Foto: Shelby Deeter | Unsplash

Wie die Arbeitswelt Mütter in Teilzeit drängt

Ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes ist unsere Community-Autorin eine klassische Teilzeit-Mutter – obwohl sie eigentlich in Vollzeit zurückkehren wollte. Ihr Arbeitgeber war nicht bereit, unnötig starre Strukturen aufzubrechen.

 

So viel zum Thema Gleichberechtigung

Am 8. März 2017, am internationalen Frauentag, teilte meine Chefin auf Facebook einen Artikel mit der Überschrift „Frauenbewegung: Waren die Mühen umsonst?“. Zwei Feministinnen unterschiedlicher Generationen, die eine gerade Anfang 20, die andere Ende 60, diskutierten darin den Status quo im Kampf um die Gleichstellung von Frauen und Männern. Meine Chefin kommentierte den geteilten Artikel mit den Worten:

„Frauen müssen nicht wegen ihrer Kinder auf eine Karriere verzichten – aber viele tun es. 

Sie müssen sich nicht hinten anstellen – aber viele tun es. 

Sie müssen nicht brav, freundlich und friedlich sein – aber 

viele sind es. 

Ist das nun ein Beweis für den Misserfolg der Frauenbewegung 

– oder für das Gegenteil?“

Am 8. März 2017 war mein eigener Sohn gerade fünf Monate alt, ich selbst war seit fünf Monaten in Elternzeit, war Vollzeit-Mama – und hatte beim Lesen des Artikels zwei Gedanken. Der erste: Ich fühlte mich schuldig. Der Frauenbewegung gegenüber, all jenen mutigen und starken Frauen (und auch Männern) gegenüber, die jahrzehntelang dafür gekämpft hatten, dass Frauen selbstbestimmt leben und arbeiten können, über ihre Sexualität bestimmen, über das Wann und Ob der Familienplanung. Die dafür gesorgt hatten, dass Männer Elternzeit nehmen können, dass es Krippenplätze für Kinder unter 3 Jahren gibt, dass Frauen Beruf und Karriere nicht länger ihrer Kinder wegen auf Eis legen müssen. Und was tat ist? Ich hockte zu Hause. Bei meinem Sohn. Ich spielte mit Rasseln. Ich war eine Schande für die Emanzipation.

Ich setzte eine gewisse Solidarität unter Müttern voraus

Aber ich fühlte auch: Hoffnung. Meine Chefin, selbst Mutter mehrerer Kinder, die sie – ihren eigenen Worten nach – „immer nur bekommen und abgegeben“ hatte, war für mich ein strahlendes Vorbild in Sachen Gleichberechtigung. Diese Frau führte als Mehrfach-Mutter ein Unternehmen, hatte nie der Familie wegen in Teilzeit gearbeitet, nie ihre Karriere hinten angestellt, immer Wege gefunden, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Das machte mir Mut für meine eigenen Karrierepläne, an denen ich gemeinsam mit meinem Mann bereits seit Monaten hinter den Kulissen herumdokterte. Ich setzte, da mir eine Frau vorsaß, die ebenfalls Kinder hatte, eine gewisse Solidarität unter Müttern voraus. Denn zur Umsetzung unserer Pläne waren wir auf ein wenig Flexibilität und Entgegenkommen von unseren jeweiligen Arbeitgebern angewiesen.

Was wir planten? Alles anders zu machen, natürlich. Wir wollten keinen klassischen Alleinverdiener-Haushalt, in dem der Mann abends von der Arbeit nach Hause kommt, um seinen Kindern gerade noch so einen Gute-Nacht-Kuss geben zu können; in dem die Frau sich vor allem dem Wohle ihres Nachwuchses widmet und, wenn überhaupt, ein paar Stunden in Teilzeit abackert, während die Kinder in der Kita sind. Wir verurteilten dieses Modell nicht, es war schlicht nicht unseres. Für unseren Traum von einer Familie sollte niemand auf eine Karriere verzichten müssen, nicht er, nicht ich. Wir wollten: Gleiche Möglichkeiten, gleiche Pflichten. Wir beiden wollten gut in unseren Berufen sein UND Zeit mit unserem Sohn verbringen.

Wir schoben auf unserem imaginären Karriere- und Familien-Abakus so lange Kugeln hin und her, bis alles passte, alles ausgewogen war: Zweimal pro Woche wollte mein Mann unseren Sohn aus der Krippe abholen, dreimal pro Woche ich; wir beiden würden für diesen Plan jeweils auf einen Teil unserer Arbeitsstunden und unseres Gehaltes verzichten, dem jeweils anderen dafür gleiche Möglichkeiten einräumen, uns selbst damit etwa gleich viel Zeit mit unserem Kind ermöglichen. Klingt fair? Fanden wir auch. Was wir in unserer Rechnung vernachlässigt hatten: Wie starr und unflexibel die Arbeitswelt für junge Eltern selbst im Jahr 2017 immer noch ist.

Homeoffice? Leider nein. Flexiblere Arbeitszeiten? Leider gar nicht.

Als ich meiner Chefin meine Pläne für meinen Wiedereinstieg nach der Elternzeit vorstellte, wurde ich keineswegs mit anerkennendem „Oh, wie
fortschrittlich“-Kopfnicken konfrontiert, nicht mal mit zumindest angedeuteter
Freude darüber, künftig nicht noch eine Mutter in einem Nur-Vormittags-Teilzeit-Job beschäftigen zu müssen – sondern mit Ernüchterung. Homeoffice? Leider nein. Flexiblere Arbeitszeiten, damit ich nicht an fünf Tagen in der Woche zwei Stunden lang Cappuccino schlürfen müsste, nachdem ich meinen Sohn in der Kita abgeliefert habe, sondern direkt zur Tat schreiten könnte? Leider gar nicht. Teilzeit bereits während der Elternzeit, während mein Sohn Zeit mit seiner Großmutter verbrachte? Nicht im Budget, keinen Bedarf. Entgegenkommen vom Arbeitgeber? Fehlanzeige.

„Bei den Müttern, die ich kenne, endete das immer in Teilzeit.“

Nach diesem Gespräch heulte ich zu Hause wie ein Schlosshund. Mein Sohn sah von seinem Duplo-Türmchen auf und mich mit großen, traurigen Welpenaugen an, er hatte seine Mama noch nie weinen sehen, außer vor Glück. Ich erinnerte mich an einen Satz aus dem Artikel, den meine Chefin sieben Monate zuvor am internationalen Frauentag gepostet hatte. Die jüngere der beiden Frauen würdigte darin die  Errungenschaften der jahrzehntelangen Frauenbewegung: „Man kann Kinder bekommen und dann den Beruf machen, nur den Beruf oder nur die Kinder oder erst den Beruf und dann die Kinder.“ Die ältere daraufhin: „Das alles machbar ist, da würde ich drei dicke Fragezeichen machen. Der Wiedereinstieg ist schwer. Bei den Müttern, die ich kenne, endete das immer in Teilzeit.“

Als ich den Text zum ersten Mal gelesen hatte, war ich beschämt und zugleich hoffnungsvoll gewesen. Als ich den Text nun zum zweite Mal las, hatte ich
viel Energie aufgewendet, viel organsiert, viele unterschiedliche Lebens- und
Arbeitsmodelle aufgegriffen, diskutiert und wieder verworfen, um meine Karriere und meine Familie unter einen Hut zu bringen, um keine Schande für die Emanzipation zu sein, um die Chancen und Möglichkeiten der Gleichstellung, die jahrzehntelang für mich erkämpft worden waren, wahrzunehmen. Als ich den Text zum zweiten Mal las, hatte ich Tränen in den Augen, aus Wut über die Starrheit der Arbeitswelt und den offenkundigen Unwillen meiner Arbeitgeberin, mir auch nur einen Zentimeter entgegenzukommen. Die im Jahr 2017 in Deutschland eine Frau in Teilzeit drängt, weil sie ein Kind hat.

Und dann schrieb ich diesen Text. Während mein Sohn drei Meter weiter Duplo-Türmchen baute. Zu Hause, auf dem Sofa. Stellt euch einmal vor, was ich leisten könnte, wenn ich beim Arbeiten keine Jogginghose anhätte, mein Kind in der Kita wäre – und man mich lässt.

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