Die Kolumnistin trägt ein grünes Kleid und blickt in die Kamera.
Foto: privat

Für die Wirtschaft und mein Konsumverhalten gibt es nach der Pandemie kein „weiter wie bisher“

Unsere Kolumnistin weiß, dass sie ihr Konsumverhalten und ihren Lebensstil nach der Pandemie ändern muss. Echten Wandel wird es aber nur geben, wenn Politik und Wirtschaft vom Prinzip des ständigen Wachstums ablassen.

Während des Corona-Lockdowns nahm ich fast jeden zweiten Tag ein Paket an. Entweder für mich selbst oder für die Nachbar*innen. Das Ergebnis: Woche um Woche wartete ich, bis im Papiermüll-Container wieder Platz war. Um dann schnell meinen eigenen Stapel hineinzuschütten.

Als dann die ersten Lokale wieder öffneten, konnte ich meinen Augen nicht ganz trauen: Gruppen von Schüler*innen klüngelten morgens auf den Straßen, die Menschen saßen in Cafés und Restaurants — als wäre nie etwas gewesen. Ist das real? Ist das eine gute Idee? Oder einfach verantwortungslos?

Doch am dritten Tag saß ich selbst mit einem Weinglas auf der Terrasse eines Lokals. Es war einfach zu schön, um wahr zu sein. Auch bei mir schlich sich langsam das Gefühl ein, dass es wieder bergauf geht. Doch könnte wirklich alles wieder so wie vorher werden?

Erholung nach den Öffnungen?

Ökonom*innen gaben sich angesichts des Stufenplans zur Lockerung der Pandemie-Vorschriften optimistisch. Sie sagten voraus, dass die deutsche Wirtschaft sich innerhalb von kurzer Zeit nach den ersten Öffnungen erholen werde. Sie begründeten diese Annahme mit der fortschreitenden Impfkampagne und den schrittweisen Öffnungen in den Bundesländern. Und siehe da, im Juli stellte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) eine Rückkehr der Kauflust bei Konsument*innen fest. Gleichzeitig gab die Hälfte der befragten Unternehmen in der Konjunkturumfrage des IW an, für das zweite Halbjahr mit einer höheren Produktion zu rechnen.

Volkswirt*innen deuten dies als ein positives Zeichen für die deutsche Wirtschaft und erwarten eine „Erholung“ im Vergleich zum Vorjahr. Ja, so klingt die Sprache der Wachstumsverherrlichenden. Sie verschleiert kunstvoll die Tatsachen, denen wir uns stellen müssen.

Ein Blick auf die Situation von Unternehmen in der Industrie oder in der Bauwirtschaft verdeutlicht das. Denn im Gegensatz zum Dienstleistungssektor blicken Unternehmen dieser Branchen wenig optimistisch auf eine mögliche wirtschaftliche „Erholung“ im nächsten Halbjahr. Sie kämpfen seit Monaten mit Lieferengpässen und einem Mangel an Rohstoffen wie Holz, Aluminium oder Stahl. Trotz voller Auftragsbücher sind deshalb viele Firmen dazu gezwungen, ihre Produktionen zu drosseln.

Die Lieferketten werden brüchig 

Der Ausblick auf einen steilen Aufschwung der deutschen Wirtschaft bleibt also ungewiss, weil derzeit nicht genügend Materialien geliefert werden. Wirtschaftsforscher*innen weltweit weisen bereits seit Beginn der Pandemie auf die Notwendigkeit hin, unsere globalen Lieferketten zu überdenken. Der Rohstoffhandel ist dabei nur ein Bereich von vielen. Globale Lieferketten existieren auch in der Pharmaindustrie, in der Bekleidungsindustrie oder in der Lebensmittelindustrie. Die Pandemie führt nun dazu, dass diese Ketten brüchig werden.

Wenn wir von globalen Lieferketten sprechen, mag das für uns weit entfernt klingen. Doch tatsächlich sind sie uns näher als gedacht. Die Verschränkungen der globalen Wirtschaft reichen bis in unseren Alltag hinein. Der Mangel an Holz etwa macht sich zuallererst in der Papierindustrie bemerkbar. Nach Angaben des Verbands der Wellpappenindustrie (VDW) ist der Preis für Verpackungsmaterialien seit Ende des Jahres 2020 schlagartig angestiegen. Der durchschnittliche Preis für alle Papiersorten sei im Juni 2021 um 40 Prozent höher ausgefallen als im September des Vorjahres.

„Auch ich trage dazu bei, dass Rohstoffe schonungslos geplündert werden, um dann wieder schnurstracks im Müll zu landen.“

Unser Lebensstil: Pure Rohstoffverschwendung

Der Grund für die steigende Nachfrage nach Karton liegt auf der Hand: der boomende Online-Versandhandel. Auch ich trage dazu bei, dass Rohstoffe schonungslos geplündert werden, um dann wieder schnurstracks im Müll zu landen. Unser heutiger Lebensstil ist erschreckend rohstoffverschwendend.

Die Wirtschaft in Industriestaaten wie Deutschland ist abhängig von Rohstoff-Lieferungen aus dem Globalen Süden – ein Kreislauf, der sich aus Produktion von Waren und deren Konsum zusammensetzt. Doch in vielen Ländern des Globalen Südens greift die Corona-Pandemie jetzt erst durch und führt teils zu Hungerkrisen und sozialpolitischen Krisen. Anstatt über diese Tatsache hinwegzusehen, sollten wir uns eingestehen: Die Corona-Pandemie bringt unser Wirtschaftssystem kräftig zum Rütteln

Die Schwachstellen des bestehenden Kreislaufs treten nun besonders deutlich hervor. Zum einen können Länder des Globalen Nordens und Südens sich nicht aus ihrem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis lösen und autonome Versorgungssysteme aufbauen. Zum anderen führt ein „weiter-wie-bisher“ zwangsläufig in die Katastrophe. Wachsen wir unendlich weiter, führt unser hoher Rohstoffverbrauch zur Zerstörung des Planeten. Mehr denn je ist es daher an der Zeit, unsere Art des Wirtschaftens infrage zu stellen.

Wachstum als Voraussetzung für Wohlstand?

Einen solchen grundlegenden Wandel unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung schlagen Postwachstumsökonom*innen vor. Ihnen zufolge beruht unsere Art des Wirtschaftens auf einem Prinzip, das die stetige Rohstoffplünderung zum Zwecke des Wachstums voraussetzt. In der Ära des Postwachstums gilt es, moderne Gesellschaften von diesem Prinzip unabhängig zu machen. Das betont der Volkswirt Niko Paech, der zu einem der bekanntesten Vertreter der Postwachstumsökonomie zählt. Paech zufolge braucht es eine Wirtschaft, die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile Versorgungsstrukturen verfügt und mit geringerem Konsum auskommt.

Die Vorstellung von Wachstum als Voraussetzung für Wohlstand müsse somit gestrichen werden. Um das zu erreichen, müsse die deutsche Wirtschaft weniger komplex gestaltet werden und kürzere Versorgungsketten geschaffen werden. Es brauche eine „Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung“, schreibt Paech. „Wer von monetär basierter Fremdversorgung abhängig ist, verliert seine Daseingrundlage, wenn die Geld speiende Wachstumsmaschine ins Stocken gerät“.

Alternative Handelsmodelle müssen her

Um diesen Übergang gerecht zu gestalten, müssen auch die Verhältnisse in den Ländern des Globalen Südens mitgedacht werden. Das betont der französische Ökononom Serge Latouche, der als ein Vordenker der Postwachstumsbewegung gilt. Latouche zufolge müssen sich wachstumskritische Bewegungen in reichen Industriestaaten mit Intellektuellen im Globalen Süden verbünden. Der renommierte philippinische Soziologe Walden Bello etwa sieht in der Corona-Pandemie die Chance, industrielle globale Lieferketten abzubauen.

„Für die Zukunft müssten gemeinsam alternative Modelle gefunden werden, die nicht wachstumsgetrieben sind und im westlichen Alleingang stattfinden.“

Der Gründer des Think Tanks „Focus on the Global South“ plädiert für alternative Handelsmodelle, die regionale Wirtschaften stärken. Länder des Globalen Südens müssten in der Lage sein, eigene Wirtschaftsstrukturen aufzubauen und der Globale Norden müsse in Zukunft auf lange Produktionswege verzichten und seinen rohstoffreichen Lebensstil abbauen. Für die Zukunft müssten gemeinsam alternative Modelle gefunden werden, die nicht wachstumsgetrieben sind und im westlichen Alleingang stattfinden.

Mein Gedanke, nach dem Lockdown könne alles wieder so werden wie bisher, stellt sich womöglich als ein Trugschluss heraus. In der Wirtschaft sollte nicht alles wieder so werden wie vorher. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um einen Wandel zum Besseren anzustoßen. Für den Übergang in die Postwachstumsgesellschaft möchte ich deshalb Gutes aus dem Lockdown beibehalten. In dieser Zeit lernte ich, meinen Konsum auf das Notwendigste zu beschränken.

Mehr als reduziertes Konsumverhalten

Mich interessierte nicht, welche die angesagtesten Schuhmodelle sind und auch nicht, was das modernste Smart-TV kann. Die Überraschung: Ich war alles andere als unglücklich damit. Ich frage mich in letzter Zeit oft, was ich wirklich vermisst habe: Es waren der soziale Kontakt und das gesellige Miteinandersein. Darüber freue ich mich seit den Lockerungen. Mit weniger Konsum kann ich jedoch ganz gut.

Trotzdem stapelte sich der Papiermüll auch bei mir, denn in der Zeit war ich auf Online-Bestellungen angewiesen. Meine Erkenntnis daraus: Für den Weg in eine nachhaltige Zukunft gibt es keine einfache Lösung. Wir müssen als Individuen und als Gesellschaft langfristig daran arbeiten, Lebensmodelle zu finden, die mehr im Einklang mit der Natur sind.

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Thuy-An Nguyen ist freiberufliche Journalistin und Diversity-Trainerin. Sie lebt in Köln und ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Als freie Autorin widmet sie sich Themen, die wenig Sichtbarkeit erhalten oder mit denen sie Machtverhältnisse infrage stellt. In ihren Texten dekonstruiert sie unsere kapitalistisch-patriarchale Wirtschaftsordnung und ersetzt sie durch Gedankenspiele aus der Postwachstumsgesellschaft sowie marxistisch-feministische Perspektiven.

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