Foto: Female Perspectives

„Warum stehen Mütter nie auf und sagen: Weißt du was – du kannst mich mal!“

Frauen in Elternzeit verweichlichen, so die provokante These von Katrin Wilkens, die im Netz eine kontroverse Debatte auslöste. Katja Thiede und Lea Deworetzki haben nachgefragt, wer oder was sich wirklich ändern muss, damit es für Frauen in Mutterschaft und Job läuft.

 

Wie klappt Vereinbarkeit besser?

Im Oktober erschien der Artikel „Mütter, kommt wieder raus aus Bullerbü“ von Katrin Wilkens, der im Netz kontrovers diskutiert wurde. Katja Thiede kommentierte diesen in einem offenen Brief an Frau Wilkens auf EDITION F. Zusammen mit ihrer Mitbloggerin Lea hat sie Katrin Wilkens nun zum Interview getroffen, um darüber zu sprechen, wer oder was sich ändern muss, damit es mit der Vereinbarkeit von Mutterschaft und einem Berufsleben klappt, das Frauen wirtschaftlich absichert und bestenfalls auch persönlich erfüllt. Für die männliche Perspektive in der Runde sorgte Sebastian Schlösser.

Lea: Liebe Frau Wilkens, Sie sprechen in Ihrem Artikel von einer
„durchoptimierten Bullerbü-Welt“, von einer Kultur der Kindererziehung, die die
Mütter verweichlichen lässt. Wenn diese Kultur sich ändert, so argumentieren
Sie, können wir Gleichberechtigung in der Kindererziehung erreichen sowie ein
Leben, in dem es für Frauen kein „Entweder-Oder“ von Familie oder Beruf geben
muss. Erreichen wir tatsächlich all diese Ziele, wenn sich die Kultur der
Kindererziehung ändert oder gibt es da auch noch ein paar andere Hindernisse?

„Klar, es gibt ganz viele. Nun könnte ich anfangen und
sagen, die Politik muss sich ändern. Ich finde es aber sinnvoller, bei denen
anzufangen, die es betrifft, also zu gucken: Wo kann ich was ändern? Wo
zementieren wir Tag für Tag jenes Geschlechterbild, das wir eigentlich nicht
wollen? Beispiel Fasching im Kindergarten: Es gibt 17 Prinzessinnen. 17! Und
damit, im ganz Kleinen, fängt es an. Natürlich kann ich zu meiner Tochter sagen ,Du bist eine Prinzessin, wie alle 17 anderen auch’. Aber welchen Subtext gebe
ich ihr da mit?“

Katja: Machen Sie das ausschließlich an den Müttern fest? Es sind ja
beide Eltern an der Erziehung beteiligt.

„Speziell die Faschingskostüme sind schon traditionell
Muttermetier. Und traditionell sagen Väter auch nicht zu ihren Töchtern Sätze
wie: ,Was kannst du nicht, was Männer können? Das ist ein Spruch, den ich
meiner Tochter beibringe. Solche Sätze übt der Vater nicht mit seiner Tochter,
zum einen weil er die Notwendigkeit nicht sieht und weil emanzipiert
anstrengend ist, zum anderen weil er dafür schlichtweg zu faul ist. Diese
alltäglichen kleinen Dinge kommen meist eher von Müttern. Und auch ich bin oft
hin- und hergerissen und frage mich, ob ich jetzt ein politisches Fass aufmache
oder das Kind einfach als Prinzessin zum Fasching gehen lasse.

Katja: Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Wir müssen unseren Kindern
neue „Rollenmodelle“ vorleben. Was sich mir jedoch nicht erschließt, ist der
Zusammenhang zwischen der Art, wie eine Mutter ihr Kind erzieht, und ihren
eigenen beruflichen Ambitionen, den Sie in Ihrem Artikel beschreiben.

„Identität und damit auch das ,berufliche Ich’ besteht aus
vielen Komponenten, positiven wie negativen. Das Positive wird permanent
geschult – Schönheit, Klugheit und Diplomatie zum Beispiel. Aber die Frage ist:
Wo ist die Aggression? Die Aggression ist das positive Element, das einen im
Beruf weiterbringt. Sie ist jedoch negativ konnotiert, weil wir uns das
verbieten, weil wir denken, Aggression äußert sich immer auf Kosten anderer.
Muss sie aber gar nicht. Aggression ist im Prinzip eine andere Form von Ehrgeiz
und kann auch mal Egoismus bedeuten. Wo wird denn der Egoismus von Müttern
gefördert? Wann stehen Mütter auf und sagen: ,Weißt du was – du kannst mich
mal! Ich will jetzt wieder arbeiten. Reduzier’ du mal deinen Job!
’? Da ziehen
sich ganz viele Mütter zurück, weil es vermeintlich das Beste fürs Kind ist.
Frauen, die sagen, sie möchten keine negativen Elemente in ihrer Identität,
haben jedes Recht der Welt dazu – wenn ihre Rente gesichert ist! Ich finde es
eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, dass Männer 1.200 Euro Rente
kriegen – im Schnitt! Frauen dagegen 600 Euro. In den 60ern war das anders. Da
war zum einen die Scheidungsrate geringer und Mutti musste nicht so viel
arbeiten. Sobald sie heute geschieden ist, muss sie voll ran. Das ist die große
politische Ungerechtigkeit. Diesen Frauen zahlt keiner den Ausgleich. Die sind
doppelt gekniffen, erstens weil sie sich in den saftigsten Jahren ihrer
Berufstätigkeit zurückziehen zur Familie, zweitens weil sie dann Teilzeit
anfangen, und drittens, weil sie einfach die Hälfte an Rente haben. Im Schnitt,
das heißt viele Frauen haben auch nur 200 Euro. 

Katja: Natürlich gibt es diese Baustellen. Ich tue mich aber nach wie
vor schwer mit dem Bogen, den Sie von der Elternzeit hin zu den beruflichen
Ambitionen schlagen. Ich komme gerade aus der Elternzeit und ich bin nach wie
vor eine ehrgeizige Frau, die etwas reißen will im Leben, und das, obwohl ich
meine Tochter ein Jahr lang in Watte gepackt habe. Mehr noch, ich habe sogar
das Gefühl, dass ich mehr „Biss“ habe, seit ich Mutter bin, klare Ansagen
treffe und alles, was ich mache, viel fokussierter angehe, ohne groß drumrum zu
reden, weil ich dafür schlicht keine Zeit habe.

Klar, ich habe meine Kinder auch eineinhalb Jahre zu
Hause gehabt und sie hoffentlich auch in Watte gepackt. Alle andere wäre
absurd. Es geht auch gar nicht um eine Vergrausamisierung der Erziehung. Es
geht um dieses merkwürdige Frauenbild, das zentnerschwer auf deutschen Müttern
lastet. Die deutsche Mutter hat seit jeher eine besonders gute Mutter zu sein.
Zitat Luther: ,Der Gottesdienst der Frau ist zu Hause’.

Lea: Schweden und Frankreich werden ja immer gern als Beispiele für
einen entspannteren Erziehungsstil herangezogen. Warum klappt das in
Deutschland nicht? Woher kommt denn die Kultur der Kindererziehung, die Sie
kritisieren?

Das geht tatsächlich bis zu Luther zurück. Später kam
Rousseau, der gesagt hat: ,Die gute Mutter stillt. Dann die Zeit des
Biedermeier im 19. Jahrhundert, das die Frau im Heim erhöhte und in Deutschland
besonders prägend war. Und Hitler war auch nicht gerade dafür, dass die
deutsche Frau arbeitet. In den 60er-Jahren war der Standardspruch: ,Meine Frau
hat es zum Glück nicht nötig zu arbeiten. Wobei es da einen großen Unterschied
zwischen Ost- und Westdeutschland gab. In den neuen Bundesländern war es
selbstverständlich, dass die Mutter berufstätig war. Diese Mentalität ist nach
der Wiedervereinigung aber noch nicht flächendeckend in Deutschland angekommen.
Die Diskussion, die wir hier führen, wird in Frankreich nicht geführt. Da geht
man einfach arbeiten, ohne dass es heißt, man würde seine Kinder
vernachlässigen.

Katja: Also würden Sie sagen, dass die ,Helikoptererziehung gar kein
neues Phänomen ist, sondern dass es das, zumindest in den alten Bundesländern,
schon immer gab? Ich habe schon den Eindruck, dass dies aktuell ein großes
Thema ist und immer extremere Formen annimmt.

Früher waren die Mütter zwar zu Hause, haben sich aber
nicht permanent um die Kinder gekümmert, weil diese schlicht auf die Straße
gegangen sind und sich mit anderen verabredet haben. Mein Sohn kann nicht auf
die Straße gehen und sich verabreden, weil da schlicht kein anderes Kind mehr
ist. Die Mutter hatte natürlich in den 60ern auch um ein Vielfaches mehr zu arbeiten
zu Hause. Ein geflügeltes Wort meiner Mutter: ,Wir können keine Marmelade
kaufen – das ist zu teuer. Also hat sie 100 Gläser Marmelade eingekocht. Den
Druck gibt es ja heute auch wieder. Wenn man einfach Schwartau Extra auf den
Tisch stellt, ist das ja schon wieder schlecht.

Katja: Letzteres wird aber auch befeuert durch Ratgeber, Magazine und
alles, was so auf einen einprasselt, sobald man schwanger ist. Da bekommt Frau
schnell das Gefühl, sie und das ungeborene Kind schwebten permanent in Lebensgefahr,
wenn sie sich beispielsweise nicht richtig – heißt Bio und am besten
selbstgemacht – ernährt. Da wird enormer Druck aufgebaut.

„Natürlich. Und einen großen Anteil daran haben die
anderen Mütter, mit denen man sich umgibt. Das ging mir nicht anders. Aus einem
Gefühl der akuten Vereinsamung heraus habe ich im ersten Jahr mit Kind auch
diverse Kurse für Mütter mit Kind besucht. Da herrschte teilweise ein
gigantischer Druck, weil permanent verglichen wurde, welches Kind schon was
kann
.

Lea: Aber woher kommt dieser Druck? Setzen sich die Frauen selbst
unter Druck? Kommt er von außen? Und woher kommt die Annahme, dass Frauen
während der Elternzeit verweichlichen?

„Weil Aggression dermaßen schlecht bewertet und immer
gleich mit körperlicher Aggression gleichgesetzt wird. Ich plädiere für eine
vorwärts preschende, wettbewerbsorientierte, eine
sich-auch-mal-das-erste-Stück-Kuchen-nehmende Aggression. Warum verdammt
nochmal müssen Mütter immer, IMMER warten, bis sie die letzte Scheiß-angebrannte
Waffel kriegen? Man lacht da jetzt drüber, aber es ist tatsächlich ein
komisches Gefühl, wenn man sich einfach mal die erste Waffel nimmt. Weil es
verpönt ist.

Katja: Aber woher kommt dieses Bedürfnis nach Harmonie und „heiler
Welt“? Könnte es nicht auch darin begründet liegen, dass unsere Arbeitswelt
ganz oft nicht zu unserem Leben passt? Dass viele Frauen sich fragen, warum sie
sich jahrelang für den Beruf aufgeopfert haben, wenn sie als „Teilzeitmamis“ im
beruflichen Abseits landen, sobald sie ein Kind bekommen? Und dass viele sich
den Sinn eben im privaten und häuslichen Bereich suchen und das „Projekt Kind“
in den Mittelpunkt stellen?

„Finde ich super, wenn sie das machen – vorausgesetzt, sie
haben einen Ehevertrag. Und sie sagen: ,Du, Partner, zahlst mir jeden Monat 200
Euro in meine private Rentenvorsorge. Wenn wir 65 und noch zusammen sind,
machen wir halbe-halbe und verbraten das Geld. Wenn wir dann getrennt sind, ist
das mein kleines Zusatzeinkommen dafür, dass ich dir Kinder beschert habe und
dich habe arbeiten lassen.’ Aber so läuft es leider nicht. Jede zweite Ehe in
der Großstadt wird geschieden, bei Familien mit Kind vielleicht jede dritte.
Die betroffenen Frauen dümpeln an der Armutsgrenze herum und werden so
unfassbar vom System benachteiligt, dass es nicht nur darum geht, dass sie sich
dieser rauen Arbeitswelt entziehen, sondern darum, wie sie ihre Zukunft
absichern. Helma Sick und Renate Schmidt, die frühere Bundesfamilienministerin,
haben das übrigens sehr schön beschrieben in ihrem Buch ,Ein Mann ist keine
Altersvorsorge’“.

Katja: Es gibt diverse Netzwerke sehr ambitionierter Mütter, die sich
aus der Elternzeit heraus selbstständig machen möchten. Die „
Mompreneurs sind ein gutes Beispiel.
Dort treffen sich Frauen, die bewusst nicht mehr in die konventionelle
Arbeitswelt zurück und stattdessen etwas machen wollen, das sie als sinnvoll
empfinden. Aber natürlich mit dem Anspruch an ihr Gründungsvorhaben, dass
dieses sich auch finanziell für sie lohnt. In Ihrem Artikel auf Spiegel Online
haben Sie sich ja generell kritisch geäußert über Frauen, die sich
selbstständig machen und zum Beispiel einen Blog starten. Ist das nicht aber
ein Schritt in Richtung der finanziellen Unabhängigkeit, die Sie für Frauen
fordern?

„Natürlich kann man ein Blog starten und damit sehr
erfolgreich sein. Aber das setzt Marketingwissen voraus. Ich glaube, man kann
nicht ein inneres Bedürfnis oder einen Tagebucheintrag veröffentlichen und sich
dann wundern, warum man dafür kein Geld bekommt.

Katja: Machen Sie die Erfahrung, dass viele Frauen so naiv an die
Sache herangehen?

„Wir haben keine repräsentativen Zahlen dazu. Und
letztendlich sind die 100 Frauen, die wir hier im Jahr beraten, nur ein kleiner
Ausschnitt. Was man, glaube ich, pauschal sagen kann, ist, dass Frauen dazu
neigen, ihr Herzensanliegen zum Job machen zu wollen. Kombiniert mit dem
richtigen Marketing kann das funktionieren. Das sieht man auch sehr schön an
Plattformen wie Dawanda, wo es sowohl sehr erfolgreiche als auch erfolglose
Verkäufer gibt. Ähnlich ist es bei den Bloggerinnen auch.

Lea: In diesem Zusammenhang interessieren mich zwei Punkte: Sie
schreiben, dass viele Frauen auf einmal Still-Beraterin werden möchten, ein
Café eröffnen wollen oder eben einen Einrichtungsblog schreiben. Das ist etwas,
was wir auch so wahrnehmen. Dass also in der Elternzeit eine Umorientierung
stattfindet, wie Sie schreiben „weg von Jura, weg vom Marketing“ hin zu einer
ganz anderen Richtung. Woher kommt dieser Wunsch gut ausgebildeter Frauen nach
dem Rückzug aus der Welt, wie ihn auch
Julia
Friedrichs im „Zeit
“-Magazin beschrieben hat? Und der zweite Punkt, den ich
sehe, ist der, dass man nach der Elternzeit ja schlicht auch weniger berufliche
Optionen hat. Dass es gar nicht mehr die Möglichkeit gibt, dahin
zurückzukehren, wo man vorher war. Ein kleines Kind und zwei Vollzeitkarrieren
sind einfach oft schlecht vereinbar. Sehen Sie das anders?

„Es müssen ja nicht beide 60 Stunden arbeiten, aber beide
40 geht schon. Ich glaube, die Möglichkeiten verschieben sich. Das war bei mir
auch so. Als Journalistin konnte ich einfach nicht mehr gut weiterarbeiten.
Plötzlich hatte ich so tolle Themen auf dem Tisch, wie ,Die 50 besten
Sex-Tipps. Nicht unbedingt Themen, um die ich mich reiße. Da war der Schritt
in die Selbstständigkeit der für mich einzig richtige Weg. Woher dieser Wunsch
nach Rückzug? Ich glaube, wir sind eine große Generation von Erben, was zur
Folge hat, dass Frauen einfach eine längere Pause machen können, weil sie die
Kohle dafür haben. Und die Männer sind froh, wenn die Frauen zu Hause bleiben,
weil sie dann schlichtweg ein Hotel vorfinden – aufgeräumt und der Kühlschrank
ist auch voll. Wäre ich der Mann, würde ich auch sagen: ,Mach mal lieber
Pause’.

Katja: Andererseits liest und hört man immer öfter von Männern, die
sich in die Kindererziehung und Familienarbeit einbringen wollen, aber bei
ihren Arbeitgebern an Grenzen stoßen, nach dem Motto: Haben Sie denn keine Frau
zu Hause, die sich um die Kinder kümmern kann? Die Kultur in vielen Unternehmen
wird ja noch von Herren älterer Semester geprägt, die ganz anders sozialisiert
wurden als Männer, die heute 20, 30 oder auch 40 Jahre alt sind. Da war die
Mutter noch selbstverständlich zu Hause und hat alles allein gewuppt, während
der Vater der Ernährer war. Als junger Vater ist es da eventuell schwer, seinen
Standpunkt deutlich zu machen. Und die Angst, um das eigene Standing im
Unternehmen schwingt auch mit.

S. Schlösser: „Ich glaube, dass die Wirklichkeit anders aussieht und
Männer es nicht mit Nachdruck einfordern. Sie sagen zwar, dass sie gern würden,
sind aber, wenn sie die Tür hinter sich zumachen, auch ganz froh, dass sie zur
Arbeit gehen können. Hier sind auch die Frauen gefragt, ihren Beitrag zur
Familienarbeit stärker von den Männern einzufordern. Viele Frauen setzen sich
einfach nicht durch. Es ist doch eine Verpflichtung für beide, für Mutter und
Vater, das auszutarieren – wenn der eine zurücksteckt, stockt der andere auf
und danach umgekehrt. Sonst kann es nicht funktionieren. Ich glaube auch nicht,
dass das eine rein politische Angelegenheit ist, sondern an jedem Einzelnen
liegt, das umzusetzen. Was unter Umständen auch heißt, auf das eine oder andere
zu verzichten und eben nur einen Urlaub zu machen. Aber dafür sind beide
zufriedener, weil beide sich ihrem Bildungsgrad entsprechend verwirklichen können.

K. Wilkens: „Wenn ich mich schwerpunktmäßig um die Kinder kümmere und
deshalb Teilzeit arbeite, ist es doch nur fair, wenn mein Partner mir die
Differenz zu meinem vorherigen Vollzeit-Einkommen zahlt. Ich kenne eine Frau,
die das gemacht hat. Für sie war das total klar. Und sie hatte nach eigener
Aussage noch nicht mal die Lohnaufstockung mitgerechnet, so dass ihr Partner
sogar noch gespart hat, indem er nur einen Fixbetrag zahlen musste – mehrere
tausend Euro im Monat. Nochmal: Sich für das Modell Familie zu entscheiden,
finde ich völlig ok. Was ich nicht ok finde, ist, wenn daraus auf lange Sicht
erhebliche finanzielle Nachteile für die Frau entstehen. Ich finde es auch in
Ordnung, wenn man sich einen völlig verrückten anderen Job zusammenstrickt,
aber vielleicht nicht das, was man als Hobby gern tut.

Katja: Aber müssen nicht auch Politik und Wirtschaft gewährleisten,
dass eine Frau überhaupt die Möglichkeit hat, nach ein oder zwei Jahren
Elternzeit zurückzukommen – und zwar in dieselbe verantwortungsvolle Position,
die sie vorher hatte? Oft ist es ja so, dass Frauen, die vorher
Projektmanagerin waren, nach ihrer Rückkehr nur noch die Sekretärin sind oder
Akten sortieren dürfen. Das ist keine akzeptable Perspektive.

K. Wilkens:  „Die spannende Frage ist doch, wie schaffen es
einige Frauen, dass sie weitermachen, und andere nicht?

S. Schlösser: „Ich glaube, es liegt zum großen Teil an der
Stundenzahl. Wer mit maximal 20 Stunden zurückkommt, kann kaum erwarten, wieder
auf eine verantwortungsvolle Position zurückzukommen.

Lea: Ja, das ist der entscheidende Unterschied zwischen der „kleinen
Teilzeit“ und der „großen“. In Skandinavien sind, soweit ich weiß, die Stunden,
mit denen Eltern wieder einsteigen, durchschnittlich um einiges höher als hier.
Es ist ja schon was anderes, ob ich mit 30 oder mit 18 Stunden zurückkomme.

S. Schlösser: „Genau so ist es. Und bei Unternehmen sind Frauen total
willkommen, die mit 30 Stunden zurückkommen. Die sind ja auch auf qualifizierte
Mitarbeiterinnen angewiesen und haben kein Interesse daran, dass sie zu Hause
bleiben.

Katja: Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass selbst die schief
angeguckt werden, die mit 30 Stunden zurückkommen, etwa wenn sie pünktlich um
15:30 Uhr gehen, weil sie das Kind von der Kita abholen wollen oder müssen. Es
gibt da diese unterschwelligen Vorbehalte à la ,Nächste Woche fehlt sie eh
wieder, wenn das Kind mal wieder krank ist
oder ,Bei Abendveranstaltung xy
kann sie eh nicht dabei sein
. Also überlässt man die wichtigen Projekte lieber
anderen. Unter diesen Voraussetzungen finde ich es total nachvollziehbar, dass
Frauen lieber ihre eigene Chefin sein und sich ihre Arbeitszeiten so gestalten
möchten, dass es zu ihrem Leben mit Kind passt. Welche Alternative gibt es
sonst?

K. Wilkens: „Wenn sie damit Geld verdienen, ist es das Cleverste, was
sie machen können. Umgekehrt gibt es ja auch Frauen, die sich komplett diesem
Männerkorsett unterordnen und quasi der bessere Mann im Unternehmen sind. Die
dürfen sich dann wiederum anhören, dass sie ihre Familie vernachlässigen. Als
Frau kriegt man immer direkt gespiegelt, dass man eine schlechte Mutter ist,
wenn man arbeitet
.

Katja: Unabhängig davon, was andere denken oder sagen, ist es ja so,
dass man mit einer Vollzeit-Stelle mit Präsenzpflicht um 17 Uhr aus dem Büro
rennt, um das Kind von der Kita abzuholen. Dann noch kurz spielen, Abendbrot
und um sieben ab ins Bett – nicht unbedingt das Familienleben, das viele sich
wünschen. Mal abgesehen von der körperlichen Belastung, die das auf Dauer
verursacht. Bei 30 Stunden ist es schon ein bisschen entzerrt. Aber da leidet
die Karriere dann wieder. 

S. Schlösser: „Aber in anderen Ländern ist genau das – Vollzeit – der
ganz normale Alltag vieler Eltern. Da geht es gar nicht anders. Und das sind ja
nicht Länder voller Psychopathen.

Katja: Ich glaube auch gar nicht, dass Kinder, die extern betreut
werden, Schaden nehmen. Mir geht es um etwas anderes. Um die Eltern, die unter
einem großen Druck stehen. Bei denen die Lebensqualität massiv leidet, und die
früher oder später an ihre Grenzen stoßen – psychisch und physisch. Die Zahl an
Mutter-Kind-Kuren steigt weiter an, die Zahl der Mütter, die mit
Erschöpfungszuständen dort ankommen, ebenfalls. Und alles immer auf Knirsch zu
machen und das als „Normalzustand“ hinzunehmen, finde ich nicht akzeptabel.
Lara
Fritzsche hat das in einem sehr lesenswerten Artikel im Magazin
 der Süddeutschen Zeitung

gut umrissen, in dem sie schreibt: „Wer weniger will als die totale Überlastung,
wirkt schnell verdächtig“. So als würde man sich nicht genug reinhängen, wenn
man eben nicht 40plus Stunden machen möchte und selber Schuld sei, wenn es dann
hinten raus finanziell nicht reicht.

K. Wilkens: „Das Interessante ist, dass so eine Beschwerde nie von
einem Mann kommen würde, von wegen ,zur Kita hetzen und dann habe ich nur noch
zwei Stunden mit meinem Kind, alles ist auf Knirsch und ich brauche ’ne
Vater-Kind-Kur. Ich glaube, dass Frauen in einem vorauseilenden Gehorsam den
Männern wahnsinnig viel Freiheit offerieren
und sich mit dem, was sie dann
haben, nicht richtig arrangieren können. Statt zu sagen: ,Super, drei Jahre
nicht diesen Mist im Büro!, denken sie: ,Der hat’s gut. Der weiß wenigstens,
wofür er morgens aufsteht. Der weiß, wofür er den ganzen Tag arbeitet. Gegen
Frauen, die es genießen können und auch langfristig finanziell abgesichert
sind, würde ich nie etwas sagen. Was erschwerend hinzukommt ist, dass wir zu
konsumgeil sind. Es muss das Zweitauto sein und ein zweiter Urlaub im Jahr.
Vielleicht ist ein bescheideneres Leben viel sinnvoller. Nur wer hat schon Bock
zu verzichten? Die meisten wollen den Konsum, weil das zu ihrer Identität
dazugehört.

Katja: Das wiederum spricht ja für den Trend sich rauszuziehen,
Marmelade einzukochen und sich seine Pullis selber zu stricken.

S. Schlösser: „Wobei das ja mittlerweile auch sehr teure Hobbies sind – quasi die neue Form des Biedermeier.

Lea: Ein paar Lösungsansätze kamen im Gespräch ja schon durch: Dass
man seine Stunden nicht ewig reduziert, wenn man es sich finanziell nicht
leisten kann, und dass man mit dem Partner „härter“ verhandelt, wer wie lange
zu Hause bleibt. Trotzdem ist es ja so, dass es für viele Frauen scheinbar noch
nicht klappt. Wahrscheinlich aufgrund einer Mischung aus individuellen und
gesellschaftlichen Gründen. Aber wie kann man da ganz praktisch was ändern? Sie
schreiben in Ihrem Artikel von der sehr einseitigen Welt, in der Frauen sich in
der Elternzeit bewegen. Ich habe das Gefühl, dass das vielen Frauen gar nicht
unbedingt gefällt. Dass sie selbst unter der „geschrumpften“ Welt leiden und
ihre Arbeit vermissen. Wie kann man denn seine Elternzeit für sich nutzen und
eventuell so gestalten, dass der Übergang in den Job etwas besser klappt

K. Wilkens: „Mütter nutzen ihre Elternzeit dann am besten, wenn sie
diese in vollen Zügen genießen, ohne schlechtes Gewissen. Das klingt jetzt
total großmütterlich, als wäre ich schon 74 oder so. Aber nichts ist schlimmer,
als ständig mit den Gedanken bei dem zu hängen, was man jetzt vermeintlich
eigentlich alles machen müsste. Die Zeit, in der man frei hat, hat man frei.
Punkt.

Katja: Also dann doch ein Jahr lang „Bullerbü“.

(alle lachen)

K. Wilkens: „Es geht um eine reflektierte Entscheidung, sich also
reflektiert zu etwas zu bekennen. Und noch ein zweiter Punkt ist entscheidend:
das Loslassen-können und den Männern zugestehen, dass sie Dinge anders machen.
Das können Frauen meist nicht gut. Das ist aber der erste Schritt, um sich ein
Stück Egoismus zurückzuholen und sich von da aus neu zu orientieren.

Das vollständige Interview ist auf www.female-perspectives.de
erschienen. Wir freuen uns sehr, dass Katja und Lea es auch hier veröffentlichen.

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