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Berufseinstieg als Trainee: „Die testen nur, wie opferbereit ich bin“

Kaum den Abschluss in der Tasche und schon steht der erste Job an. Super! Doch was, wenn von der großen Vorfreude am Ende nur noch die Forderung nach unbegrenzter Aufopferungsbereitschaft übrig bleibt? Christina vom Chapter One Mag hat die Erfahrungen ihrer Freundin für uns aufgeschrieben.

 

Der erste Job als Trainee: Unbegrenzte Vorfreude…

Marie hat es geschafft. Nach ihrem erfolgreich abgeschlossenen BWL-Studium fand sie gleich einen Job als Trainee im Management eines bundesweit agierenden Unternehmens. Ein super Gehalt, spannende Aufgaben und hervorragende Übernahmechancen als Führungskraft.

Die Vorfreude auf den Berufseinstieg war ungetrübt – naja, bis auf eine klitzekleinen Winzigkeit: sie wusste bis fünf Tage vor Arbeitsbeginn immer noch nicht, in welche Stadt sie eigentlich versetzt werden würde. „Egal, ich lasse mich überraschen“, hatte sie mir gesagt. „Und dann?“, wollte ich wissen. Danach würde sie alle paar Monate nicht nur die Abteilung, sondern auch gleich die Stadt wechseln, um alles kennenzulernen, versteht sich.

Was jeweils als nächstes dran ist, erfährt sie ein paar Tage vorher. „Flexibilität ist eigentlich schon in Ordnung – das ist ja heutzutage ein Muss. Aber ein kleines bisschen nervig ist das schon. Man ist ja neugierig, und es wäre natürlich schön, sich auf den neuen Wohnort einstellen können. Aber was soll’s – ich werde gut bezahlt, und die Firma übernimmt nicht nur die Hotelkosten, sondern auch die Fahrtkosten, wenn ich am Wochenende nach Hause will.“

…oder unbegrenzte Flexibilität?

Hotelkosten? „Naja, ich wohne doch das Trainee-Jahr über in Hotels in der Nähe der jeweiligen Filiale. Ein WG-Zimmer wäre mir wohl lieber gewesen – da kommt man schließlich mit Menschen in Kontakt – aber im Hotel muss ich wenigstens nicht aufräumen. Das hat ja auch was für sich“, zwinkert sie mir zu.

Die ersten Monate arbeitet sie im Verkauf, 600 Kilometer von Zuhause weg. Als wir uns wiedersehen, sagt sie: „In einer anderen Stadt zu wohnen ist nicht das Problem. Das Komische ist nur, dass ich Dinge tue, die ich in der Filiale bei mir Zuhause auch machen könnte. Stattdessen hocke ich dort, mache nur Überstunden (habe ja sonst nichts zu tun) und kehre abends in mein leeres Hotelzimmer zurück. Ich habe immer sonntags sowie an einem Tag unter der Woche frei, aber nach Hause fahren lohnt sich dann auch nicht mehr.“

Mein Job als Trainee: Alles nur ein Test?

„Es fühlt sich alles ein bisschen einsam an. In Hotels lebt man sich nicht richtig ein, und ohne festen Wohnsitz findet man auch nicht wirklich Freunde außerhalb der Arbeit. Meine Vermutung ist: das ist ein Test um zu sehen, wie viel ich bereit bin zu opfern, um bei dem Unternehmen zu bleiben. Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre.“ Ein alter Spruch, der sicherlich zu Recht Wahres in sich birgt. Aber, wie extrem muss der Test in Sachen Flexibilität ausfallen? Für Marie ging die Probe jedoch noch etwas weiter.

„Ich musste neulich meinen Urlaub für das gesamte Jahr 2016 festlegen und freigeben lassen. Was bizarr ist, weil ich keine Ahnung habe, wo ich in ein paar Monaten sein werde – geschweige denn, wie ich dann meinen Urlaub verbringe.“

Das Prinzip ist also denkbar einfach: Verlangt wird vollste Flexibilität, bei minimaler Selbstbestimmung und Planungssicherheit.

„Es ist schon okay. Und hey, ich kann mich glücklich schätzen, ein Jahr lang als gut bezahlter Trainee durch die Hotels und Städte des Landes zu hüpfen. Was danach kommt – wer weiß das schon? Zudem sind die Übernahmechancen super. Wenn man sich gut anstellt und nicht zu viel meckert, bekommt man gleich eine Führungsposition übertragen. Vor allem freue ich mich auf die Planungssicherheit. Ich hoffe nur, dass es dann nicht noch mehr Überstunden sein werden als jetzt schon. Aber das scheint mir unwahrscheinlich…“

Hattest du als Trainee ähnliche Erfahrungen?

Hinweis: Dies versteht sich selbstverständlich lediglich als ein Erfahrungsbericht von vielen; er lässt sich nicht auf andere Trainees oder andere Unternehmen übertragen. Umso mehr interessiert uns: Wie waren deine „Lehrjahre“? Ähnlich wie bei Marie? Oder ganz, ganz anders?

Dieser Artikel erschien zuerst auf Chapter One Mag, dem Blog von Christina Wunder und Jana Zieseniß. Wir freuen uns, dass wir ihn auch hier veröffentlichen konnten.

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