Foto: Kerstin Rothkopf

Mode für alle Frauen: Dieses Label will die Trennung zwischen Mutter und Frau loswerden

Womom macht Mode, die von Müttern und Schwangeren inspiriert wurde und für jede Frau gemacht ist. Im Interview erzählen Annette, Kerstin und Tatjana, wie sie mit ihren Kollektionen das Schubladendenken aufbrechen und mit Statement-Shirts und einer Prise Humor ein Zeichen setzen wollen.

‚Uniwoman‘ statt Unisex: das soll Mode sein für alle Frauen, die keinen Unterschied macht zwischen Schwangeren, Nicht-Schwangeren und Müttern. Das haben sich vier Frauen – Kerstin Rothkopf, Annette Granados Hughes, Tatjana Angelina Peco und Sophie Rolf – vorgenommen und bilden seit Juli 2017 das Team um Womom, um den Blick der Modewelt auf Mütter zu verändern. Denn auch als Mutter ist man immer noch eine Frau, oder nicht? Wir haben die vier Gründerinnen gefragt, warum ihnen ein Label wie „Womom“ so wichtig ist.

Bild: Kerstin Rothkopf

„Mit unseren Shirts wollen wir ehrlich und mit etwas Humor alle Facetten des Mutter- und des Frauseins thematisieren.”

Warum war es euch ein Anliegen, endlich die Kategorisierung von Frauen (Schwangere, Nicht-Schwangere etc.) in der Modewelt aufzubrechen? Gab es einen ausschlaggebenden Punkt?

Annette: „Ausschlaggebend waren wohl unsere Schwangerschaften, während derer wir plötzlich mit dieser Kategorisierung konfrontiert wurden. Da wurde uns zum ersten Mal bewusst, dass man als Schwangere und Mutter anders behandelt und nicht mehr ganz als eigenständige Frau betrachtet wird. Das fanden wir ziemlich störend. Hinzu kam, dass wir mit der gängigen Mode für Schwangere nicht viel anfangen konnten. In unseren Augen werden Schwanger- und Mutterschaft vor allem bei großen Modeketten verniedlicht oder mit einer rosa Brille präsentiert, Melonenshirts hier, Blumenprints da… Mit unseren Shirts wollen wir ehrlich und mit etwas Humor alle Facetten des Mutter- und des Frauseins thematisieren.“

Könnt ihr kurz beschreiben, wofür genau euer Konzept ‚Uniwoman‘ steht?

Kerstin: „Wir sehen Uniwoman als Erweiterung von Unisex. So wie bei Unisex die Geschlechterteilung aufgehoben wird, wollen wir mit Uniwoman erreichen, dass sich alle Frauen, egal ob nicht-schwanger, schwanger oder Mutter, in unseren Teilen wohlfühlen. Wir machen Mode, die jede Frau tragen kann und wollen der Spaltung, die von der Fashion-Industrie heimlich gemacht wurde, entgegenwirken. Unisex wird ja mittlerweile von der Modewelt gefeiert, vielleicht ja auch bald Uniwoman?“

Mit eurer Modelinie wollt ihr ja nicht nur Kleidung kreieren, die jede Frau in jeder Situation tragen kann. Eure Prints stehen auch für Statements. Hat jedes eurer Shirts eine bestimmte Message?

Annette: „Unsere Prints sind nicht nur leere Worthülsen, sondern haben alle eine eigene Aussage. Unser Ziel ist es zu zeigen, dass vermeintliche Mama-Themen auch Themen sind, mit denen sich Frauen im Allgemeinen befassen und so zeigen, dass Frau Frau ist und bleibt. Wir wollen mit Humor auf das Thema aufmerksam machen, deswegen sind die Designs sehr durchdacht. Unser ‚ceci n’est pas un bébé‘-Shirt kann beispielsweise eine Schwangere tragen, die nicht nur auf ihren runden Bauch reduziert werden möchte. Oder eben ganz einfach eine Frau, die nicht als ‚Babe‘ bezeichnet werden will. Außerdem ist der Spruch an einen großen Surrealisten angelehnt: René Magritte.“

Bild: Kerstin Rothkopf

„Wir wollen aber vor allem unsere eigene Message rüberbringen und nicht nur ein Fashion-Piece sein.”

Und warum genau T-Shirts mit Statements? Macht das heute nicht jeder?

Kerstin: „Klar sind Statement-Shirts momentan im Trend und mit Sicherheit profitieren wir auch davon. Mode hat schon immer etwas bewegt und man erreicht damit viele Menschen – sie ist also ein gutes Transportmittel. Aber nicht jedes vermeidliche ‚Statement-Shirt‘ hat auch tatsächlich immer ein Statement. Der Begriff Statement-Shirt wurde von der Modeindustrie ja mittlerweile schon sehr, sagen wir mal ‚gelockert‘ und umfasst meist auch einfach nur Print-Shirts. Wir wollen aber vor allem unsere eigene Message rüberbringen und nicht nur ein Fashion-Piece sein. Dabei sind wir aber nicht nur auf Oberteile beschränkt, sondern haben auch Artprints, Taschen und Schmuck gestaltet. Außerdem feilen wir ständig an neuen Ideen, die Uniwoman sind.“

Und nachweislich faire Herstellung von Kleidung in Bangladesch und Indien – geht das überhaupt? Was ist euch wichtig bei der Herstellung der Kleidung?

Annette: „Die Skepsis ist verständlich, aber ja, es geht natürlich. Sofern die Produzenten regelmäßig und kontinuierlich auf faire Standards geprüft werden, kann überall fair produziert werden. Unsere Anbieter sind auch Teil der Fair Wear Foundation, die darauf zielt, weltweit die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern. Faire Arbeitsbedingungen sind uns somit wichtig, außerdem bestehen unsere Produkte zumeist zu 100 Prozent aus Biobaumwolle. In München arbeiten wir mit einer kleinen Siebdruckerei zusammen und versuchen so, lokale Unternehmen zu unterstützen und kurze Produktionswege zu gewährleisten.“

Wie entwickelt ihr eure Kollektion weiter? Denkt ihr über Kollaborationen nach oder darüber, euer Sortiment mit anderen Produkten zu erweitern?

Kerstin: „Wir lassen uns ständig von unserer Umwelt inspirieren und suchen dort nach neuen Themen und Ideen. Deswegen sind wir ständig dabei, unsere Produktpalette zu erweitern. Außerdem sitzen wir auch wieder an verschiedenen Kollaborationen – wir finden es super, wenn sich Labels und allgemein Kreative gegenseitig unterstützen. Zudem bringt die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Designern natürlich auch immer neue, aufregende Ideen.“

Bild: Kerstin Rothkopf

Wie war es für euch, mit Freundinnen ein Unternehmen aufzubauen? Wie teilt ihr die Aufgaben untereinander auf und wer macht was bei euch?

Sophie: „Tatsächlich waren wir davor nicht richtig befreundet, sondern kannten uns eben aus der kreativen Szene in München. Die Idee zum Label hatte Kerstin während ihrer Schwangerschaft. Unter dem Projektnamen ‚Planet Pregnant‘ gestaltete sie damals in ihrer Abschlussarbeit schon Statement-Shirts. Mit Annette gründete sie dann im Juli 2017 Womom – die beiden sind auch die kreativen Köpfe bei uns. Danach kamen zum Team noch Tati für Modethemen und Styling und ich als PR-Managerin dazu. Wir machen von Gestaltung, Fotografie bis hin zu Social Media alles selbst und auch ‚langweilige‘ Themen wie Buchhaltung und Versand gehören dazu. Jeder macht, was er gut kann.“

„Wir möchten Typen zeigen und keine Rolemodels.”

Mit Müttern und Schwangeren trefft ihr voll und ganz den Zeitgeist in den sozialen Medien. Was unterscheidet euch denn von anderen Modelabels oder Instagram-Profilen für Mode?

Kerstin: „Es ist ja aktuell sowieso eine Zeit der großen ‚Umschwünge‘ und natürlich gehört, wenn man sich von alten Rollenbildern verabschiedet, auch die archaische Mutterrolle dazu. Unsere Produkte sind zudem nicht nur ein ‚Fashion-Piece‘ und genauso präsentieren wir uns auch auf Instagram – indem wir nicht nur schön inszenierte Modebilder zeigen. Es gibt zu jedem Bild ein Statement, einen kleinen Text oder eine Geschichte, genau wie unsere Prints alle ein Thema haben. Unsere Follower steuern auch viel dazu bei, indem sie Bilder mit unseren Produkten im Zusammenhang mit eigenen Geschichten und Erfahrung teilen. Außerdem haben wir zum Beispiel mit unserer ‚Adieu Cliché‘-Kampagne eine Bühne für Frauen geschaffen, die sich beteiligen und ein Statement gegen Klischees setzen wollen. Natürlich haben wir mit Kerstin als Fotografin auch eine eigene Bildsprache kreiert. Und auch über die Models machen wir uns viele Gedanken. Wir möchten Typen zeigen.“

Ihr seid alle selbstständige Mütter. War es nicht besonders herausfordernd, mit kleinen Kindern ein eigenes Unternehmen aufzubauen?

Annette: „Es ist und war eine Herausforderung, aber man ist ja nicht nur Mutter. Außerdem wird man als Mutter auch ein ‚Effizienz-Monster‘ und gleichzeitig muss man irre flexibel bleiben, wenn zum Beispiel etwas völlig Unvorhergesehenes passiert. Auf jeden Fall ist es nicht einfach gewesen, denn es kamen viele neue Aufgaben hinzu, mit denen wir uns auch erst vertraut machen mussten. Aber gerade weil Womom auch wie ein Baby für uns ist, sind wir so leidenschaftlich dabei. Und natürlich machen wir mit der Message des Labels auch etwas selbst für uns als Mütter.“

Und wie bekommt ihr es jetzt hin, beides unter einen Hut zu bekommen?

Kerstin: „Wir versuchen möglichst effizient zu arbeiten und bekommen viel Unterstützung von unseren Familien und Freunden. Dadurch, dass wir leider eher selten gemeinsame Zeitfenster finden, an denen wir wirklich alle Zeit haben, besprechen wir viel online – Whatsapp ist sozusagen unser Vier-Frauen-Büro. Das funktioniert für uns als Mamis und mit der Distanz zu mir nach Berlin am besten. Natürlich treffen wir uns auch mal im ‚echten Leben‘. Zweimal wöchentlich machen wir in München den Versand, da wird dann immer viel besprochen. Und auch zu viert versuchen wir so oft wie möglich zusammenzukommen. Ansonsten teilt sich jede von uns ihre Arbeitszeit selbst ein. Viel passiert am Wochenende oder nachts, wenn die Kleinen schlafen. Das klappt so ganz gut.“

„Das Leben steht Kopf, aber kopfüber betrachtet ist es noch viel besser.”

Wie hat sich euer Leben durch das Muttersein verändert? In welcher Hinsicht ist es eine persönliche Bereicherung?

Annette: „Ich nenne es immer gern die dritte Dimension von Liebe. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Aber ein eigenes Kind ist einfach ein Wunder, das einen stets aufs Neue verzaubert, auch wenn es einen immer wieder unglaublich viel Kraft kostet.“
Kerstin: „Natürlich bringt das Muttersein viel Neues mit sich, aber man bleibt immer noch dieselbe Person. Früher war ich natürlich mein eigener Mittelpunkt. Mir war zum Beispiel meine berufliche Entwicklung im Grafikbereich sehr wichtig. Jetzt ist es natürlich immer noch ein Thema, aber ich sehe das Ganze nun viel lockerer. Ich bin entspannter geworden und muss nicht mehr zu den ‚Besten‘ gehören. Man hat andere Prioritäten. Man lernt vieles wieder mehr zu schätzen und bekommt einfach neue Blickwinkel auf das Leben. Kurz gesagt: Das Leben steht Kopf, aber kopfüber betrachtet ist es noch viel besser.“
Tati: „Ja, das Leben hat sich auf jeden Fall verändert. Man trägt wahrscheinlich die größte Verantwortung, die man im Leben bekommen kann. Und trotzdem bleibt man doch irgendwie derselbe Mensch.“

Gibt es einen besonderen Satz für euch, der euch schon durch das ganze Leben trägt? Vielleicht einen Spruch, den eure Müttern immer zu euch gesagt haben?

Annette: „Cool bleiben. Das passt einfach immer.“
Kerstin: „Nichts passiert ohne Grund, es kommt immer darauf an, was du daraus machst.“
Tati: „Ein spezieller fällt mir gerade nicht ein. Aber es gibt so viele besondere Sätze und Ratschläge, die Mütter einem im alltäglichen Leben mitgeben, die erst einmal banal erscheinen und trotzdem immer richtig sind.“

Was genau steckt hinter eurer Idee ‚Adieu Cliché‘? Warum war es euch so wichtig, dieses Konzept als eigene Homepage mit Statements verschiedener Frauen über Klischees aufzubauen?

Kerstin: „Die Kampagne entstand ja auch dadurch, dass wir uns grundsätzlich von dem veralteten Bild der Mutterrolle verabschieden möchten. Zudem ist eines unserer Leitmotive auch, dass Frauen sich untereinander wieder mehr verbunden fühlen sollen – egal in welcher Lebenssituation sie sich gerade befinden. Und da nicht nur wir Mütter von Klischees verfolgt werden, wollen wir mit der Kampagne ein Gemeinschaftsgefühl schaffen, indem wir uns gemeinschaftlich von den Klischees, die uns verfolgen, verabschieden. Eine eigene Homepage war uns deshalb wichtig, weil das Thema nicht nur ein kleiner ‚Menüpunkt‘ auf unserer Website sein sollte, sondern vollste Aufmerksamkeit bekommen soll. Die Kampagne soll außerdem nicht nur ein kurzfristiges Thema sein. Unser Ziel wäre längerfristig, auf dem Blog noch viele weitere tollen Frauen oder vielleicht auch bald Männer mit ihrem ‚Adieu Cliché‘ zu zeigen. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich noch das ein oder andere Thema zusätzlich, das wir dort vorstellen.“

Bild: Kerstin Rothkopf

Und welches Klischee nervt euch dabei besonders? Gab es da eins, mit dem ihr ungerechterweise abgestempelt wurdet und welches endlich aus den Köpfen der Gesellschaft verbannt werden sollte – zu welchem Klischee sagt ihr adieu?

Annette: „Jede von uns hat sein ganz eigenes Klischee zu dem wir adieu sagen. Ein Klischee gibt es allerdings tatsächlich, das uns als Womom immer wieder verfolgt – wir werden immer wieder als ‚das neue Label für Mütter‘ vorgestellt. Dabei sind wir genau das nicht. Wir machen, inspiriert vom Mutter-sein, Mode für Frauen – also nicht speziell für Mütter. Denn genau diese Trennung Mutter – Frau wollen wir loswerden. Frau bleibt Frau, egal in welcher Lebenssituation sie sich befindet. Und da gibt es für uns auch kein ‚speziell für Mütter‘.“

Manchmal ertappt man sich auch selber, dass man Menschen beim ersten Aufeinandertreffen mit bestimmten Klischees verbindet. Wie sollte oder könnte die Gesellschaft sich denn verändern, dass Klischees nicht mehr so fest verankert sind?

Kerstin: „Ja, da muss jeder an sich arbeiten und das muss man verinnerlichen. Bei jedem kommt Klischeedenken. Niemand ist gänzlich befreit davon. Aber das ist die Aufgabe, sich in andere Leute hineinzuversetzen, Empathie zu haben und Dinge immer wieder aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und offen für Neues zu sein. Dann folgt: handeln.“

Führt das Klischee in euren Worten weiter, wie es – ohne Klischee-Gedanken – eigentlich lauten sollte: „Sie ist ja jetzt Mutter …”

Kerstin: „…und hat sich selbstständig gemacht.”

Annette: „…und ich freue mich für sie.”

 

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