Foto: Susanne Friedel | SOS MEDITERRANEE

Verena Papke: „Auf dem Mittelmeer sterben immer noch Menschen, es berichtet nur keiner mehr darüber”

Die Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien ist für viele Flüchtende die einzige Hoffnung nach Europa zu kommen, doch die EU und die libysche Küstenwache versuchen immer drastischer auch diese Fluchtroute zu schließen. Die Seenotrettungsrganisation SOS Mediterranée arbeitet mit ihrem Schiff in diesem Gebiet. Ein Interview.

 

„Wir erleben, dass viele der Frauen, die wir an Bord nehmen, vergewaltigt worden sind”

Erst am 12. Mai rettete die europäische Seenotrettungsorganisation SOS Mediterranée auf der Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien 73 Menschen aus einem überfüllten Schlauchboot. Anstatt danach weiter nach Flüchtenden in Seenot zu suchen, musste die Crew auf Anweisung der italienischen Küstenwache nach Italien zurückkehren. Was deutschen Medien oft höchstens noch eine Randnotiz wert ist, ist für die Rettungsorganisationen und flüchtende Menschen weiterhin bitterer Alltag: 2018 hat die Organisation bereits 1.755 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Wir haben mit der deutschen Geschäftsführerin von SOS Mediterranée, Verena Papke, über die verheerende Situation in Libyen, die Verantwortung der EU und die Realität auf dem Mittelmeer gesprochen. Der Verein hat gerade auch ein Dossier über Frauen auf der Flucht veröffentlicht. 

In einem Text eurer Hilfsorganisation wirst du wie folgt zitiert: „Wieso fragen wir uns nicht, warum es keine Empörung mehr darüber gibt, wenn auf dem Mittelmeer Menschen ertrinken.” Stellen wir uns diese Frage also: Warum ist das so?

„Ich glaube, es ist ein ganz klassisches Phänomen, dass es für globale Krisen nur kleine Aufmerksamkeitsfenster gibt, in denen die Medien darüber berichten. Das sieht man auch gut an Syrien. Syrien war ganz lange in den Schlagzeilen, dann hörte man lange nichts, obwohl der Krieg nicht vorbei war. Und dann gab es wieder einen Giftgasanschlag und es war wieder in den Medien. Das Gleiche passiert im Prinzip mit der humanitären Krise im Mittelmeer. Die Situation hat sich nicht wirklich geändert, Menschen flüchten weiterhin aus Libyen, aber es wird so gut wie gar nicht mehr darüber berichtet. Und man merkt, dass die Menschen ein Stück weit krisenabgestumpft sind, dass es in Bezug auf Bilder von Geretteten, auf das ganze ,Elend’, eine gewisse Abstumpfung gibt. 

Das ist das eine, dass man mit wahnsinnig vielen schlechten Nachrichten aus der ganzen Welt überschüttet wird und das Mittelmeer eben auch nur eine Krise dieser Welt ist. Zum anderen ist es aber auch politisch nicht gewollt, dass bekannt wird, was dort immer noch passiert. Der Weg zwischen Libyen und Italien, dort wo wir arbeiten, ist eine der einzigen noch offenen Fluchtrouten nach Europa. Und die Europäische Union versucht mit der Aufrüstung der libyschen Küstenwache und der Verschärfung der Grenzkontrollen Menschen von der Flucht abzuhalten.”

„Die Schwangerschaftsraten sind in den letzten Monaten erheblich gestiegen. Das führen wir auf strukturelle Vergewaltigungen in Libyen zurück.”

Und wie sieht die Realität in Libyen aus?

„Die Situation in Libyen ist wahnsinnig undurchsichtig. Es gibt kaum humanitäre Organisationen, die noch vor Ort sind – ,Ärzte ohne Grenzen‘ ist eine der wenigen – weil es einfach wahnsinnig gefährlich für die eigenen Mitarbeiter*innen ist, dort zu sein. Man kann sagen, dass in Libyen einzelne Regime (unter anderem der sogenannte Islamische Staat) sich die Macht untereinander aufteilen. Es gibt keine funktionierende Regierung. Wenn man schwarz ist, ist man eigentlich Freiwild. Alle Geflüchteten, die bei uns an Bord kommen, waren in Libyen massiver Gewalt ausgesetzt. Sei es in den offiziellen sogenannten ,Detention Centers’ oder den informellen Lagern, in denen sie mehrere Wochen oder Monate  von Milizen festgesetzt wurden und nur gegen Geld freigekommen sind.

Oder sie haben es eben gerade noch auf ein Holz- oder Schlauchboot geschafft. Der Weg, wenn man über Libyen flüchtet, ist im Prinzip vorgegeben, weil es Schleppernetzwerke gibt, die die geflüchteten Gefangenen Stück für Stück weiterbringen und dafür ihren Sold oder ihre Erpressungsgelder einfordern. Wir erleben, dass viele der Frauen, die wir an Bord nehmen, vergewaltigt worden sind. Die Schwangerschaftsraten sind in den letzten Monaten erheblich gestiegen. Das führen wir auf strukturelle Vergewaltigungen in Libyen zurück. Das können wir natürlich nicht beweisen, aber die Rate der Schwangeren ist eine Statistik, die wir haben. Und auch der Gesundheitszustand der Geflüchteten, der im Übrigen nie gut war, hat sich noch einmal verschlechtert.”

„Wenn die libysche Küstenwache die Flüchtende ,rettet’, ertrinken diese erst einmal nicht, aber sie werden eben zurückgebracht in eben jene Zustände, vor denen sie geflohen sind. Und da muss man sich fragen, welche Bedeutung das Wort ,retten’ dann noch hat.”

Das heißt, ihr seht eine Verschlechterung des Zustandes der Geflüchteten seit der gesteigerten Zusammenarbeit zwischen der EU und Libyen?

„Ob man diesen Kausalzusammenhang schließen kann, weiß ich nicht. Den Menschen, die über Libyen gekommen sind, ging es nie gut. Es gab immer Schleppernetzwerke und strukturelle Gewalt. Aber was wir zurzeit sehen ist, dass es den Menschen noch schwerer gemacht wird, diese Zustände zu verlassen. Und dass es einen Konkurrenzkampf unter den Milizen und Regierungen gibt, weil europäische Gelder nach Libyen fließen und es da aber keine geregelten administrativen Strukturen gibt. Es herrscht ein Konkurrenzkampf um Gelder der EU und einzelner Mitgliedsstaaten wie Italien. Da spielt auch die libysche Küstenwache eine Rolle, die ja ein Stück weit unter Druck steht, weil sie europäische Gelder erhält mit dem Auftrag, Menschen zu ,retten’, also zurück nach Libyen zu bringen. Aber was heißt dieses ,retten’? Wenn die libysche Küstenwache die Flüchtenden ,rettet’, ertrinken diese erst einmal nicht, aber sie werden eben zurückgebracht in eben jene Zustände, vor denen sie geflohen sind. Und da muss man sich fragen, welche Bedeutung das Wort ,retten’ dann noch hat. Der humanitäre Raum, den wir im Mittelmeer haben, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten, wird immer kleiner.”

Kann man es denn verantworten, Geflüchtete zurück nach Libyen zu schicken?

„Libyen ist kein sicherer Ort. Aus humanitärer Sicht müssen Gerettete immer an einen sogenannten ,Port of Safety’  gebracht werden – Libyen ist kein Port of Safety. Libyen ist eines der gefährlichsten Länder dieser Welt, wo die Einhaltung der Menschenrechte nicht sichergestellt ist und keinerlei Bedingungen erfüllt sind, die man normalerweise ansetzen würde, wenn man Staaten subventioniert oder Gelder zur Verfügung stellt. Alleine die Tatsache, dass es zwar eine von der UN anerkannte Einheitsregierung gibt, aber alle Berichte aus dem Land deutlich machen, dass eigentlich andere Mächte das Land kontrollieren.”

Zwischendurch wart ihr das einzig operierende Schiff vor der Küste Libyens. Wie ist die aktuelle Situation? Wie viele Organisationen arbeiten dort?

„Das Schiff der spanischen Hilfsorganisation ,Proactiva Open Arms’ wurde im März in Italien festgesetzt, mit dem Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Migration. Vor zwei Wochen ist das Boot wieder freigekommen. Zeitweise waren wir – vorher auch im Winter – das einzige Rettungsschiff, mittlerweile sind auch Sea Watch und Proactiva wieder vor Ort. Es gibt eine Art Arbeitsteilung auf dem Mittelmeer: Wir sind eine maritim-humanitäre Organisation, die professionell Menschen rettet. Andere Organisationen sind mitunter lauter. Vielleicht hat uns diese Zurückhaltung auch ermöglicht, dass wir als einzige durchgängig dort draußen sein konnten.”

„Auf See besteht der Grundsatz der Humanität und die Pflicht zu retten.”

Gibt es einen bestimmten Grund dafür, dass ihr euch nicht als aktivistisch bezeichnet?

„Wir verstehen uns als humanitäre Organisation. Unser Fokus liegt darauf, dass wir den größtmöglichen humanitären Raum ausschöpfen können. Und der ist eben am größten, wenn wir in erster Linie unsere Arbeit machen und retten, wenn wir darüber berichten, was Geflüchtete uns berichten, wenn wir darüber berichten, was in Libyen und im Mittelmeer passiert und wenn wir auch darüber berichten, wie die libysche Küstenwache arbeitet, was wir selbst erfahren als Seenotretter*innen und daraus ableitend, was die libysche Küstenwache mit europäischen Geldern macht. Da kann man dann vieles politisch in Frage stellen, aber wir haben für uns beschlossen, uns auf unser Kerngeschäft, das Retten, zu konzentrieren. Unser Einsatz richtet sich nach internationalem Seerecht, in dessen Rahmen wir mit den anderen Akteur*innen im Mittelmeer kooperieren. Auf See besteht der Grundsatz der Humanität und die Pflicht zu retten. Und so arbeiten wir dann auch.”

Wie genau ist „SOS Mediterranee” denn aufgebaut?

„Der deutsche Verein hat sich vor knapp drei Jahren gegründet, kurz danach kam Frankreich, dann Italien und die Schweiz dazu. Wir verstehen uns als europäische Organisation, auch um der Stimmung in Europa gegenüber Geflüchteten etwas Positives entgegenzusetzen. Auf dem Schiff haben wir eine internationale Crew. Die vier Vereine arbeiten zusammen und betreiben, gemeinsam mit unserem medizinischen Kooperationspartner ,Ärzte ohne Grenzen’, unser Schiff, die Aquarius. Das Retten ist unsere Kernaufgabe und erfordert viel Organisation.”

Und wie sieht die Arbeit auf dem Schiff konkret aus?

An Bord sind wir um die 30 Crew-Mitglieder, die sich dem Retten, Schützen und Begleiten der Geflüchteten widmen. Unser Team an Bord besteht aus Profis aus der Seefahrt und der Notfallversorgung.. Den medizinischen Teil übernimmt ,Ärzte ohne Grenzen’, mit einer Ärztin oder einem Arzt, einem*r Geburtshelfer*in und Pfleger*innen. Jede*r Geflüchtete wird untersucht. Es kommt immer wieder vor, dass Schwangere bei uns an Bord entbinden. Wir haben außerdem einen speziellen Schutzraum an Bord, das sogenannte ,Shelter’, in dem die Frauen und Kinder sich aufhalten können. Dann gibt es noch einen Logistiker.

Letztes Jahr hatten wir zum Beispiel bis zu 1.000 Gerettete an Bord und die Aquarius ist nur 80 Meter lang. Der Logistiker organisiert die Essensausgabe, die manchmal bis zu acht Stunden dauern kann und schaut dann darauf, dass die Menschen an Bord gut verteilt sind, dass das Schiff keine Schieflage bekommt. Außerdem kümmert sich diese Person darum, dass bei der Ankunft im Hafen keine Familien oder Freunde getrennt werden, dass Schwangere und Kranke sicher von Bord gehen können. Dann gibt es natürlich die ganz normale Schiffscrew, die das Schiff fährt. 

„Das Mittelmeer ist ein großer Raum, in dem viel passiert, aber es wird einfach nicht mehr viel darüber berichtet.”

Retten ist die eine, beschützen und begleiten die andere Aufgabe. An Bord geht es auch darum, den Menschen ein Stück Würde zurückzugeben. Wenn sie auf die Aquarius kommen, merkt man, dass die meisten völlig erschöpft und verstört sind, es gar nicht mehr gewöhnt sind, dass ihnen auf Augenhöhe begegnet wird. Außerdem sehen wir es als unsere Aufgabe, über die Fluchtgeschichte, über die Situation in Libyen und in den Herkunftsländern dieser Menschen, aber auch über die Situation auf dem Mittelmeer zu berichten, Zeugnis abzulegen.”

Und an Land?

„Ja, so ein Verein ist ja auch nicht so ganz unkompliziert (lacht). Wir haben Mitglieder, wir haben einen Vorstand, wir haben ein Kommunikations- und ein Fundraising-Team. Das Budget der Operationen beläuft sich auf vier Millionen Euro. Wir finanzieren uns komplett über Spenden, die sich europäisch zusammensetzen. Gerade da spüren wir natürlich auch die sinkende Aufmerksamkeit. Ich kann es nur wiederholen: Wir sind noch da, wir sind auch noch notwendig.”

Seit September 2017 bist du Geschäftsführerin. Wie sah dein eigener Weg in die Organisation aus?

„Ich habe als ehrenamtliche Helferin im Entstehungsprozess angefangen, kurz nach dem Schiffsunglück vor Lampedusa. Und habe dann vor allem im Aufbau des Vereins strukturell unterstützt. Nebenbei war ich selbstständig und habe mal mehr, mal weniger für SOS Mediterranee gemacht. Und als dann hauptamtliche Strukturen etabliert wurden, habe ich zuerst zu in Teilzeit die Kommunikation gemacht und im September die Geschäftsführung übernommen. Letztes Jahr war ich drei Wochen an Bord und ich bin regelmäßig beim Crewwechsel in Italien vor Ort.”

„Und ja, es hilft eben leider auch, wenn man schon mal eine Leiche gesehen hat und weiß, damit umzugehen.”

Wie wird man als neues Crewmitglied auf den Einsatz vorbereitet?

Nach der Bewerbung über unsere Website führen wir ein sehr langes Bewerbungsgespräch. Wenn sich dann beide Seiten dafür entscheiden, bekommen Mitarbeiter*innen ein sehr ausführliches Briefing, um auch den politischen Kontext zu verstehen, in dem wir arbeiten. Da werden dann zum Beispiel auch Videos der Einsätze gezeigt. Und auch da gibt es noch einmal die Möglichkeit zu sagen: ,Okay, das ist mir doch zu krass.’ Wir haben mittlerweile Probleme, neue Crewmitglieder in Deutschland zu finden. Das liegt daran, dass wir versuchen, Menschen für unser Rettungsteam zu finden, die entweder einen maritimen Hintergrund haben, also Matros*innen, Seefahrer*innen oder zumindest Segler*innen  sind, oder einen Rettungshintergrund haben. Außerdem wünschen wir uns wiederkehrende Crewmitglieder, also Menschen, die regelmäßig für mehrere Wochen aufs Schiff (mindestens drei und höchstens neun Wochen und dazwischen sechs Wochen Pause) gehen können. Wir haben einfach gemerkt, dass es sinnvoll ist, dass die Leute Erfahrung mit dem Leben auf einem Schiff haben und dass sie wissen, wie man im Zweifelsfall Leben rettet. Und ja, es hilft eben leider auch, wenn man schon mal eine Leiche gesehen hat und damit umzugehen weiß.”

Was passiert mit den Geflüchteten nachdem sie von euch gerettet und versorgt worden sind?

„Die ganze Koordination eines Rettungseinsatzes läuft über die Seenotleitstelle in Rom. Von ihnen erhalten wir die Infos, zu welchem Hafen in Italien wir die Geflüchteten bringen sollen. Sie entscheiden mit den Behörden vor Ort, wer Kapazitäten hat, um Geflüchtete aufzunehmen. In den italienischen Häfen übergeben wir die Geflüchteten an humanitäre Organisationen wie das Rote Kreuz, die die Geflüchteten weiter betreuen. Strukturell können wir das weitere Schicksal der Geretteten nicht verfolgen.”

Habt ihr, obwohl ihr euch als hauptsächlich humanitäre Organisation versteht, konkrete politische Forderungen?

„Auf jeden Fall. Es ist nicht so, dass wir Schweigen zu dem, was auf dem Mittelmeer passiert. Im Gegenteil. Was wir gemeinsam mit anderen Rettungsorganisationen fordern ist zum Beispiel ein europäisches Seenotrettungsprogramm. Und das gab es ja mit ,Mare Nostrum’, bis es eingestellt wurde. Erst darauf haben sich die Schiffsunglücke gehäuft, weil eben keine Retter*innen mehr da waren. Die Seenotrettung sehen wir aber eigentlich als staatliche Aufgabe an.”

„Ich fürchte, dass weniger Schiffe auch deshalb politisch gewollt sind: Weil niemand mehr sehen soll, dass Menschen auf dem Mittelmeer sterben.”

Das Schiff der deutschen Seenotrettungsorganisation „Jugend rettet” wird gerade in Italien festgehalten. Auch diesen Crewmitgliedern wird Kooperation mit Schleppern vorgeworfen. Wie steht ihr dazu?

Es ist ja bekannt, dass es keinerlei Beweise für die Vorwürfe gegen „Jugend rettet” gibt. Wir sind im regelmäßigem Austausch mit allen anderen Seenotrettungsorganisationen. Wir teilen Informationen miteinander und solidarisieren uns mit der Forderung der Freigabe der Iuventa und dass die Vorwürfe gegen ,Jugend rettet‘ fallengelassen werden. Auf der anderen Seite sind wir froh, dass wir weiter draußen sein können. Mit dem Urteil vor zwei Wochen, das entschieden hat, dass das Schiff nicht freikommt, wurden eben auch besiegelt, dass es weniger Rettungskapazitäten auf dem Mittelmeer gibt. Ein Schiff weniger, dass Leben retten kann. Zu den Zeiten, in denen wir ganz alleine auf dem Meer waren, bedeutete das zum Beispiel, dass wenn wir Gerettete an Bord hatten und diese zu einem Hafen gebracht haben, in der Zwischenzeit niemand da draußen war. Vielleicht sind also Menschen ertrunken, aber es war eben keiner da, um das zu bezeugen. Neben dem Retten bezeugen wir eben auch, was dort passiert. Ich fürchte, dass weniger Schiffe auch deshalb politisch gewollt sind: Weil niemand mehr sehen soll, dass Menschen auf dem Mittelmeer sterben.

Die Stimmung hat sich ja in ganz Europa, aber auch in Deutschland geändert und das merken wir natürlich auch bei unseren Spenden. Es gibt zwar keine Unterstützer*innen, die der Meinung wären, das, was wir tun, sei doch schlecht, aber es ist schwerer geworden, neue Spender*innen zu gewinnen.”

Die europäische Grenzschutzagentur Frontex soll in den nächsten Jahren von 1.200 Mitarbeitern auf 10.000 vergrößert werden. Welche Konsequenzen würde das für die Seenotrettung bedeuten?

„Das sind natürlich nur Hypothesen, die man formulieren kann, aber Frontex hat ja offiziell die Aufgabe ,Schlepper zu bekämpfen’. Diese Mission hat schon jetzt dazu geführt, dass die Schlepper gar nicht mehr an Bord der Boote sind. Die Schlepper schicken die Geflüchteten in zwei Millimeter dicken Schlauchbooten aufs offene Meer, sagen: ,Das ist der Motor, hier ist der Benzinkanister, da vorne, wo es leuchtet, das ist Europa. Immer da lang.’ Deshalb ist es auch absurd, das Ganze als ,Schlepperbekämpfung’ zu bezeichnen. Der einzige Effekt, den es hat, ist, dass die Schlauchboote immer schlechter werden, weil die Schlepper kein Geld in Boote stecken wollen, die sie sowieso nicht zurückbekommen.

Und wenn man sieht, worauf die europäische Politik ihren Fokus schon jetzt legt und weiter legen wird, nämlich die Sicherung der Binnen- und Außengrenzen, dann wird der Beschluss zu Frontex sicherlich auch die Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien treffen. Wenn man so will, stehen alle politischen Zeichen gegen uns, gegen humanitäre Rettung im Mittelmeer.”

„Ich habe die Befürchtung, dass es uns irgendwann in dem Einsatzgebiet nicht mehr geben kann. Aber nicht, weil wir nicht mehr gebraucht werden, sondern weil wir gezwungen werden, aus Sicherheits- oder aus anderen Gründen, unsere Mission zu unterbrechen.” 

Habt ihr bei der Gründung vor knapp drei Jahren gedacht, dass es euch so lange geben und auch brauchen würde? Und hast du noch die Hoffnung, dass es euch irgendwann nicht mehr geben muss?

„Ich habe die Befürchtung, dass es uns irgendwann in dem Einsatzgebiet nicht mehr geben kann. Aber nicht, weil wir nicht mehr gebraucht werden, sondern weil wir gezwungen werden, aus Sicherheits- oder aus anderen Gründen, unsere Mission zu unterbrechen. Die Sicherheit des Teams steht an vorderster Stelle und je nachdem, wie die libysche Küstenwache agiert, was politisch passiert und was den humanitären Raum, der uns gerade noch offensteht, weiter einschränkt, werden wir dort womöglich nicht mehr arbeiten können. Andere humanitäre Organisationen müssen sich bereits jetzt aus Libyen und aus dem Mittelmeer zurückziehen.

Vor drei Jahren wollten wir in Reaktion auf die Ereignisse und die Toten einfach nur so schnell wie möglich ein Schiff auf die Route bringen, um die Lücke zu füllen, bis es wieder ein europäisches Seenotrettungsprogramm geben würde. Jetzt sind wir immer noch da und es wird versucht, uns da draußen das Leben schwer zu machen.”

Wie schafft man es dann, nicht komplett zu resignieren?

Ich glaube, indem man sich immer wieder vor Augen führt, wofür man es macht. Ein paar hundert gerettete Menschen, wie Ende April, wiegen alle schlaflosen Nächte, alle strapazierten Nerven und alle Kämpfe auf. Man weiß nie, was der Tag bringt. Und der Gedanke der Gleichheit. Egal wer, egal ob Gerettete*r oder Retter*in. Außerdem das Wissen, als Team diesem Rechtsruck etwas entgegenzustellen. Ich glaube, es gibt genug Leute, die das machen, ich glaube, die anderen sind weniger, aber lauter. Ich glaube, auf eine gute Art und Weise laut zu sein, ist gar nicht so einfach.”

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