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Hasskommentare gegen Frauen im Netz – wie sollen wir reagieren?

„Du bist ja so hässlich, dich will nicht mal ein Asylant ficken!” Für viele Frauen sind solche Posts an der Tagesordnung. Hilft es, Hasskommentatoren anzuzeigen? Warum sollte frau niemals mit Details aus ihrem Privatleben antworten? Maja hat aufgeschrieben, wie frau reagieren kann.

 

Kommentare auf einer sexualisierten Ebene

Hasskommentare im Internet sind ein vieldiskutiertes Phänomen und natürlich betreffen sie alle Geschlechter.

Ich möchte aber auf eine Art von Kommentaren eingehen, die vor allem Frauen betrifft. Oder, um das Ganze weiter zu fassen: Menschen, die nicht Cis-hetero-Männer sind.

Grade, wenn frau sich gegen Rechts, für Flüchtlinge oder feministisch engagiert, passiert es oft, dass sie solche Kommentare bekommt, auf die ich hier eingehen will.

Hierbei handelt es sich um Kommentare, die auf eine sexualisierte Ebene zielen.

Harmlosestes Beispiel ist hier noch die Behauptung, ich (als Frau) müsse ja völlig untervögelt sein, wenn ich mich so über Dinge aufrege. Auch das ist selbstverständlich schon weit unter der Gürtellinie.

Ein bisschen unschöner war es dann schon, als mir mal jemand auf Twitter zu einem Thema, welches ihm nicht passte, ein Bild von einer gefesselten Frau schickte.

Botschaft: Du als Frau stehst unter mir

Derlei Unterwerfungsfantasien auf sexueller Ebene habe ich auch schon öfter zu lesen bekommen. Diese sind wohl nur in einer Richtung deutbar: „Du bist eine Frau, mit dir diskutiere ich keine politischen Themen, dein Platz ist in jeder Hinsicht ,unter’ mir.”

Besonders Kommentare, in denen jemand fantasiert, was er mit mir tun würde, wenn er grade in der Nähe wäre, sind auch klar bedrohlich.

Nicht erst seit der Silvesternacht in Köln, aber seitdem vermehrt, bekomme ich auch Kommentare, die übelsten Rassismus mit Vergewaltigungswünschen mischen, wenn ich mich Refugee-freundlich äußere.

Das geht dann von „Du bist ja so hässlich, dich will nicht mal ein Asylant ficken!” bis hin zu „Hoffentlich wirst du mal von einer Horde Afrikaner vergewaltigt, dann weißt du, was du davon hast!”

Einer der schlimmeren Kommentare, die ich in letzter Zeit bekam. Quelle: Twitter

Allen diesen Beispielen ist eines gemeinsam: Sie stellen meinen Wert als Frau in Frage und degradieren mich zu einem Objekt, das gefällig und sexuell verfügbar sein soll.

Sie zeigen eine große Verachtung für Frauen, die sich politisch engagieren, die eine Meinung haben und auch den Anspruch haben, diese gleichberechtigt neben Männern zu vertreten.

Bezeichnend, dass sie gerade seit Silvester von den Leuten kommen, die angeblich das Wohl der Frauen im Blick haben. Damit enthüllen sie aber bloß ihre wahren Interessen, nämlich puren Rassismus, aber auch grenzenlose Frauenverachtung. Und wenn mir dann einer dieser ,Frauenschützer’ schreibt, dass ich ja so hässlich sei, dass mich nicht mal ein Asylbewerber ficken will, dann behauptet er damit nicht nur, dass Geflüchtete alle Vergewaltiger seien, sondern auch, dass es für eine Frau geradezu ein Qualitätsmerkmal ist, vergewaltigt zu werden. Und wenn mich niemand vergewaltigt – tja, dann bin ich als Frau wohl nicht gut genug.

Ein erschreckendes Maß an Verachtung

Dadurch, dass mich Männer, die diese Kommentare schreiben (ja, es waren bisher immer Männer), auf der Ebene meines Geschlechtes und meiner Sexualität angehen, verhindern sie damit natürlich, dass sie sich mit meiner politischen, sachlichen Ebene auseinandersetzen müssen. Sie implizieren, dass es mir als Frau nicht zusteht, mit Männern auf einer Ebene zu diskutieren.

Diese ganze Verachtung, die einem als Frau im Netz oftmals entgegenschlägt, ist für mich erschreckend. Ich bin mit dem Grundsatz erzogen worden, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Und ich habe mich immer selbstverständlich auf einer Ebene mit Männern gesehen und mich auch auf diese gestellt. Ich bin zutiefst erschrocken, wie viele Männer das scheinbar stört.

Natürlich ist mir bewusst, dass diese ekelhaften Dinge schnell ins Internet getippt sind und mir die Verfasser solche Dinge vermutlich nie ins Gesicht sagen würden, wenn ich sie auf der Straße träfe.

Allerdings ist es ja eine Denkweise, die sie offenbar im Kopf haben. Das macht es nicht besser.

Das ist wohl auch das, was mensch unter ‘Rape Culture’ versteht.

Reaktion?

Wie reagiert mensch auf solche Kommentare, die auf eine sexuelle Ebene zielen?

Hier kann ich nur von mir sprechen, wie ich mich damit am besten fühle.

Meine Taktik ist mittlerweile: Öffentlichkeit schaffen und blocken beziehungsweise ignorieren. Das heißt, wenn ich auf Twitter angegangen werde, dann zitiere ich den Tweet mit der Zitierfunktion oder poste einen Screenshot und blocke den Twitterer dann.

Ich habe auch schon Screenshots von Blogkommentaren gepostet, in denen mir Menschen gewünscht haben, vergewaltigt zu werden. Freigeschaltet werden solche Kommentare natürlich nicht.

Für mich ist das ein Weg zu zeigen: „Hier Leute, das passiert mir hier grade.”

Jetzt wurde mir schon öfter gesagt: „Indem du die Leute zitierst oder Screenshots postest, gibst du ihnen ein Forum und unnötige Aufmerksamkeit!”

Über diesen Aspekt habe ich auch schon nachgedacht.

Allerdings stelle ich fest: Wenn mir solche Kommentare, solche Beleidigungen entgegengebracht werden und ich spreche nicht darüber, dann fühle ich mich damit alleine.

Es ist wirklich einfacher gesagt als getan, wenn mir Menschen sagen, ich sollte solche Idioten einfach ignorieren.

Natürlich löst das etwas aus

Grade solche Kommentare, die mir wünschen, vergewaltigt zu werden oder in denen mir jemand irgendwelche sexuellen Unterwerfungsfantasien mitteilt, sind eben keine kleine Sache.

Natürlich löst das etwas in mir aus. Und sowas mit mir alleine auszumachen, ist immer damit verbunden, Energie aufzuwenden, die ich nicht aufwenden möchte. Deshalb schaffe ich kurz Öffentlichkeit und die Sache ist abgehakt.

Ja, es gibt sicher auch Frauen, die mit solchen Kommentaren anders umgehen können. Aber wenn es dir etwas ausmacht, dann ist das okay. Du brauchst deswegen kein schlechtes Gewissen haben, wenn du schockiert bist und es sich einfach mies anfühlt, so etwas zu lesen. Aber es ist eben wichtig, eine Strategie zu finden, damit umzugehen.

Was frau niemals tun sollte: Zu versuchen, Behauptungen wie „Ey, dich will doch eh niemand ficken!” mit einem Bezug auf das eigene Privatleben zu entkräften.

Also beispielsweise zu sagen: „Och, mein Freund findet mich aber ganz toll!” oder bei wirschen Unterwerfungsfantasien zu antworten: „Ich steh aber nicht auf SM!”

Erstens: Es ist völlig egal, wie der eigene Beziehungsstatus oder die eigenen sexuellen Präferenzen sind. Einen Hasskommentator geht das einen feuchten Kehricht an.

Zweitens: Ich mache seine Hassbotschaft zu einem validen Argument. Ich steige also beispielsweise auf seine Aussage ein, ich sei sexuell nicht attraktiv, und diskutiere diese. Dabei ist es nicht an einem Hasskommentator, darüber urteilen zu dürfen. Vor allem gebe ich ihm damit unabsichtlich in seinem Umkehrschluss Recht, dass etwa eine Vergewaltigung gerechtfertigt ist, wenn denn das Opfer attraktiv ist. Das darf natürlich nicht passieren.

Ergo: Egal wie tief unter der Gürtellinie dich ein Kommentator angreift: Bring niemals von dir aus dein Privatleben ins Spiel. Er hat nicht das Recht, über dieses zu urteilen oder einen Einblick zu gewinnen, den du eigentlich nicht gewährt hättest.

Sollte frau Kommentatoren anzeigen?

Die Frage ist wirklich schwierig. 

Ich habe mich bei Hasskommentaren bisher immer dagegen entschieden.

Es bindet Zeit und Energie, die ich einem Kommentator nicht zugestehen will. Ein Vergewaltigungswunsch ist eben keine Drohung. Deshalb ist es schwierig, eine justiziable Sache daraus zu machen. Bei einer Beleidigung oder einer konkreten Drohung sieht das vermutlich schon anders aus.

Allgemein würde ich aber sagen: Im Zweifelsfall Anzeige erstatten. Wenn du dir unsicher bist, ruf einfach mal bei der Polizei an. Jede Polizeidienststelle hat auch eine Telefonnummer, die nicht die 110 ist. Als ich mal wegen einer anderen Sache Anzeige gegen unbekannt erstattet habe, habe ich mich vorher telefonisch bei der örtlichen Polizei erkundigt und die haben mir freundlich weitergeholfen und mir in dem Fall geraten, mit den Beweisen vorbeizukommen, um die Anzeige aufzunehmen.

Hier noch einige Antworten auf Fragen von Nicht-Betroffenen:

FAQ

„Aber Männer haben doch auch mit Hasskommentaren zu tun!”

Ja, aber die Ebene, die auf sexueller Gewalt und sexueller Unterwerfung fußt, habe ich bisher nur in der Kombination Mann >> Frau erlebt. Gegebenenfalls noch Mann >> Nicht-Cis-Mann.
Liegt vermutlich an der guten, alten ,Die Frau sei dem Manne Untertan’-Attitüde, die nicht damit klarkommt, dass eine Frau eine eigene Meinung hat, politisch ist und dann auch noch Widerworte gibt. Skandal!

„Was provozierst du diese Trolle auch immer?”

Ah. Ich engagiere mich gegen Rechts und für Gleichberechtigung. Wenn das in deinen Augen Provokation ist, dann weiß ich es auch nicht.

„Was kann ich tun, um Betroffenen zu helfen?”

Sei solidarisch! Gib ihnen zu verstehen, dass du da bist, wenn sie mal ein offenes Ohr brauchen. Ich persönlich finde allerdings Sätze wie „Es tut mir so leid, dass du sowas erleben musst” gerade von Männern furchtbar:

 1. Ich fühl mich dann wieder als das arme, wehrlose Opfer, das ich nicht bin.

2. Hey, du musst dich nicht entschuldigen, du bist nicht der Täter!

„Und warum stellst du jetzt hier alle Männer als Frauenverachter dar?”

Tu ich ja gar nicht. Ich bin keine Männerhasserin. Ich arbeite beruflich und politisch mehr mit Männern zusammen als mit Frauen. Ich habe sogar mehr männliche Freunde als weibliche. Alles tutti. Aber ich habe deswegen keinen Bock zu verschweigen, dass es offenbar Typen mit verrutschten Rollenbildern gibt und ich unter denen zu leiden habe.

„Wenn dich Kommentare nerven, dann mach doch einfach das Internet aus!?”

Nö. Das wäre Vermeidungstaktik und victim blaming. Außerdem ist die Vorstellung des ‘Internet-Ausmachens’ echt ziemlich 2003.

„Waffen töten Menschen, Kommentare nicht. Also reg Dich ab!?”

Worte verletzen auch. Worte verunsichern. Worte machen Menschen fertig. Nur weil die Wunden nicht äußerlich sichtbar sind, heißt das nicht, dass Worte keine Wirkung haben.

Der Artikel ist zuerst auf Majas Blog erschienen. Wir freuen uns, dass sie ihn auch bei uns veröffentlicht.

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