Foto: Christine Schoger Fotodesign

„Ich möchte Frauen zeigen, dass sie mit unterschiedlich großen Brüsten nicht in der Minderheit sind“

Jasmin Neufeind startet am 27. Juni ihre Kickstarter Kampagne für Bravaria, ein BH der unsymmetrische Brüste ausgleichen soll. Definitiv eine Marktlücke – aber warum ist ihr persönlich das Thema so wichtig? Wir haben nachgefragt.

 

Straff, rund und symmetrisch

Wie sieht eigentlich ein total durchschnittlicher Frauenkörper aus? Nun, gute Frage, deren Beantwortung vielen schwer fällt. Denn leider haben viele Menschen noch immer ein ziemlich verfälschtes Bild vom weiblichen Körper. Dabei steht ein Körperteil besonders im Fokus: die weibliche Brust. Schön geformt soll sie sein, rund und weich, aber auch gleichzeitig straff. Und selbstverständlich symmetrisch. Das dies aber gar nicht so selbstverständlich ist, fällt vielen erst auf wenn sie sich mit diesem Thema ausführlicher befassen – wie Jasmin Neufeind. Sie startete am 27. Juli 2017 ihre Kickstarter Kampagne Bravaria“, ein BH der verschieden große Cups beinhaltet, nach außen hin aber Symmetrie vermittelt. Wir haben mit der Gründerin darüber gesprochen, wie es zu der Idee kam, warum es noch kein Angebot für Frauen mit unterschiedlich großen Brüsten gibt und was sie ändern möchte:

Wie kamst du auf die Idee zu Bravaria?

„Als ich zum ersten Mal von Brustasymmetrie gehört habe war ich 14 Jahre alt. Eine Freundin von mir hatte mir damals erzählt, dass sie auf der rechten Brust die Körbchengröße A und auf der linken Brust Körbchengröße C tragen muss. Sie erzählte, wie sie sich immer zwei BHs kaufen müsste: Jeweils einen in 75 A, einen in 75 C. Diese hatte sie dann in der Mitte zerschnitten und zu einem neuen ‚75 A/C BH‘ zusammengenäht. Enge Tops oder Ausschnitt kannte ich nicht an ihr, im Gegenteil. Jeder aus der Schule kannte sie nur in ihren langen Pullovern, sogar im Sommer, weshalb sie teilweise als Sonderling galt. Damals hatte ich ihr gesagt: ‚Wieso zerschneidest du denn immer deine BHs? Kauf dir doch einfach einen BH, der extra dafür gemacht ist.‘ Ihre Antwort war: ‚Würde ich ja, wenn es einen geben würde‘. Damals hatte ich mich nicht weiter mit diesem Thema beschäftigt. Bis vor einem Jahr, als mir eine Freundin von einem ähnlichen Problem erzählte. Sie hatte zehn Kilo abgenommen, wobei eine Brust mit abgenommen hätte – die andere jedoch nicht. Seitdem trägt sie die Größen B und C und benutzt täglich Silikoneinlagen für den BH, um diesen Unterschied auszugleichen. Als ich auch ihr die Frage ‚Wieso kaufst du dir keinen BH, der extra dafür gemacht ist?‘ gestellt hatte, gab auch sie mir die Antwort: ‚Würde ich ja, wenn es einen geben würde.‘“

Wann hast du dir gedacht, dass du das selbst in die Hand nehmen möchtest?

„Bei der zweiten Situation hatte ich dann quasi mein Flashback. Ich begab mich im Internet auf die Suche und habe tatsächlich kein Angebot gefunden – im Gegenteil, nur unzählige Nachfragen von unterschiedlichsten Frauen zu diesen BHs. Mütter, ehemalige Brustkrebs-Patientinnen, Mädchen in der Pubertät, ältere Damen. Der Zeitpunkt, an dem ich mir dann schlussendlich dachte, dass ich selbst dieses Thema aufgreifen möchte, war, als ich nach ‚Tipps für ungleiche Brüste‘ gegoogelt habe.“

Was hat diese Suche ergeben?

„Klickt man auf das erste Suchergebnis erhält man auf der Seite als ersten Tipp ‚Operation‘. Das hat mich damals so geschockt und zugleich verärgert, dass ich in diesem Moment beschlossen habe, zukünftig nicht mehr als ersten Tipp ‚Operation‘ lesen zu wollen, sondern: ‚Kaufe Dir den richtigen BH‘. Und übrigens: Meine Bekannte von früher hat sich mittlerweile die Brüste anpassen lassen. Das Ergebnis: Mit 19 Jahren wurden ihre Brüste, dank Krankenkasse und psychologischem Gutachten, angeglichen. Mit 19 Jahren hat sie sich zum ersten Mal getraut, ins Schwimmbad zu gehen und einen Bikini zu tragen. Heute würde ich behaupten, dass sie ein komplett anderer Mensch ist.“

Wie kann man sich die Größenaufteilung der BHs vorstellen? Es ist sicherlich recht kompliziert, der individuellen Nachfrage in der Masse gerecht zu werden.

„Das stimmt allerdings. Individuelle Kundinnen wollen natürlich individuelle Größen haben. Zum Kickstarter-Start bieten wir zunächst die gängigste Größe an, das bedeutet, dass die Kundin BHs mit einer Größe Unterschied auswählen kann, das kleinere Cup entweder auf der linken oder rechten Seite. Bei erfolgreicher Finanzierung der Kampagne können wir das Produktsortiment noch schneller erweitern, um auch Frauen bis zu drei Körbchengrößen Unterschied ein tolles, selbstsicheres Gefühl bieten zu können. Außerdem sind wir gerade dabei, Bademode zu entwickeln. Denn was im Alltag meistens unter der Kleidung versteckt bleibt, zeigt sich spätestens am Pool im Bikini.“

Und wie ist der ausgleichende BH aufgebaut? Arbeitest du mit Polstern, oder wie funktioniert das?

„Das Prinzip ist recht simpel, ich habe mich sowohl an der Umsetzung meiner damaligen Bekannten mit ihren BHs orientiert, als auch an den Erfahrungsberichten im Internet, die ich von betroffenen Frauen gefunden habe. Die meisten Frauen haben sich ihre BHs tatsächlich selbst zusammengenäht. Da man dies äußerlich jedoch sieht, wollte ich diese Idee mit einer Möglichkeit zur Symmetrie verbinden. Das bedeutet, dass der BH äußerlich immer symmetrisch und in einer Größe dargestellt ist. Im Inneren befindet sich aber, je nachdem welche Brust größer ist ein kleineres, eingenähtes Körbchen, das minimal mittiger und höher positioniert wird, um das fehlende Volumen der kleineren Brust auszugleichen und diese optisch an die größere Brust anzupassen. Fakt für zwischendurch: Bei 65 Prozent der Frauen ist die linke Brust größer als die Rechte, Gründe hierfür sind nicht erforscht. Da die Standardgrößen, aber nur den wenigsten Frauen passen, haben wir bei unseren BHs außerdem die Möglichkeit, Polstereinlagen zu verwenden, um auch wirklich die kleinsten Größenunterschiede auszugleichen.“

Auf deiner Website schreibst du, dass asymmetrische Brüste die Norm sind. Klar, denn auch unsere Gesichtshälften sind ja nicht ganz symmetrisch. Doch wenn man das weiß, wie kommt es dann, dass das Angebot dafür noch so klein beziehungsweise nicht vorhanden ist? Warum wissen wir so wenig darüber bzw. wieso beschäftigt sich die Industrie nicht mit dem Thema?

„Ich muss zugeben, dass ich diese Frage selbst nicht beantworten kann. Seit dem Start meiner Gründungsphase habe ich mit einigen Instanzen gesprochen. Anwälten, der IHK, Berater der Erfindererstberatung, der Gewerbebehörde und mit vielen Frauen. Hier hatte ich selbst oft die Frage gestellt, ob sie denn eine Idee hätten, weshalb hier noch nicht reagiert wurde.“

Und was waren die Antworten?

Es liegt an ganz vielen verschiedenen Dingen. Zum einen ist es ein sehr schwieriges und umfangreiches Thema. Man begibt sich, im Vergleich zu einheitlichen BHs, schon sehr ins Detail und wird komplett individuell. Wenn man zuvor beispielsweise 1000 Stück von 75 B bestellen konnte, muss man zukünftig 75 B/A, 75 A/B, 75 B/C, 75 C/B, 75 B/D, 75 D/B etc. bestellen. Das schreckt viele Unternehmen ab. Dann verstehen Männer das Problem, das ich lösen möchte nicht. Es gestaltet sich zum Beispiel bei der Lieferantensuche immer wesentlich schwieriger, mit einem männlichen Ansprechpartner zu arbeiten. Was mitunter daran liegt, dass Frauen natürlich ihre Tricks kennen, um ungleich große Brüste zu kaschieren. Deswegen ist Männern das Problem nicht so präsent und aus diesem Grund können sie meine Anforderungen häufig nicht ganz nachvollziehen und geben mir oftmals die Antwort: ‚Aber Push-Up BHs gibt es doch schon.‘ Hinzu kommt noch, dass in den Medien vermarktete Bild der perfekten Frau. Dadurch, dass man sich bisher mit dem Thema der asymmetrischen Brüste allein gelassen gefühlt hat, wurde die Notwendigkeit eher unter den Teppich gekehrt. Was auch dazu führt, dass es nach wie vor ein Tabuthema ist. Auf meinem Weg der Gründung habe ich mittlerweile ganz viele Frauen kennengelernt, die selbst asymmetrische Brüste haben. Dies habe ich jedoch immer erst dann erfahren, als ich offen von meiner Idee gesprochen habe.“

Was macht es mit Frauen, die asymmetrische Brüste haben, dass sie von der Industrie quasi ignoriert werden und denen (bar jeder Realität) eingetrichtert wird, dass es lediglich um Einzelfälle geht, wenn die Brüste nicht gleich groß sind– wie sind da deine Erfahrungen? Ich kann mir vorstellen, dass das zur Verunsicherung hinsichtlich des eigenen Körpers führt.

„An meiner Bekannten habe ich dieses Thema damals ja hautnah erlebt. Auch wenn sie nie offen gesagt hat, welche Auswirkungen die Asymmetrie tatsächlich auf ihre Psyche hat, spricht die Tatsache, dass sie in all den Jahren bis zu ihrer Brust-OP nie schwimmen war, Bände. Deswegen empfehle ich allen Frauen die Webseite auf der Frauen anonym Bilder von ihren echten Brüsten hochladen können. Die Seite zelebriert die Normalität der Frau und zeigt das echte, unbearbeitete und natürliche Bild der Brust. Viele Frauen schreiben auch ihre Leidensgeschichte unter ihre Bilder und gewähren damit einen intimen Einblick in ihre Psyche. Es ist unglaublich, wie sehr sich Frauen teilweise auf ihre Brüste reduzieren lassen.“

Viele Frauen mit asymmetrischen Brüsten entscheiden sich für eine angleichende OP oder denken zumindest darüber nach, weil sie sich einfach unwohl fühlen. Das muss natürlich jede Frau für sich entscheiden, aber letztlich ist es eine OP an einem gesunden Körper. Glaubst du, dein Angebot wird das ändern?

„Die Brustvergrößerung ist die häufigste durchgeführte Schönheitsoperation in Deutschland. Wenn es aus eigenem Interesse durchführt, habe ich nichts gegen Brustvergrößerungen. Ich kann auch nicht sagen, ob mein Angebot zukünftig etwas an der Zahl der Brustvergrößerungen ändern wird. Was ich aber garantieren kann ist, dass ich so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf dieses Thema lenken werde. Ich möchte Frauen beweisen, dass sie mit unterschiedlich großen Brüsten weder alleine, noch in der Minderheit sind. Und dass diese Tatsache noch lange kein Grund ist, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. Natürlich können unsere BHs Brüste weder größer, noch symmetrischer werden lassen, da gibt es kein Wundermittel. Jedoch helfen sie, an Selbstsicherheit zu gewinnen. Und damit hoffe ich, Frauen die Möglichkeit zu bieten, sich die Operation doch noch ein zweites Mal zu überlegen.“

Wie können wir dazu beitragen, dass wir die Individualität jedes Körpers und jeder Brust erkennen und schätzen lernen?

„Wir sollten mit diesem Thema viel offener werden. Die weibliche Brust ist faszinierend und so viel mehr als nur ein Symbol der Sexualität. Und gerade deshalb, weil sie in allen unterschiedlichen Größen und Formen auftritt, sollten wir das Aussehen der Brüste in den Medien und dem Einzelhandel nicht verallgemeinern. Ich habe angefangen, jegliches Bild der Frau in den Medien zu hinterfragen, da es mittlerweile nichts mehr gibt, was nicht bearbeitet ist. Bitte nehmt euch kein Vorbild an Frauen, die so retuschiert und bearbeitet wurden, dass sie niemals einer echten Frau entsprechen könnte.“

Was erhoffst du für die Frauen durch „Bravaria“ zu erreichen? Willst du ihnen mehr Selbstbewusstsein geben, weil sie so selbst entscheiden können, ob andere die Asymmetrie sehen können? Oder ist das viel pragmatischer: Endlich einen passenden BH geben?

„Beides. In erster Linie möchte ich nicht mehr, dass Frauen, wenn sie sich im Internet auf die Suche nach passenden BHs oder Tipps zum Thema ungleiche Brüste begeben, zusätzlich verunsichert werden. Ich vergleiche das gerne mit einer alltäglichen Situation. Stell dir vor, du trägst Schuhgröße 38. Eine vollkommen normale, häufige Standard-Größe. Stell dir aber vor, dass kein einziger Laden Größe 38 führt. Ist dein erster Gedanke dann: ‚Seltsam, das ist doch eine vollkommen normale Schuhgröße?‘ Oder ist es eher: ‚Irgendwas stimmt mit mir nicht, sonst würde es ja Schuhe in meiner Größe geben, wenn das normal wäre.‘ Genau diesen Gedankengang möchte ich aufgreifen. Passende, toll aussehende BHs für jede, individuelle Frau – was schon längst Standard und Normalität hätte sein müssen.“

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