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Die Begegnung mit dem Ex – irgendwann musste es ja passieren

Wenn eine Liebe geht, ist das schmerzhaft. Und wenn man seinen Ex dann irgendwann wiedersieht, kommt alles wieder hoch, was man so gut weggepackt hatte. Über eine Begegnung, von der man hofft, dass sie nicht passiert. Oder doch?

Eine große Stadt wird auf einmal wieder verdammt klein

Irgendwann musste es passieren. Zwei Menschen in einer Stadt, die vorher jeden verdammten Tag miteinander verbracht haben. Die von heute auf morgen aufhören, sich zu sehen (wenn auch aus gutem Grund). Die müssen sich, auch wenn sie nicht wollen, irgendwann wieder über den Weg laufen. Dafür ist selbst diese große Stadt zu klein.

Eigentlich wundert es einen doch, dass es nicht eher passiert ist. Denn sie und er. Die sind doch immer noch sie und er. Auch wenn es vorbei ist. Die haben immer noch Gewohnheiten, die sie schon hatten, als sie noch zusammen waren. Die sie wahrscheinlich auch schon hatten, bevor sie zusammen waren. Die mögen immer noch dieselben Sachen wie vorher. Hören zum Beispiel immer noch die gleiche Musik. Es hätte auf einem Konzert passieren können. Wegen eines Auftritts, den sie beide gerne sehen wollten. Wegen tausend anderer Sachen.

Und jetzt war es wegen des Bio-Brotaufstrichs, den er immer schon geliebt hatte. Deswegen kam er in eine Gegend (so gut gab es den eben nur in diesem einen Laden), die er normalerweise gemieden hätte. Weil es ihre Gegend war. Ein scheiß Bio-Brotaufstrich, weswegen sie sich nach einem Jahr wiedersahen. Aber es ist auch egal, warum. Es musste irgendwann passieren. Auch wenn sie das nicht wahrhaben wollte. Denn sie sah das anders. Sie hatte ihn aus ihrem Leben gestrichen. Er existierte für sie nicht mehr. Und wahrscheinlich war es sogar so, dass er nicht mehr nur für sie nicht mehr existierte. Sie dachte, dass er wirklich nicht mehr existierte. Sie hatte sich das einfach so sehr gewünscht. Ihn nie wieder sehen zu müssen.

Wie das Leben nach einer Trennung einfach weitergeht

Jetzt stellte sich dieser Wunsch, der eigentlich kein Wunsch mehr war, sondern Theorie (er war weg), als falsch heraus. Gestern. Denn es gibt ihn natürlich noch. Nicht nur ihr Leben ist nach der Trennung weiter gegangen. Sondern auch seines. Und sie versteht es einfach nicht, will es nicht verstehen. Für sie war es eine Unmöglichkeit, in dieser Stadt jemanden zufällig zu treffen. (Das passierte einfach nicht. Man traf hier niemanden zufällig, weil es doch jeden Abend so viele Konzerte gab, auf die man gehen wollte. Oder eine Vernissage. Oder doch lieber die andere Vernissage? Weil in dieser Stadt doch immer so viel gleichzeitig passierte. So vieles, wo man selbst nicht dabei war. Weil man doch nicht alles gleichzeitig machen konnte. Und dass jemand, den man kannte, sich aus all dem, was möglich war, das Gleiche aussuchte wie man selbst – und dann ausgerechnet er – das war für sie unmöglich.)

Sie kam gerade aus dem Büro, hatte ein paar Einkäufe dabei. Gestresst, abgehetzt. Ein Abend, wie es ihn bei ihr mindestens fünf Mal die Woche gab. Der aber dann ganz anders verlief als jeder andere Abend. Denn sie lief vom Supermarkt nicht einfach bis zum Ende der Straße, bog erst links, dann rechts ab bis zu ihrer Wohnung. Nicht vorbei an dem Knallen anderer Absätzen auf dem Asphalt, diesem Klicken, Klacken, Klopfen, das mit jedem Schritt der ihr Entgegenkommenden zu hören war (wenn sie nicht gerade Sneaker trugen). Sondern sie rannte direkt in ihn hinein. Mit diesem Bio-Brotaufstrich, den er in der Hand hielt. Jetzt.

Wieso jetzt? Über Treffen, für die man nicht bereit ist

Nachdem sie ihn so oft in einem anderen Typen erkannt hatte. Und er es dann doch nicht war. Wieder nicht. Nachdem sie so oft das Gefühl gehabt hatte, er würde, er müsse gleich vor ihr stehen. An der Straßenkreuzung zum Beispiel, an der er sie das erste Mal geküsst hatte. In dem Einkaufszentrum, direkt vor dem Ausgang, als sie sich gestritten hatten. So sehr, dass die Verkäuferin aus der Drogerie nebenan sie gebeten hatte, bitte zu gehen. (Warum sie sich damals gestritten hatten? Keine Ahnung. Sie wusste es nicht mehr.)

Und es war das Gleiche, jedes verdammte Mal, wenn sie an diesem China-Imbiss vorbei lief, in dem er ihr gestanden hatte, dass er sie liebte. Alle diese Orte und, scheiße, noch so viele mehr, wurden für sie zu Denkmälern, die sie an eine kaputte Liebe erinnerten. Die sie betrachtete wie etwas Fremdes, das sie erkannte, aber nicht mehr kannte. Weil all diese Orte jetzt so anders waren als noch vor einem Jahr. Weil sich ihr jetzt jedes Mal der Magen umdrehte, wenn sie davorstand, weil sie dachte: Hier, genau hier war es. Und es traf sie wie ein verdammter Faustschlag, dass es das, den Kuss, das Liebesgeständnis, selbst den Streit mit ihm hier nie wieder geben würde.

So lange war er da und hat damit die Einsamkeit in ihr zementiert

Lange war das so. Dass er da war. Gefühlt. Obwohl er nicht da war. Und dass sie sich dadurch nur umso einsamer fühlte. (Dass das überhaupt geht, dachte sie. Dass jemand in einem Moment so anwesend sein konnte, obwohl er nicht da war. Weil er weg war. Weil es doch gar nicht sein konnte, dass er da war. Es konnte schon deshalb nicht sein, weil diese gefühlte Nähe doch im Gegensatz zu ihrer Theorie stand!) Er kam natürlich nie vorbei. Nie wirklich. Niemals, wenn sie dachte, dass er käme. Und jedes Mal, wenn es nicht passierte, fühlte sie sich in ihrer Theorie nur bestätigt. Zumindest das.

Und dann passierte es, als sie wirklich nicht damit gerechnet hatte. Wirklich gar nicht. In so einem Moment will man gut aussehen. So gut, dass er denkt, dass man echt gut aussieht. Zu gut dafür, als dass man noch immer an ihn denkt, manchmal. Zu gut dafür, als dass einen die Trennung, die ja jetzt so lange her ist, immer noch beschäftigt. Als dass es immer noch Nächte gibt, in denen man sich einschließt, niemanden sehen will und sich trotzdem so verdammt einsam fühlt.

Es gibt keinen guten Moment, um eine alte Liebe wiederzusehen

All das, genau das, sollte er nicht sehen dürfen. Das hatte man sich so oft vorgenommen. Aber es gab einfach keinen guten Moment für eine Begegnung wie diese. Keinen guten Moment für eine Begegnung mit dem Ex. Denn wenn man den Typen, den man nicht (und eigentlich doch so sehr) sehen will, dann wirklich trifft, dann wird genau das, dann werden all die Gedanken an ihn, all die schlaflosen Nächte auf einmal ziemlich greifbar. In dem Moment, in dem du realisierst, dass er es wirklich ist – er trägt jetzt vielleicht den Bart ein bisschen länger und die Jeans hast du auch noch nie gesehen an ihm (eigentlich hat er diese Farbe doch nie getragen. Jedenfalls nicht, als ihr noch zusammen wart) – da steht in deinem Gesicht genau das.

Genau das, was du ihm nicht zeigen wolltest. Es ist nur eine Sekunde, vielleicht zwei, eben bis dir das bewusst wird. Dass du ihm das nie zeigen wolltest. Ihm nie gönnen wolltest, das zu sehen, nach all dem, was war. Aber dann ist es zu spät. Und dein smartes Lächeln, auch, dass du so tust, als seist du angenehm überrascht (‚Das gibt’s ja nicht‘, hast du vielleicht gesagt. ‚Wie schön.‘) bringt nichts mehr. Dafür kennt er dich zu gut. Immer noch. Man kann dem Ex nicht zeigen, was man ihm zeigen will. Wie gut es dir ohne ihn geht. Besonders dann nicht, wenn es nicht wahr ist.

Wieso macht mich diese Begegnung so klein?

Und dann stand sie da. Ohne Brotaufstrich. Ohne Freund. Mit diesem Gefühl, gescheitert zu sein. Denn jetzt sei doch alles ganz anders, als es hätte kommen sollen, sagt sie. Anders, als sie gedacht habe, dass es kommen würde. Vor zehn Jahren. Als sie 18 gewesen sei. Da habe sie auch gedacht, dass sie selbst mal ganz anders werden würde. Anders als die, die sie heute sei. Verheiratet. Und Mutter. Sie habe Kinder haben wollen in dem Alter, in dem sie jetzt sei. Einen Jungen, dann ein Mädchen am besten. Ein Haus. Mit Garten. Irgendwo auf dem Land. Sogar den verdammten Klischee-Hund habe sie haben wollen. Und heute?
Habe sie nichts. Nichts davon. Und die ganze Zeit über habe sie gedacht, das sei okay so. Es sei zwar anders gekommen als sie das mal gedacht habe. Aber das sei eben so. Und das sei doch auch nicht schlimm, oder? Überhaupt. Mann, Haus, Kinder und so. Das sei doch auch spießig. Oder? Sie war sich nicht sicher.

Wäre mein jüngeres Ich stolz auf mich?

Denn, wenn man anfange, sich aus der Sicht seines 18-jährigen Ichs (diesem naiven Miststück) zu hinterfragen, dann würde es hart. Ist denn das Ganze wirklich so spießig, wie man heute denkt, müsse man sich dann fragen. Und denke man überhaupt wirklich, dass das spießig sei? Oder sage man das heute nur so, weil es weniger unangenehm sei. Weil es sich einfach besser anhöre als das Eingeständnis, dass man all das vielleicht doch wolle. Aber nicht habe. Als das Eingeständnis, dass man vielleicht wirklich gescheitert sei. Sie habe keine Ahnung, ob sie doch ein Haus wolle, sagt sie. Sie wisse es nicht. Nicht mehr. Dass man sich selbst manchmal so fern sein kann! Dass das eigene Leben wirklich so falsch und befremdlich auf einen wirken kann. So als wäre es nicht das eigene: Oder zumindest eine falsche Version davon.

So wie bei dieser Idee von den Parallelwelten. Wie bei dieser Vorstellung, dass man in zig Versionen von sich selbst in einer anderen Welt ein anderes Leben lebt. Weil sich mit jeder Entscheidung, die man trifft, mit jeder Handlung eine andere dieser Welten auftut. Aber ohne, dass man weiß, wie man weiterlebt in diesen anderen Welten, für die man sich nicht entschieden hat. Und in irgendeiner dieser parallelen Welten ist sie wahrscheinlich noch mit ihrem Ex zusammen.

Weil sie sich nicht getrennt hätten. Weil es nur eine Phase gewesen ist (das verflixte dritte Jahr, oder so), die inzwischen schon lange zurückliegt. Vielleicht ist sie sogar schwanger. Sechster Monat. Sie wird das Kind bekommen, einen Sohn. Und dann, in zwei, drei Jahren vielleicht noch eine Tochter. Dann hat sie diese Familie, von der sie gesprochen hat. Vielleicht sogar das Haus. Den Garten, den Hund. Aber ist sie dann glücklich?

Wäre eine andere Version von meinem Leben die bessere?

Ist sie dann glücklicher als jetzt oder fragt sie sich nicht doch, wie ihr Leben ansehen würde, wenn sie das erste Kind nicht bekommen hätte. Und das zweite auch nicht. Weil ihr alles zu viel ist. Und doch nicht reicht. Weil sich doch alles nur um die Kinder dreht. Um den Garten, in dem Pflanzen stehen, von denen sie vor ein paar Jahren nicht mal den Namen gekannt hat. Und um Tupperware-Partys. Früher, da hat sie sich über diese Tupperware-Partys lustig gemacht, denkt sie dann vielleicht. Und wie sehr sie dieses Früher vermisst.

Aber ob das wirklich so ist, ob man eine gute oder doch eine schlechte Entscheidung getroffen hat, damals mit der Trennung oder mit den Kindern, die man nicht hat – das wird man nie erfahren.
Weil man eben nur aus einer Welt mitkriegt, was passiert.
Weil man deshalb auch nicht vergleichen kann.
Und das kann einen verrückt machen, wenn man darüber nachdenkt. Weil man jeden Tag, jeden Moment so viel davon verpasst, wie es sein könnte.
Weil man doch immer das haben will, was man selbst nicht hat.
Weil man doch immer in der Parallelwelt leben will, gegen die man sich selbst mal entschieden hat.

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