Foto: Joris Felix

„Wenn du schnell gehen willst, dann geh allein. Wenn du weit gehen willst, geh mit anderen“

Was die Beraterin und Djane Pamela Owusu-Brenyah übers Netzwerken weiß, hat sie in der ghanaischen Tech- und DJ-Szene gelernt. Jetzt hat sie zusammen mit vier Künstlerinnen den Verein Music Women* Germany gegründet: Ein Netzwerk für stärkere Teilhabe von Frauen und mehr Diversität in der Branche.

Als Pamela Owusu-Brenyah das erste Mal erlebte, wie viel möglich wird, wenn Menschen sich gegenseitig stützen, stand sie auf dem Rücken eines Pferdes. Ihr erstes Netzwerk war ein Voltigier-Verein. Schon damals war Pamela diejenige, die bei der Akrobatik auf dem Pferderücken mit festem Stand und viel Kraft anderen dazu verhalf, dass sie in luftiger Höhe schweben können und die Pyramide sicher und stabil bleibt. Noch heute macht Pamela das mit ihrer Arbeit. Sie gibt Menschen Halt, sie macht andere sichtbar.

Als Musikberaterin, Festivalorganisatorin und Djane hat sich Pamela Owusu-Brenyah eine Branche ausgesucht, in der es in Sachen Sichtbarkeit noch viel zu erreichen gibt: Auf 49 männliche Produzent*innen kommt eine Frau, das hat eine Analyse der 600 beliebtesten Songs der US-amerikanischen Billboard-Charts ergeben. Nur 16 Prozent der Songs stammen von Künstler*innen. Ein Blick auf die Spotify Streams zeichnet ein ähnlich düsteres Bild: 2019 stammte nur 23 Prozent der gestreamten Musik von weiblichen oder diversen Künstler*innen.

 „Plattformen oder Netzwerke haben einen großen Einfluss darauf, etwas sichtbarer zu machen.“

Pamela Owusu-Brenyah

Das Erschreckendste: Die Zahlen sind rückläufig. Der Frauenanteil vor und hinter den Kulissen der Musikbranche hat in den letzten Jahren abgenommen. Zahlen zur mangelnden Repräsentation anderer marginalisierter Gruppen werden erst gar nicht erhoben. „Wenn man sich mal anschaut, wie niedrig der Prozentsatz an Frauen in der Musikbranche ist, wird einem sehr schnell klar, dass Netzwerke wichtig sind“, sagt Pamela Owusu-Brenyah und meint damit den bundesweiten Verein Music Women* Germany, den sie zusammen mit anderen Frauen aus der Musikbranche im September 2020 gegründet hat.

Für mehr Diversität

Owusu-Brenyah und ihre Mitstreiterinnen setzen sich für Geschlechtergerechtigkeit und mehr Teilhabe von Personen, die sich als weiblich identifizieren, in der Musikbranche ein. Sie wollen die Musikkultur und -wirtschaft nachhaltig und in allen Bereichen vielfältig und divers gestalten. Dafür hatten Pamela und ihr Netzwerk vergangenes Jahr bereits eine umfangreiche Datenbank veröffentlicht. Von der Dirigentin über die Technikerin oder Produzentin bis hin zur Managerin – das Register bundesweiter Musiktalente bietet Frauen die Möglichkeit, sich zu vernetzen.

An dieses Vorhaben knüpft nun die Gründung des Vereins Music Women* Germany an, bei dem Pamela Owusu-Brenyah Teil des fünfköpfigen Vorstands ist. Der Schwerpunkt ihrer Vereinsarbeit soll auf dem Thema Diversität liegen: „Ich möchte mich für die Sichtbarkeit von Afrodeutschen einsetzen, aber auch für Frauen unterschiedlicher Körperlichkeiten und Sexualität.“

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Allein unter Männern

Dass in ihrer Branche etwas schief läuft, ist Pamela früh in ihrem Berufsleben aufgefallen. Ob bei Universal Music oder Afroforce 1: Egal an welchem Tisch sie saß, um sie herum hockten nur Männer. Daher hat Pamela Owusu-Brenyah schon früh eigene Netzwerke geschaffen. Mit ihrer Community-Plattform Afro x Pop will sie für mehr Sichtbarkeit von afrodeutschen Künstler*innen sorgen. Jährlich organisiert sie Festivals in Hamburg und Köln, als Raum für Künstler*innen, die noch wenig Erfahrung auf der Bühne haben.

„Sie sollen einen Ort haben, wo sie Leute treffen, die genauso aussehen wie sie“, sagt Pamela. Es gehe ihr um die Atmosphäre, um das Beieinandersitzen, ums gemeinsame Essen, die Gerüche und die Musik. „Ich genieße es sehr, dass es mittlerweile viele Plattformen gibt, die die afrikanische Diaspora in den Blick genommen haben und dass wir uns untereinander vernetzen.“ Ihre lehrreichsten und prägendsten Erfahrungen zum Thema Netzwerk hat Pamela Owusu-Brenyah während eines Studienaufenthalts in Accra (Ghana) gemacht. Hinter den Plattentellern stand sie damals nur in ihrer Freizeit.

Als Studentin der Politikwissenschaften setzte sich Pamela in Accra mit Friedens- und Konfliktforschung auseinander. Sie habe vor Ort viel in Coworking-Spaces gearbeitet und dadurch die Vorzüge von Vernetzungsplattformen kennen und schätzen gelernt. Damals wie heute arbeitete sie gemeinsam mit anderen Menschen zu Fragen wie: Was sind eigentlich die Probleme? Und: Wo wollen wir gehört werden? Pamela Owusu-Brenyah hat gelernt, dass man die richtigen Fragen stellen muss und weiter kommt, wenn man sich mit anderen vernetzt und gemeinsam auftritt. Es gibt ein Sprichwort, das sie aus Ghana mitgenommen habe und sie bis heute begleite: „Wenn du schnell gehen willst, dann geh allein. Wenn du weit gehen willst, geh mit anderen.“ Fast alles, was Pamela heute übers Netzwerken weiß, habe sie in Accra gelernt: „Netzwerken ist alles in Ghana.“ Ihre Tipps teilt sie mit uns:

1. Wissen, weshalb man netzwerkt. Einfach überall hingehen, um teilgenommen zu haben, ist nicht ratsam, es geht vielmehr ums gezielte Netzwerken.  

2. Keine Angst davor haben, nachzufragen, wenn man etwas nicht weiß, nicht versteht, oder nicht kennt. Es wäre zu schade, da wieder rauszugehen und nichts verstanden zu haben. Beim Netzwerken geht es auch ums Lernen und den Austausch mit anderen.

3. Steck nicht all deine Energie ins Netzwerken. Netzwerken ist eine sehr anstrengende Arbeit und am Ende des Tages muss genug Zeit bleiben, um an deinen eigenen Sachen zu arbeiten.

4. Netzwerken ist nur so gut, wie deine Arbeit selbst. Du kannst Netzwerken so viel du willst, aber wenn du nichts vorzuweisen hast, bringt dich dein Netzwerk nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wenn die Idee stimmt, wenn dein Produkt stimmt, macht Netzwerken auch Sinn.

5. Sei offen. Man sollte nicht nur bestimmte Personen kennenlernen wollen, sondern mit einem offenen Wesen in neue Netzwerke gehen und die Dinge auf sich einwirken und auf sich zukommen lassen.

Zusatz-Tipp: In Ghana hatten alle Leute Visitenkarten dabei. „Ich konnte damit nicht viel anfangen, aber in Ghana ohne Visitenkarte auf Events zu gehen, kommt nicht gut an.“ Mit Visitenkarte wirke man auf jeden Fall vorbereitet. Pamelas Fazit: „Vielleicht ist es also gar nicht schlecht, stets welche dabei zu haben.“

Ich und meine Crew. Wie du dir ein starkes Netzwerk aufbaust.

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Carmen Maiwald hat Bekleidungstechnik an der HAW in Hamburg studiert, um dort zu merken, dass sie neben der Kleidung vor allem die Geschichten dahinter interessieren. Seit Oktober 2019 ist sie Schülerin an der Deutschen Journalistenschule. Aktuell unterstützt sie die Redaktion von Edition F als freie Redakteurin.

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