Foto: Matthias Jung

„Das Beste was einem auf der Bühne passieren kann, ist eine Panne zu haben“

Wie wirke ich auf andere und wie verbessere ich meine Performance auf der Bühne? Worauf man dabei achten muss, darüber haben wir mit Führungskräfte-Coach Severin von Hoensbroech gesprochen – und dabei viel gelernt.

 

Wer zu viel nachdenkt, kann keinen guten Auftritt hinlegen

Jeder, der auf der Bühne steht, ein wichtiges Meeting hat oder in einer anderen Situation vor Publikum überzeugen will, setzt sich eine positive und starke Wirkung als Ziel. Aber welche Hebel müssen dafür bedient und was auf jeden Fall abgestellt werden? Die eigene Wirkung zu steuern, ist keine leichte Übung – denn häufig machen wir unbewusst Dinge, die genau das Gegenteil von dem bewirken, was wir uns vorgestellt haben.

„Der Inhalt ist das eine, aber auf der Bühne entscheidet die Performance“, sagt Schauspieler, Regisseur, Moderator und Führungskräfte-Coach Severin von Hoensbroech. Und genau deshalb bringt er Führungsverantwortlichen bei, was für eine Außenwirkung sie haben und wie sie ihren Auftritt verbessern können.

Im Interview hat er hat uns ein paar Tipps verraten, mit denen man seinen Vortrag ganz einfach besser machen kann und die Wirkung auf das Publikum erzeugt, die man sich wünscht – und das ist richtig spannend, auch für den ganz normalen Berufsalltag. Denn unsere Ideen können noch so gut sein – schafft man es nicht, sie gut rüberzubringen, hat man schlechte Karten. Und daran muss es nun wirklich nicht scheitern.

Sie sind Schauspieler, Theaterregisseur und Moderator – nun coachen Sie auch Führungskräfte in ihrer Außenwirkung. Wie kamen Sie dazu?

„Ich bin eigentlich studierter Psychologe, bin dann aber ins Schauspiel gegangen und habe jahrelang Filme gedreht sowie auf der Bühne gestanden. Eines Tages kam eine Führungskräfteentwicklerin der Deutschen Bank zu mir und sagte, sie würden Führung gerne mal aus einer anderen Perspektive angehen und ob ich als Schauspieler dafür ein Konzept schreiben könnte. Ich habe dann vorgeschlagen, dass wir mit 43 Führungskräften in ein Hotel fahren, innerhalb von drei Tagen den Sommernachtstraum von William Shakespeare einstudieren und das dann vor der gesamten Belegschaft aufführen. Ich hatte den Vorschlag in der festen Absicht gemacht, dass er abgelehnt wird, doch die haben das tatsächlich gekauft (lacht).

Wie befürchtet fanden die betroffenen Führungskräfte das am Anfang gar nicht lustig. Also habe ich ihnen erstmal beigebracht, wie man sich auf einer Bühne verhält. Die meisten glauben, dass dabei vor allem der Inhalt zählt. Der ist auch wichtig, macht jedoch vom Gesamteindruck nur 30 Prozent aus – der Rest ist die Show. Und wenn ich mir so die Standard-Show im Rahmen einer üblichen PowerPoint-Präsentation in einem durchschnittlichen Unternehmen anschaue, dann ist das von der Wirkung her echt überschaubar, da geht noch mehr.“

„Die Standard-Show im Rahmen einer üblichen PowerPoint-Präsentation ist von der Wirkung her echt überschaubar, da geht noch mehr.“

Und wie macht man das?

„Man muss verstehen, was hinter bestimmten Wirkmechanismen steckt. Als Beispiel: Ich muss eine Szene mit einem König inszenieren, der auf einem Thron sitzt und ein Bote kommt herein. Nun muss ich mich entscheiden: steht der König auf oder bleibt der König sitzen? Diese beiden Optionen erzeugen zwei komplett unterschiedliche Situationen, deren Mechanik ich als Regisseur kennen muss, um die Wirkung zu erzeugen, die ich transportieren will. Es geht hier also um die Mechanik hinter Kommunikationsprozessen, die ich den Führungskräften erkläre. Das kann auch sein: Ich spreche mit jemandem und fasse mein Gegenüber an der Schulter an, oder ich tue es nicht – hinter beiden Aktionen steckt ein lesbarer Wirkmechanismus, den wir alle, meist unbewusst, kennen, lesen und einsetzen können.

Wenn ich diese Dinge verinnerlicht habe, dann kann ich diese Mechanismen nicht nur auf der Bühne, sondern auch im realen Leben anwenden und auch dort Situationen inszenieren. Und genau das habe ich den Führungskräften beigebracht. Der Auftritt wurde tatsächlich ein ziemlicher Erfolg – was auch daran liegen mag, dass es immer lustig ist, wenn der Chef im Schlafanzug über die Bühne geht (lacht). Sie haben mich dann gefragt, ob ich diese Übungen zu Wirkmechanismen nicht auch separat im Unternehmen als Coaching anbieten kann. Das war letztlich der Beginn meiner Trainer-Karriere.“

Was ist das Hauptproblem, mit dem die meisten Ihrer Klienten zu kämpfen haben, wenn es um das Thema der eigenen Wirkung geht?

„Die meisten versuchen mit aller Gewalt alles richtig zu machen. Und damit stecken sie sich selbst in ein Korsett, aus dem sie nicht mehr herauskommen. In dem Versuch alles richtig zu machen, geht alle Freiheit und alle Agilität verloren. Und das ist ein riesiges Problem. Denn wenn man es so macht, wie man denkt, man müsse es machen, wird es schwierig Authentizität zu erzeugen– und genau das ist aber in der heutigen Zeit, in der keiner mehr weiß, was echt ist und was nicht, eine der stärksten Wirkmechanismen.“

„Authentizität ist keine Eigenschaft, sondern eine Wirkung, die ich ganz bewusst erzeugen und einsetzen kann.“

Wie vermittelt man denn auf einer Bühne: Ich bin gerade authentisch. In dem man einfach so ist, wie man ist?

„Das große Missverständnis in Bezug auf Authentizität ist, dass die Leute glauben, das sei eine Eigenschaft. Das ist aber gar nicht so. Wenn ich beispielsweise in meinem Workshop frage, was denn Authentizität sei, dann kommt immer zurück: Echt sein oder man selbst sein. Und dann sage ich zu demjenigen: Kommen Sie doch mal nach vorne auf die Bühne und seien Sie mal eine Minute Sie selber. Jetzt.“

Das ist ganz schön fies.

„Ja, das stimmt (lacht). Ich breche das auch meist ab. Denn wenn man jemandem sagt, er solle er selbst sein, dann weiß derjenige in der Regel nie, was er oder sie machen soll. Das kenne ich ja auch von mir aus meiner Schauspielertätigkeit. Wenn ein Regisseur zu mir sagt: ‚Hey Severin, spiel den Hamlet doch einfach so wie du bist’, dann weiß ich überhaupt nicht mehr, was ich tun soll. Letztlich will er mir ja nur vermitteln, dass ich eine bestimmte Wirkung auf ihn habe, die er gerne im Hamlet sehen will – aber welche das ist, kann ich nicht identifizieren. Und deshalb noch einmal: Authentizität ist keine Eigenschaft, sondern eine Wirkung, die ich ganz bewusst erzeugen und einsetzen kann.“

Wie geht das?

„Manchmal kommt jemand auf die Bühne und man sagt als Zuschauer nach fünf Minuten: ‚Wow, ist dieser Mensch authentisch!’ Aber woher will man das nach ein paar Minuten wissen? Wie will man wissen, dass das, was er oder sie mir darbietet, mit seinen inneren Überzeugungen und Werten übereinstimmt? Das kann man nicht nachprüfen, und trotzdem wirkt es so auf viele Leute. Die direkte Folge der Authentizität ist die Glaubwürdigkeit. Wenn mich etwa jemand fragen würde, warum Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, würde ich antworten: weil er auf viele Menschen authentisch wirkt und Glaubwürdigkeit heute Faktizität meist schlägt. Wenn man glaubwürdig ist, kann man den Leuten viel erzählen – ob es stimmt, ist eine ganz andere Frage. Um Authentizität zu erzeugen, gibt es viele Puzzleteile.“

Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?

„Ein Puzzleteil ist etwa, eine persönliche Geschichte zu erzählen. Macht man das gut, erzeugt das sofort Authentizität – ob sie wahr ist oder nicht. Das nutzen etwa viele Menschen, die einen TED-Talk halten. Ein weiteres wäre, den gleichen Status wie mein Gegenüber zu spielen. Oder aber, man kultiviert leichte Unperfektion. Ich zum Beispiel bringe Sätze häufig nicht zu Ende oder werfe gerne neue Themen in Gespräche ein. Wenn du das etwa bei einer Moderation nicht versteckst, indem du nicht versuchst, künstlich perfekt zu sein, dann bringst du das Publikum leichter dazu, bei dir zu sein. Und ein weiteres Mittel ist, nicht seiner Rolle zu folgen. Wenn ich etwa CEO von einem großen Unternehmen bin, aber morgens mit dem Fahrrad statt mit dem großen Auto zur Arbeit komme, dann werde ich als unheimlich authentisch wahrgenommen.“

Ist es wirklich so simpel? Und wird Authentizität damit nicht zur Farce?

„Ich bekomme immer wieder als Vorwurf, dass eine authentische Wirkung mit diesen Mitteln ja total manipulierbar sei. Einerseits ist das so, aber auch nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn ein Mensch ist ein unheimlich komplexes Wesen, mit unendlichen Wünschen, Träumen, Erfahrungen und Sehnsüchten – dieses Zusammenspiel kann nicht alleine künstlich erzeugt werden, doch man kann Facetten der eigenen Persönlichkeit bewusst verstärken. Andernfalls erschafft man immer nur ein Klischee. Eine erzeugte Wirkung hat auch ihre Grenzen und alles was darüber hinausgeht, merken die Menschen.“

„Die Frage, die ich im Einzelcoaching am häufigsten stelle ist: Wo ist dein Gewicht?“

Was kann man denn mit der Stimme machen, um einen besseren Auftritt hinzulegen?


„Einige Menschen neigen dazu, in die Brust zu atmen und das drückt auf die Stimme, die so höher wird. Und es führt dazu, dass die Schultern nach oben gehen, was wiederum Angst ausdrückt. Es ist also wichtig, auf die eigene Atmung zu achten und das im Zweifel auch zu erlernen – manchmal reicht da ein Hinweis und manchmal muss ein Sprechtrainer ran.“

Bei der Körperhaltung sind wir ja schon bei einem wichtigen Thema. Auf was sollte man hierbei besonders achten?

„Die Frage, die ich im Einzelcoaching am häufigsten stelle ist: Wo ist dein Gewicht? Beim Sport wissen wir alle, wir brauchen das Gewicht vorne über dem Mittelfuß und die Knie müssen locker sein, damit wir dynamisch sind – egal ob man Fußball spielt, boxt oder golft. In dem Moment, in dem Menschen Bühnen betreten, vergessen sie das schlagartig und setzen ihr Gewicht auf der Ferse ab, stellen sich meist auf ein durchgestrecktes Bein und winkeln das andere als Spielbein an. Mit einer solchen Haltung gerät man in die Defensive, macht sich selbst nervös und die Stimme wird schwach. Und damit wird auch das Publikum nervös, weil sie merken, dass man die Situation nicht im Griff hat.

Das scheint eine Kleinigkeit zu sein, hat jedoch einen bemerkenswerten Effekt – das hat mit der Dynamik einer Bühnensituation zu tun. Wenn man sich irgendwo auf der Bühne hinstellt, geht man leicht verloren, wirkt verloren und fühlt sich dann auch verloren, weil der Körper darauf reagiert. Vielleicht beginnt man dann auch noch, beim Sprechen nach hinten zu laufen und wirkt noch unsicherer. Ich arbeite also viel mit Menschen daran, wie sie eine Bühne räumlich für sich einnehmen und damit in die Offensive kommen. Das ist so wichtig, weil das empathische Publikum immer den Redner oder die Rednerin spiegelt.“

„Männer sind fürchterlich banal in ihrer psychologischen Funktionsweise.“

Können Sie eigentlich beim Bühnenverhalten Unterschiede zwischen Frauen und Männern bemerken oder reagieren da alle ähnlich?

„Es gibt grundsätzlich schon Probleme, die eher Männer und Probleme, die eher Frauen haben. Sobald man sich mit Gender-spezifischer Wirkung beschäftigt, hat man es sofort mit Rollenklischees zu tun, die von Rednerinnen und Rednern (und vom Publikum) nur zu gerne bedient und erwartet werden. Und das große Rollenklischee bei Frauen heißt hinsichtlich dieser Thematik grob gesagt: Sie neigen dazu, sich klein zu machen, weniger Raum einzunehmen und den Mann als Zuhörer zu erreichen, indem sie vermitteln: Ich brauche dringend Schutz. In dem Moment wird der Mann zum Gorilla, und nimmt diese Schutzaufforderung ganz banal an.

Männer sind eben fürchterlich banal in ihrer psychologischen Funktionsweise. Übrigens viel banaler als Frauen. Männer müssen sich gegenseitig etwa immer erst zeigen, wie unglaublich toll sie sind und wen sie alles kennen – das brauchen sie tatsächlich. Es ist also ein legitimes Mittel mit Rollenklischees zu arbeiten und damit Wirkungen zu erzeugen – aber man muss es unter Kontrolle haben und bewusst agieren. Wenn ich das nicht bewusst steuere, dann können Status-Signale dazu führen, dass ich Dinge kommuniziere, die ich gar nicht kommunizieren will. Etwa, wenn ich kommunizieren will: Liebes Publikum, ich habe die Sache hier im Griff und ich weiß ganz genau, wie wir was machen. Wenn der Körper dann aber sagt: Ich bin unsicher und fühle mich klein, dann wird die Message nicht ankommen, egal wie laut ich sie sage. Das erlebe ich leider ganz oft. Was dann hilft ist, den Wirkmechanismus verstehen lernen und mit diesem Werkzeug die beabsichtigte Wirkung erzeugen – diese kann übrigens auch ‚Unsicherheit‘ sein. Immer abhängig davon, was ich will.“

Es könnte also eigentlich ganz einfach sein.

„Ja, nur leider haben die meisten keine Ahnung von ihrer Wirkung auf andere, welche Signale sie senden und was das beim Gegenüber auslöst.“

Warum fällt es uns denn eigentlich so schwer, unsere eigene Wirkung einzuschätzen?

„Da geht es einfach um Selbst- und Fremdwahrnehmung. Um unsere Fremdwahrnehmung zu verstehen, muss sie von anderen gespiegelt werden. Ich weiß selbst auch oft nicht, wie ich wirke, auch wenn ich mich schon sehr lange damit beschäftige. Die Frage ist aber auch, will man sich selbst permanent so deutlich wahrnehmen? Viel wichtiger als die Überlegung, was ich mit meinen Händen während des Vortrags mache, ist sich ganz auf das Gegenüber einzulassen. Wer das schafft, sich selbst vergisst und zu 100 Prozent bei seinem Gegenüber und bei seinem Inhalt ist, wird automatisch einen guten Vortrag halten. Denn dann zieht der Körper automatisch mit, ohne dass man ihn kontrollieren muss.“

„Mach Fehler und bleib glücklich!“

Um das zu schaffen, muss man aber erst einmal seine Nervosität in den Griff bekommen.

„Nun, es gibt zwei Arten von Nervosität. Einmal die Aufregung, bevor man auf die Bühne geht und einmal die, die während der Zeit auf der Bühne entsteht. Gegen die Nervosität vor einem Auftritt kann man ehrlich gesagt nicht viel machen. Das bleibt auch noch, wenn man schon jahrelang auf der Bühne unterwegs ist. Das ist aber auch nicht schlimm, denn diese Aufregung ist eine gute Energie, die man für sich nutzen kann! Allerdings nur dann, wenn sie weggeht, sobald man auf der Bühne ist. 

Wenn sie nicht weggeht oder wiederkommt, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Und da sind wir wieder bei dem Punkt der Defensive. Denn Aufregung entsteht manchmal durch den Körper. Wir denken ja häufig, unser Geist sagt unserem Körper, was er machen soll – doch häufig ist es umgekehrt. Unser Körper nimmt eine bestimmte Haltung ein und unser Kopf denkt: Aha, ich bin ängstlich oder unsicher. Es hilft auch auf der Bühne, sich regelrecht zur Haltung zu zwingen und so dem Kopf Ruhe zu geben. Und wenn mal was schiefgeht, dann ist das nicht schlimm. Eine Panne oder ein Fehler ist eigentlich das Beste, was einem auf der Bühne passieren kann. Im Fehler kann ich schnell viele Wirkungen erzeugen: Kontrolle, Humor, Selbstbewusstsein, Furchtlosigkeit – und vor allem Authentizität. Eine meiner wichtigsten Bühnenregeln lautet daher: Mach Fehler und bleib glücklich!“

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