Foto: Matthew Wiebe

Weinen im Büro: Wie man am besten damit umgeht

Manchmal passiert es einfach. Aus Wut, Frust, Enttäuschung oder Verletzung: Tränen im Job. Aber, ist das dann schlimm und komplett unprofessionell? Und wie sollte man damit umgehen, wenn jemand weint? Wir sagen euch, was Sheryl Sandberg zur Sache sagt – und wie ihr euch am besten verhaltet.

Dann heul doch!

Es ist sicherlich schon der und dem ein oder anderen passiert: Tränen im Job zu vergießen. Manchmal schafft man es gerade noch zur Toilette oder zur Tür hinaus, manchmal passiert es mitten in der Situation. Und dann hört man auf einmal die Uhr laut ticken, weil alle anderen still werden und sich nicht sicher sind, wie man nun reagieren soll. Aber ist Weinen im Büro wirklich ein Fauxpas? Oder ist es vielmehr total in Ordnung, wenn man Emotionen in dieser Weise zulässt?

Eigentlich wissen wir ja alle, dass wir uns im Büro emotional zu einem Mindestmaß zusammenreißen sollten, denn dann geht es für das Team leichter durch den Tag. Doch was ist, wenn man das einfach nicht mehr schafft? Und zudem in einer Führungsposition ist?

Sensibilität als wichtige Fähigkeit

Nun, auch bei Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg wird das Weinen im Job in „Lean in“ zum Thema gemacht. Sie schreibt: „Vielleicht wird es eines Tages nicht mehr als peinlich oder schwach gelten, am Arbeitsplatz Tränen zu vergießen; vielleicht werden die Tränen dann schlicht als offen gezeigte, authentische Gefühle wahrgenommen. Und vielleicht werden das Mitgefühl und die Sensibilität, die Frauen ausgebremst haben, sie in Zukunft naturgemäß zu Führungspersönlichkeiten machen.“

Es sei in Frage gestellt, ob man diese Form der Sensibilität nur Frauen zuschreiben kann, aber grundsätzlich ist zu unterstreichen, dass es einfach falsch ist, das Zeigen von Emotionen nur als Schwäche zu verbuchen. Und es ist auch keine Eigenschaft, die daran hindert erfolgreich zu sein – denn auch Sandberg hatte immer mal wieder mit dieser Situation zu kämpfen – erfolgreich ist sie trotzdem:

„Doch als ich anfing zu sprechen, brach ich in Tränen aus. Ich war entsetzt, ich weinte vor den Augen meines neuen Chefs, den ich kaum kannte, was nur zu noch mehr Tränen führte.“

Und weiter schreibt sie: „Die meisten Frauen glauben – und Forschungsergebnisse legen das auch nahe –  dass es keine gute Idee ist, bei der Arbeit zu weinen. Grundsätzlich plane ich das auch nicht (..) doch in den wenigen Augenblicken, in denen ich wirklich frustriert war oder mich – schlimmer noch – verraten gefühlt habe, sind mir bisher immer Tränen in die Augen gestiegen. Und obwohl ich nun älter und erfahrener geworden bin, passiert mir das gelegentlich immer noch.“

Auch Autorin, Comedienne und Schauspielerin Tina Fey widmet sich in ihrem Buch „Bossypants“ dem Thema Weinen. Sie kommt zu folgendem Schluss: „Manche Menschen sagen‚ lass sie dich niemals weinen sehen. Ich sage, wenn du so wütend bist, dass du einfach weinen könntest, dann weine eben.“

Warum es nicht schlimm ist, andere vor den Kopf zu stoßen

Natürlich kann so ein Gefühlsausbruch das Gegenüber vor den Kopf stoßen, weil es im Job schlichtweg eine ungewohnte Situation ist. Aber es ist auch kein Weltuntergang Menschen vor dem Kopf zu stoßen, wenn das wirklich notwendig ist. Manchmal ist das wesentlich besser, als etwas in sich hineinzufressen und ungute Gefühle zu verdrängen. Denn das sorgt irgendwann wirklich für einen Ausbruch, der dann vielleicht nicht mehr nachvollziehbar ist.

Über Arianna Huffington, die unter ihren Mitarbeitern als sehr direkte Person gilt, weiß Sandberg in ihrem Buch zu berichten, dass sie Frauen zwar rate, Kritik auszuhalten, aber dass sie es auch für genauso wichtig hält, dass man gegebenenfalls mit Wut oder Traurigkeit reagieren darf. Nur solle man sich diesem Gefühl nicht allzu lange hingeben.

Diese drei erfolgreichen Frauen sind sich also schon mal sicher, dass Weinen im Job kein Beinbruch ist. Wie aber soll man damit nun umgehen?

Klärungsbedarf: Warum kommt es zu dieser Situation?

Tränen sind erst einmal eines: ein Zeichen dafür, dass man getroffen wurde – und betroffen ist. Bei dem ganzen Bohei, der darum gemacht wird, könnte man manchmal fast meinen Blut zu vergießen – im Sinne von einem wirklich harten Streit – sei im Job schneller verziehen oder stehe der Karriere weniger im Wege, als mal eine Träne zu verdrücken. Denn das ist weich, das ist offen, das bietet jede Menge Angriffsfläche – und zwar dort, wo es richtig weh tut. Es bietet aber auch die Möglichkeit von einer offenen Begegnung, ohne die übliche Job-Maskerade. Es ist sicherlich nicht erstrebenswert – und doch kann es die Kommunikation über eine Situation manchmal erst wirklich eröffnen.

Wichtig ist, sich zu fragen: Was passiert hier gerade? Was ist falsch gelaufen? Sind die Tränen eine Reaktion auf den Moment – oder sind sie vielleicht das Ergebnis einer langen Frustrationsphase? Warum verletzt dich das gerade das so sehr? All das, sind wichtige Anhaltspunkte für die generelle Situation im Job und Antworten darauf können einen sehr weiterbringen – und doch werden sie in der Regel zugunsten von Kompromissen oder halbgaren Lösungen wie der Einstellung „das wird schon wieder“ zurückgestellt.

Weinen kann also nicht nur dir selbst offenlegen, was du fühlst, sondern wirklich problematische Strukturen im Unternehmen, die zuvor leichtfertig weggewischt wurden, thematisieren.

Mitgefühl statt Mitleid

Also weint, wenn ihr an den Punkt kommen solltet. Und sagt hinterher, was bei euch innerlich passiert ist. Und genauso: Lasst eure Mitarbeiter, den Chef oder die Kollegen mal weinen, ohne peinlich berührt zu sein oder die Stärke desjenigen anzuzweifeln. Wer in seinem Unternehmen Mitarbeiter und Kollegen als Menschen wahrnehmen will, der muss sich auch diesen Situationen stellen.

Wie zeige ich also als Chefin oder Kollegin Mitgefühl, statt Mitleid? In dem man ganz offen auf die Person reagiert. Das kann sein, sie in den Arm zu nehmen, oder auch nur die Hand auf die Schulter zu legen – oder aber, sie ganz in Ruhe zu lassen und die Situation durch eine Pause des Gespräches kurz aufzubrechen. Wer traurig ist, ist in der Regel offen für Beistand.

Wer dagegen wütend ist, braucht oftmals erst einmal Raum für sich. Und den sollte man geben, denn das zeigt Respekt. Die Reaktion auf Tränen ist ein schmaler Grat, für den man ein wenig Gespür für einander braucht, aber auch das ist nicht unlösbar. Vor allem dann, wenn sich auch der Weinende nicht aus Schreck zurückziehen, sondern ein paar Worte zum Geschehenen verlieren will. Gut ist auch, sich nach Feierabend noch einmal kurz zu besprechen, so dass keiner aufgewühlt nach Hause gehen muss. Aber auch das ist keine feste Regel.

Der beste und wichtigste Rat lautet: Nehmt eure und auch die Tränen anderer ernst – aber macht daraus keinen Staatsakt, denn das ist es nicht. Viele von uns definieren sich sehr über ihren Job, und wer das tut, fühlt sich eben auch angegriffen, wenn etwas schief läuft. Kommt dann noch etwas Stress dazu, laufen schnell die Tränen. Kein Grund, sich zu schämen. Das passiert eben.

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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