Foto: flickr I JD Hancock I CC BY 2.0

Wir müssen reden: über die dunklen Seiten von Mutterschaft

Immer mehr Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt beschäftigen sich mit der aktuellen Mutterrolle. Verena Schulemann hat sich einen Überblick verschafft – und fragt sich besonders, wie die Position alleinerziehender Frauen in Deutschland gestärkt werden kann.

 

Mutterschaft als Buchthema

Eine ganze Reihe von Mütter-Ratgebern bilden zurzeit einen ernsten Gegenpol zu der Schiene „Süß-uiui-Harper-Beckham-North-West-George-and-Charlotte-Tüddel-Kids-on-Instagram“ und berichten über die „Dark Side of Motherhood“:

Christine Finke schreibt in „Allein, alleiner, allerinerziehend“ über die Probleme alleinerziehender Mütter (und weniger Väter) in Deutschland.

Wednesday Martin, die süffisant über die „Primaten von der Park Avenue” (Berlin Verlag) berichtet, womit sie die vermeintlich in Glück badenden Milliardärs-Mütter der Upper East Side New Yorks meint, zu denen sie zeitweilig selbst zählte und am Ende zu dem Schluss kommt, dass eine reiche Mutter auch nur eine arme Mutter mit Geld ist.

– Meg Mitchell Moore, die nicht bei der Mutter Stopp macht, sondern „Eine fast ganz perfekte Familie” (Bloomsbury) im Ganzen hinterfragt und gleichsam bestätigt.

– Gertraud Klemm zieht in “Aberland” (Droschl) in belletristischer Form dieselben Strippen, während …

– Sarah Fischer mit ihrer „Die Mutterglück-Lüge” (Ludwig Verlag) in der gleichen Wunde herumstochert und vor allem die deutschen Mutter-Stereotypen, die Bevormundungen und den Mangel an Unterstützung anprangert.

– Orna Donath alias #regrettingmotherhood, die mit ihrer Mini-Studie (23 (!) Teilnehmerinnen) dennoch Riesen-Wirbel verursachte, brachte die Ergebnisse nun
buchmarktauglich auf Deutsch heraus: „Das Muttersein bereuen: Eine gesellschaftspolitische Analyse” (Knaus).

Ausgerechnet in einem der reichsten und sozialsten Länder der Welt beschweren wir uns über die Last des Mutterseins – was steckt dahinter?

Auch Alina Bronsky und ihre Co-Autorin Denise Wilk  zusammen kommen die beiden Frauen auf zehn Kinder – prangern paradoxerweise „Die Abschaffung der Mutter“ (DVA) an und laufen dabei aber etwas Gefahr, (oder ist es kalkuliert?), in die Fußstapfen von Eva Herman zu stolpern. Wie erwartet lassen die beiden kein gutes Haar am Muttersein 2016, die Argumente verlieren sich dabei aber manchmal im Raum.

Vom Dilemma, Eltern zu werden

Doch nicht nur die Mütter meckern, die Aussichten des einzigen Vaters im Bunde, Eduard Waidhofer, der sich ein wenig umständlich mit der Frage herumschlägt, wie „Die neue Männlichkeit. Wege zu einem erfüllten Leben” (Fischer & Gann Munderfing) zu definieren wäre, klingen wenig frohlockend, wenn er dabei in einem Land, in dem die Haus- und Erziehungsarbeit immer noch in weiten Teilen von den Müttern erledigt wird, mit küchenpsychologischen Sätzen aufwartet wie: „Der Sohn braucht den Vater, um sich von der Mutter ablösen zu können. Aber auch die Mutter braucht ein präsentes und partnerschaftliches männliches Gegenüber, damit der Sohn nicht zu ihrem Vertrauten wird, mit dem sie ihr emotionales Beziehungsdefizit ausgleicht.“

„Frau und Mutter zu sein in einer patriarchalischen Gesellschaft, kapitalistisch dazu, ist nicht erst seit gestern für viele ein Dilemma.“

Doch zurück zu Christine Finke: Ihr Titel geht zwar leicht wie ein Kinderreim von der Zunge, doch sein Nachklang wiegt schwer. Er verdeutlicht das Gefühl, das viele Alleinerziehende haben: sich nicht nur allein mit der Verantwortung für die Kinder zu fühlen und im Stich gelassen vom anderen Elternteil, sondern gar von der Gesellschaft isoliert zu sein, teils auch vom Rechts- und Behördensystem verraten.

Frau und Mutter zu sein in einer patriarchalischen Gesellschaft, kapitalistisch dazu, ist nicht erst seit gestern ein Dilemma und fühlt sich – wenn überhaupt – nur äußerlich richtig an für die wenigen, die davon im wahrsten Sinne des Wortes Profit schlagen können.

Christine Finke gehörte laut eigener Aussage einst auch dazu und hatte – wie so viele und immer mehr Frauen, da Ehe nicht mehr als lebenslange Aufgabe begriffen wird – irgendwann das böse Erwachen.

Auch sie wusste hinterher mehr und versucht nun schon seit Jahren, andere Frauen über das Dilemma, das dann oft folgt, aufzuklären. Sie appelliert und sie warnt, wie einige andere, mit mäßiger politischer Durchschlagskraft, aber (immerhin) mit immer mehr Beachtung.

Brauchen wir die Ehe wirklich noch? Müssen wir sie noch schützen? 

Doch leider fällt diese nicht immer positiv aus, was verdeutlicht, welch langer Weg noch vor uns liegt – aber auch, wie unpolitisch und desinformiert noch so viele Frauen sind. Hier ist es dringend notwendig, bei jungen Mädchen ein Problembewusstsein zu schaffen, das müssen Schulen und Eltern leisten, damit die Frauen von morgen, viel mehr als heute noch, gesellschaftlich aktiv werden!

Die Kritik an Christine Finke schwangt zwischen billiger Polemik von der „Jammermutti” bis zur „Rabenmutter” oder der „Die-ist-doch-selbst-schuld”-Nummer, aber auch zu höhnischen, fast schadenfrohen Kommentaren von Männern, aber auch von Frauen, was mehr als seltsam anmutet.

Meinungsfreiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden, jede Sache kann von zwei Seiten betrachtet werden. Doch wenn Kritik als Angriff formuliert wird und eine Mutter trifft, die sich allein mit drei Kindern am und unter dem Existenzminimum durchs Leben schlägt und einfach sagt, dass es auch anders, gerechter laufen könnte, wundere ich mich immer wieder.

Finke appelliert in ihrem Buch daher auch immer wieder an das Miteinander und bringt eine Sache deutlich auf den Punkt: dass die mangelnden Rechte von Alleinerziehenden sicher immer auch ein persönliches Schicksal darstellen, dass inzwischen allerdings so viele Frauen und Kinder von den veralteten Strukturen und dem Reformstau betroffen sind, dass es tatsächlich zu einer Sache gewachsen ist, die uns alle angeht, auch die verheirateten, (noch?) abgesicherten Frauen. Denn es geht um unsere Rechte als Frauen und Mütter und Kinderrechte.

Finke listet die Paradoxa und Defizite der angeblichen Gleichberechtigung auf, unter anderem:

– Gleichberechtigungsbestrebung nach einer Trennung, obwohl vorher das Ehegattensplitting genau das verhindern sollte und steuerlich belohnt, wenn einer viel verdient, der andere Elternteil zu Hause ist und kein oder ein geringes Einkommen hat. In einfachen Worten: In einer Ehe wird Mutti belohnt, wenn sie zu Hause bleibt, nach der Trennung dafür aber doppelt bestraft.

– Die große Not der Frauen, denen gesagt wird, sie können ab dem dritten Lebensjahr des jüngsten Kindes wieder Vollzeit arbeiten und damit den Unterhaltsanspruch verlieren, obwohl eine Kinderbetreuung in Deutschland bei weitem nicht im ausreichenden Maße vorhanden ist.

– Die Trennung von Rechten und Pflichten der Eltern, die keinerlei Unterhalt zahlen oder den Umgang ständig ausfallen lassen, gleichsam aber das gemeinsame
Sorgerecht behalten und damit zu einem ständigen Unsicherheitsfaktor und Belastung werden.

– Die ungleiche Besteuerung von alleinerziehenden Berufstätigen, die Job und Kindererziehung alleine wuppen müssen, aber ungünstiger besteuert werden als ihre besser gestellten, verheirateten Familienpendants.

Die wachsende Armut von Frauen im Alter: Sie erziehen Kinder, arbeiten in Teilzeit und erwerben so nur geringe Rentenansprüche. Liegt der Lohnunterschied bei 22 Prozent, haben Frauen im Schnitt 64 Prozent weniger Rente. Zu wenig, um davon zu leben.

Festhalten an traditionellen Konventionen

Im Kern geht es daher nicht um das Bedauern der eigenen Lebensumstände, sondern um die Gestaltung von Gesellschaft, einer guten Gesellschaft, in der es gerecht zugeht, um ein intelligentes, demokratisches Miteinander.

Finke setzt damit einen Gegenpol zu dem einfach strukturierten, wenn auch weit verbreiteten Besitzstanddenken, das in erster Linie darauf abzielt, sich selbst hervorzutun.

Dass so ein Dasein aber weitab von einer echten Gemeinschaft und einer aufgeklärten, sich auch für die Belange anderer interessierenden Gesellschaft liegt, ist ein Dilemma. Die Ignoranz der Bessergestellten geht damit auf Kosten der gesellschaftlichen Außenseiter, doch, so Finke, das müsste nicht sein.

Doch warum halten wir eigentlich fest an den traditionellen Konventionen? Geht es um Kontrolle, Normschaffung, Strukturen, Hierarchien, um eine organisierte, eine reglementierte Gesellschaft? Sind wir denn im Großen damit zufrieden? Finke sagt nein und meint, wir könnten es besser. Die Gleichstellung der verschiedenen Familienmodelle wäre ein Schritt.

In Artikel 6 unseres Grundgesetzes, das 1949 in sehr konservativen Zeiten unter der Zustimmung der Alliierten beschlossen wurde, wird die Ehe unter den Schutz des Staates gestellt.

Das deutsche Grundgesetz zu ändern ist nicht, oder sagen wir, so gut wie nicht möglich. Aber vielleicht gibt es eines fernen Tages die Möglichkeit, „Ehe” durch das Wort „Liebe” zu ersetzen. Vielleicht würde sich dann niemand mehr alleine fühlen müssen.

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