Foto: Florian Seidel

„Männer reden nicht über Sex und Gefühle – dadurch entsteht ein unglaublicher emotionaler Überdruck“

Christian Seidel ist Schrifsteller und beschäftigt sich in seinen Büchern mit traditionellen Geschlechterrollen sowie damit, wie diese offener werden können. Im Januar 2018 veröffentlichte er sein Buch „Ich komme – Was Mann beim Sex fühlt. Eine Grenzüberschreitung“. Wir haben uns mit ihm zum Interview getroffen.

Die männliche Sexualität

Jahrhundertelang galten in unserer Gesellschaft strikt getrennte Geschlechterrollen, die die Frau zum „schwachen“ Geschlecht erklärten und Männern nahezu jegliche Emotionalität absprachen – und das wirkt bis heute nach. Das individuelle emotionale Gefüge des Einzelnen wird bei dieser Kategorisierung  allerdings außer Acht gelassen. Auch beim Thema Sexualität werden Menschen zu häufig noch in nicht hinterfragte Rollenmuster hineingedrängt.

Die Diskussionen, die im Laufe der letzten Monate in Anlehnung an die Metoo- Debatte entstanden sind, haben auch gezeigt, dass um das Thema Sexualität in unserer Gesellschaft noch viel Unwissen und vor allem Schweigen herrscht.  Der Autor Christian Seidel hat sich vorgenommen das zu ändern. In seinem Buch „Ich komme: Was Mann beim Sex fühlt – Eine Grenzüberschreitung“ schreibt er sehr offen über die eigenen Erfahrungen mit seiner Sexualität. Er schreibt von den Anfängen, den ersten sexuellen Empfindung bis hin zur körperlichen Liebe in der Ehe und versucht dabei den Tiefen der männlichen Sexualität auf den Grund zu gehen. In schnörkeloser Sprache und mit viel Gefühl, erklärt Christian Seidel, was der Mann beim Sex empfindet und warum das Schweigen, dass unter Männern zu dem Thema herrscht ihnen allen schadet.

Es war für mich zu Beginn eher ungewöhnlich, von einem Mann so detaillierte und intime Beschreibungen zum Thema Gefühle und Sex zu bekommen. Wieso fällt es manchen Männern so schwer über Sex zu sprechen, auch miteinander?

„Weil das nicht männlich ist. Die männliche Geschlechterrolle, die ja über Jahrhunderte verfestigt wurde, verbietet das und grenzt Weiblichkeit aus. Alles, was als vermeintlich weich, schwach, weiblich gilt, wird nicht angenommen und auch nicht so leicht gelebt und deswegen reden Männer auch nicht über Sex oder Gefühle. Dadurch entsteht ein unglaublicher emotionaler Überdruck. Sex ist für sie etwas, was wie ganz selbstverständlich immer super sein muss und immer passt. Deswegen gibts ja das geflügelte Wort unter Männern: ‚passt schon‘.“

„Zur männlichen Sexualität gehört sehr viel mehr als nur irgendein Gefühl im Penis.“

Sie schreiben in einem Kapitel: „Mit dem Wort ‚Teil‘ konnte ich mich nicht anfreunden. (…) Mit diesem Wort fängt der Irrtum hinsichtlich der männlichen Sexualität ja bereits an: Wie kann man ein Körperteil, das einen Mann seinen Körper in sinnlichster Weise fühlen lässt, ‚Teil‘ nennen?”

„Die meisten Leute stellen sich den männlichen Orgasmus als etwas ganz Kurzes und sehr Flüchtiges vor. Es existieren ziemlich plattitüdenhafte Vorurteile über die männliche Sexualität überhaupt, die abgesehen davon überhaupt nicht beschrieben, oder besprochen ist. Wir haben jetzt die MeToo-Debatte und auch seit einiger Zeit die Gleichstellungsdebatte und den Gleichstellungsprozess, aber es gibt immer noch in allen Branchen Beschwerden über sexualisierte Gewalt von Männern. In diesem Kontext wird aber überhaupt nicht über die männliche Sexualität und was mit ihr passiert, gesprochen.

Zur männlichen Sexualität gehört sehr viel mehr als nur irgendein Gefühl im Penis. Der Irrtum ist, dass allgemein der Eindruck besteht, dass ein Mann praktisch immer kann und immer alles gut findet, was den Sex anbelangt, und wenn er’s bei einer Frau nicht gut findet, geht er halt zur nächsten. Das wird ja auch tatsächlich in einer gewissen Weise so praktiziert, aber so fühlt der Mann ja nicht wirklich. Es wird auch vom Mann beim Sex tiefer und auch breiter gefühlt. Zumindest die Fähigkeit so zu fühlen ist da. Und da liegt das große Missverständnis, nämlich in der Annahme, dass Männer nicht dazu in der Lage sind, die Sexualität auf ähnlich intensive Weise fühlen wie Frauen.“

Gibt es Orte, an denen Männer offen über ihre Sexualität sprechen können? Und zwar fernab von jeglichem Machogelaber?

„Nein, meiner Meinung nach gibt es die nicht. Es gibt überhaupt keinen Rahmen für das Ausdrücken oder Ausleben der männlichen Sexualität. Der einzige Raum, den es dafür gibt, ist praktisch das Schlafzimmer.“

„Es gibt zur männlichen Sexualität keine Gesprächskultur und das ist das ganz große Problem.“

In Ihrem Buch verbinden Sie immer wieder private Anekdoten mit biologischen Definitionen und nützlichen Begriffserklärungen rund um das Thema Sexualität. Wollten Sie mit Ihrem Buch auch aufklären?

„Diesen Anspruch hatte ich schon, aber ich möchte fairerweise sagen, dass ich Schriftsteller bin, kein Wissenschaftler oder Arzt und deshalb will ich auch nicht so vermessen sein und sagen, dass ich über die männliche Sexualität als solche aufkläre. Ich habe als Mann viel Erfahrungen mit meiner eigenen Sexualität gemacht und ich kann von mir erzählen. Im Zuge des Buches habe ich versucht, mit sehr vielen Männern über männliche Sexualität zu sprechen und immer wieder bemerken müssen, dass es einfach nicht möglich ist.

Es gibt zur männlichen Sexualität keine Gesprächskultur und das ist das ganz große Problem. Ich hatte schon das Gefühl, es gäbe bei dem einen oder anderen eine gewisse Bereitschaft zum Austausch, wenn man dann mal anfängt, darüber zu sprechen. Aber es fehlt die Gewohnheit. Beim Thema Sex fehlen vielen Männern ja allein schon die richtigen Worte.“

„Männer leben mehr nebeneinander und Frauen mehr miteinander.“

Oft hört man von Männern, dass es ihnen leichter fällt, über Sex mit Frauen zu sprechen. Können Sie sich das erklären?

„Sex unter Männern zu besprechen, stellt eine bestimmte Härtestufe dar. Das hieße ja, dass ein Mann sich zuerst dem andern öffnen und sich verletzlich zeigen müsste und gegebenenfalls sogar den anderen überzeugen müsste, dass es sinnvoll ist, jetzt über Sex zu sprechen. Und dann ist er darauf angewiesen, dass sich der andere ebenso schnell öffnet, sonst kann es ganz schnell peinlich werden. Männer leben mehr nebeneinander und Frauen mehr miteinander. Bei Männern fehlt oft die Empathie und Emotionalität als Verbindung. Frauen reden viel offener untereinander über Gefühle, Körperlichkeiten und Wahrnehmungen.“

„Wenn man beim Sex fühlt und dabei Empathie und Empfinden zulässt, dann ist es meines Erachtens nicht mehr möglich, jemand anderem weh zu tun.“

Sie sprachen es vorhin an: Sie erzählen in „Ich komme” vor allem die Geschichte ihrer eigenen Sexualität. Auch in einer sehr expliziten Sprache. Warum war es für das Buch wichtig, so offen zu sein?

„Am Anfang habe ich stark mit mir gerungen, den richtigen Schreibstil zu finden, um über dieses Thema zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass ich mit Metaphern und poetischen Wendungen irgendwie vom Thema weggekommen bin. Zu Beginn habe ich auch versucht literarischer zu schreiben, weil ich selbst Angst hatte vor einer solchen Bloßstellung und den Reaktionen auf mich. Aber das habe ich beim Schreiben dann als verlogen empfunden.

Egal worüber ich normalerweise spreche, ich nenne die Dinge beim Namen und rede offen darüber, aber beim Sex soll ich jetzt große Schnörkel machen, weil mir das unangenehm ist? Deswegen habe ich angefangen alles mit den Worten, die mir in den Sinn kamen, zu beschreiben, ganz offen, pur und blank. Ich habe dann an mir selbst festgestellt, dass umso mehr ich diesen Weg verfolgt habe, desto freier habe ich mich plötzlich gefühlt, auch im Gespräch mit anderen. Ich habe wirklich gemerkt, wie darüber zu schreiben mich freier gemacht hat.

Im Zuge des Harvey-Weinstein-Skandals habe ich dann bemerkt, dass wir nicht darüber sprechen, woher solch ein übergriffiges Verhalten überhaupt rührt. Das macht mich, ehrlich gesagt, fast sauer. Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach die männliche Sexualität und was mit der los ist, dass die so übergriffig ist. Das wird auch in den Medien nicht genug besprochen. Warum wird da mit Macht und Druck agiert? Darüber schreibe ich auch in meinem Buch.
Der Punkt ist der: Wenn man beim Sex fühlt und dabei Empathie und Empfinden zulässt, dann ist es meines Erachtens nicht mehr möglich, jemand anderem weh zu tun. Wenn ich empfinde, dann empfinde ich ja nicht nur mich, sondern auch die andere Person, oder die Freude des anderen. In dem Moment, in dem ich den Schmerz des anderen spüre, dann ist bei mir selbst sofort Stopp. Bei den großen Debatten wird das nicht oft genug thematisiert. Es gibt niemanden, der über männlichen Sex spricht und das Problem, das dahintersteckt. Was ist mit diesem männlichen Sex los und was ist damit passiert?“

„In den meisten Pornos wird eine um die Sinnlichkeit amputierte Sexualität gezeigt.“

Sie thematisieren auch die Verrohung unserer Sexualität durch Pornografie. Überfordern wir junge Männer und Frauen, wenn wir die Aufklärung solchen Filmen überlassen?

„Absolut. Man kann in Untersuchungen nachlesen, dass junge Menschen zwar immer früher aufgeklärt sind, aber, dass sie diese Aufklärung immer weniger von den Eltern oder realen Menschen erfahren, sondern von Pornos lernen. Überforderung entsteht dann dadurch, dass in der Pornografie die Sexualität als etwas komplett Funktionalisiertes dargestellt wird.

In den meisten Pornos wird eine um die Sinnlichkeit amputierte Sexualität gezeigt. Es gibt keine Alternative und der junge Mensch sieht darin nur funktionalisiert, wie man auf eine pseudoklischeegeile Art und Weise möglichst schnell zum Orgasmus kommt. Das Ganze hat in der Funktion nicht nur diesen Druckablass und die Befriedigung, sondern – und man muss es ganz klar benennen – die Erniedrigung der Frau durch Macht und Druck. Es gibt unzählige Pornoseiten, auf denen Frauen fertig gemacht werden. Ich möchte nicht ausschließen, dass manche Männer die Anregung zu bestimmten kriminellen, sexualisierten Handlungen, aus dem Porno bekommen. Es gibt genügend unreflektierte Menschen, die sich so etwas anschauen, sich dabei pausenlos einen runterholen und irgendwie im Laufe der Zeit anfangen zu glauben, das wäre Normalität, weil sie auch nichts anderes kennen und keine andere Aufklärung bekommen haben.“

Was muss sich ändern, dass Männer weniger das Gefühle haben, sie müssten sich für ihre Emotionen schämen, und dass sie offener zu ihren Gefühlen stehen können?

„Ihre Frage zielt, denke ich, direkt auf die Gleichstellungsproblematik ab. Seit der Einführung der Frauenquote, wo dann so ein paar Dinge gelungen sind, ist doch eigentlich alles stehen geblieben. Als könnten wir alle jetzt zufrieden sein und uns die Hände reiben, weil ein paar Frauen in die Vorstandsebenen kommen und das war es dann. Das kann es ja nicht sein.

Eine Gleichstellung, also sich auf gleicher Ebene zu begegnen, in die Augen schauen und miteinander reden können, kann doch nicht nur dadurch funktionieren, dass die Frauen auf die Männer zu gehen. Damit es funktioniert, müssen auch die Männer auf die Frauen zugehen. Die Männer müssen einen Schritt vorwärts machen. Sie müssen sich der Weiblichkeit öffnen und lernen Wesenszüge anzunehmen, die ihnen eigentlich von Natur aus mitgegeben wurden, anstatt sie abzulehnen.

Empathie ist vorhanden und die meisten fühlen sie auch, aber sie müssen auch danach handeln. Dafür brauchen die Männer aber die Frauen. Ohne, dass die Frauen da einen entsprechenden Impuls setzen und Druck auf die Männer ausüben, wird sich nichts ändern. In dem Moment, in dem Frauen noch unabhängiger werden, noch mehr ihr Ding machen, sich weniger abhängig machen von männlicher Anerkennung, oder männlichem Feedback und auch von der männlichen Sexualität, wird meiner Meinung nach ein Vakuum entstehen, das der Mann dann füllen wollen wird.

Die Männer brauchen die Frauen, weil sie oft zu verschlossen sind und das Problem gar nicht anerkennen, weil ihr Selbstbild und die männliche Geschlechterrolle ja nur ein Gefühl zulässt. Und zwar, dass bei ihnen alles in Ordnung ist.“

Aus Christian Seidel: „Ich komme: Was Mann beim Sex fühlt – Eine Grenzüberschreitung“, Heyne Verlag, 320 Seiten, 12,99 Euro.

Bild: Heyne Verlag

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