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Ihr denkt, ihr seid jung und gleichberechtigt? Pustekuchen! Warnbrief einer mittelalten Frau

Warum ist es für Feinde der Gleichberechtigung so wichtig, Frauen in Sachen Körperwahrnehmung, Lebensplanung und Sexualität zu kontrollieren? Und macht es einen Unterschied, ob frau noch im Studium steckt oder schon auf die 50 zugeht?

 

Hallo, junge Frauen!

Ich darf das zu euch sagen, denn ich bin seit Montag 47 Jahre alt. Also per Geburtsdatum nicht mehr jung, aber auch noch nicht so alt, dass ich mit meinem Strickzeug am Kamin sitze, was auch schwierig wäre, da ich selten stricke und keinen Kamin habe.

Also, hallo, junge Frauen!

Ich möchte euch warnen. Das ist vielleicht nicht nötig, weil ihr es eh schon wisst. Doch ich wusste es damals nicht, als ich so jung war wie ihr und noch keine drei Kinder und etwas mehr Lebenserfahrung hatte. Und es hat mir keine explizit gesagt, deshalb sag ich es jetzt euch: 

Frauen und Männer sind in diesem Land, einem der reichsten der Erde, nicht gleichberechtigt und noch schlimmer: Das, was an Gleichberechtigung erreicht wurde, droht zu kippen. Reißt euch zusammen und verteidigt eure Rechte!

Ihre Feinde greifen an auf der Körperebene, bei der Familienplanung und bei der Sexualität, um die wichtigsten zu nennen. Im Grunde sind alle Ebenen verzahnt, aber ich erwähne sie hier nacheinander, um es übersichtlich zu halten.

Wofür verwendet ihr eure Zeit?

Die vordergründigste Ebene ist, schon immer und immer noch, die
eurer Körper. Ihr kennt das unter anderem als Bodyshaming. Wenn ihr mehr wiegt, sollt ihr euch schämen für eure Speckröllchen und „Rundungen“, bla bla bla. Auf der anderen Seite müsst ihr es ertragen, wie meist weibliche Redakteurinnen in sogenannten Frauenzeitschriften über oft ältere Schauspielerinnen herfallen, die so dünn sind, dass ihre Knochen hervorstehen. Und natürlich und jederzeit soll ihr euch schämen, wenn ihr ungeschminkt oder unfrisiert, verzeiht mir den altertümlichen Ausdruck, auf die Straße geht.

Und wisst ihr auch, was der Preis dafür ist, dass ihr euch andauernd mit eurem Aussehen, eurem Look etc. beschäftigt? Richtig! Ihr beschäftigt euch. Damit vergeudet ihr wertvolle Lebenszeit. In der Zeit, in der Jungs mal eben locker Karriere machen, seid ihr mit eurem Aussehen beschäftigt. Vielleicht ist das nicht schlimm, und oft macht es sogar riesigen Spaß, sich mit Schminke, Styling und Mode zu beschäftigen.

Aber macht euch klar, dass es Zeit kostet. Und fragt euch, wer entscheidet darüber, dass ihr mit euren Körpern und eurem Aussehen so viel Zeit verbringt und warum? Alle, die sich anmaßen, euch Tipps in Sachen Gewicht, Frisuren und Kleidung zu geben, maßen sich an, über eure Lebenszeit zu bestimmen.

Es sollte egal sein, wie Frauen aussehen

Abgesehen von der Lebenszeit … Ich finde, Frauen sollten auch selber entscheiden dürfen, in welchem Look sie die Welt betreten. Was ist eure Eintrittskarte zur Welt? Schönheit und Jugend? Und alle anderen müssen draußen bleiben? Nach dem Motto: Wer die Beauty-Kontrolle am Einlass zu Party nicht besteht oder nicht mehr besteht, hat nicht das Recht, reinzugehen. Damit sortiert man schon mal bequem alle Frauen aus, die nicht den gängigen Vorstellungen von Schönheit entsprechen oder nicht mehr jugendlich sind. Mitmachen im Spiel um die Weltherrschaft dürfen nur die jungen attraktiven Frauen. Schön, oder?

Ich finde das ist nicht schön. Wir alle, egal wie jung oder alt, wir haben alles Recht der Welt, die Welt zu betreten und mitzugestalten. Egal, wie wir aussehen und egal, wie alt wir sind. Ob gestylt, ungestylt, fett, dünn, hübsch, hässlich, groß, klein etc. Denkt darüber nach, wenn ihr selbst solche Eintrittskarten vergebt oder verweigert.

Mal eine andere Frage in dem Zusammenhang: Wer bestimmt eigentlich, wie man aussehen muss, um Model zu werden? Ich zum Beispiel, bin 1,85 Meter groß. Eine Größe, zu der einige sagen: „Wow, Modelgröße!“ Doch als ich vor 27 Jahren zu einer Modelagentur latschte, sagte man mir: „Du bist zwar hübsch, aber du bist zu groß, du kannst nicht Model werden.“ Weil die Typen, zu denen ich aufgucken sollte, größer sein sollten als ich. Dieses „Männer müssen größer sein als Frauen“ habe ich über viele Jahre verinnerlicht und nie hochhackige Schuhe angezogen, weil ich Männer nicht überragen wollte. So ein Schwachsinn!

Wie ihr damit umgehen sollt? Keine Ahnung. Vielleicht nehmt ihr euch Angela Merkel zum Vorbild? Sie sieht definitiv nicht nach einer Instagram-Beauty aus, und auch als Jugendliche sah sie nicht wahnsinnig hübsch aus. Aber sie hat sich im Kreis der großen Jungs behauptet. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Sieht so aus, als hätte sie das nicht aufgrund ihres Stylings geschafft, oder?

Hinterfragt, was ihr über Familie denkt

Die nächste Ebene, auf der sich seit jeher und in jüngster Zeit wieder verstärkt die feindlichen Truppen sammeln, ist die Ebene der Familienplanung, die eng mit der Körperebene und der Sexualität zu tun hat. Ja, ich weiß, ihr denkt, ihr sei vollkommen gleichberechtigt, aber Pustekuchen! Erstmal: Warum müsst ihr überhaupt heiraten, in weiß und so?? Warum predigen das Bunte und Co.? Und warum solltet ihr dann möglichst bald ein Baby bekommen? So wie Meghan
Markle
?

Weil interessierte Kreise es wollen. Weil, nach Ansicht der Nazis – und heute bei der AfD – viele weiße, deutsche Frauen viele weiße, deutsche Baby bekommen sollen, damit die deutsche Rasse nicht ausstirbt. Dass wir aussterben ist zu einen völliger Quatsch, und selbst wenn, wäre es nicht schlimm. Dennoch verbreitet die AfD erfolgreich ihre Idee, dass Deutschland durch die Gebärmutter der deutschen Frau verteidigt werden müsse. Deshalb ist sie auch gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Damit liegt sie mit der katholischen Kirche vollkommen auf einer Linie. Die Kirche verbietet sowohl Verhütung wie auch Abtreibung. Euch sind
sicherlich schon mal diese Widerlinge aufgefallen, die mit weißen Kreuzen oder grauenvollen Fotos auf Websites gegen Schwangerschaftsabbrüche agitieren. Sie behaupten, sie würden Leben schützen, aber sie lügen. Echter Lebensschutz würde erfordern, das ungeborene Leben ebenso zu schützen wie das Leben der Mutter. Ihr Lebensschutz ist in Wahrheit ein Kampf gegen die Frau.

Anders gesagt: Sie wollen die Macht über den Uterus der Frau zurückerobern oder verteidigen. Bei der AfD gibt es dafür verquere rassistische Gründe. Bei der katholischen Kirche oder auch bei den evangelikalen Christen geht es um Machterhalt. Ihr Kalkül scheint mir zu sein: Wenn genug christliche Frauen Kinder kriegen, bleibt das Christentum und damit die Fraktion des Papstes,
die größte und stärkste weltweit. Hören christliche Frauen auf, sich wie die
Karnickel zu vermehren, gewinnen die Muslim*innen die Oberhand. Dass die  Bevölkerungszunahme des afrikanischen Kontinents für Hunger und Elend sorgt und jegliche Bemühungen um Wirtschaftswachstum zunichtemacht, ist der Kirche und den christlichen Fundamentalisten reichlich egal.

Aber ihr solltet es wissen. Und solltet euch dagegen wappnen. Ob ihr Kinder kriegt oder nicht, ob ihr heiratet oder nicht, ob ihr abtreibt oder nicht, das ist allein eure Entscheidung. Lasst euch da von niemandem reinreden. Und wenn ihr eine feste Überzeug in die eine oder andere Richtung habt, hinterfragt sie: Woher kommt diese Überzeugung? Wer hat sie euch eingeredet? Die Kirche, eure Eltern? Eure Freund*innen? Wer steckt dahinter? Und dann entscheidet euch.

Ah, und noch etwas Wichtiges in Bezug auf Kinder. Lasst euch nicht einreden, wenn ihr Kinder bekommt, sei eure Karriere zu Ende. Männer, und oft auch Frauen, vermitteln diesen Eindruck gerne. Oder legen euch wirklich fette Steine in den Weg. Versucht, sie auszuräumen, nachdem ihr die inneren Steine in euerm Unterbewusstsein ausgeräumt habt, die euch sagen: Ihr schafft es eh nicht.

Warum sexuelle Freiheit noch immer ein Thema ist

Die dritte Ebene, auf der sich seit jeher die frauenfeindlichen Truppen sammeln, ist die Sexualität an sich. Sie ist ein strategisches Schlachtfeld im Kalkül derer, die euch beherrschen wollen. Warum? Weil der, der die Sexualität
der Frauen kontrolliert, auch die Männer kontrolliert, die Frauen begehren. Und
wer die Männer kontrolliert, kann sie in den Krieg schicken, sie Arbeiten schicken oder was auch immer. Nachlesen könnt ihr das bei Virginie Despentes in ihrem großartigen Buch King Kong Theorie.

Die Frontlinien beim Thema Sexualität aufzuzeigen, ist kompliziert und umfangreich, deshalb hier nur so viel: Die traditionelle Einteilung in Hure und Heilige nützt ausschließlich den Kontrolleuren. Vielleicht seid ihr als jüngere Frauen da schon weiter als ich. Ich bin noch so erzogen worden, dass ich „ein billiges Mädchen“ bin, wenn ich mich aktiv an Männer heranmache und nicht warte, bis sie den ersten Schritt machen.

Ich habe lange gebraucht, bis ich begriffen habe, dass auch ich aktiv sein kann. Dass ich Lust haben kann und haben darf. Dass es nichts über meine Integrität oder meinen Wert aussagt, ob ich mit einem Mann oder vielen Männern schlafe. Dass ich nicht zur Schlampe werde, wenn ich mit mehr als einem Mann schlafe. Und so weiter. Das jedoch ist denen, die Frauen und über sie die Männer beherrschen wollen, ein Dorn im Auge. Weshalb es gesellschaftlich immer noch verpönt ist, dass sich Frauen zu ihrer eigenen weiblichen Lust bekennen. Und zwar umso weniger, je mehr sie gesellschaftlich im Rampenlicht stehen. Ich kenne bisher keine Politikerin, die dazu steht, ein ausschweifendes Sexualleben zu führen. Mit Ausnahme von Katharina der Großen, aber die stand eh schon an der Spitze und ist inzwischen lange tot. Okay, Jutta Ditfurth, ehemalige Grüne, sie bekannte sich dazu, Spaß an Sex zu haben und mehrmals abgetrieben zu haben.

Aber sonst? Ursula von der Leyen? Fehlanzeige. Sie brüstet sich höchstens damit, liebevolle Mutter von sieben Kindern zu sein. Zaghafte Schritte in Richtung Normalisierung werden ausgerechnet im Showbusiness gegangen,
und zwar in Deutschland ausgerechnet von Topmodel-Mama Heidi Klum. Sie zeigt offenherzig ihren um viele Jahre jüngeren Partner herum. Die Botschaft dahinter: Ich bin eine Frau jenseits der 40, aber ich lebe und liebe noch. Und zwar so, wie ich das will. 

Auf allen drei Schlachtfeldern, der Körperebene, der Familienplanung und der Sexualität, gilt: Macht euch klar, was ihr wollt. Und was andere gegen eure Freiheit haben könnten. Und dann reißt euch zusammen und verteidigt eure Rechte! Ich bin gerne dabei!

Herzlichst, Eure Eva

Titelbild: Depositphotos

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