Foto: unsplash | Alejandro Alvarez

Warum es manchmal so anstrengend ist, ich selbst zu sein

Oft fällt es schwer Anderen zu zeigen, wie man wirklich fühlt. Unsere Community-Autorin Anna Lilai hat aufgeschrieben, wie es ihr manchmal wirklich geht, wie sie sich aber vor Anderen nichts anmerken lässt.

Vom Leben mit mir und meinen Seelenpflastern

Vieles erscheint mir in meinem Leben leicht, vieles schwer. Leicht ist es Freude zu empfinden, ins Kino zu gehen, zu lachen, Spaß zu haben, durch Bars mit meinen Freunden zu ziehen – die Liste könnte ewig so weitergehen. Ich bin auch zufrieden mit meinem Job und happy über meine Wohnung, die ich mit viel Liebe eingerichtet habe oder über die Stadt, in der ich lebe.

Anstrengend ist es aber ich zu sein. Mich zu spüren, zu weinen, innerlich manchmal zu verkrampfen, mich alleine zu fühlen, obwohl ich in Gesellschaft ist. Wegrennen zu wollen, aber zu bleiben und auf innerliche Wunden immer wieder Pflaster zu kleben. Manchmal wechsel ich die Pflaster, weil sie so durchgeblutet sind. Manchmal weiß ich auch, dass die ein oder andere Wunde verheilt ist und ich das Pflaster abmachen kann, ohne dass wieder etwas aufreißt. Dies können verschiedene Narben und Wunden sein: Auf dem Herzen, wegen Liebeskummer, auf der Seele wegen Lebenskummer, unter der Haut, weil man vielleicht die Schläge oder sogenannten „Klapse auf den Po”, von der Mutter während der Kindheit noch wie einen Phantomschmerz spürt. Aber keine der Wunden ist von außen sichtbar. Aber es sind meine Wunden, Wunden die ich ganz deutlich spüre.

Manchmal frage ich diese Wunden, wie es ihnen geht, wie sie die neue Liebe empfinden und ob sie bereit sind nun zu heilen. Sie antworten mir dann in Form von kleinen Zeichen. Dies kann eine Träne oder Tausende sein. Es kann aber auch sein, dass ich es körperlich spüre und verkrampfe, Druck verspüre und davon auch Kopfschmerzen bekomme. Ich habe verstanden, welche Sprache mein Körper und meine Seele sprechen und versuche dann zu antworten, in dem ich mir ein Bad einlasse oder einfach auf dem Balkon sitze und in den Himmel hochschaue, was mich entspannt und runterholt vom gedanklichen Wirrwarr. Mich anderen Menschen oberflächlich zu öffnen fällt mir leicht. Ich bin ein „Sonnenschein” sagen viele. Wohl auch wegen meiner Sommersprossen, die auch im Winter anderen ein Gefühl von Sonnenstrahlen geben. Aber den Winter in mir, obwohl draußen Sommer ist, den lasse ich andere nicht spüren. Es ist wie ein Kästchen in mir, zu dem Keiner Zutritt hat. Manchmal nicht mal ich selbst. Dann wundere ich mich, warum ich mich alleine fühle, obwohl ich gerade mit lieben Freunden zusammen bin und habe ein Gefühl der Einsamkeit und Stille, obwohl laut Musik in der Bar läuft und wir uns laut unterhalten.

Nur ich kenne mich selbst

Anstrengend ist es für mich dann, ich selbst zu sein. Weil ich mein eigenes Ich schon irgendwie mag, aber ich nicht weiß ob es andere mögen und dann nur soviel von mir preisgebe, bis andere sagen, dass sie mich mögen, mich nett und lustig finden. Das reicht mir dann fast. Die Stille in mir bleibt still und spricht nicht. Ich gehöre zu den Menschen, die keine Familie mehr haben und leider sitze ich alleine in meinem Nest. Deswegen kenne ich diese Grundstimmung der Geborgenheit nicht, die durch eine Familie entsteht und gestillt wird – aber vielleicht ist es gar nicht so und auch in Familien herrscht Kälte und es ist ein ewiges Märchen, an das ich glaube. Liebevolle Mütter, die Sonntags dein Lieblingsgericht kochen etc – sowas kenne ich leider nicht. Dafür habe ich sonntags Zeit für Sport oder auf der Couch gammeln und lesen. Alles hat seine Vorzüge. Wenn man sie sich nur lang genug einredet.

Was denken die anderen?

Mögen mich meine Freunde noch, wenn sie wissen, wer ich wirklich bin? Laufen sie schreiend weg? Wird es ihnen zu „anstrengend”, oder geht es ihnen auch oft so und ich finde quasi „Verbündete”? Ich wage mich den Schritt gar nicht zu tun. Weil ich auch schon oft enttäuscht wurde, wenn ich es wagte – andere haben darin zum Teil einen Spiegel ihrer eigenen Unzulänglichkeiten gesehen und konnten damit nicht umgehen. Deshalb ist es anstregend so zu sein, wie ich mich selbst definiere, dass andere mich mögen. Nicht in der falschen Schublade zu sitzen, sondern mit den coolen Leuten zusammen dort einsortiert zu werden. Mir die Attribute wie „spannend, fröhlich, aufmunternd, mutig, lebensfroh” anheften zu lassen – eben von Außen – und mich zu schützen vor meiner weiteren Wunde, die Angst heißt.

Nehmt mich so wie ich bin, oder stellt keine Fragen, die ich dann nicht beantworten werde. Oder ganz anders: habt keine Angst vor Wunden, sondern tröstet, nehmt in Arm, hört zu, seid da. Atmet ein und aus, sagt vielleicht gar nichts dazu und versucht nachzuspüren.

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