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Frauen als Freiwild? Total OK – außer, es kommen Ausländer ins Spiel

Sexuelle Belästigung ist für Mädchen und Frauen in Deutschland Alltag. Sie gilt als normal, wenn nicht gar als „Kompliment“ – es sei denn, es waren „die Ausländer“. Dann rottet sich auf einmal eine Bürgerwehr zusammen.

 

Sexuelle Belästigung passiert ständig und überall

Es fing an, als ich ungefähr dreizehn war. Mir fiel zunächst auf, dass die Männer auf der Straße mich plötzlich stärker zu bemerken und vermehrt anzusehen schienen. Dann pfiffen mir Gleichaltrige hinterher oder sagten im Vorbeigehen so etwas wie „Hey, Baby!“, vorzugsweise in Gruppen, um sich hinterher totzulachen. Einmal gingen meine Schwester und ich Hand in Hand und lachten, als ein Junge auf einem Fahrrad hinter uns angeradelt kam, im Vorbeigehen „Ihr dreckigen Lesben!“ rief und dann weiterfuhr, als sei der Teufel hinter ihm her. Wir lachten – aber eigentlich war ich komplett verwirrt.

Ich verstand nicht, was sich auf einmal geändert hatte und wieso ich plötzlich so viel unangenehme und ungewollte Aufmerksamkeit auf der Straße erhielt. Ich hatte eine behütete Kindheit und sah mich selbst in diesem Alter weder als besonders weiblich noch als verführerisch an, im Gegenteil: Ich hatte als schon immer sehr schlanke Person einen Wachstumsschub nach dem anderen und der Rest meines Körpers kam immer weniger hinterher (was auch ständig von allen kommentiert wurde, aber das ist ein anderes Thema). Ich kam mir daher alles andere als attraktiv vor und vermied es sogar im Hochsommer, Arme oder Beine zu zeigen, damit man nicht noch mehr als sowieso schon auf meine dünne Figur aufmerksam wurde.

Mädchen und Frauen als Zielscheibe

Für die Männer auf der Straße schien das aber überhaupt keinen Unterschied zu machen. Ein weibliches Wesen, das allein draußen unterwegs ist, scheint per se eine Zielscheibe zu sein, und auf einmal fühlte ich mich auf der Straße unsicher und in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Ich wurde nervös, wenn ich an einer Gruppe Jungs vorbeiging, was auch berechtigt war: Wenn sie nicht tatsächlich pfiffen oder etwas riefen, hörten sie oft auf, sich zu unterhalten und starrten einfach nur, was ebenso unangenehm war. Irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt und hielt das für „normal.“

Es dauerte einige Jahre, bis ich begriff, dass nicht ich mich für das Verhalten der Jungs und Männer zu schämen hatte, sondern sie selbst und dass man das nur stärker deutlich machen musste – was viel einfacher gesagt als getan ist. Ein sehr bestärkendes Erlebnis war, als ich einmal mit einer Freundin auf dem U-Bahnhof stand und mir plötzlich jemand von hinten „Hey, Schnucki“ ins Ohr säuselte. Mir platzte der Kragen und ich rief ihm laut: „Geh doch weg!“ hinterher, was die Aufmerksamkeit sämtlicher Leute auf uns zog. Er drehte sich um und erwiderte: „Ich geh ja schon!“, worauf ich rief: „Ja, gut so!“ In diesem Moment fühlte ich mich sehr stark und ich nahm mir vor, sexuelle Belästigung in Zukunft klar zu benennen.

„Boys will be boys“

Dass dies allerdings ernsthaft gefährlich werden kann, erfuhr ich, als ich eine U-Bahn-Treppe hochging und mir ein bulliger Typ von oben mit dem Ausruf „Eeeeyyy, Mooodeeeeel!“ breitarmig den Weg versperrte. Als er versuchte, mich zu umarmen, drückte ich ihn weg und ging schnell an ihm vorbei, weiter nach oben. In dem Moment schrie er mir „Du Schlampe!“ hinterher. Die Wut fuhr in mir hoch wie eine Rakete, und ich drehte mich um und schrie: „Selber, Arschloch! Fick dich doch!“ Er machte daraufhin kehrt und kam bedrohlich auf mich zu, sodass ich mich gezwungen sah, wegzurennen. Er rannte nicht hinterher, ich frage mich aber bis heute, was dann passiert wäre.

Man selbst tut nichts anderes, als sein Recht wahrzunehmen, in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein – eigentlich selbstverständlich, würde man meinen. Männer stellen aber in diesem Moment den Anspruch, dass man gefälligst auf ihre Aufmerksamkeit zu reagieren hat. Tut man das nicht oder nicht so, wie gewünscht, muss man damit rechnen, beschimpft und/oder angegriffen zu werden. Oft darf man sich im Nachhinein auch noch anhören, man hätte den Täter eben nicht so „provozieren“ dürfen – einfach nur, weil man der Belästigung etwas entgegengehalten hat. Der Täter jedoch scheint für jegliche Provokation einen Freifahrtschein zu haben. „Boys will be boys“. Reg dich doch nicht so auf.

Überhaupt blicke ich heute auf bestimmte Situationen zurück und muss anerkennen, dass es wohl leider nichts anderes als pures Glück ist, dass ich nie Opfer einer sexuellen Nötigung oder Vergewaltigung geworden bin (das heißt, im Club-Gedränge werde ich regelmäßig am Hintern begrapscht, aber das ist ja nach derzeitigem deutschen Recht keine Nötigung, deshalb beziehe ich mich hier als gesetzestreue Bürgerin auf „richtige“ sexuelle Übergriffe). Es passierte schon hin und wieder, dass ich volltrunken auf irgendwelchen Partys einschlief oder auch in der Bahn, um mehrere Runden zu drehen, bis ich irgendwann aufwachte und an der richtigen Haltestelle ausstieg. Vielleicht kann man es gesunde, jugendliche Naivität nennen, aber mit allem, was ich heute weiß, würde ich mich nie wieder so schutzlos in der Öffentlichkeit aussetzen.

Rassistischer Doppelstandard

Das ist der normale Alltag von Mädchen und Frauen in diesem Land. In diesem Zusammenhang macht es mich sehr wütend, dass sexuelle Übergriffe plötzlich ein Riesenthema sind, wenn sie von „den Ausländern“, also „den Anderen“, die man sowieso nicht hier haben will, begangen werden. Wenn man aber mal die „Fehltritte“ von den urdeutschen Mitmenschen thematisiert, wird das verharmlost und lächerlich gemacht (siehe #Aufschrei). Auch der regelrechte Aufruf zur Jagd auf Frauen der sogenannten Pick Up-Artists in mehreren deutschen Städten schien niemanden, weder die Mainstream-Medien noch die Politik, großartig zu interessieren. So viel zum Thema rassistische Doppelstandards.

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