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Warum ich mich nicht mehr dafür schäme, dass meine Mutter „nur“ Hausfrau war

Unsere Autorin findet, wir sollten endlich auch Reproduktions- und Care-Arbeit honorieren, denn ohne geht im Kapitalismus gar nichts.

Wer kann sich an die guten alten Freundschaftsbücher erinnern? Das war lange Zeit bevor es soziale Netzwerke gab. In der Grundschule durfte ich zum ersten Mal eins ausfüllen und darin den Beruf meiner Eltern eintragen. Ich fragte sie, was ihr Beruf sei und sie überlegten kurz. Mein Vater sagte dann, bei ihm könne ich „Koch“ schreiben. Meine Mutter sagte lachend, sie sei „Hausfrau“. Damals ich dachte mir: Ja stimmt, meine Mutter ist immer zuhause mit uns. Also trug ich beides fröhlich ein. Es blieb jedoch nicht bei dieser Unbekümmertheit.

Als ich in späteren Freundschaftsbüchern die Berufe meiner Eltern eintrug, schämte ich mich fast dafür, dass meine Mutter „nur“ Hausfrau war. Denn im Laufe des Erwachsenwerdens machte ich mir das Bild zu eigen, das in unserer Gesellschaft üblicherweise über die emanzipierte Frau vorherrscht: Sie macht Karriere, steigt auf, findet den perfekten Ehemann, feiert die perfekte Hochzeit, bringt Beruf und Familie unter einen Hut und sieht dabei immer perfekt aus. So eine „starke Frau“ wollte ich auch einmal werden. 

Frauen sollen zu „Alphafrauen“ werden

Das Bild der starken Frau, das uns in Filmen, Zeitungen oder Magazinen vermittelt wird, folgt stets einem Prinzip: Du bist stark, weil du beruflichen Erfolg hast. Um ihre Karriere voranzutreiben, sollen Frauen zu „Alphafrauen“ werden: Ihre Kleidung soll exakt dem Dresscode entsprechen, und um weniger weiblich zu wirken, feilen sie an Gestik und Mimik. Manche Frauen lernen sogar, ihre Stimme tiefer zu stellen. In der Arbeitswelt werden Frauen dazu konditioniert, wie Männer zu werden und zwar nach dem Typus cis Geschäftsmann

„In der Arbeitswelt werden Frauen dazu konditioniert, wie Männer zu werden und zwar nach dem Typus cis Geschäftsmann.“ 

Diese Vorstellung folgt einer wesentlichen Grundlage unserer kapitalistischen Ordnung: Der Trennung von Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit, auch bekannt als Care-Arbeit. Die Soziologin und Philosophin Frigga Haug widmet sich in ihrer Forschung seit Jahrzehnten der Frage, wie unsere Gesellschaft diese Aufteilung überwinden kann. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten ist die Annahme, dass der Kapitalismus und das Patriarchat Hand in Hand gehen. Die kapitalistische Gesellschaftsform fußt Haug zufolge auf einer hierarchischen Anordnung, in der die Erwerbsarbeit stets über der Reproduktionsarbeit steht. „Der Bereich, in dem Leben erzeugt, gepflegt und erhalten wird, rückt dagegen an den Rand. Er wird Frauen übergeben, die damit als Trägerinnen der Lebensfürsorge selbst marginalisiert werden“, schreibt Haug in einem Essay.

Care-Arbeit sorgt für DIE Ressource des Kapitalismus: Arbeitnehmer*innen

Diese hierarchische Anordnung bilde die Grundlage für die Unterdrückung der Frauen, die sämtliche Sphären der Gesellschaft präge, so Haug. Dazu gehören Kultur und Sprache, Ideologie und Sozialtheorie, Moral und Recht sowie die entsprechenden Institutionen. „Eine wirkliche Befreiung der Frauen ohne eine Umkehrung dieser Hierarchie wird es nicht geben“, schlussfolgert die Soziologin.

Im Zuge der Emanzipation der westlichen Frau schließlich habe es einen folgenreichen Fehlschluss gegeben: Frauen sollten lediglich in den Bereich der Erwerbsarbeit übergehen und sich auf diese Weise emanzipieren. Der Bereich der Care-Arbeit wurde in diesem Prozess jedoch nicht mitgedacht, sondern sollte sich „beiher“ erledigen. Das Ergebnis davon werde heute in Form von Frauenarmut, Teilzeitjobs oder alleinerziehenden Müttern sichtbar, sagt Haug.

Care-Arbeit stellt dabei anders als es auf zunächst scheint, eine Grundsäule des kapitalistischen Systems dar. Darauf weist die Soziologin Brigitte Aulenbacher hin, die an der Schnittstelle von Gesellschaftstheorie und Kapitalismusanalyse forscht. Aulenbacher zufolge schaffen die Leistungen der Care-Arbeiter*innen erst die Voraussetzungen für ökonomisches Wachstum: durch sie regenerieren unsere Arbeitskräfte und zukünftige Arbeitnehmer*innen werden großgezogen. Das heißt, Lohnarbeit wäre nicht ohne die durch Frauen geleistete unbezahlte Reproduktionsarbeit möglich gewesen – und der Kapitalismus hätte womöglich nie funktioniert. 

„Unser Bild der sogenannten starken Frau spiegelt nichts anderes als die kapitalistisch-patriarchale Logik wider. Solange wir an dieser Definition von starken Frauen festhalten, können wir das System nicht verändern.“ 

Die Auswirkungen dieser Logik weiten sich bis auf die globale Ebene aus, nämlich in der weltweiten Migration von Care-Arbeiter*innen. Denn anstatt eine Lösung für die prekäre Situation in der Sorgearbeit zu suchen, werben insbesondere die Industriestaaten Haushaltskräfte und Pflegekräfte aus Schwellenländern an. Aulenbacher zufolge wird das Problem asymmetrisch umverteilt. Die WHO weist bereits seit vielen Jahren auf die Entwicklung hin: Seit 1991 steigt die Migration von Pflegefachkräften im Vergleich zu anderen Berufsgruppen stetig an. Mit der Folge, dass die Herkunftsländer Probleme haben, ihren eigenen Bedarf in der Sorgearbeit abzudecken. Das Dilemma der Reproduktionsarbeit setzt sich somit auf globaler Ebene fort. 

Das Bild der „starken Frau“ hinterfragen

Wer also glaubt, Gleichberechtigung sei heute kein strukturelles Problem mehr und vollends erreicht, liegt falsch: Es gibt kaum ein Problem, das tiefer strukturell in unserer Gesellschaftsordnung verankert ist. Unser Bild der sogenannten starken Frau spiegelt nichts anderes als die kapitalistisch-patriarchale Logik wider. Solange wir an dieser Definition von starken Frauen festhalten, können wir das System nicht verändern. 

Eine Postwachstumsgesellschaft braucht eine Umkehrung dieser kapitalistisch hierarchisierten Logik. Doch der Übergang kann nur ein lang andauernder Prozess sein, der auf vielen Ebenen stattfinden muss. Frigga Haug betont, dass in diesem Übergang nicht eine einzelne Maßnahme entscheidend sei, sondern Bewegungspolitik als Lernprozess zu verstehen. „Die Menschen messen sich eine Änderungsmöglichkeit an, und indem sie dies tun, ändern sie sich. Auf diese Weise sind sie bereits im Übergang“, schreibt die Soziologin. In diesem Prozess kann Sprache eine große Kraft haben. Und so habe auch ich angefangen, an meiner Sprache zu arbeiten und das gesellschaftlich erlernte Bild der „starken“ Frau zu hinterfragen.

Neue Perspektiven für den Weg in die Postwachstumsgesellschaft

Ausschlaggebend dafür war das Corona-Homeoffice: Wo zuvor Erwerbsarbeit und Sorgearbeit strikt voneinander getrennt waren, durchdrang Lohnarbeit plötzlich meinen privaten Raum. Obwohl ich eine privilegierte Bildung genoss, war ich mit dem Zusammenfallen dieser Bereiche höchst überfordert. Weil das Leben im öffentlichen Raum so stark reduziert war, nahmen die Haushaltsarbeiten im privaten Bereich radikal zu. Täglich war rechtzeitig an das Essen zu denken, die Küche aufzuräumen, genügend einzukaufen und nebenher die Erwerbsarbeit zu erledigen. Das Bad war schmutzig und Staubklumpen sammelten sich neben Wäschebergen. Seit dieser Erfahrung beeindrucken mich sogenannte starke Frauen in Großunternehmen und Führungspositionen nicht mehr.

„Ich jedenfalls, schäme mich heute nicht mehr dafür, dass meine Mutter nur Hausfrau war. Im Gegenteil: Sie ist die stärkste Frau, die ich in meinem Leben kenne.“

Denn ich begann zu verstehen, dass ich als menschliches Wesen nicht ohne Reproduktionsarbeit leben kann und natürlicherweise darauf angewiesen bin. Erwerbsarbeit dagegen ist ein Ergebnis unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung und nicht zwangsläufig eine natürliche Lebensform. So entwickelte ich stattdessen zunehmend Bewunderung für das, was meine Mutter geleistet hat: Sie zog uns Kinder groß, versorgte den fünfköpfigen Haushalt und unterstützte unseren Vater im Ladengeschäft. Wie hat sie das bloß gemacht? Sie besitzt keine elitäre Ausbildung, keinen perfekten Lebenslauf, keine Qualifikationen und keine hundert Zertifikate. Stattdessen war ihr größter Erfolg, für die Familie zu sorgen. 

Folgende Schritte können dabei helfen, neue Perspektiven für den Weg in die Postwachstumsgesellschaft aufzubauen: Einerseits müssen wir lernen, jenen zuzuhören und Anerkennung zu zollen, die nicht der vermeintlichen Elite angehören. Wir müssen bereit sein, von ihnen zu lernen. Andererseits müssen wir anfangen, Vorbilder auch außerhalb der beruflichen Welt zu denken. Dazu können wir uns fragen: Wer hat in meinem Leben gut für mich gesorgt? Ich jedenfalls, schäme mich heute nicht mehr dafür, dass meine Mutter nur Hausfrau war. Im Gegenteil: Sie ist die stärkste Frau, die ich in meinem Leben kenne.

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Thuy-An Nguyen ist freiberufliche Journalistin und Diversity-Trainerin. Sie lebt in Köln und ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Als freie Autorin widmet sie sich Themen, die wenig Sichtbarkeit erhalten oder mit denen sie Machtverhältnisse infrage stellt. In ihren Texten dekonstruiert sie unsere kapitalistisch-patriarchale Wirtschaftsordnung und ersetzt sie durch Gedankenspiele aus der Postwachstumsgesellschaft sowie marxistisch-feministische Perspektiven.

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