Foto: Sie & Ich

Vera Steinhäuser: „Wir brauchen einfach mehr Vorbilder für Frauen”

Frauen fehlen in Führungspositionen. Auch in der Werbebranche. Eine der wenigen dort ist Vera Steinhäuser. Sie brannte schon für digitale Medien, als deren Hype noch längst nicht absehbar war. Ein Interview.

 

Ein digitaler Dinosaurier 

Sie brannte schon für digitale Medien, als deren Hype noch längst nicht absehbar war, warum Vera Steinhäuser mit knapp 30 Jahren bei BBDO ganz oben stand. Können, Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein drei weitere. Ein Kind später war’s dann aber nix mehr mit der Führungsposition. Mittlerweile macht Vera ihr eigenes Ding und das nicht minder erfolgreich. „Sie & Ich“ heißt ihre Agentur. Elliot heißt ihr 4-jähriger Sohn. Ein Interview mit einer ziemlich lässigen und extrem entspannten Werberin, die auf Klischees pfeift und Mut macht.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass Frauen in den Führungspositionen der Werbebranche noch immer unterrepräsentiert sind?

„Zum einen daran, dass wir als Frau immer gesagt bekommen: Man muss sich entscheiden. Wir können das eine machen oder das andere. Beides geht angeblich nicht. Und zum anderen hat die Werbebranche sicherlich Aufholbedarf. Wir behaupten von uns immer, dass wir eine super innovative Branche sind, erfinden innovative Kampagnen für unsere Kunden, wollen fortschrittsorientierte Berater sein. Und in Wahrheit schaffen wir es nicht, in unseren eigenen Reihen innovative Strukturen zu schaffen. Das versteht eigentlich kein Mensch. Zum Beispiel, was flexible Arbeitszeiten anbelangt. Es wird eigentlich permanente Präsenz erwartet. Zudem gibt’s ein derartiges Machogehabe, das wird bis ins Letzte kultiviert. Frauen bringen oft nicht den Mut auf, sich dagegen aufzulehnen.”

Wie funktioniert es trotzdem bzw. wie ist es dir gelungen, Karriere zu machen?

„Sich selbst etwas zutrauen – der Weg zum gesunden Selbstbewusstsein ist ganz ganz wichtig! Da müssen wir Frauen noch einen Zahn zulegen. Meine Eltern haben es irgendwie geschafft, mich mit einem Selbstbewusstsein groß zu ziehen, sodass ich mich nie als Frau per se benachteiligt gefühlt habe. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ich bin teilweise schon mit viel Blauäugigkeit und Naivität an Dinge herangegangen und habe mir gar nie überlegt, ob ich einen Nachteil haben könnte. Aber eben genau das hat mir wahnsinnig geholfen und mich auch dazu gebracht, Dinge anzupacken. Wir Frauen müssen dieses Selbstverständnis lernen. Wenn wir jeden Tag aus dem Haus gehen und uns denken: „Scheiße, das ist schwierig“, hilft das niemandem.

„Will man Karriere machen, muss man verdammt viel leisten – egal ob als Mann oder als Frau. Man muss performen und man braucht Kondition.” 



Aber Selbstbewusstsein allein ist auch nicht die Lösung?

„Nein, natürlich nicht. Will man Karriere machen, muss man verdammt viel leisten – egal ob als Mann oder als Frau. Man muss performen und man braucht Kondition. Eines meiner Lieblingsbücher als Kind war „Sarah Key – Mädchen haben viel zu tun“. Und offensichtlich hat mir das in Sachen Kondition einiges mitgegeben (lacht). Und wichtig ist, mit echter Konsequenz hinter Dingen zu stehen, von denen man überzeugt ist. Ich habe das Thema digitale Medien für mich beansprucht, als es ultrahip war. Kurz danach hat sich niemand mehr dafür interessiert, ich mich schon. Und ich hab mich auch richtig reingekniet und für das Thema mit voller Leidenschaft getrommelt. Daher werde ich immer wieder auch als digitaler Dinosaurier bezeichnet. Das hab ich mir nicht ausgesucht, das Schild wurde mir umgehängt und ich nehm’s als Kompliment. 

Ein weiterer wichtiger Punkt: Wer Karriere machen will, muss auch Grenzen setzen. Männer können viel besser ihre Bereiche abstecken als Frauen. Frauen sind im Beschützen dessen, was sie gut können, weniger gut. Sie lassen sich viel öfter zu etwas hinreißen. Auch das ,Nein’ sagen müssen wir üben. Wer den Weg nach oben gehen will, muss auch darauf vorbereitet sein, dass da ein rauer Wind weht. Die Werbebranche ist keine Branche, die einen mit Samthandschuhen anfasst. Trotz meines Sarah Key-Selbstbewusstseins gehen auch mir manche Angriffe bzw. Übergriffe nahe.

Wie lassen sich Karriere und Muttersein vereinbaren?

„Eigentlich hätte ich mir die Frage gewünscht: Wie lässt sich Elternschaft und Karriere vereinen. Wir wissen aber alle, wie realistisch das ist. Ich habe für mich beschlossen, komplette Transparenz zu leben. Meine Kunden wissen alle, wie meine private Situation ist. Für mich gehört diese Transparenz einfach dazu, so ist das für mich lebbar und auch authentisch. Ich bin überzeugt dass Muttersein und Karriere möglich ist. Mit Abstrichen, aber es ist möglich. Wir Frauen sollten anfangen, uns das auch zuzutrauen.” 

Sich selbst mehr zuzutrauen ist das eine. Aber ganz ohne Unterstützung geht’s halt leider auch nicht, oder?

„Ganz genau und das ist auch der Knackpunkt. Wer den Spagat Kind-Karriere schaffen will, muss Hilfe annehmen können und eben genau das ist für viele das schwierigste. Ich selbst war immer völlig autonom und freigeistig, eine, die überhaupt niemanden gebraucht hat. Plötzlich war ich auf andere angewiesen, das war ein hartes Learning: zum einen, Hilfe anzunehmen und zum anderen, um Hilfe zu bitten. Und bei dem Ganzen darf man nicht vergessen, sich auch Zeit für sich selbst zu nehmen. Man braucht Ressourcen, muss sich sammeln und Energie tanken und zu sich selbst finden. Es kann nicht sein, dass man nur Mutter oder Geschäftsfrau ist. Zwischen diesen Welten, die eine vollkommen andere Taktung haben, muss auch Platz für einen selbst bleiben.”

Vielen Frauen gelingt es nicht, sich neben Job und Kind noch Zeit für sich selbst rauszunehmen, weil sie sowieso schon mit dem schlechten Gewissen kämpfen. Wie geht’s dir damit?

„Viele haben mich davor gewarnt. Und ich habe mich gut vorbereitet, damit ich nicht in diese Falle tappe. Denn wenn man permanent von schlechtem Gewissen geplagt wird, agiert man nicht mehr frei.”

Wie können sich Frauen gegenseitig besser unterstützen?

„Es ist wichtig, dass wir über Quotenregelungen sprechen und es ist wichtig, dass wir darüber reden, dass Frauen bei gleicher Arbeit immer noch weniger verdienen. Beides ist Gott sei dank als Thema präsent in der Gesellschaft. Was wir selber als Frauen noch dazu beitragen können: Andere Frauen gut finden! Das wäre eigentlich auch gar nicht so schwer, möchte man meinen. Andere Frauen am Spielplatz gut finden. Eine andere Mutter gut finden, auch wenn sie Milchschnitte verabreicht und nicht die selbstgerösteten Kürbiskerne. Eine Kollegin gut finden, auch wenn man der Meinung ist, sie trägt einen viel zu engen Rock. Vielleicht findet sie ihn super – es ist ihr Recht zu entscheiden, welchen Rock sie gut findet. Es ist die Entscheidung einer Frau, wenn sie ehrgeizig ist und Karriere machen will. Wir sollten nicht so schnell verurteilen. Wir brauchen einfach mehr Role Models für Frauen. Wenn wir von einem coolen Typ sprechen, dann kann das ein erfolgreicher Geschäftsmann genauso wie ein lässiger Bauhackler sein. Aber was ist eine coole Frau? Das klassische Bild einer perfekt Frau ist heutzutage: Verheiratet, zwei Kinder und 30 Stunden in einem mittelanstrengenden Job. Wenn jemand dieses Bild erfüllt, dann meckert niemand. Fällt irgendwas weg, gibt es schon Probleme. Das ist des Pudels Kern.

„Es ist wichtig, dass wir Frauen Spaß dabei haben, Frau zu sein. Nicht zu sagen, ich mache Karriere obwohl ich eine Frau bin, sondern zu sagen: Ich
mach Karriere, weil ich eine Frau bin.”

Was kannst du Frauen mit auf den Weg geben?

„Wir Frauen haben wahnsinnig viele Rollen und die werden wir auch nicht mehr los. Das zu akzeptieren ist der erste Schritt. Der zweite ist: Das super finden. Es ist wichtig, dass wir Frauen Spaß dabei haben, Frau zu sein. Nicht zu sagen, ich mache Karriere obwohl ich Frau bin, sondern zu sagen: Ich mach Karriere, weil ich Frau bin. Ich habe irgendwann beschlossen, die Klischees hinter mir zu lassen und sie anderen zu überlassen. Wenn sie gerne damit leben wollen, dann ist das ihr Ding, mich interessieren sie nicht. Ich mach mein Ding und spiele mein Spiel, nach meinen eigenen Regeln. Und ich habe meinen Spaß dabei und genau das ist auch ein wichtiger Faktor, wenn man erfolgreich sein will.”

Dieser Beitrag ist zuerst auf Julias Blog Alltagsheldinnen erschienen. Wir freuen uns, dass sie ihn auch hier veröffentlicht. 

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