnenuntergang schaut, dann ist das einer dieser Momente, wo du dem anderen durch Stille mehr geben kannst, als es 1.000 Worte jemals tun könnten. Das richtige Gleichgewicht zwischen Reden, Zuhören und Stille zu finden, macht eine glückliche Beziehung aus.

5. Sich Zeit nehmen

Sich für den Partner Zeit zu nehmen sagt aus: Du bist mir wichtig. Wer seinen Beruf ständig vorschiebt, statt gemeinsam mit dem Partner Zeit zu verbringen, der darf sich nicht wundern, wenn dieser neue eigene Wege geht. Die Zweisamkeit bleibt auf lange Sicht dabei auf der Strecke, bis der Satz fällt: „Wir haben uns auseinander gelebt.” Wenn ich mir für meinen Partner Zeit nehme, bedeutet das, ihm eine hohe Priorität einzuräumen und ihn wertzuschätzen. Zeit ist das höchste Gut in unserem Leben und dadurch eine besonders gehaltvolle Wertschätzung in einer Beziehung.

6. Mitdenken

„Ich bin so verliebt in meinen Schatz, ich kann einen Satz beginnen und er oder sie beendet ihn. Das ist so ein schönes Gefühl.” Hast du so etwas schon mal gehört oder selbst erlebt? Ein Partner, der mitdenkt, schafft so viel Freude und Glücksgefühle in einer Beziehung und sorgt damit für ein gesundes Fundament. Es sind banale Dinge, die nicht erwähnenswert sein sollten, aber leider sieht die Realität in vielen Beziehungen anders aus. Sei es der Wunsch, den Toilettendeckel aus hygienischen Gründen nach unten zu klappen, den Müll selbstständig zur Mülltonne zu bringen, die Wohnung zu reinigen, einzukaufen oder was auch immer in einer Beziehung für ein „wir“ steht.

Vielleicht hat dein Partner nur in einem Nebensatz einen Wunsch geäußert, den du am nächsten oder übernächsten Tag einfach erfüllst. Wichtig dabei ist, lass den anderen das „Mitgedachte” selbst entdecken und brüste dich nicht wie ein Steinzeitmensch, der sich auf die Brust trommelt und brüllt: „Ich habe Feuer gemacht“. Denn dann ist die Freude bei dem anderen hin, weil er das Gefühl hat, dich loben zu müssen, um dich zu bestätigen. Dann doch lieber auf dem Sofa sitzen und spüren, wie der andere einen von hinten umarmt und sagt: „Danke Schatz, darüber freue ich mich sehr“.

7. Aufmerksamkeiten / Überraschungen

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft und auch die Beziehung. Dabei kommt es nicht auf den Wert des Geschenkes an, sondern auf die Geste und den Überraschungseffekt. Einige Unternehmen nutzen diesen Effekt, indem sie ihren Kunden eine Überraschungsbox schicken, wo der Kunde nicht genau weiß, was sie beinhaltet. Und genau aus diesem Grund bestellen die Kunden. Ich bin beruflich viel unterwegs und es macht mir Spaß, wenn ich vor meinem Heimflug am Flughafen durch die Shops schlendere und meiner Partnerin eine kleine Aufmerksamkeit mitbringe. Nicht weil ich muss, sondern weil ich möchte und weil es mir Freude bereitet. Denn auch Freude bedeutet Wertschätzung.

8. Freude

Wenn wir die Wahl haben, einen Menschen an unserer Seite zu spüren, der mürrisch, genervt und schlecht gelaunt gemeinsame Momente torpediert oder einen, der durch Freude die schöne gemeinsame Zeit zu etwas Besonderem macht, wie würdest du dich entscheiden? „Ja aber, dass ist im Alltag nunmal nicht möglich.” FALSCH! Du versteckst dich hinter diesem negativen Gedanken. Jeder der in seinem Leben bereits einen wichtigen Menschen verloren hat, weiß, wie wertvoll gemeinsame Freude ist, besonders in einer Beziehung. Die Last, zuvor im Streit auseinander gegangen zu sein, wird dich dein Leben lang verfolgen. Freude ist wie ein Magnet in einer Beziehung. Ein Mensch, der Freude ausstrahlt, zieht uns förmlich an.

9. Lächeln/Lachen

Drücke deine Freude durch dein Lächeln und Lachen aus. Gerade in einer angespannten Situation schafft ein ehrliches Lächeln Erleichterung. Wenn sich einer von beiden gerade überfordert fühlt, dann ist es ein Lächeln mit den Worten: „Wir schaffen das“, mit dem du dem anderen Stärke und Halt geben kannst. Zugleich bringst du dem anderen Wertschätzung entgegen.

10. Eigenverantwortung

Wer Kinder hat weiß, dass nicht jeder Tag Eitel Sonnenschein ist. Dem anderen Raum zu schaffen, indem man für die kleinen Monster eine Zeit allein den Dompteur spielt und somit Zeit zum Durchatmen schafft. Aufgaben abzunehmen und für ihn da zu sein, statt ihm vorzuwerfen, dass etwas noch nicht erledigt wurde. Zeig nicht mit dem Finger auf den Partner. Beginne bei dir selbst: Was kannst du besser machen? Wie kannst du etwas ändern und den Partner inspirieren? Fehlende Eigenverantwortung ist einer der Hauptgründe, warum Partner sich trennen.

11. Berührung/Nähe

Eine besonders intensive und innige Art der Wertschätzung ist die körperliche Berührung. Damit ist jetzt nicht nur der Sex gemeint, sondern vielmehr die kleinen Berührungen im Alltag: das Streichen über den Rücken, das Streicheln der Hand oder eine herzliche Umarmung. Etwas, das in vielen Beziehungen vergessen wird. Wie alle Lebewesen brauchen wir Menschen diese Nähe und Verbundenheit durch Berührungen. Mit allem, was da in unserem Körper passiert, wenn wir uns wohlfühlen.

12. Motivieren

Der Begriff Motivation kommt vom lateinischen Wort „movere“ und bedeutet bewegen. Motiviere deinen Partner. Bewege deinen Partner. Mach ihm Mut für die Aufgaben des Lebens, die er zu meistern hat. Sei der Fels in der Brandung. Also genau das Gegenteil von unnahbar oder dem bekannten Fähnchen im Wind. Komm in Bewegung, um gemeinsam Dinge zu erleben, Ängsten durch Gemeinsamkeit entgegenzuwirken. Zum Thema Motivation gibt es unzählige Quellen. Wie motiviert bist du in deiner Beziehung?

10. Steh zu deinen Schwächen

Steh zu deinen Schwächen und gib deinem Partner die Möglichkeit, für dich da zu sein. Diese hohe Form der Anerkennung beherrschen nur wenige Paare und doch ist es die, die eine hohe Verbundenheit erzielt.

Nun bist du dran: Finde mindestens fünf weitere Arten, wie du deinem Partner Wertschätzung entgegenbringen kannst. Denk ganz einfach wie ein Kind und beschäftige dich wirklich mit dieser Aufgabe.

11. Wertschätzung in der Familie

Wie ist es möglich, Wertschätzung in der Familie zu zeigen? Ich weiß, dass viele Familien zerstritten sind, obwohl sie sich eigentlich etwas ganz anderes wünschen: Harmonie und füreinander da zu sein.  Sollte es in der Tat unüberbrückbare Differenzen geben, nachdem du dein eigenes Verhalten überprüft hast, triff eine Entscheidung: Die Entscheidung, im Ernstfall für diese Familienmitglieder da zu sein, ansonsten den Kontakt allerdings zu reduzieren. Wenn du jedoch bemerken solltest, dass du unter der Situation leidest, dann ist dies ein klarer Impuls zu handeln, selbst den ersten Schritt zu gehen und die Zwistigkeiten zu beseitigen. Es ist immer noch deine Familie. Steig von deinem hohen Ross aus Neid und Missgunst. Es lohnt sich! Vielleicht meldest du dich ja in den nächsten Tagen mal wieder bei deiner Familie oder einem Menschen, bei dem du dich schon so lange gemeldet haben wolltest.

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