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Alt-Right-Bewegung: Trumps rechtsextreme Freunde

Im Umfeld des künftigen US-Präsidenten greift eine Bewegung mit faschistischen Zügen nach der Macht. Sie will ein rassistisches, weißes Land und das Recht des Stärkeren.

Die Republikaner waren das erste Opfer der Wut von Rechts

Der freie Publizist und Historiker Volker Weiß hat für unseren Partner Zeit Online  einen Blick auf die amerikanische rechtsextremistische Bewegung Alt-Right geworfen, die gefährlich nah an Donald Trump steht. Sein im Frühjahr erscheinendes Buch „Die autoritäre Revolte“ zeichnet die brisante Entwicklung des neuen rechten Denkens nach und porträtiert die wichtigsten Akteure der rechtspopulistischen Bewegungen mitsamt deren Strategien und Methoden. Denn der Aufschwung der Neuen Rechten war in Anbetracht von Geschichte und Gegenwart wenig überraschend.

Von der Hoffnung auf Identität uns Stärke

Der junge Mann am Rednerpult im Washingtoner Ronald Reagan Building benutzte genüsslich ein deutsches Wort, doch er scheiterte am Umlaut, sodass es ihm im breiten Amerikanisch zu „Luugenpresse“ geriet. Richard Spencer war berauscht vom Erfolg. Donald Trumps Wahlsieg hatte alle Einschätzungen der Medien widerlegt. Mit der Niederlage Hillary Clintons sei eine Wende vollzogen, der drohende Abstieg aufgehalten.

Lebhaft illustrierte Spencer den Verfall der einstmals großen, weißen amerikanischen Nation zu einer „kranken, ekelerregenden Gesellschaft, geführt von Korrupten, verteidigt von Hysterischen, trunken von Selbsthass und Degeneration.“ Verantwortlich dafür seien die liberalen Eliten mitsamt ihrem Anhang aus Schwarzen und Hispanics.

Die Dramaturgie der Agitation gebietet, dass auf den Niedergang Erlösung folgt. Also berichtete Spencer anschließend von der Hoffnung. Er fand sie in jenen Familien, die stundenlang in den Flughäfen der Provinz auf Trump gewartet hatten. Liebevoll bewachten sie die schlafenden Kinder in ihrer Mitte: ein mächtiges Bild, das ihm gezeigt habe, wie in seinem Volk wieder Identität und Stärke erwachte.

Bei seinem Publikum, den Teilnehmern der Jahrestagung des National Policy Institutes (NPI) vom 19. November, stieß er damit auf offene Ohren. In diesem von Spencer geleitetem privaten Thinktank der äußersten amerikanischen Rechten stehen Identität und Selbstbehauptung des weißen Mannes im Zentrum.

Eine faschistische Rede wie aus dem Lehrbuch

Spencer beschwor den Mythos von Niedergang und Rettung des „weißen Amerikas“, der „Kinder des Lichts“. Seit Trumps Wahlsieg sah er wieder Hoffnung. Seine Rhetorik von der Wiedergeburt einer großen weißen Nation barg einen deutlichen Nachhall aus den zwanziger, dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Als sei das nicht genug Ausweis der Gesinnung, schloss er mit „Heil Trump“, „Heil unserem Volk“, „Sieg Heil“. Einige Zuhörer riss es von ihren Stühlen, den rechten Arm weit ausgestreckt. Videoschnipsel davon gelangten an die Öffentlichkeit. Der vollständige Redetext, den Spencer im Journal der NPI veröffentlichte, lässt keinen Interpretationsspielraum: Die begeisterten Zuhörer im Washingtoner Ronald-Reagan-Center hatten einer faschistischen Rede wie aus dem Lehrbuch gelauscht.

Ein amerikanischer Präsident, der den äußersten rechten Rand in Begeisterung versetzt – noch vor wenigen Jahren hätte dies eine Klarstellung über die Bedeutungslosigkeit dieses lunatic fringe nach sich gezogen. Heute aber holt sich Donald Trump einen Protagonisten dieses Milieus in seinen engsten Beraterstab. Denn Spencer und das NPI zählen zur sogenannten Alt-Right, jener „alternativen Rechten“, aus der auch Trumps wichtigster Berater Steve Bannon stammt. Das ist alarmierend.

Für Geoff Eley, Historiker an der Universität Michigan in Ann Arbor, ist das Ausdruck einer tiefen politischen Krise. Als einer der den renommiertesten Experten für Deutsche Geschichte ist Eley mit den Eskalationsmechanismen westlicher Gesellschaften vertraut. Doch statt ins zwanzigste Jahrhundert blickt er nun mit Sorge auf die gegenwärtige Entwicklung.

Bei aller gebotenen Vorsicht vor historischen Vergleichen erkennt Eley in „Ideen und Absichten“ der Alt-Right zentrale Merkmale „genuin faschistischen Denkens“: den ethnisch getragenen Nationalismus, die autoritäre Verachtung der Demokratie, eine Besessenheit von Verfall und Wiedergeburt der Nation, Frauenfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und die Verherrlichung von Gewalt. Aufgrund ihrer offenen Begeisterung für diese Inhalte findet er die Präsenz der Alt-Right im Umfeld der Trump-Administration „äußerst verstörend“. Er fürchtet, Akteure wie Bannon könnten die gegenwärtige Krise der Demokratie noch forcieren und damit die Bedingungen für eine weitere Radikalisierung schaffen.

Alt-Right: Das sind nicht einfach nur Nazis

Für Beobachter außerhalb der USA war die plötzliche Aufmerksamkeit für die Alt-Right im Zuge der US-Wahlen überraschend. Die Strömung findet selbst in jüngeren Untersuchungen zur amerikanischen Rechten kaum Beachtung. Der Begriff soll auf Richard Spencer zurückgehen, seine Verwendung ist daher umstritten. Eigentlich, lautet der Einwand, sei an Alt-Right nichts alternativ, sie berge gewöhnlichen Rassismus bis hin zum offenen Neonazismus. Die Bilder aus dem NPI scheinen das zu bestätigen.

Dennoch ist die Alt-Right nicht einfach eine amerikanische Nazi-Organisation. Es lohnt sich, das Milieu etwas differenzierter zu betrachten. Ihre Geschichte führt tief in die Verästelungen des amerikanischen Konservatismus und seine Variante der digitalen Revolution, also in die Geschichte und Gegenwart zugleich.

Der in Washington lehrende Politologe Michael Werz schrieb einmal, der amerikanische Konservatismus unterscheide sich durch seine „widerstrebende Toleranz“ von seinem europäischen Pendant. Anders als in Europa sei es unüblich, anderen Lebensentwürfen feindselig zu begegnen. Dem amerikanischen Konservatismus käme daher in den Augen von Europäern mitunter der Status eines „Pseudokonservatismus“ zu.

Andererseits, lässt sich ergänzen, können auch seine liberalen Seiten eine immense Destruktivität befördern. Das hat historische Gründe. Traditionell folgt der US-amerikanische Konservatismus den beiden großen Linien, die schon Alexis de Tocqueville Mitte des 19. Jahrhunderts der Demokratie in Amerika attestierte: Auf der einen Seite steht der Individualismus im Zentrum, was ihn im Vergleich zu seinen europäischen Verwandten ungleich liberaler machte. Die ausgeprägten Spuren der Adelsgesellschaft, die sich im europäischen Konservatismus bis weit ins 20. Jahrhundert finden, fehlen in der amerikanischen Variante. Auf der anderen Seite barg er stets die „Tyrannei der Mehrheit“ und damit den Populismus. Dieser ist heute in der Lage, jene historische Liberalität vollständig auszuhebeln.

Die Neuerfindung der Republikaner

Wie in Europa auch müssen sich politische Strömungen in Amerika von Zeit zu Zeit neu erfinden. Das gilt besonders für die Rechte, die in arge Bedrängnis geraten war. Nach zwei Wahlniederlagen bilanzierten die Republikaner, dass sie die Kommunikationsrevolution verschlafen hatte, während sich die Demokraten bereits routiniert auf allen Kanälen der Neuen Medien in Stellung gebracht hatten.

Hätten sie die Priorität des Internet früher erkannt, räumten republikanische Strategen zerknirscht ein, hätten sie das Volk davon überzeugen können, dass Barack Obama ein Sozialist und Schlimmeres sei. Doch sein Wahlsieg 2008 und vor allem die erfolgreiche Einführung der Krankenversicherung schienen die Dominanz der Linken zu bestätigen. Für die Rechte war es höchste Zeit zur Gegenoffensive. Sarah Palins Ausspruch, für die Konservativen gelte es „nachzuladen“, statt sich zurückzuziehen, war programmatisch.

Die daraufhin einsetzende nachholende Modernisierung der Republikaner wurde wie stets in solchen Fällen zur Überbietung. Das Internet geriet zu ihrem eigentlichen Wahlkampfort, rechte Blogger, Verschwörungstheorien und Fake-Meldungen überhitzten die politische Atmosphäre. Diese virtuelle Sphäre wurde das ureigene Terrain der Alt-Right, die daher in vertrautem Gelände kämpfen konnte. Es war die Stunde der erst 2007 gegründeten Breitbart News, die sich selbst zur Alt-Right zählt und deren Chef Steve Bannon auf den letzten Metern Trumps Wahlkampf managte. Der britische Guardian nennt die Alt-Right daher ein „far-right online movement“.

Im Wahlkampf erwiesen sich die viralen Gerüchte und Verunsicherungen als äußerst effektiv. Blogs, Tweets und Retweets bestimmten das Geschehen so, wie früher Wahlkundgebungen und Demonstrationszüge.

Die Alt-Right sind Wenige – aber die bestimmen den Diskurs

Die reale Personalgröße der Alt-Right ist kaum präzise zu bestimmen. Spencer selbst, so zitiert ihn die New York Times, beziffert ihren harten Kern auf einige Tausend, vielleicht Zehntausende. Das ist nichts für ein Land von der Größe der USA. Zudem ist die Strömung nicht unbedingt massenkompatibel, denn anders als der Großteil der amerikanischen Rechten zehrt die Alt-Right weniger von einer christlichen Identität. In ihren Reihen finden sich auch Anhänger eines „nordischen“ Kultus, wie die Wolves of Vinland.

Aber viele Mitglieder oder Anhänger zu gewinnen steht auch gar nicht im Zentrum ihres Interesses. Alt-Right arbeitet anders. Sie folgt einem Konzept der europäischen Neuen Rechten: der „Metapolitik“. Diese setzt auf ein langsames Umsteuern anhand kultureller Fragen, entwickelt neue Begriffe, deutet alte um und speist sie in den Diskurs ein. Es ist ein Elitenkonzept, das weniger Masse als Köpfe und Kanäle benötigt. Über beides, das lässt sich mit Blick auf das NPI aber auch Breitbart News sagen, verfügt die Alt-Right.

Die Republikaner waren das erste Opfer

Alt-Right hätte jedoch politisch nie einen Fuß auf den Boden bekommen, wenn nicht zuvor die Republikaner umgekrempelt worden wären. Denn das erste Opfer der neuen Wut von rechts war die Grand Old Party selbst, die unter den Druck der parteiinternen Rechtsopposition Tea Party geriet. Deren Gründungsmoment waren konzertierte Proteste gegen „sozialistische“ Steuern am Tax Payers Day 2009, gestützt von der äußerst rechten Website Drudge Report. Schon die Tea Party brachte rechten Bloggern einen enormen Aufschwung. Moderate Politiker und selbst neokonservative Falken, deren Weltsicht noch auf rationale Erwägungen gestützt war, wurden an den Rand gedrängt. Schrillheit statt Inhalt, lautete der neue Kurs: „I want my country back“.

Die Tea Party bewies, welche Macht eine Zusammenarbeit von Basisbewegung und Medienkonzern entfalten kann. Der Fox-News Moderator Glenn Beck wurde zum Herold ihrer Nachrichten, mit ihm dauerpräsent bei Fox waren Sarah Palin, Rick Santorum, Newt Gingrich. Philipp Schläger hat schon 2012 in seinem Buch zu Amerikas Neuer Rechten nachgezeichnet, wie es dem ultrakonservativen Bündnis um Fox News gelang, die Republikaner vor sich herzutreiben. Der Sender war nicht das Sprachrohr konservativer Politik, vielmehr definierte er konservative Politik neu.

Treueschwur statt Argumente

Schläger schildert eine Szene, die den Übergang der Republikaner in die Irrationalität illustriert. Er beschreibt, wie 2009 bei einer Veranstaltung des republikanischen Kongressabgeordneten Michael Castle im Publikum lautstark Zweifel an der US-Staatsbürgerschaft Barack Obamas geäußert wurden. Während Castle versuchte, seinen Wählern zu erklären, dass die Gerüchte um Obamas Geburtsurkunde Unsinn seien, übertönten ihn diese mit der Forderung, seine Loyalität zur Nation zu beweisen. Am Ende gab er das Argumentieren auf und sprach gemeinsam mit dem Publikum den Treueschwur.

Das Ende der Diskussion bezeichnet hier zugleich das Ende der Politik. Die ganze Mischung aus bürgerlicher Panik und Verrohung, die sich derzeit auch in Deutschland vollzieht, der internetgestützte Kollaps der politischen Kultur und der Daueraufenthalt in der eigenen Echokammer, haben sich in den USA bereits einige Jahre zuvor in Form der Tea Party ereignet.

Die Konsequenz aus dieser Entwicklung war die Internet-gestützte Erosion des republikanischen Konservatismus. Auf den entstandenen Brachen breiteten sich extreme Rechte vom Format der Alt-Right aus und schufen eine hochbrisante Mischung aus High-Tech und Archaik. Darauf vermochte Trump aufzubauen. Er hielt es nicht einmal für nötig, sich von der Unterstützung durch David Duke zu distanzieren, einem führenden „White Nationalist“ und Anhänger in der Tea Party.

Der Historiker Geoff Eley hat beobachtet, wie sich während des Wahlkampfes die verschiedensten Strömungen der äußersten Rechten im Trump-Lager sammelten. Dabei kamen ihnen die neuen Kommunikationstechniken zupass. Trump integrierte dieses Milieu, indem er es mal passiv duldete, mal aktiv bestärkte. In seinem Windschatten ergaben sich für die extreme Rechte ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten. Die Alt-Right wusste diese zu nutzen.

Autoritätssehnsucht trifft Marktdarwinismus, zum Wohle der Weißen

Neben den Forderungen nach einer weißen Wiedergeburt kommt in dieser Strömung allerdings noch ein zweiter amerikanischer Traditionsstrang zum Tragen. Er handelt von größtmöglicher Staatsferne und maximaler Handlungsfreiheit des Einzelnen. Verwirklichen soll er sich in einem praktisch schrankenlosen Markt. Um die Bedeutung dieses Konzeptes für die US-Rechte zu verstehen, muss wieder an die Besonderheit des amerikanischen Konservatismus erinnert werden. Anders als in der Alten Welt konnte in ihm ein sozialkonservatives Profil, das die herrschaftliche Fürsorgepflicht auf den Staat überträgt, kaum Fuß fassen. Das weckte die destruktiven Seiten des Liberalismus.

Damit ist die Alt-Right ein doppelgesichtiges Wesen. Auf den ersten Blick scheint die Autoritätssehnsucht der einen mit der Staatsferne der anderen unvereinbar. Doch finden beide in ihrem eigenen Darwinismus zusammen, denn der rechte Anti-Etatismus drückt sich vor allem in der Ablehnung gestaltender Gesellschaftspolitik aus. Diese bringe eine natürliche Ordnung nur durcheinander, während ohne sozialpolitische Verzerrungen einfach die Besten zu ihrem Recht kämen.

Das lässt sich sowohl leistungsethisch wie auch rassistisch deuten. Richard Spencers jedenfalls ließ keine Zweifel, wer für ihn und seine Kameraden im NPI diese Beste seien. Für sie unterscheidet sich die weiße Rasse in ihrem Willen zu Macht und Schöpfung grundlegend von den anderen. Sie werde jedoch durch den Minderheitenschutz daran gehindert, diese naturgegebene Rolle wieder auszufüllen. Es gelte heute, alle Vorwürfe gegen Weiße als Eroberer und Herrscher anzunehmen, sagte Spencer, und sich mit Stolz dazu zu bekennen: schaffen, erobern, aufsteigen – für sich, nicht für andere.

Eine isolierte Welt ohne Sozialpolitik und Steuern

Das zweite Standbein der Alt-Right neben ihrem Rassismus besteht somit in Marktradikalität. Wie das jüdische Onlinemagazin Tablet feststellt, bezieht sich Richard Spencer in diesen Fragen auf Paul Gottfried. Gottfried gilt als einer der Gründer des Paleokonservatismus, einer hochkonservativen Strömung, die außenpolitischen Isolationismus, wirtschaftlichen Protektionismus und Ablehnung staatlicher Maßnahmen vereint. Ihre Welt ist nach innen frei von Gewerkschaften, Sozialpolitik und Steuern, nach außen frei von internationaler Konkurrenz. Es ist eine krude Mischung aus Deregulation und Protektionismus. Einer der bekanntesten Verfechter neben Gottfried ist Pat Buchanan.

Der Bericht von Tablet führt tief in die Machtkämpfe innerhalb des amerikanischen Konservatismus, in dem Paleokonservative immer nur randständige Figuren blieben. Ihre Hauptrivalen waren die Neocons, deren große Stunde während der Bush-Administration schlug. Für Gottfried, schreibt Tablet, waren die Neocons mit ihrem globalen Gestaltungswillen „Internationalisten und Sozialdemokraten im Wolfspelz“. Umgekehrt sahen diese in den Anhängern Gottfrieds und Buchanans „Möchtegern-europäische Aristokraten“, die im Zweifelsfall hochgradig rassistisch und antisemitisch wurden.

Wenn auch Spencers Mentor Gottfried, wie Tablet einigermaßen entsetzt schreibt, jüdischer Herkunft ist, führen ihre geistesgeschichtlichen Spuren in den politischen Katholizismus. Paradoxerweise macht das die exklusivste Form des US-Konservatismus ausgesprochen europäisch, worauf ihre Anhänger stolz sind.

Gute Verbindungen nach Europa und Deutschland

Die deutsche Rezeption des Paleokonservatismus leisteten vor allem Medien der Neuen Rechten, wie die Wochenzeitung Junge Freiheit oder das Online-Magazin Blaue Narzisse. Überhaupt hat die Alt-Right gute Verbindungen nach Europa. 2013 war der französische Autor Alain de Benoist bei ihr zu Gast – ebenfalls im Ronald Reagan Building, wo Richard Spencer drei Jahre später seine „Heil Trump“-Rede halten sollte – und sprach über Identitätsfragen. Benoist gilt als eine der Gründungsfiguren der Neuen Rechten in Europa und derjenige, der das einstmals linke Konzept der „Metapolitik“ auf rechts umgearbeitet hat.

2015 war Guillaume Faye geladen, langjähriger Weggefährte und interner Konkurrent Benoists. Fayes Schriften kommt einige Bedeutung in der neurechten Identitären Bewegung zu. Vor allem traten beide Redner gemeinsam mit dem Alt-Right-Aktivisten Jack Donovan auf, dessen Buch „Der Weg der Männer“ vor einiger Zeit im Verlag des Pegida-Redners Götz Kubitschek veröffentlicht wurde. Spencers National Policy Institute hat gewisse Ähnlichkeiten mit Kubitscheks privatem Institut für Staatspolitik. Es ist also nicht überraschend, dass Autoren wie Jack Donovan hier von ihm verlegt werden.

Ziel ist ein neues Barbarentum

Donovan ist Mitglied der besagten Wolves of Vinland. Sein Markenzeichen ist das Bekenntnis zum neuen Barbarentum, das auf einem hypermaskulinen Darwinismus aufbaut. Kurz zusammengefasst predigt es den Umbau der Gesellschaft in kleine männliche Kampfgemeinschaften, deren erster Zweck die Verteidigung des eigenen Territoriums ist. Frauen werden hier nur zur Reproduktion geduldet. Gewalt ist eine notwendige Tugend, ihre Überwindung in der Zivilisation eine Bedrohung, die vor allem in der Gestalt von Frauen auftritt. Ungleichheit und Überlebenskampf sind in dieser Welt die Norm, der stärkste Mann setzt sich durch. Die Natur ist eben ungerecht.

Ob amerikanische Alt-Right oder europäische Neuen Rechte, die ganze Szene pflegt einen regelrechten Kult um die agonale antike Wettkampftradition. Der zufolge hätte sich auch in der modernen Gesellschaft stets der stärkste Wettbewerber durchzusetzen – eine Rolle, die historisch wiederum nur von ethnischen Europäern erfüllt worden sei. Bei aller Rhetorik gegen den globalen Kapitalismus: Am Ende treffen sich alle wieder im Lobpreis des weißen Machtstrebens und der Forderung, es wieder von seinen Fesseln zu lösen.
Konservativ ist an diesen Inhalten so wenig wie am Hells-Angels-Erscheinungsbild Jack Donovans. Das Nachwort des deutschen Verlages preist ihn als „Starautor der angloamerikanischen ,Alternative Right-Szene‘“ und weist auf einen Auftritt mit Richard Spencer im NPI hin. Die Alt-Right war noch vor Trumps Wahl und der allgemeinen Aufmerksamkeit für Breitbart und ähnlichen Medien in der deutschen Neuen Rechten eingeführt, die in Trump eine „Alternative für Amerika“ sah.

Die Rede, die Richard Spencers nach Trumps Wahlsieg hielt, vermittelt einen Eindruck davon, was sich diese Kreise in Deutschland noch alles verkneifen müssen. Doch schon jetzt strahlt der Sieg Trumps international aus. Genau das ist eine der größten Sorgen Geoff Eleys. Eine amerikanische Politik, die von den paranoiden Ideen eines Steve Bannons und der Alt-Right beeinflusst werde, warnt der Historiker, sei kaum mehr in der Lage, auf internationale Herausforderungen wie den Klimawandel zu reagieren. Die Folgen daraus könnten einen Druck auf die Gesellschaft erzeugen, in der die Rhetorik eines Richard Spencer zur Realität wird.

Dieser Text ist zuerst auf Zeit Online erschienen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

Artikelbild: Gage Skidmore | Flickr | CC by 2.0

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