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Feministische Schwangerschaft – Bin ich die einzige mit ungewöhnlichen Fragen?

Ängste, Verzweiflung, Wut – Gefühle die man nicht unbedingt mit dem Thema Schwangerschaft assoziiert. Auch wenn die halbe Gesellschaft mitredet, bleiben viele Schwangere mit ambivalenten Gefühlen allein zurück. Warum wir offen und laut darüber sprechen müssen.

 

Wie können Feminismus und Schwangerschaft zusammen gedacht werden?

Es gibt viele Blogs, Ratgeber und Publikationen zu feministischer Mutterschaft und Kindererziehung, der feministische Blick auf Schwangerschaft scheint aber immer noch etwas Ungewöhnliches zu sein. Mit feministischer Schwangerschaft assoziiere ich im Grunde nichts anderes als eine selbstbestimmte Schwangerschaft – was auch immer das im Einzelfall bedeutet. Für mich persönlich bedeutet es oft einfach, andere Entscheidungen als „die Anderen“ zu treffen und diese permanent zu verteidigen.

Dieser Erkenntnis gehen Phasen größerer und kleinerer Verzweiflung voraus, in denen mir dieses „Anders-Fühlen” Angst gemacht hat. In der Auseinandersetzung mit feministischer Schwangerschaft, habe ich realisiert, dass viele Frauen das Gefühl des „Anders-Seins“ während der Schwangerschaft teilen. Einige schreiben darüber, oftmals allerdings anonym. Vielleicht fühlen sich diese Gedanken auch für sie verboten an. Sie sind aber nicht verboten und wir müssen anfangen, darüber zu sprechen, anstatt uns dafür zu schämen.

Feststehendes hinterfragen 

Alles begann für mich mit der Frage, warum es eigentlich so sein muss, dass Frauen die Schwangerschaft austragen (und ja, ich bin mir der biologische Gegebenheiten bewusst). Ich hätte es optimal gefunden, wenn mein Freund und ich zu Beginn hätten entscheiden können, für wen von uns die Schwangerschaft gerade besser in die Lebensplanung passt. Ich weiß, dass das nicht geht und manchmal finde ich das sehr schade. Von mir aus könnte die Schwangerschaft auch kürzer sein – drei Monate hätte ich für vollkommen ausreichend gehalten. Ich hänge nicht besonders daran. Mich nerven die körperlichen Einschränkungen (die bei mir sehr gering ausfallen), mir macht die anstehende Geburt Angst (abgesehen von den üblichen Details unterschrieb ich neulich, dass lebensbedrohende Komplikationen nicht auszuschließen sind) und ich mache mir Sorgen über die Zeit nach der Geburt, ganz besonders die Einschränkung meiner beruflichen Zukunft (Danke, ich fühle mich bereits wie eine Rabenmutter!). Insgesamt finde ich es ungerecht, dass die Schwangere viel mehr Einschränkungen ausgesetzt ist als ihr Partner oder ihre Partnerin. 

Das Kind BRAUCHT die Mutter?!

Verboten und falsch fühlt sich an, dass ich Zweifel an der sehr verbreiteten Ansicht habe, es könne diese eine „besondere“ Beziehung nur zwischen Mutter und dem ungeborenen Kind und nicht zwischen Vater und Kind geben. Diese einzigartige Beziehung zwischen ungeborenem Kind und Mutter soll ja alle Einschränkungen während der Schwangerschaft aufwiegen – und schon zu schreiben, dass die Schwangere Einschränkungen ausgesetzt ist, fühlt sich falsch an. Mal abgesehen davon, dass diese Annahmen einen großen Druck auf werdende Mütter ausüben – denn was ist, wenn die Beziehung am Ende nicht so einzigartig ist?! – kann ich es mir einfach nicht vorstellen. Ich glaube, dass es Typsache ist und vom Individuum statt vom Geschlecht abhängt. Und ich bin sicher, dass Frauen und Männer sehr wohl aktiv gestalten können, wie eine Beziehung zum Kind aufgebaut werden kann. Spätestens ab diesem Punkt erwarte ich, dass mir unendlich oft entgegen schallt: „Das stimmt nicht! Die Frau erlebt die Schwangerschaft viel intensiver und das begründet auch die engere Bindung des Kindes später an die Mutter. Das Kind BRAUCHT einfach die Mutter!“ Und ich will trotzig „Nein!“ zurück brüllen und fühle mich wie ein Freak. Es sind diese verbotenen Gedanken, die über die Schwangerschaft gewachsen sind und mich immer ratloser zurückgelassen haben. Ich habe mich genau wie Ninia LaGrande gefragt: Gibt es noch andere Frauen, „die nicht ständig glückselig und vorfreudig herumstrahlen“?

Manchmal bin ich glückselig, manchmal bin ich verzweifelt und fühle mich ungerecht behandelt. Eine Freundin antwortete mir neulich auf meine Ängste und Ambivalenzen, dass ich bei solchen Gedanken eben nicht hätte schwanger werden dürfen. Denn: So IST das halt eben. 

In mir wehrt und sträubt sich alles. Ich will nicht akzeptieren, dass das „eben so ist“. Es muss doch Möglichkeiten dazwischen geben – zwischen: „Ich bekomme kein Kind“ oder „Ich trage die größte Last alleine“.

Die Schwangerschaft als gesellschaftliches Event

Kritisch sehe ich auch die Erwartungshaltung, die an Schwangere gestellt wird. Zum einen kann es passieren, dass Bekannte, Freunde oder auch Halb-Fremde unangekündigt an den Bauch fassen. Ich mag das nicht und ich will mich auch nicht schlecht fühlen müssen, weil ich das nicht mag. Und doch habe ich stets das Gefühl, ich müsse mich für diese Ablehnung rechtfertigen. Mein Bauch ist weiterhin Teil meines Körpers und nur, weil er auffälliger ist, ist er nicht eine angeklebte, gefühllose Extremität. Wäre ich nicht schwanger, würde man mir niemals an meinen Bauch fassen, wollte man nicht als kompletter Weirdo dastehen. 

Zur äußerlichen Einmischung in meine Privatsphäre gesellt sich schnell die argumentative: Alle reden mit und die meisten wissen es besser. Dabei scheint mir die Expertise, die sich manche Menschen – ob mit oder ohne Kind – zutrauen, hauptsächlich daher zu rühren, dass sie selbst mal Säugling und Kind waren. Emma Goldbitch schreibt dazu: 

„Spannend dabei ist, dass weder Bedürfnisse, Befinden noch Gefühle der Frau dabei eine Rolle spielen, über  deren Bauchinhalt verhandelt wird, als wäre sie plötzlich nichts weiter als eine Hülle. […] Für viele  Entscheidungen, die man im Laufe einer Schwangerschaft treffen muss, und die nicht einhergehen mit dem ,normalen‘, weil gesellschaftlich üblichen Verhalten, musste ich mich plötzlich rechtfertigen oder zumindest argumentieren, warum ich bzw. wir diesen und nicht den ,gewohnten‘ Weg gehen möchten. […] Nahezu jede  Äußerung meinerseits zu Selbstbestimmung, positiver Geburtseinstellung oder Vereinbarkeit von einem Leben mit Kindern ohne Aufgabe der eigenen Interessen wurde mit Unverständnis, Kopfschütteln oder einem belehrenden Argument, dass es ganz sicher ganz anders sein wird, begegnet.”

Ich empfinde die Schwangerschaft als etwas sehr Privates – und habe trotzdem das Gefühl, das alle mitdiskutieren: Die Schwangerschaft wird zu einem gesellschaftlichen Event. In der Krankheits- und Sterbephase meines Vaters hätte ich mich über auch nur halb soviel Anteilnahme gefreut. Doch während Krankheit und Sterben hinter verschlossenen Türen geschieht, werden Themen wie Dammschnitt, Nachgeburt und Kinderwagen in großer Runde beim Abendessen diskutiert. 

Die Schwangerschaft geht nur mich und meinen Partner etwas an

Tatsächlich treffen mein Freund und ich die anstehenden Entscheidungen alleine und einige davon mögen auf unsere Mitmenschen unverständlich wirken. Doch auch vom Mainstream abweichende Entscheidungen müssen in unserer Gesellschaft akzeptiert werden. Es ist unser gutes Recht, das Geschlecht vor der Geburt niemandem mitzuteilen, ebenso unsere Namensüberlegungen, und das, auch wenn wir damit einigen Menschen die Laune vermiesen. 

Und nochmal zur Erinnerung an alle Nicht-Schwangeren, die es nicht fassen können, dass man beispielsweise keine Gelüste hat: Jeder Mensch ist anders und es zeugt nicht von Abartigkeit, wenn man als Schwangere keine geschwollenen Füße, keine Heißhunger-Attacken und keine enorme Gewichtszunahme zu verbuchen hat.

Natur und Natürlichkeit 

Körper, Natur und Natürlichkeit werden beim Thema Schwangerschaft und Kindererziehung in unserer technisierten Welt immer wieder als Argument ins Feld geführt. Das äußert sich beispielsweise so, dass eine Freundin beim Thema Stillen für „Natürlichkeit“ plädiert, da das „das Beste“ für das Kind sei. Ich frage mich, was sie wohl darauf antworten würde, wenn ich sie darauf hinwiese, dass auch Kaiserschnitte nicht natürlich, aber unter Umständen das Beste für Mutter und Kind sind. Milch abzupumpen hält sie jedenfalls nicht für natürlich. Zur Verdeutlichung fügt sie hinzu, dass ich, wenn ich auf einer einsamen Insel wäre, ja auch nicht abpumpen könne. Der Punkt ist, dass ich mich eben nicht auf einer einsamen Insel befinde (schön wär’s, denke ich manchmal), sondern in Berlin-Mitte. Fahrrad fahren ist by the Way auch nicht wirklich natürlich… 

Natur kommt auch ins Spiel, wenn es um das Thema Care-Arbeit geht: Das Modell der Arbeitsteilung, bei dem die Mutter fürs Füttern zuständig ist und der Vater fürs Wickeln, wird von einem befreundeten Vater im Beisein seiner Partnerin lachend kommentiert: „Das funktioniert eh nicht lange. Das Muttergen setzt sich da schon durch.“ Er fügt hinzu, dass es doch gerecht sei: Er arbeitet, seine Freundin kümmert sich um’s Kind – genau mein Horror. 

Jochen König schreibt dazu:

„Während Väter gefeiert werden, wenn sie nur den kleinen Finger rühren, wird von Müttern wie selbstverständlich erwartet, dass sie nach der Geburt eines Kindes ihre persönlichen Bedürfnisse zurückstellen und im Zweifelsfall auch komplett alleine für das Kind sorgen. Um auch nur halbwegs gleichberechtigt über die Aufteilung von anfallenden Arbeiten verhandeln zu können, müssen alle an der Aufteilung beteiligten Personen zumindest grundsätzlich die gleichen Optionen haben.”

Spätestens ab diesem Punkt muss man sich für die eigene Entscheidung in der Hinsicht verteidigen, da sie als Kritik an anderen Lebensmodellen verstanden wird. Mir ist vollkommen klar, dass es viele Frauen gibt, die aus langer gründlicher Reflexion oder einem sicheren inneren Gefühl heraus sagen können, dass sie komplett in der Schwangerschaft und Mutterschaft aufgehen, gerne mehr Aufgaben der Care-Arbeit übernehmen als der Partner oder die Partnerin, nach der Geburt zuhause bleiben und nicht arbeiten. Doch die Entscheidungen zum Beispiel darüber, wie man die Elternzeit gestalten will, werden – wie Stefanie Lohaus schreibt – eben

„nicht in einem luftleeren Raum getroffen, sondern in einem gesellschaftlichen Klima, das noch immer von klassischen Rollenerwartungen dominiert wird. In dem Frauen im Beruf benachteiligt werden, weniger Aufstiegschancen haben und für dieselbe Arbeit weniger verdienen.”

Die in meinem Freundeskreis überwiegende Aufteilung, dass die Frau Elternzeit nimmt und der Partner weiterarbeitet, rührt mit Sicherheit auch oft daher, dass es sich für Frauen, durch die Historie und unsere Sozialisierung legitimiert, viel eher anbietet, nach der Geburt zuhause zu bleiben, mindestens für einige Monate, wenn nicht Jahre. Für viele Frauen mag die Schwangerschaft ein willkommener Grund sein, aus dem Job auszusteigen, da sie dort unglücklich oder unzufrieden sind. Ich kenne aber mindestens genauso viele Männer die in ihren Jobs unzufrieden sind. Für sie wäre es in unserer Gesellschaft allerdings viel schwieriger zu begründen, längere Zeit aus dem Berufsleben auszusteigen. Tückisch an dieser Konstellation ist vor allem, dass sie den schwierigen
Berufswiedereinstieg von Frauen und damit den Kreislauf der Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt befördert. 

Zweifel sind in Ordnung! 

Ich persönlich werde versuchen, meinen Job, den ich liebe, mit Kind weiterzuführen und das auch schon relativ bald nach der Geburt. Und ich will mich dafür nicht rechtfertigen müssen.

Dieser Text ist für alle Frauen, die in der Schwangerschaft auch Momente der Verzweiflung, der Unsicherheit und der Ungerechtigkeit empfinden: Ihr seid nicht allein. Keine von uns muss sich vor irgendjemand anderen als vor sich selbst für eine Entscheidung rechtfertigen. Die Schwangerschaft gehört uns und niemandem sonst. Lasst uns offen über unsere Ängste sprechen und sie nicht verschweigen!

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