Foto: Luisa Gerke

„Ich brauche Sonderurlaub!“ – der ehrliche Erfahrungsbericht einer Pokémon-Go-Spielerin

„POKÈMON!“: Seit knapp einer Woche habe ich jeden Tag diesen Ohrwurm. Wirklich. Ich bin 26. Ich bin zu alt für Pokémon – was ist geschehen?

 

Das harte Leben eines Digital-Natives

„Wenn wir zusammen gehen und du Rauch machst, dann fangen wir beide bestimmt mehr.“ – Things you thought you´d never say. 

Mein Nacken tut weh. Meine Snapchatfollower schreiben mir, ob alles ok sei? Mein Großvater ruft an: „Du warst zuletzt vor zwölf Stunden auf Whatsapp online, viel um die Ohren?“ Voll. Ich spiele Pokémon Go. Und das mit Leidenschaft. Level 10 2/3.

Das letzte Mal so besessen und vernarrt war ich bei Sims. Und nun passiert mir dasselbe wieder: 15 Jahre später. Ich lese Blogposts, How-tos, schaue mir Live-Events auf Facebook an, ja, es ist um mich geschehen: Ich brauche Sonderurlaub für Pokémon Go. Bitte!

Bye Bye, Sozialleben

Ich bin Profi. Mein Powerakku liegt nun jederzeit griffbereit, ich glaube ich hole mir auch noch so eine Powercase-Hülle. Ich habe alle anderen Apps ausgeschaltet, auch mein Sozialleben.

Es gibt nur mich und meine Umgebung. Scheiß auf Datenschutz. Google owns my Ass. Und das ist auch gut so.

Murat, mein Taxifahrer von gestern Nacht kann mich total verstehen. „Ich kann mir das nich holen, Ey. Zu viele Unfälle schon von Kollegen.“, sagt er und schaut traurig zu Boden, als er meine Sachen im Kofferraum verstaut.

                                      

                       Luisas aktuelle Snapchat-Story in Dauerschleife (Quelle: Luisa Gerke)

Pokemon verbindet 

Während der Fahrt fange ich Rossana, mein Highlight des Tages. Wow. „POKÈMON!“ ertönt es in meinem Kopf.

Murat zieht kurz links rüber, als er versucht meinen Bildschirm zu erhaschen. Er kennt sie alle auswendig – großer Fan. „Kannst du ´n bisschen langsamer fahren?“, Murat geht sofort vom Gas. „Soll isch nen Umweg nehmen?“. Völliges Verständnis. „Nee, passt schon, ganz so schlimm ist es noch nicht…“, den Satz bereue ich sofort.

Mein Bruder ist zu Besuch. Schlechtes Timing. Wir sitzen vorm eingefallenen Salat in der Sonne und fangen Rattfratz. „Guck mal ein Taubsi!“, sagt Felix und deutet auf einen echten Spatz. Ich suche auf dem Handy, bis ich den Witz verstehe. Mein Verhalten wird grenzwertig.

Der größte Horror: Serverüberlastung

Ich sitze in der Bahn. Serverfehler. Pokémon No.

Meine Stimmung ist am Ende. Ich kaue Fingernägel, reloade und lausche dem Gespräch meiner Sitznachbarn: 

„Meine Eier brüten noch, die schicke ich dann direkt an den Professor für Bonbons.“

„Du, wenn Blütenblätter herauskommen, dann gibt es dort Eier und Tränke und Rauch für alle!“  

Sätze, die vor einer Woche noch nicht existierten. Böse funkeln meine Augen herüber: Wieso seid ihr im Spiel?

In der Arena

Meine Hände schwitzen. Ich betrete die Arena. Ich gucke mich um. Ein Vater mit seinem Sohn. Beide sind am Handy, der Sohn wischt aufgeregt hin und her. Klare Sache: Mein Gegner. Der kleine Pisser spielt bestimmt schon länger als ich, andererseits muss er abends früher ins Bett. Wir dürften gleich stark sein. Aber ich verliere. Vorerst. Unsere Blicke kreuzen sich. Ich nicke ihm anerkennend zu. I´ll be back.

Zuhause sitze ich alleine im Schein der Tischlampe am Esstisch,
schicke Monster zum Professor und frage mich wohin das alles noch führen mag. Auf meinem Einkaufszettel steht „selbstfahrender Selfiestick“ ganz oben, direkt hinter Powercasehülle.

Ob ich wohl bald „Sammlen sie Punkte?“ mit „Ja!“ beantworte, weil es nun „Pokémons bei Rewe fangen“ heißt? Werde ich Eier bei Media Markt brüten und mich auf der Jagd vor den Eifelturm beamen können? Bei dem Gedanken an Mario-Kart-Go habe ich gemischte Gefühle: Ich hatte eigentlich noch soviel vor – obwohl Murat sich sicherlich freuen würde.

                         

                           Luisa und ihr neuester Fang (Quelle: Luisa Gerke)

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