Foto: Jerry Kiesewetter | Unsplash

Ihr wollt, dass die Welt gerechter wird? Dann werdet endlich selbst aktiv!

Die Zeiten sind rau, der Widerstand ist groß – zumindest auf unseren Social-Media-Accounts. Warum wir bei politischer Arbeit die realen Handlungsplätze auf keinen Fall vergessen dürfen.

 

Wir wollen Revolution, aber wir wollen halt auch Yoga und Rotwein

Eigentlich hättet ihr an dieser Stelle eine Kolumne über Vaginas, Handspiegel und Selbst-Erkundungstouren lesen können. Ich habe nämlich festgestellt, dass ein nicht unerheblicher Teil meines weiblichen Freundes- und Familienkreises sich, ganz ähnlich wie die Insassinnen der entsprechenden Orange is the New Black Folge, noch nie mit einem Handspiegel und den DINGEN zwischen ihren Beinen beschäftigt haben.

Zu gerne hätte ich mich auf einen feministischen Rant eingelassen – darüber, dass sich manche von uns vor der eigenen Menstruation ekeln, dass Frauen ihr Genital nicht sehen wollen und dass mit Vulven eh ganz komische Schönheitsideale verbunden sind. Ich hätte ein paar wunderbare Aktivistinnen verlinkt – Rupi Kaur etwa – darüber geschrieben, wie ich mich früh mit mir selbst beschäftigte (vielleicht wären ein paar von euch nur deswegen hier geblieben) und ein paar hochgestochene Begrifflichkeiten wie hierarchische Strukturen und Enttabuisierung durch den Raum geworfen, um im letzten Absatz schließlich zu mehr Selbstliebe und mehr Free-the-Nipple (oder so) aufzurufen.

Dann hätte ich mein Macbook zugeklappt, mir irgendeinen healthy Scheiß in meinem Blender zusammengemixt und den Abend entspannt bei Fernseh- und Kerzenschein, mit jeweils einer Rassekatze links und rechts von mir auf dem Sofa verbracht. Vong Gönnung her.

Ich hätte das alles gut und richtig so gefunden. Und eigentlich finde ich das noch immer, denn hätte sich mein Thema für den heutigen Tag nicht kurzfristig geändert und ich mich nicht auf einen allgemeinen Rant eingelassen, würde ich es wahrscheinlich genau so machen, wie oben beschrieben. Dabei ist mein hypothetischer Kolumnentag genau das, was ich jetzt anderen Menschen vorwerfen werde – und wenn ich von ihnen schreibe, könnte ich in den meisten Fällen ebenso gut über uns sprechen.

Politischer Aktivismus? Hier: mein Twitter-Account

Viele, die sich irgendwie Anti- oder ähnlich politisch links gerichtete Dinge auf die Fahne schreiben, ranten nämlich genau nur so, wie ich in meiner hypothetischen Muschi-Kolumne. Sie empören sich in ihren Facebook-Chroniken lautstark über die Weltpolitik, verschleudern wichtige (und richtige) Statements in ihren Twitter-Timelines und debattieren bei Rotwein und selbstgedrehten Zigaretten nächtelang in unglaublich ermüdenden Diskussionsrunden voller elitärem Uni-Sprech. Sie besuchen die Safe Spaces ihrer Universität, schreiben sich in die teilweise wirklich wunderbaren Seminare der Sozialen Fakultät ein und verfassen seitenstarke Hausarbeiten, in denen sie ihr Judith-Butler-, bell-hooks- und Stuart-Hallwissen unter Beweis stellen.

Eins vorweg: Politische Diskurse und Twitter-Debatten, Safe Spaces und Bücher haben allesamt eine wichtige Position in der Bildung des Einzelnen – nichts liegt mir ferner, als die Veröffentlichung eines „Warum mich der Feminismus anekelt“-Textes reloaded oder das allgemeine Draufhauen auf alle Gesprächskulturen abseits von Was-ich-letzten-Samstag-Krasses-im-Berghain-erlebt-habe. Allerdings liegt in dieser politischen Arbeit auf Metaebene auch gleichzeitig ihre Gefahr. Voll schön, dass wir Identitäten diskutieren und Unterdrückungsstrukturen entlarven können.

Doch während große Teile des „Volkes“ kognitiv womöglich schon am Zusammenkleben eines Pappgalgens für Angela Merkel und Sigmar Gabriel verzweifeln, sitzen wir zwar schön in unserem Elfenbeinturm aus Theoriebausteinen, sind aber letztendlich doch nicht da, wo das politische Geschehen tatsächlich abläuft: auf der Straße, in den Wahlkabinen, vielleicht im Bundestag. In den Zahnrädern der Unterdrückungsstrukturen, die wir im Vorlesungsraum noch so lebhaft diskutiert haben.

Wir sind die kleinen Streber aus den Comicserien

Das Leben findet statt. Und es kann bisweilen ein mieses, kleines Arschloch sein. Nur verinnerlicht haben wir das irgendwie noch nicht. Wir denken noch immer, der Klügere gäbe nach. Wir sind die kleinen Streber-Kinder aus den Comicserien, die bei der Pausenhof-Prügelei um ihre Brille fürchten und mit dem Buch wedeln, während die anderen laut Narrativ zwar die Dümmeren sind, mit ihrem störenfriedhaftem Benehmen aber trotzdem täglich den Schulhof dominieren.

Wir stecken unseren Kopf in die Buchseiten, wenn in der Bahn rassistisch beleidigt wird und lästern mit unseren Bildungselitekumpanen über den unmöglichen Stammtischparolen-Onkel beim Familienessen.

Revolution? Ich schreib dir mal bei WhatsApp, ob ich zwischen meinem Social-Media-Workshop und dem DIY-Kurs noch Zeit finde. Lass doch auch bald mal auf einen Wein treffen, ich will mit dir über die Konstruktion von Hierarchien in Shades of Grey reden.

WER IST EIGENTLICH DIESER POLITISCHE ARBEIT?

Politische Arbeit durch andere politische Arbeit zu relativieren, halte ich eigentlich für falsch. Und doch ist 1. die Definition von politischer Arbeit durchaus überdenkbar und 2. angesichts der Tatsache, dass Flüchtlingsunterkünfte brennen, Trump zum mächtigsten Mann der Welt gemacht wurde, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Religion oder Sexualität tätlich angegriffen und verletzt werden und organisierte rechtsextremistische Vereinigungen ihr Unwesen treiben, höchstwahrscheinlich reine Zeitverschwendung.

Es ist Zeit, dass ihr eure Theorie-Anekdoten in solidarisches Handeln transformiert, schreibt Hengameh Yaghoobifarah in der taz. Passend dazu knüpft Margarete Stokowski in ihrer Kolumne mit ihrer Frage daran an, was wir später einmal, wenn man uns als Zeitzeugen und -zeuginnen zum Gespräch lädt, über unsere Untätigkeit erzählen wollen.

Und wir wahrscheinlich so: Ich habe einen Artikel über Rassismus auf Facebook geteilt. Ich habe einen Beitrag von einer feministischen Künstlerin geliked. Und im Lesekreis, da war ich auch jede Woche! Ich war sogar zutiefst empört, Ey. Aber irgendwie konnte ich dann doch nichts machen. Scheisse gelaufen.

Dieser Text ist zuerst bei SLEAZE erschienen. Wir freuen uns, dass Rebecca ihn auch hier veröffentlicht. 


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