Foto: Netflix

Uzo Aduba: „,Orange is the new black‘ hat die Filmindustrie verändert“

„Orange is the new black“ ist zu recht eine der beliebtesten Serien unserer Zeit. Zum Start der neuen Staffel haben wir mit Uzo Aduba alias „Crazy Eyes“ Suzanne Warren gesprochen.

 

Warum wir Orange is the new black“ lieben

Am 17. Juni startet die vierte Staffel der Netflix-Erfolgsserie „Orange is the new black“. Die Show hat neue Maßstäbe in der Serienlandschaft gesetzt. Kaum ein anderes Format zeigt ein so breites Spektrum an ethnischen und sozialen Minderheiten sowie sexuellen Orientierungen – und das nicht nur verschämt am Rande angesprochen, sondern als Mittelpunkt der Geschehnisse.

In den letzten drei Staffeln ist es der Serien-Autorin Jenji Kohan gelungen, ansonsten in der öffentlichen Debatte unterrepräsentierte Themen, ein Sprachrohr zu geben: institutioneller Rassismus, gleichgeschlechtliche Liebe, Transsexualität, Inklusion, das desolate amerikanische Gefängnissystem. Orange is the new black“ lebt von seinen Charakteren und davon, dass sich wirklich die Zeit genommen wird, ihre Geschichten zu erzählen. Durch sie bekommen all diese Themen authentische und komplexe Gesichter, die dafür sorgen, dass unser sorgsam gepflegtes Gerüst aus Vorurteilen einstürzt.

Der heimliche Lieblingscharakter der Redaktion ist Suzanne Warren, die von allen Gefängnisinsassen nur „Crazy Eyes“ genannt wird. Gespielt wird Suzanne von der wundervollen Uzo Aduba, die für ihre Rolle zwei Emmys bekam – 2014 in der Kategorie als beste Nebendarstellerin in einer Comedyserie, und 2015 als beste Nebendarstellerin in einer Dramaserie. Mit ihr haben wir darüber gesprochen, was sie von ihrer Rolle gelernt hat, welche Veränderungen „Orange is the new black“ in der Filmindustrie ausgelöst hat und was uns in der vierten Staffel erwartet.

Du spielst die verrückt anmutende Suzanne Warren, die von ihren Mitgefangenen nur „Crazy Eyes“ genannt wird. Auf den ersten Blick habt ihr erst einmal nichts gemeinsam. Gibt es dennoch Wesenszüge, die ihr teilt?

Ich finde mich definitiv in ihrer Art zu lieben wieder. Wenn Suzanne liebt, dann bedingungslos. Sie liebt mit so viel blinder Hingabe, dass es manchmal schon beim Zuschauen wehtut. Ich habe selbst schon so stark geliebt. Ich weiß, wie weh diese Art von Liebe tun kann. Und ich kenne den Preis, den man für diese Art von Liebe zahlt. Sicherlich unterscheiden wir uns in der Art, wie wir unserer Liebe und der damit verbundenen Verletztheit Ausdruck verleihen. Im Gegensatz zu Suzanne habe ich noch nie vor jemanden gepinkelt, um zu demonstrieren, wie verletzt ich war. Aber ich kenne diese starken Gefühle aus meinem eigenen Leben. Und sicherlich fließt davon auch etwas in meine Interpretation der Rolle.


Nach Suzannes ersten Auftritt in der Serie fällt das Urteil als Zuschauer ziemlich simpel aus: Diese Frau ist einfach nur verrückt. Doch im weiteren Verlauf der Serie lernt man Suzanne immer besser kennen und merkt, dass sie, wie all die anderen Charaktere, ein sehr komplexes Wesen besitzt. Was können wir von ihr lernen?

Suzanne zeigt uns, wie schwer es sein kann zu lieben, wenn man nichts zurückbekommt. Aber sie erinnert uns auch immer wieder daran, dass ,Du selbst sein‘ der beste Weg ist, durchs Leben zu gehen. Sie tut nichts, um anderen Leuten zu gefallen. Sie verstellt sich nicht für andere – auch nicht für die, die sie liebt. Sie lebt und liebt so wie sie ist. Sie weiß gar nicht, wie sie nicht sie selbst sein soll. Sie ist einfach Suzanne. Das ist wahnsinnig mutig, aber auch wahnsinnig befreiend für sie. Das können wir alle von ihr lernen.

Inwiefern hat „Orange is the new black“ die Filmindustrie verändert?

„,Orange is the new black‘ hat viel dazu beigetragen, dass wir die Debatten über Rassismus, Transsexualtität, gleichgeschlechtliche Liebe, Diversität und Inklusion jetzt führen. Dass diese Themen so prominent diskutiert werden, verdanken wir zu einem großen Teil Jenji Kohan, der Autorin der Serie. Sie hat die Themen im Drehbbuch untergebracht. Und dabei ein wahnsinnig gutes Gespür für zukünftige Themen bewiesen. Man darf nicht vergessen: Jenji hat die jeweiligen Staffeln eineinhalb Jahre vor ihrer Ausstrahlung geschrieben. Sie
hat also schon so deutlich im Voraus gespürt, welche Themen bei der
Ausstrahlung der Staffel wichtig sein würden. Mit ,Orange is the new black
ist es ihr gelungen, uns allen einen Spiegel vorzuhalten, der uns zeigt, welche
Themen in der Industrie immer noch viel zu wenig bis gar nicht thematisiert
werden und, was wir dringend ändern müssen. Das gleiche haben auch Shonda Rhimes mit ,Grey´s Anatomy, ,Scandal‘ und ,How to get away with murder‘ sowie Lena Dunham mit ,Girls‘ getan. Gemeinsam haben sie die Filmindustrie definitiv verändert.

Bei „Orange ist he new black“ werden jede Menge Vorurteile thematisiert. Bei der Darstellung von Vorurteilen, besteht immer auch die Gefahr, die herrschenden Ressentiments zu reproduzieren. Wie gelingt es der Serie das nicht zu tun?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, das Geheimnis hierfür liegt darin, ehrliche Geschichten zu erzählen. Dazu gehört, dass man keine Angst vor komplexen Darstellungen hat. Um ein bestehendes Vorurteil zu dekonstruieren, muss man Geschichten multidimensional erzählen und sie nicht, zum leichteren Verständnis, vereinfachen. Es wäre sehr einfach gewesen ,Orange is the new black‘ als klassische Gefängnisstory anzulegen, in der es um die Verbrechen geht, die die Insassen begangen haben. Wenn es aber darum geht, Vorurteile aufzulösen, muss man sich die Zeit nehmen, die Lebensgeschichte der
Personen zu erzählen. Deshalb erfährt der Zuschauer auch oft lange nicht, warum die jeweiligen Frauen im Gefängnis sind. Stattdessen lernt er immer mehr über ihren Hintergrund, ihre Kindheit, die Probleme, mit denen sie im Leben konfrontiert waren. Man lernt sie als echte Personen kennen, nicht als hintergrundlose Gefängnisinsassin. Die Frauen und ihre Geschichten bekommen eine Stimme, die lauter ist als das Verbrechen, das sie begangen haben. Man nimmt die Frauen als Personen war. Das sorgt dafür, dass Stereotypen nicht reproduziert, sondern dekonstruiert werden.

Welche Themen erwarten uns in der neuen Staffel?

Auch dieses Jahr ist es Jenji wieder gelungen, schon vor eineinhalb Jahren gespürt zu haben, welche Themen zum Zeitpunkt der Ausstrahlung der Staffel wichtig sein würden. Als wir die Staffel gedreht haben, wurden diese Themen zum großen Teil in der öffentlichen Debatte nur am Rande diskutiert. Die vierte Staffel zeigt neue Perspektiven auf die Genderdebatte, sexualisierte Gewalt, rassistische Problematiken, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und das amerikanische Gefängnissystem. Die Staffel wird einmal mehr zeigen, wie desolat das Gefängnissystem in unserem Land ist.

Wie real ist die in „Orange is the new black“ dargestellte
Gefängnissituation?

Alle Informationen, die in der Serie als Fakten zum Gefängnissystem präsentiert werden – egal, ob in einem Witz, einem Gespräch, oder durch die simple Darstellung des Alltags – stellen die tatsächliche Realität dar und wurden drei- bis viermal überprüft. Das ist die traurige Wahrheit – egal wie absurd oder unglaubwürdig sie zu sein scheint.

Wie wird es Suzanne in der vierten Staffel ergehen?

Sie hat eine schwere Zeit vor sich. Sie wird sehr verletzt. Sie entwickelt sich aber auch weiter und wird erwachsener – soweit das für sie möglich ist. Als wir Suzanne kennenlernten war sie auf vielen Ebenen noch ein Kind. Mittlerweile ist sie in der Pubertät angekommen. Sie ist immer noch nicht erwachsen, aber sie lernt mehr und mehr.  Auch, wenn es nicht einfach wird. Die gesamte
Staffel wird wieder düsterer.


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Nach Stationen als Praktikantin, Volontärin und feste Redakteurin bei EDITION F bin ich seit Mai 2019 freie Journalistin und schreibe hier alle zwei Wochen eine politische Kolumne. Vorher habe ich in Hamburg Politikwissenschaften studiert. Gute Bücher, intersektionaler Feminismus und gutes Essen lassen mein Herz höher schlagen.

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