Foto: Hannah Morgan ı Unsplash

Überflussgesellschaft: Was fehlt uns, wo wir doch alles haben?

Überhäuft mit materiellen Dingen und getrieben vom Druck der Arbeitswelt verlaufen wir uns in der Welt. Wir kommen an unsere Belastungsgrenzen und wissen nicht mehr ein noch aus. Aber was können wir dagegen tun, fragt sich unsere Community-Autorin.

 

Wir bekommen nicht genug

Wir leben in einer Zeit des Wohlstandes. Wir sind versorgt mit allem, was wir zum Leben brauchen. An jeder Ecke gibt es Supermärkte und duzende von Einkaufsmöglichkeiten. Unsere Vorrats- und Kleiderschränke quellen über. Immer mehr muss es sein. Die neueste Technik, ein neues Auto, das brandaktuellste Handy. Immer mit der Mode gehen, immer topaktuell sein.

STOP! 

Ich hab das Bedürfnis jetzt einfach mal Stop zu rufen. Merkst du, wie viel Stress hinter diesen ersten Zeilen steckt? Mir schnürt es fast die Kehle zu. Und dabei entdecke ich mich doch hin und wieder selbst in diesem Kreislauf.

Doch ich durfte in den letzten Jahren lernen, dass mir der materielle Reichtum nicht hilft. Wenn es mir und meiner Seele nicht gut geht, nützt das größte Haus, das schnellste Auto und das modernste Handy nichts. Gar nichts.

Mein Job, mein Haus, mein Auto – und Du?

Wir werden überhäuft mit Aufforderungen zum Kaufen. Die Konsumindustrie zeigt uns nonstop, was wir denn alles brauchen. Uns wird gesagt, welches Produkt das Größte, Beste, Tollste, Schnellste, Sauberste, Effizienteste ist. Die Marketingfachleute verstehen Ihre Arbeit. Und lange Zeit gehörte ich selbst dazu. Das Denken in Superlativen, der Fokus auf Nutzenargumenten, das schmackhafteste Angebot, der beste Preis, das neueste Must-Have.

Und obendrein stecken wir im Dauerstress. Zusätzlich zu den ganzen Produkten, die wir kaufen sollen kommen ja noch die Ansprüche, die das Umfeld an uns stellt. Immer gut drauf sein, immer top gestylt, immer online, immer produktiv. Bestleistungen im Job, Rekordumsätze, höher, schneller, weiter!

Verändere deinen Blickwinkel

Wo führt uns das hin? Sind wir glücklich in dieser „Material-World“? An einem Punkt meines Lebens merkte ich, dass dies nicht das ist, was mich erfüllt. Es ist Zeit für einen neuen Blickwinkel. Es ist Zeit, wieder mehr Echtheit im Leben zuzulassen und uns nicht länger hinter einer Fassade des Äußerlichen zu verstecken. 

Denn sonst stehen wir da, überhäuft mit unseren „wertvollen“ Gütern und sind dennoch ausgesaugt, leer, blockiert, deprimiert, traurig, enttäuscht, kalt.

Die Zahl der Depressionen oder gar Burnout-Fälle nimmt stetig zu. Menschen können einfach nicht mehr mithalten. Vom Arbeitsstress raus in den Freizeitstress und dazwischen noch ins Fitness-Studio. Und dann sind wir darauf gepolt, durchzuhalten, ja keine Schwäche zuzulassen. Unter letzterem leidet unser „starkes“ Geschlecht sehr häufig. Immer stark sein, immer da sein, immer müssen. Und dabei sind die meisten Männer längst an ihrer Leistungsgrenze angekommen.

Wir bürden uns viel zu viel auf

Das ständige „Müssen“ zermürbt uns. Die Gefühle von Überforderung und Überlastung ignorieren wir. Ich kann mich nur wiederholen: Stop, hör endlich auf damit, dich selbst zu quälen! Und dieses Mal rufe ich noch viel lauter: STOP, STOP! Hör auf! Merkst du nicht, was du dir damit antust? 

Nein, wahrscheinlich tust du das wirklich nicht, zumindest noch nicht. Bis es an einem Punkt wirklich alles zu viel wird. Bis es an einem Punkt überschwappt durch eine Kleinigkeit im Alltag. Das Aggressionsniveau nimmt zu, wir sind gereizter, wir lassen uns ganz leicht aufstacheln und entladen unsere Energie vielleicht unangebracht an Kollegen oder dem Partner. 

Oder wir ziehen uns zurück, sind nur noch K.o., haben zu nichts mehr Lust und verkriechen uns nach der Arbeit. Lenken uns mit Fernsehen und Handy ab, um am nächsten Tag wieder im gleichen Trott weiter zu machen. Der vermeintlich sichere Job, der immer höhere Anforderungen an uns stellt. Das Bankkonto gefüllt, kaufen wir immer mehr Dinge, die wir nicht brauchen und werden innerlich immer leerer, immer antriebsloser.

Die Anzahl der Krankheitstage in deutschen Unternehmen ist so hoch wie nie. Die Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Der Bedarf an psychischer Betreuung ist enorm, Psychotherapeuten sind für die nächsten Jahre ausgebucht.

Ist das das LEBEN?

Nein, sag ich dir, das ist es nicht. Die Menschen sind gefangen im Hamsterrad aus „Müssen” und „Tun”. Es wird Zeit, dass wir mal anhalten und uns umschauen, wo wir hier gelandet sind. Denn das Leben ist mehr, glaub mir, es kann so viel mehr sein. Doch sind wir meist geprägt von Glaubenssätzen, die uns antreiben. Die uns nicht rasten lassen und die unsere inneren Warnsignale ignorieren. Je nach körperlicher und seelischer Konstitution kann das schon ein Weilchen andauern, bis wir an einen Punkt kommen, an dem nichts mehr geht. Doch soweit muss es nicht kommen.

Übernimm die Verantwortung für dein Leben. Du hast darin die Hauptrolle inne. Kein anderer. Kein Chef, kein Partner, keine Eltern. Niemand anderes als du. Daher ist es deine eigene Pflicht, ja, deine PFLICHT, gut für dich zu sorgen. Also halt das Hamsterrad an. Steig aus, bleib mal stehen und schau dich um. Wo bist du? Was nimmst du täglich auf dich? Was davon macht dir Spaß? Was tust du aus Verpflichtung?

Und ich frage dich: Was willst Du?

Das kann am Anfang ganz schön viel sein. Sei nicht zu hart zu dir, egal wo du gerade stehst. Es ist wichtig, dass du dir Zeit nimmst. Zeit für dich. Und nach und nach mehr Klarheit entwickelst. Für dich. Für dein Leben. Es geht auch anders.

Das will ich damit sagen. Das Leben kann auch anders sein. Fang noch heute damit an. Fang an, auf dich zu achten und dich selbst ernst zu nehmen. Es ist absolut in Ordnung, wenn du erst mal nicht weiter weißt. Es ist total ok, einfach mal stehen zu bleiben. Es ist wundervoll, sich mal umzuschauen. Du wirst Dinge entdecken, die du lange Zeit aus den Augen verloren hast. Dinge, die dir mal wichtig waren. Dinge, die durch das Leben im Hamsterrad untergegangen sind.

Und wenn du schon mal hier – bei dir – bist, kannst du beginnen, dich neu kennen zu lernen. Vielleicht willst du dir dafür mal bewusst Zeit nehmen. Eine Stunde, einen Tag, vielleicht sogar ein ganzes Wochenende? Für alles andere gibt es Methoden, Wege und Unterstützung. Das Leben kann nämlich schön sein, ausgeglichen, harmonisch. Es geht nicht darum, alles, was du bis jetzt getan hast hinzuschmeißen. Es geht nicht darum, dich oder andere zu verurteilen. Es geht darum, deinen Blick zu heben. Anzuhalten und Innezuhalten.

Nichts Muss, alles Kann. Ich liebe diesen Satz.

Von Zeit zu Zeit ist das nötig im Leben. Raus aus den Automatismen, die sich in den letzten Jahren eingeschlichen haben, raus aus alten Glaubenssätzen und  Überzeugungen, raus aus vermeintlichen Normen und Pflichten. Keine Sorge: Das darf langsam passieren.

Wann fängst du an? Tu es für dich. Nur für dich!

Der Artikel ist zuerst auf Judiths Blog erschienen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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