Foto: Fräulein Fotograf

„Ich will Frauen als Hebamme auch digital abholen, um sie betreuen zu können”

Sabine Kroh ist eine unserer „25 Frauen, deren Erfindungen unsere Welt verändern” – sie hat den internationalen Online-Hebammenservice „Call a Midwife“ ins Leben gerufen. Hebammenbetreuung per Videocall: Kann das funktionieren und wem hilft das konkret? Wir haben mit ihr gesprochen.

 

Smartphone statt Hausbesuch

Sabine Kroh liebt ihren Beruf. Aber auch sie musste ihr Arbeitsleben neu organisieren, als vor einigen Jahren die Kosten für die Haftpflichtversicherungen für die meisten Hebammen innerhalb kürzester Zeit zu teuer wurden. Sie zog sich aus dem Rufbereitschaftsdienst zurück, aber betreut nach wie vor junge Mütter einzeln und in ihren Gruppenangeboten. 

Seit 2014 ist Sabine Kroh nicht nur „Hauptstadthebamme„, sondern auch Gründerin. Die 48-Jährige ist nun nicht mehr nur in Berlin als Hebamme tätig, sondern auch international – über den von ihr gegründeten Hebammen-Service „Call a Midwife“. Über diese Plattform können Mütter im Ausland via Skype persönliche Betreuung vor und nach der Geburt bekommen. Denn vieles, wenn auch längst nicht alles, lässt sich problemlos über den Bildschirm besprechen. 

Der Bedarf ist groß. Denn auch wenn wir uns das mit der aktuellen Situation nicht vorstellen können: Deutschland hat erwiesenermaßen das beste Hebammensystem auf der ganzen Welt. Nicht nur deutsche Frauen im Ausland, sondern auch junge Mütter aus anderen Ländern möchten sich gerne optimal versorgt wissen. Für ihren digitalen Hebammenservice wurde Sabine Kroh gerade unter die „25 Frauen, deren Erfindungen unsere Welt verändern” gewählt.

Als wir uns zum Gespräch setzen, legt Sabine Kroh zwei Smartphones auf den Tisch. Eine junge Mutter in Indien hat eine Flat-Rate gekauft … vielleicht ruft sie an. Fast hoffe ich, sie täte es, denn ich würde Sabine Kroh zu gerne Live-in-Action sehen.

Sabine, mit Ende Vierzig nochmal eben Gründerin geworden. Wie fühlt sich das an? 

„Vor allem ist das alles total spannend. Als die Idee auftauchte, habe ich sie mit meinen Freunden besprochen und angefangen, zu forschen, was da möglich wäre. Drei Monate später hatte ich den ersten zahlenden Kunden auf Call a Midwife.“

Hast du das alles alleine gemacht?

„Nein, ich habe schon jemanden hinzugezogen, der die Seite für uns baut. Aber der hat auch von mir gefordert, dass ich mich mit den Dingen auseinandersetze. ich hatte ja keine Ahnung von nix: Customer Journey, USP, was ist SEO oder wie nutzt man Facebook fürs Geschäft. Ich habe mich mit richtig vielen Leuten getroffen, um das alles zu lernen und zu verstehen. Da kommt mein ureigener Ehrgeiz durch.“

Wie hast du die Startphase finanziert? 

„Ich habe weiter gearbeitet. Das war schon viel, aber wenn es Spaß macht, arbeitet man ja gerne. Die Gründung habe ich eigenfinanziert. Ich habe auch keinen Kredit aufgenommen, aber ich hatte sehr viel Unterstützung. Und seit April habe ich einen Investor. Er ist aus der IT-Branche, das passt sehr gut zu uns. Ich habe zwei Mitarbeiterinnen, die mich während ihrer Elternzeit freiwillig unterstützen. Sie kriegen kein Geld. Ich habe die beiden während ihrer Schwangerschaft betreut und sie finden das Projekt klasse. Deshalb wollen sie es unterstützen. Das ist wirklich toll, aber da sieht man auch, auf was für einer persönlichen Ebene wir Hebammen arbeiten.“ 

Wie meinst du das? 

„Wir Hebammen duzen die Frauen, die wir betreuen sofort. Ganz schnell kommen wir an den Punkt, wo ich die Frauen nackt sehe. Und in meine Hände übergeben sie ihre Babys! Ob man nun will oder nicht, es ist persönlich. Ich bekomme das als Gründerin immer wieder gezeigt – die Dankbarkeit für die Arbeit einer Hebamme ist eine ganz besondere, eine emotionale.“ 

Dein Hebammenjob in Berlin, die Betreuung von Frauen online, Business Development, Kundenakquise und Geschäftsführung … Woher nimmst du die Überzeugung und das Selbstvertrauen? 

„Ich weiß einfach, dass es den Bedarf gibt. Der Bedarf bracht mich ja überhaupt erst auf die Idee. Und auch jetzt kommen ja schon viele Leute über Mund-zu-Mund-Propaganda. Und ich weiß, was ich kann. Ich beherrsche die Dienstleistung, die ich verkaufe. Und wenn alle Stricke reißen habe ich einen Job. Einen guten Job, in den ich Vollzeit zurück kann. Aber man muss auch etwas riskieren. Entweder, man macht es halt, oder man macht es nicht. 

Es gibt Frauen, die sich fragen: Warum nach Übersee orientieren, wenn es in Deutschland immer weniger verfügbare Hebammen gibt? Aber erst einmal bin ich nicht persönlich für das Problem hier verantwortlich und ich habe und hatte nie die Intention, mich von dem bestehenden Problem abzuwenden. Ich arbeite ja weiterhin als Hebamme in Berlin. Ich betreue Frauen und gebe weiter meine Kurse.“

Und trotzdem sehen dich viele Kolleginnen als Abtrünnige… 

„Ja, ich kann deren Gefühle auch verstehen, aber ich verweigere mich dem Vorwurf, ich bereichere mich  an der Not der Frauen. Das ist ja nicht richtig. Alle in Deutschland versicherten Frauen – ob im In- oder Ausland – betreue ich ganz normal über die Kassenleistung. Und für die Frauen im Ausland, die Call a Midwife buchen, sind wir ein Schnäppchen, verglichen mit deren lokalen Angeboten. Ich nehme auch dem Arbeitsmarkt in Deutschland keine Hebammen weg. Alle, die für mich arbeiten, arbeiten wie ich nach wie vor auch lokal weiter. Sie stellen mir gewisse Zeiten zur Verfügung, in denen sie für Call a Midwife skypen und telefonieren. Ich bin reine Auftraggeberin. Das bedeutet, ich gebe einigen Hebammen die Chance, in ihrem eigenen Beruf noch dazuzuverdienen.

Alles wegen der Versicherungskosten? 

„Unter anderem, denn die Haftpflichtkosten sind ja so hoch, dass man arbeiten geht, um überhaupt arbeiten zu können. Aber auch ältere Hebammen, denen die Hausbesuche körperlich zu anstrengend werden oder junge Mütter, die aufgrund der eigenen Kinder zeitlich sehr eingeschränkt sind, haben Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen.“ 

Die Hebamme meiner Schwester musste kurz vor der Entbindung aus familiären Gründen umziehen und so kurzfristig war kein Ersatz zu finden. Eine meiner Freundinnen in Rostock findet keine Betreuung – noch drei Monate bis zur Geburt. Eine Kollegin in Hamburg – noch zwei Monate – hat gerade erst eine gefunden. Könnten sich diese Frauen auch an Call a Midwife wenden? 

„Call a Midwife ist nicht für den deutschen Markt bestimmt. Wir machen hier auch keine Werbung. Aber ich würde nie eine Frau abweisen, die Hilfe braucht. Zuerst würde ich allerdings mein berufliches Netzwerk aktivieren, um vor Ort eine Hebamme für die Frau zu finden. Bisher hat das glücklicherweise immer geklappt.“

Die Süddeutsche Zeitung hat die Kolumne, „Die Wehenschreiberin“, Hannelore Hoger hat den Hashtag #aufdentischhauenfürhebammen erschaffen … Können solche Aktionen den Hebammen in Deutschland helfen? 

„Hebammen sind vor allem Einzelkämpferinnen. Es gibt nur zwei Verbände und viele treten denen gar nicht bei. Hebammen sind schwer an einen Tisch zu bringen. Und ich glaube auch, dass die oben erwähnte Emotionalität in unserem Geschäft den Hebammen berufspolitisch eher schadet. Es gibt häufig kleine, herzliche, gut gemeinte Aktionen, Flashmobs und auch eine Opferhaltung, aber Hebammen sind medizinisch ausgebildetes Fachpersonal. Wir haben enorme Kompetenzen. Mit gestreuten, lieb gemeinten Aktionen ist da keinem geholfen, da geht nur Kraft verloren.“

Und Kraft ist dringend notwendig.

„Es ist für mich schwer zu verstehen – wir hatten mit 500.000 Unterschriften eine der stärksten Petitionen überhaupt im Bundestag. Aber wir haben keine mächtigen Fürsprecher, keine Lobby, keine Gewerkschaft. Weil wir zum Großteil Freiberufler sind. Darum sage ich: Verbindet Euch!“

Aber mit Call a Midwife hast du ja eine Lösung gefunden, die dich aus dieser scheinbar aussichtslosen Situation herausholt.

„Wer weiß, was die Zukunft da bringt. Vielleicht kann man sich ja mal zusammensetzen und an einer Lösung arbeiten, bei der es um das Wohl der Frauen geht. Denn darum geht es ja in unserem Beruf. Und wenn Frauen digital unterwegs sind, dann muss man sie eben genau da auch abholen. Es ist unsere Aufgabe, einen so traditionellen, analogen Beruf so zu gestalten, dass man auch in unserem digitalen Zeitalter gut arbeiten kann. Genau das ist die Herausforderung, die ich so spannend finde.“

Wo liegen da die Grenzen in der Betreuung?

„Alles, was ich messen muss, Dinge, die ich nur durch Anfassen klären kann. Da sind mir klare Grenzen gesetzt. Wir können natürlich auch keine Geburt via Skype betreuen.“

Wie übergibt man dann die Verantwortung? Auch hier in Berlin übergeben Hebammen ja irgendwann an einen Arzt.

„Ich schule unsere Hebammen sehr sorgfältig. Es gibt Momente, in denen müssen wir das Gespräch abbrechen und die Frauen zu einem Arzt schicken. Aber sogar wenn wir eine Frau in Indien betreuen, kann ich ihr von hier aus helfen, einen guten Arzt zu finden, da ich mit dem Personal dort kommunizieren kann. Wir können viel Unterstützung leisten.“ 

Was ist mit technischen Problemen? Was, wenn im Gespräch mit Tansania dauernd das WLAN abbricht?

„Das passiert nicht. Interessanterweise scheint das WLAN überall besser als bei uns. Die Menschen dort sind auch schon längst an ärztliche Betreuung via Skype gewöhnt. Das findet dort keiner unmoralisch.“

Auch bei uns schwinden ja die Landärzte. Es wird mit telemedizinischen Projekten experimentiert. Tauscht ihr euch aus?

„Klar, wir haben Kontakt mit anderen Startups. Deutschland hinkt noch sehr hinterher. Wir haben noch keine Standards für Datenschutzauflagen und andere rechtliche Fragen. In England ist es längst normal, seine Blutresultate mit dem Hausarzt via Skype zu besprechen. In Missouri in den USA gibt es ein ganzes telemedizinisches Krankenhaus. Es ist die Zukunft.“

Wie sieht die Zukunft von Call a Midwife aus? 

„Das ist die Preisfrage. Erst einmal müssen wir mit den Calls richtig loslegen. Wir haben täglich Anfragen. Einige davon buchen bei uns, andere nicht. Aber ich betreue bereits mehr Frauen digital als persönlich in Berlin. Ich wünsche mir, dass ich mittelfristig auch internationale Hebammen einstellen kann. Ich habe jetzt neun Berliner Hebammen, die neun Sprachen sprechen. Das ist großartig. Aber wäre es nicht toll, wenn Frauen in England auch von einer englischen Hebamme betreut werden könnten, die die Begebenheiten dort kennt? 

Und ich möchte das Programm gerne ausweiten: Kinderärzte, Psychologen mit ins Boot holen. Es soll ein Portal bleiben und vielleicht zu einer Plattform wachsen, über die Frauen auch ihre Hebammen und Ärzte finden können. Ich kann mir da vieles vorstellen. Die Calls sind ein Produkt. Ich denke, da können wir noch viel drängen. Das Schwierige wird sein, einen guten Service, mit geprüftem und verlässlichen Fachkräften zu haben. Es muss immer um das Wohl der Frauen gehen. Ich sehe da schon noch zehn Jahre harte Arbeit vor uns. Es gibt noch so viel weiterzuentwickeln.“

Dabei wünschen wir viel Erfolg! 

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