Foto: Amorelie

Lea-Sophie Cramer:„Ich möchte und werde mich nicht so verhalten, als hätte ich kein Kind“

Lea-Sophie Cramer ist Chefin des Sextoys-Onlineshops Amorelie und erwartet im November ihr erstes Kind – im Interview mit uns spricht sie über mittelmäßiges Timing, das Kondomabo für den Mitgründer und ihre Pläne nach der Geburt.

 

Ein Onlineshop für Unterhaltung im weitesten Sinn

Gründen ist irgendwie ein 24 Stunden Job. Familie und Freunde müssen da schon einmal hinten anstehen. Doch was, wenn es dann doch anders kommt?

In wenigen Wochen ist es so weit: Das Baby von Lea-Sophie Cramer wird im November zur Welt kommen. Ende 2012 gründete sie gemeinsam mit Sebastian Pollok den Onlineshop Amorelie, um Sextoys aus der Schmuddelecke zu holen. Das ist ihr gelungen, kann man sagen. 2014 wurde sie unter unsere „25 Frauen für die digitale Zukunft gewählt, ein Jahr später unter die „25 Frauen, die wir bis 2025 als DAX30-CEO sehen wollenIhre Eltern behaupteten ein Jahr lang, ihre Tochter mache einen Onlineshop für Unterhaltungselektronik, wie sie neulich bei Markus Lanz erzählte. Die Mehrheit an Amorelie hat vor kurzem ProSiebenSat.1 übernommen, Lea-Sophie bleibt Geschäftsführerin. 

Ist es eigentlich ein Vorteil oder ein Nachteil, seine eigene Chefin zu sein, wenn man schwanger wird? Wir haben nachgefragt.

Erzähl uns doch nochmal, was dir
spontan durch den Kopf ging, als du gemerkt hast, dass du schwanger
bist: Pures Glück, Schock? Hast du gleich an das Unternehmen gedacht
und was das bedeutet, oder war das erstmal überhaupt nicht wichtig?

„Glück und Überraschung! Das Timing
war mittelmäßig – die letzten Tage und Wochen vor dem Verkauf der
Mehrheit von Amorelie an ProSiebenSat.1 waren sehr arbeitsintensiv
und emotional. Wir haben quasi die Nächte durchgearbeitet und
nachdem ich von meiner Schwangerschaft um 9 Uhr morgens erfahren
habe, hatte ich gleich um 10 Uhr ein Live-Radio-Interview. Also war
keine Zeit, groß innezuhalten, sondern ich war sofort wieder voll im
Unternehmensalltag angekommen. Richtig realisiert habe ich es dann
erst, als ich mit meinem Partner gesprochen habe – ein tolles
Erlebnis.“

Wann hast du angefangen, darüber
nachzudenken, wie du das organisatorisch machen willst mit dem Baby
und einer Auszeit? Sofort? Oder erstmal ein paar Wochen die Nachricht
sacken lassen?

„Erst später. Zuerst einmal galt es
den Verkauf von Amorelie bestmöglich gemeinsam mit meinem
Mitgründer Sebastian über die Bühne zu bringen. Als das
durch war, habe ich es Sebastian gleich mit ein paar
organisatorischen Überlegungen erzählt. Danach habe ich jedoch erst
einmal die kritischen drei Monate abgewartet, bevor ich meinen
Investoren und dem Team davon berichtet habe und mir wirklich das
erste Mal konkret überlegt habe, wie man die Situation
organisatorisch lösen kann.“

In einem Interview hast du gesagt: „Und
der zweite Gedanke: Mist, im November, dem Geburtstermin, ist
Weihnachtsphase. Das ist bei uns ein Hochgeschäft

– hast du dich damals im Nachhinein erschrocken darüber, dass du
so sehr „verstrickt“ bist in deinen Job, dass du selbst in so
einer Situation, die das Leben privat total verändern wird, gleich
an den Job dachtest? Oder sagst du: Das ist nun einmal so, der Job
ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben?

„Ich liebe meine Arbeit – sie
erfüllt mich sehr und daher hat mich das nicht irritiert. Die
Schwangerschaft fühlt sich ja anfangs auch noch sehr surreal an,
sodass viele unterschiedliche Gedanken aufkommen. Als Gründerin will
ich natürlich in den wichtigsten Phasen für mein Unternehmen da
sein – aber diesmal geht es halt nicht und auch das werden wir gut
schaffen. Ich werde nach der Geburt weniger arbeiten können und die
Priorität liegt klar bei meinem Kind. Aber trotzdem möchte ich
weiterhin das Geschäft führen und mich auch als Mutter beruflich
weiter verwirklichen.“

Du sagtest auch, dass direkt nach der
Übernahme nicht der perfekte Zeitpunkt war, den es ja sowieso nie
gibt – was waren konkret deine Befürchtungen, was die Reaktionen
des Investors angeht?

„Nun, gerade ein Startup, das noch
so jung ist wie wir, wird natürlich nicht nur wegen seiner
Strukturen, Prozesse und historischen Zahlen übernommen, sondern vor
allen Dingen auch wegen der einzelnen Leuten und der Pläne für die
Zukunft. Ich bin ja auch Arbeitgeber und hätte es verstanden, wenn
man als neuer mehrheitlicher Investor von einem Startup, bei dem die
Gründerin mittelfristig für eine Zeit ausfallen wird dann denkt
,Och nööö!
. Da ProSiebenSat.1
jedoch vorher schon beteiligt war, kennen sie Sebastian und mich und
wissen wie wir arbeiten und wie sehr Amorelie uns am Herzen liegt.
Die Reaktionen waren dementsprechend gelassen und freudig. Meinem
Mitgründer haben wir für die Phase scherzhaft gleich ein Kondom-Abo
versprochen (lacht).“

Du sprachst davon, dass du es schon
nicht mehr hören kannst, wenn ständig alle sagen, planen könne man
alles vorher eh nicht… bist du ein bisschen aufgeregt und fragst
dich was ist, wenn es nicht so läuft, wie du dir das jetzt denkst,
oder sagst du dir: Irgendwie wird es schon hinhauen?

„Klar ist man vor so einem
lebensverändernden Ereignis aufgeregt, denn schließlich wird es
mein erstes Kind. Aber ,nicht planen

ist auch keine Lösung, nur weil man die Befürchtung hat, dass sich
Plan A womöglich so nicht umsetzen lässt. Kursänderungen vom
ursprünglichen Plan kennen wir als Gründer ja nur allzu gut – davor habe ich keine Angst.“

Was hast du für Pläne? Willst du
länger Elternzeit nehmen, oder planst du, recht schnell und dafür
flexibel mit Baby in die Firma zurückzukehren? Falls du schnell
wiederkommst: Wird dein Partner dann das Baby übernehmen, oder
planst du mit Nanny, die eventuell mit dem Baby in die Firma
mitkommt?

„Erst einmal möchte ich mir eine
dreimonatige Pause nehmen. Gerade die Anfangszeit mit dem Baby möchte
ich intensiv erleben und genießen können. Natürlich ist man
dauerhaft Gründerin und Geschäftsführerin, ich werde also bestimmt
auch in der Babypause mal Mails beantworten oder telefonisch
erreichbar sein. Trotzdem sind der Großteil meiner Aufgaben im
Unternehmen für meine Auszeit an das restliche Management-Team
verteilt. Niemand im Unternehmen sollte fest mit mir planen. Danach
plane ich mit einer Aupair und Baby wieder zurück an den
Arbeitsplatz zu kommen und ein kleines Kinderzimmer im Büro
einzurichten.“

Ist die Tatsache, dass du Gründerin
und Chefin deines eigenen Unternehmens bist, ein Vorteil, was die
Flexibilität von Arbeiten und Baby betrifft? Zum Beispiel also, dass
du dein Baby, wie Marissa Mayer bei Yahoo, mit Nanny einfach
mitbringst, was „normale Angestellte“ nicht so einfach machen
könnten?

„Ich war ehrlicherweise noch nie so
dankbar und froh, selbstständig zu sein – ich finde, es ist ein
sehr großes Privileg. Natürlich ist der Prozess für Angestellte
klarer, da alles definiert und geregelt ist. Zudem ist es emotional
leichter, das Unternehmen für eine Zeit hinter sich zu lassen, aber
ich genieße meinen Gestaltungsspielraum sehr. Trotzdem muss der
Anspruch unser Generation von Frauen sein, dass es mehr flexible
Möglichkeiten gibt, den Kinder- und Karrierewunsch gut
zusammenzubringen. Themen wie das Bangen um Karrierechancen und
Beförderungen (versus die männlichen Kollegen), den für den
Arbeitgeber ,akzeptable Zeitpunkt ,
die Angst, die unwichtigeren Projekte machen zu müssen und etwas auf
dem Abstellgleis zu stehen, sind einfach nicht mehr zeitgemäß oder
akzeptabel. Natürlich ist es für Arbeitgeber schwer und erst einmal
unangenehm und anstrengend, aber innovative Lösungen bergen hier
auch enorme Chancen und Möglichkeiten, tolle Talente an sich zu
binden. Wir Frauen und Männer müssen einfordern, dass Arbeitgeber
sich auf Eltern zu bewegen und wir bei Amorelie freuen uns sehr auf
die nächste Schwangerschaft in unserem Mitarbeiterkreis, dann können
wir auch hier überlegen, wie es auch für Angestellte besser gehen
kann.“

Du sagtest, Schwangerschaft ist in der
Gründerszene immer noch ein Tabuthema. Wie macht sich das bemerkbar,
und wie willst du damit umgehen?

„Das ist zu hart formuliert, aber
bisher gibt es die Mentalität: ,Trotz Kind bin ich
Vollzeit-Unternehmerin. Ich arbeite einfach noch härter als vorher –
stehe noch früher auf, gehe noch später ins Bett – und keiner
wird mir anmerken, dass ich nebenher auch noch Mutter bin.‘ Ich
möchte und werde mich jedoch nicht so verhalten, als hätte ich kein
Kind
und werde das auch nicht verheimlichen. Mir ist ziemlich
bewusst, dass ich wahrscheinlich einfach weniger Zeit für die Arbeit
haben werde – that’s life – dann muss ich noch besser
priorisieren und noch effizienter werden. Ich habe auch das Gefühl,
dass in Deutschland sich noch etwas in den Köpfen der Menschen tun
muss. In anderen Länder darf man ,Frau, Mutter und
Berufstätige/Geschäftsfrausein,
ohne dafür böse oder abwertende Blicke oder Kommentare zu ernten.
Abgesehen davon, dass viele auch gar keine Wahl haben und für die
Versorgung ihrer Familie arbeiten müssen.“

Du sagtest auch, du fändest es
absurd, dass du fehlende Möglichkeiten nur ausgleichen kannst, indem
du aus deinem eigenen netto eine Tagesmutter bezahlst – was wäre
deine Idealvorstellung gewesen? Was muss passieren in Deutschland,
damit Frauen frei entscheiden können, was das Thema Familienplanung
und Job betrifft?

„Das war nur darauf bezogen, dass es
so schwierig ist, zumindest in Berlin, einen Kita-Platz zu bekommen.
Wenn es den gibt, dann muss ich auch nichts aus meinem Netto bezahlen
und alles ist gut. Leider haben wir in Deutschland einen extremen
Mangel an Kindergartenplätzen und die Kindergärten müssten etwas
länger aufhaben als 15 oder 16 Uhr. Generell würde ich mir aber zum
Beispiel eine Betriebskita wünschen, aber da stehen einem einfach
enorm viele Auflagen, ein hohes Zeit-Investment und Kosten entgegen,
die sich für ein Start-up nicht rechnen. Der wichtigste Punkt aus
meiner Sicht ist: Toleranz gegenüber den Entscheidungen der Frauen.
Wie schon gesagt, sollte jede Mutter und jeder Vater das Recht haben
zu entscheiden, wie lange er oder sie eine Auszeit und welches Modell
er oder sie danach machen möchte, ohne an den Pranger gestellt zu
werden. Ich glaube erst, wenn sich das in den Köpfen manifestiert,
können wir gemeinsam und mit Vehemenz für ein besseres oder
innovativeres Betreuungssystem kämpfen.“

Worauf freust du dich besonders in den
kommenden Monaten?

„Auf die Geburt unseres Babys, die
Weihnachtszeit und Valentinstag!“

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