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Warum es für die Karriere wichtig ist, nicht nur auf den perfekten Lebenslauf zu setzen

Bewerber sollen am besten jung, fachkompetent und lebenserfahren sein. Da das schwer zu vereinen ist, verzichten viele Unternehmen auf die Lebenserfahrung. Das ist ein Fehler, finden unsere Community-Autoren.

 

Von Null auf 100 

Gerade frisch von der Uni und im Unternehmen sofort rein ins kalte Wasser? Das geht viel zu oft schief. Darum gibt es Programme für die ersten Wochen: Die Berufseinsteiger müssen schließlich erst mal an die harte Realität des Unternehmensalltags herangeführt werden. Wir kennen auch Unternehmen, die Hochschulabgänger erst einmal in ein umfangreiches Trainee-Programm stecken, damit sie sich in der Praxis nach und nach zurechtfinden. 

Aber warum ist das überhaupt notwendig? Sollten Hochschulabsolventen nicht durch unser teures Bildungssystem über Jahre hinweg auf den Berufsalltag vorbereitet worden sein? Sollten sie nicht genau die Fähigkeiten und Skills mitbringen, mit denen sie perfekt für die Wirtschaft geeignet sind? 

Unsere eigenen Erfahrungen decken sich da mit den Erzählungen von Unternehmerkollegen: Hochschulabgänger sind heute sehr jung – sowohl was das biologische Alter als auch was die persönliche Reife angeht. Sie sind fachlich hervorragend, jedenfalls in ihrer Spezialisierungsrichtung, bringen aber kaum Lebenserfahrung mit. Es sind die typischen Überflieger, die nur die Schulbank oder den Hörsaal kennen. Und das war früher anders.

Schule nach der Schule

Noch in den 1990er Jahren bedeutete Studieren immer auch ausprobieren, reisen, orientieren. Studieren, das war die Zeit, wo man noch Zeit hatte. Gleichzeitig mussten sich die Studenten damals komplett selbst organisieren. Sie gingen in die Vorlesung und mussten sich dann in der Bibliothek die passende Literatur zusammensuchen, um dann die Selbstdisziplin aufzubringen, sich den Stoff selbst anzueignen. Die Lerninhalte mussten sie sich, in gewissen Grenzen, selbst zusammenstellen. Sie mussten sich eigenständig darum kümmern, wenn sie etwas lernen wollten. Sie hatten viel Zeit, aber konnten in dieser Zeit auch Selbstbestimmung und Selbstverantwortung ausprobieren und lernen. Waren sie dann fertig mit dem Studium, hatten sie auf jeden Fall etwas von der Welt gesehen, konnten soziale Kompetenzen entwickeln und Lebenserfahrung sammeln. Und das alles ist abseits des Fachlichen eben auch eine perfekte Vorbereitung auf die Herausforderungen des Berufslebens.

Heute liegt der Fokus auf dem Fachlichen und auf der Geschwindigkeit. Wegen des verkürzten Gymnasiums und der ausgesetzten Wehrpflicht kommen nicht junge Männer und Frauen an die Uni, sondern eigentlich noch Jugendliche. Und das Studieren an der Hochschule unterscheidet sich kaum vom Lernen in der Oberstufe an der Schule. Die Studiengänge sind stark verschult und komprimiert, ein fließender Übergang. Ein verlängertes Schülerdasein. Sogar der Zeitdruck, den Lehrplan in einer bestimmten Frist durchzubekommen, ist der gleiche. Das Resultat: Die Hochschulabsolventen hatten gar nicht genügend Zeit und Gelegenheit, sich charakterlich zu entfalten und sich zu selbstbestimmten Persönlichkeiten zu entwickeln. Sie haben einen Bachelor oder Master in der Tasche, sind aber noch immer unreif. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Natürlich können auch sehr junge Leute schon viele Erfahrungen gesammelt haben und reifen. Aber der Gesamteindruck zählt und ist für die Unternehmen höchst relevant. 

Der Fluch des perfekten Lebenslaufs

Wir verstehen nicht, warum gerade in dieser so wichtigen Phase im Leben junger Menschen von Staatsseite eine derartiger Stress gemacht wird. Es scheint als zielte die ganze Bildungspolitik darauf ab, die Menschen immer früher in geregelte sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu drücken. Dabei haben die Jungen doch durch die steigende Lebenserwartung ohnehin mehr Lebenszeit zur Verfügung. Warum sollen sie nicht das eine oder andere Jahr dazu nutzen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich zu orientieren und Selbstbewusstsein zu entwickeln? Damit sie die Chance bekommen herauszufinden, wer sie eigentlich sind und was sie überhaupt im Leben machen wollen. 

Nach unserer Beobachtung haben auch die Personalabteilungen und Unternehmer in den letzten zwanzig Jahren viel zu stark nach jüngeren Bewerbern gerufen. Im Klartext: Kurvige und bunte Lebensläufe werden im Allgemeinen früh aussortiert.

Anstatt sich mit fachlich gut ausgebildeten Grünschnäbeln zu begnügen, um dann genau diese Grünschnabeligkeit zu beklagen, sollten sich Unternehmer und Führungskräfte unserer Ansicht nach fragen, was sie tun können, um eine ausreichende Anzahl an qualifizierten und vor allem reifen Bewerbern zu bekommen. Oder anders gesagt: Fragen Sie sich, ob und wie Sie auch gereiften Persönlichkeiten, die sich in ihrem Leben ein paar Jahre länger zum Ausprobieren gegönnt haben, eine Chance geben!

Lassen wir ihnen Zeit!

Davon profitiert Ihr Unternehmen! Und zwar ganz konkret durch praxistauglichere Neuzugänge und weniger Einarbeitungsaufwand. Wir machen in unseren Unternehmen genau das – und sammeln positive Erfahrungen mit Bewerbern, die mehr Lebenserfahrung mitbringen und die dadurch deutlich besser wissen, was sie wollen. 

Erst kürzlich haben wir eine reife, fachfremde Bewerberin als Dozentin eingestellt. Sie ist eine echte Quereinsteigerin, nämlich eine Religionswissenschaftlerin, die nun im kaufmännischen Bereich sehr erfolgreich unterrichtet. Ihre Kunden sind durchweg begeistert von ihr, weil sie sich auf unterschiedliche Menschen sehr gut einstellen kann. Das Fachliche war gar kein Problem, das hatte sie sich ruckzuck angeeignet. Aber die Lebenserfahrung, die für bestimmte Aufgaben notwendig ist, die können Sie nicht mit einem Trainee-Programm vermitteln. 

Darum plädieren wir erstens dafür, dass die Bildungspolitik wieder einen Rahmen schafft, in dem es jungen Menschen möglich ist, zu reifen. Dass zweitens Unternehmer und Personalverantwortliche nicht ausschließlich nach top-ausgebildeten Überfliegern Ausschau halten, sondern auch kurvigen Lebensläufen eine Chance geben. Und drittens, dass Schüler und Studenten den Mut fassen, sich auszuprobieren und Lebenserfahrung zu sammeln. Jungsein ist eine gute Eigenschaft. Reifsein ist auch eine gute Eigenschaft. Lassen Sie uns dabei nicht die eine gegen die andere ausspielen. Lassen wir dem Nachwuchs einfach ein wenig mehr Zeit.

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