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Warum wir unsere Provinz-Heimat eben doch lieben

Warum wir vom Land in die Großstadt ziehen und uns dann doch wieder nach der Heimat sehnen.

 

Endlich raus aus der Provinz

Schon mit 14 stand für mich fest: Nach dem Abi bin ich weg, raus aus dem Kleinstadttrott wo immer alles gleich bleibt. Und das zog ich durch. Amerika, Süddeutschland, Budapest, Dublin, jetzt Köln. Zum dritten Mal wohne ich jetzt also in einer Millionenstadt, bin scheinbar vom Dorf- zum Stadtkind mutiert. Habe mich schnell daran gewöhnt bis 24 Uhr einkaufen gehen zu können und liebe die Anonymität der Großstadt. Während man in der Kleinstadt stets bestens über das Leben seiner Mitbürger informiert ist und sich jeder dafür interessiert, was der Nachbar und jeder noch so flüchtige Bekannte so treibt, interessiert es in der Stadt einfach niemanden. Oft kennt man seine Nachbarn nicht einmal beim Namen. Hier gibt es plötzlich nicht mehr nur ein Event-Highlight im Monat, sondern etwa ein bis drei pro Tag. Hier ist immer was los, hier wird es nie langweilig. Ständig neue Leute, neue Geschichten, neue Inspiration.

Und doch gibt es diese Tage, an denen die eh schon eng gebauten Häuserreihen noch näher zu rücken scheinen, an denen man betongrau nicht mehr sehen und Abgase nicht mehr riechen kann und sich einfach ein bisschen Ruhe wünscht. Diese Tage, an denen ich mich in den nächsten Zug in die Heimat setze. Wenn mir mein Großstadtalltag zu viel wird, flüchte ich, in die friedliche Idylle des heimischen Dorfes. Weil ich Abstand brauche, und mich nach Vertrautheit, Geborgenheit sehne. Dorthin, wo die Wintertage mit Autokratzen beginnen, weil die öffentlichen Verkehrsmittel nur zweimal in der Stunde fahren und sowieso nie dahin, wo ich hinmöchte. Wo man von den Jahreszeiten noch wirklich etwas wahrnimmt, weil, wohin man blickt, Wiesen, Bäume und Tannen zu sehen sind. Wiesen, auf denen im Frühjahr Gänseblümchen wachsen, Bäume, die im Herbst ihr Blätterkleid fallen lassen und Tannen, die im Winter vom zarten Schnee bedeckt sind. Wo alles noch wie früher scheint, weil sich nichts ändert, und wenn, dann wenigstens nicht so rasend schnell. Und man bekommt es mit, weil jede noch so kleine Veränderung im Vorhinein von jedem an jeder Ecke und aus jedem Winkel diskutiert wird. 

Heimat kann was 

Ich wollte immer weg, raus aus der Kleinstadt, rein ins wilde Leben. Doch je weiter ich gegangen bin, und so länger ich fort bin, umso mehr lerne ich, die Vorzüge meiner Heimat zu schätzen. Nein, einer Heimat. Es ist so unglaublich wichtig, diesen einen Ort zu haben, an den wir uns zurückziehen können, wenn es mal unangenehm wird in der Welt da draußen. Wo wir wieder das Mädchen von früher sein können, die von all dem, was da draußen passiert, noch gar nicht so viel versteht. Ich habe so einen Ort, das weiß ich mittlerweile, und dafür bin ich sehr dankbar. Einen Ort, an dem ich eine Pause von meinen Abenteuern machen kann, an dem ich meine Batterien zwischendurch wieder aufladen kann, wenn die Hektik und der Verkehrslärm mir den letzten Akku raubt. Und selbst wenn der Alltag, Pläne und Termine es manchmal nicht zulassen, diesen Ort direkt aufzusuchen, so hilft mir zumindest schon das Wissen, dass es ihn gibt. Es ist weniger der Ort selbst, der es uns besser gehen lässt, als vielmehr die Idee eines Zuhauses, eines Früher, das es in seiner ursprünglichen Form zwar vielleicht schon gar nicht mehr gibt, uns aber innerlich beruhigt und erdet, wenn die restliche Welt sich mal wieder zu schnell zu drehen scheint. Oder wenn wir den Überblick verlieren und nicht mehr wissen, wo wir eigentlich hingehören. Es ist ein Gefühl von Weihnachten, von Ankommen, von Geborgenheit, zu wissen, dass da dieser Ort ist, der einen auffängt, wenn man zu fallen droht.

Dann ist es plötzlich gar nicht mehr so schlimm, bei jedem Bäckerbesuch und Stadtbummel auf Bekannte zu treffen. Denn jeden Tag in fremde Gesichter zu blicken, kann auch zermürbend sein. Dann nehme ich Abstand von allen frischen Bekannt- und Freundschaften meines immer neuen Lebens, um mich auf jene zwischenmenschlichen Bindungen zu besinnen, die mich schon Jahre, Jahrzehnte begleiten. Dann freue ich mich über das, was ich früher abfällig Pampa nannte: Felder, weite Wiesen, Wälder, und ja, sogar der Güllegeruch, der im Sommer durchs Dorf zieht, kann mir heute ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Natur, Ursprünglichkeit. So ganz habe ich das Dorfkind in mir eben nie gehen lassen.

Das Zuhause im Herzen

Und auch wenn ich mir die Heimat aus der Ferne immer schöner in Erinnerung behalte, als sie ist, und friedlicher, als sie je sein wird; auch wenn ich weiß, dass die Sorgen der Kleinstädter nicht weniger belastend sind als die der Großstädter; auch wenn ich weiß, dass genau dieses „Immergleiche“ und dieses „Jeder-kennt-jeden“ genau das war, was mich vor über fünf Jahren weggetrieben hat – so weiß ich, dass trotz alldem diese Heimat es ist, die mir so oft Ruhe und Gelassenheit gibt, wenn ich sie anderswo verloren habe. 

„Und wo siehst du nun in Zukunft dein Zuhause?” Diese Frage stellte ich mir eines Abends, an dem ich gerade aus der Heimat zurück nach Köln kam. Und dann blickte ich hoch in die Sterne und mir wurde bewusst: wo ich einmal landen werde, das weiß ich nicht, aber die Sterne, die kann man überall sehen. Es sind die gleichen Sterne – auf dem Land und in der Stadt. Vielleicht scheinen sie auf dem Land heller, aber strahlen, das tun sie überall, wenn wir nur die Augen öffnen und den Blick nach oben richten. 

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