Foto: Weisflog/DBU

Angelika Mettke: „Intakte Gebäude abreißen und schreddern? Das kam für mich nicht in Frage“

Angelika Mettke ist eine unserer „25 Frauen, deren Erfindungen unser Leben verändern“ – sie hat dafür gesorgt, dass Betonteile aus abgerissenen Gebäuden nicht einfach geschreddert werden – sondern ein zweites Leben in einem neuen Gebäude beginnen können.

 

Alter Beton für neue Häuser

In Deutschland herrscht seit Jahren ein Bauboom – gleichzeitig werden seit Jahren im großen Stil Gebäude abgerissen, etwa im Rahmen des Stadtumbau-Programms der Bundesregierung. Gerade im Osten des Landes wurden nach der Wende unzählige leerstehende Plattenbauten abgerissen, „rückgebaut“ lautet die etwas gnädiger klingende Bezeichnung. Die Professorin Angelika Mettke stammt selbst aus Cottbus, die Bauingenieurin entwickelte eine Vision: Wieso für neuen Beton Rohstoffe aus der Natur holen, wenn das in Massen vorhandene Abrissmaterial womöglich völlig unproblematisch in Neubauten wieder verwendet werden kann?

Als Doktorandin begann Angelika Mettke, Baustellen abzuklappern und nach Möglichkeiten zu forschen, Betonteile im Ganzen im großen Stil wieder zu verwenden – 2016 erhielt sie dafür als „Pionierin des Betonrecyclings“ den Deutschen Umweltpreis. Und 2017 wurde sie unter unsere „25 Frauen, deren Erfindungen unser Leben verändern“ gewählt. Wir haben sie zum Interview getroffen – am Berliner Hauptbahnhof, denn aus Cottbus kommend war sie gerade auf dem Weg zu einem Projekt nach Brieselang, um dann weiter zu einer Tagung nach Rostock zu fahren – Angelika Mettke liebt es, nicht nur am Schreibtisch, sondern vor Ort an Veränderungen zu arbeiten.

Sie sind selbst in einem Plattenbau in der DDR aufgewachsen – spielte Ihre Biografie eine Rolle bei der Entscheidung, den Weg einzuschlagen, den Sie beruflich gegangen sind?

 „Eigentlich wurde der Grundstein für das, was ich heute tue, schon in meiner Kindheit gelegt. Ich bin auf dem Land in der Nähe von Cottbus aufgewachsen, wir heizten damals alle mit Kohleöfen, und mein Vater fuhr immer mit dem vollen Aschekübel auf die Gemeindedeponie und kam immer mit einem vollen Kübel zurück. Darin befanden sich alle möglichen Wertstoffe, die er auf der Deponie gefunden hatte – auf diese nicht überwachte Deponie brachten die Leute alles, was sie nicht mehr brauchten. Mein Vater war Handwerker für Schmiede- und Schlossereiarbeiten, und er hat auch für meine Kinder aus den Teilen, die er mitbrachte, verschiedene Gebrauchsgegenstände gebaut, zum Beispiel ein Dreirad, einen Roller und die Lampen für unsere neue Wohnung – mein Vater konnte immer gar nicht fassen, was die Leute alles wegwerfen. Erst haben wir uns mit meiner Mutter noch darüber lustig gemacht. Jetzt, im Nachhinein, bin ich überzeugt, dass seine Kriegserfahrungen ihn geprägt haben, diese Zeit des absoluten Mangels, als es gar nichts gab, als alles zerstört war. Das hat ihn geprägt in seiner Sicht, mit Werten sorgsam umgehen zu müssen, und diese Sicht ist auch in mir durch ihn gewachsen.“

Wie sah ihr Weg aus, wie entdeckten Sie das Recycling von Baustoffen für sich als Berufung?

„Ich habe Bauzeichnerin mit Abitur gelernt, wusste aber, damals zu DDR-Zeiten, dass Bauzeichnerin ein Beruf ist, mit dem man zwar überleben, aber sich nichts leisten kann, denn es gab sehr wenig Geld. Ich habe mich dann schnell entschieden, zu studieren; noch vor der Wende kam ich während meines Studiums mit dem Thema Abbruch in Berührung, schon zu DDR-Zeiten wurden ja in großem Umfang in Montagebauweise errichtete Gebäude abgerissen – ich fragte mich, was eigentlich mit dem ganzen Material passiert, das abgerissen wird, das waren ja riesige Mengen Baumaterial. Ich war damals unter anderem mit den Gebäudeanlagen im Tagebau beschäftigt, so genannten Tagesanlagen, die nach acht oder zehn Jahren Nutzungszeit schon wieder abgerissen wurde.“

Warum das denn?

„Nun, ganz einfach weil durch die eigene Abraumtechnologie im Tagebau, erst in die eine, dann in die andere Richtung, die eigenen Gebäude einfach irgendwann im Weg standen. Ich konnte das nicht fassen: Schwere Betonkonstruktionen, die man nach acht Jahren schon wieder abreißen will? Und gleichzeitig hatten wir ja zu DDR-Zeiten eine Mangelwirtschaft – auf der einen Seite reißen wir ab und verkippen das Material auf Deponien, und auf der anderen Seite mussten die gleichen Gebäude an anderer Stelle wieder neu gebaut werden: Bürogebäude, Fahrzeughallen, Werkstätten, Waschkauen, also ein großer Park von Gebäuden, die mit dem Tagebau zusammenhängen. Damals habe ich mit meiner Promotion zum Thema Wiederverwendung von Bauelementen angefangen, über das Wirtschaften im Bausektor aus ingenieurswissenschaftlicher Sicht nachzudenken. Plötzlich brannte ich dafür, und erkannte in mir den Geist meines Elternhauses (lacht), auch mir ging es wie meinem Vater tatsächlich um Werte: Es geht ja nicht nur um das Material; an der Entstehung dieser Gebäude haben Menschen mitgewirkt, die Gebäude geplant, gebaut und wieder abgerissen. Ich habe also den Lebensweg eines Gebäudes betrachtet und gedacht: Die ganze Energie, die darin steckt, wird ja gar nicht erfasst, das Gedankengut, da schmeißt man alles weg, nach acht bis zehn Jahren, obwohl Beton 100 bis 150 Jahre hält? Das geht doch gar nicht, dachte ich – und so fing es an.“

Was genau war Ihre Idee, Ihre Vision?

„Ich dachte mir, man müsste mal überlegen, ob solche Gebäude demontabel sind, also zerlegbar und zum Wiederaufbau geeignet, obwohl sie nie so gebaut wurden. Die Gebäude sind modular errichtet, die Betonteile wurden vorgefertigt, also aus einzelnen Bauteilen zusammengesetzt, ich fragte mich: wie sind die Verbindungen der Bauteile lösbar und welche Qualität haben die Betonbauteile, um sie an anderer Stelle wieder aufbauen zu können? Das war der eigentliche Hebel: Werte erhalten, lange nutzen; dadurch keine Deponie in Anspruch nehmen müssen und Ressourcen schonen. Das war der Ursprung meiner Idee.“

Wie ging es dann weiter?

„Ich war wie besessen, mich hat das Thema so gefesselt; ich war ständig auf Baustellen, hatte aber nicht mal ein Auto und bin die letzte Strecke zu den Tagebauten getrampt; ich hab den Arbeitern auf der Baustelle was zu Trinken mitgebracht und sie gebeten, für mich doch mal auszuprobieren, die Verbindungen der Bauteile an dieser oder jener Stelle zu öffnen, natürlich hatte ich mich vorher intensiv mit den Bauunterlagen des Gebäudes befasst. Manchmal war es auch so, dass die Arbeiter zwei, drei Stunden auf eine Betriebsgenehmigung für den Kran warten mussten, dann bin ich geblieben und wir haben zusammen gewartet – sie haben gemerkt, dass sie etwas Neues ausprobieren können, und ich von ihnen lernen konnte, so war es ein Geben und Nehmen. Das hat mich so bereichert, nicht nur am Schreibtisch zu sitzen, sondern rauszufahren und alles vor Ort testen zu können, alles mitzuerleben, Erfahrungen zu sammeln, Kenntnisse zu gewinnen.“

Nachdem Sie nachgewiesen hatten, dass es funktioniert: Wie ging es weiter?

„Ich konnte damals dazu beitragen, dass das BMK – das Bau- und Montage-Kombinat der DDR, das mit dem Abriss der Tagebau-Gebäude beauftragt war – erstmals Gebäude umgesetzt, also demontiert und wieder aufgebaut hat, statt sie bloß abzureißen. Das sparte natürlich auch Kosten, zum Beispiel wurde eine Halle in sechs Kilometern Entfernung wieder aufgebaut. Manche Bauteile ließen sich sehr einfach lösen, manche Verbindungen waren schwieriger, damit ich hatte ich schon gerechnet, ich begann, an der Lösung dieses Problems weiter zu arbeiten.“

Gab es denn großes Interesse an Ihren Forschungen?

„So langsam kamen dann schon die ersten Anfragen bei mir an: Neue Teile waren in der DDR ja nicht immer verfügbar, man musste zwei Jahre vorher bilanzieren, wenn man bauen wollte, insofern bestand durchaus Interesse an meiner Idee. Zunächst ging es um Hallenbauten, also relativ einfache Konstruktionen, die wiederaufgebaut werden sollten, allerdings auch mit speziellen Herausforderungen: Wie zum Beispiel demontiere, zwischenlagere und transportiere ich einen 18 Meter langen Spannbeton-Dachbinder? Solche Herausforderungen haben mich fasziniert. Damals konnte ich ein westdeutsches Unternehmen aus Reutlingen gewinnen, das an meine Ideen glaubte, das war zu Wendezeiten – mit dem Unternehmen habe ich heute noch Kontakt, weil wir uns so gerne an die damalige Zeit erinnern, draußen im Tagebau, bei einer Wahnsinnskälte, mit Fingern so steif, dass ich nicht mal meinen Fotoapparat auslösen konnte.“

Was sind überhaupt die Vorteile der Betonteilwiederverwendung?

„Ich habe auch erst im Laufe meiner Untersuchungen erkannt, in welch enormer Dimension Energie und Ressourcen eingespart werden können, in welcher Größenordnung CO2 eingespart werden kann – das ist nicht zu toppen. Leider haben diese Erkenntnisse in der Baubranche noch nicht um sich gegriffen, eine Abkehr vom üblichen Bauen hat noch nicht stattgefunden, aber dafür setze ich mich weiter ein: Wir müssen wieder verstärkt in die Fertigteilbauweise übergehen, um schnell und flexibel sein zu können, wie eine Art Lego-Prinzip: schnelles Bauen mit lösbaren Verbindungen.“

Sie sagen, dass das Beton-Teile-Recycling noch nicht in dem Maße gemacht wird, wie Sie sich das wünschen würden – aus dem einfachen Grund, dass alter Beton auch anderweitig genutzt werden kann?

„Ja, in Recycling-Anlagen aufbereitet und geschreddert werden die hergestellten Betonsplitte zumeist im Straßen- und Wegebau verwendet. In den vergangenen 30 Jahren hat die Wirtschaft eine Recycling-Industrie aufgebaut, der Einsatz von geschreddertem Beton anteilig mit Mauerwerkssplitt im Straßenbau ist auch in Ordnung, weil das auch ressourcenschonend ist.“

Mit der Wende begann auch eine große Abwanderungswelle aus den ostdeutschen Bundesländern. Das Programm „Stadtumbau Ost“ der Bundesregierung wurde aufgelegt, um leerstehende Plattenbauten abzureißen. Enorm viel Material für Ihre Vorhaben, aber machte Sie das auch wehmütig?

„In Ostdeutschland gab es mehr als eine Million dauerhaft leerstehender Wohnungen, nicht nur in den sogenannten Plattenbauten. Dabei war ja nie ein Gebäude komplett leerstehend, ein paar Leutchen wohnten immer noch drin, sie bekamen von den Wohnungsbaugesellschaften Ersatz angeboten, damit das Gebäude komplett leer war und abgerissen werden konnte. Viele Menschen sind daraufhin weggezogen, und kamen auch nicht wieder zurück zum ,alten‘ Vermieter. Die ehemaligen Mieter gingen den Wohnungsunternehmen also dauerhaft verloren – diese soziale Komponente haben die Wohnungsunternehmen irgendwann auch erkannt; und man muss bedenken: In Plattenbaugebieten wie zum Beispiel in Berlin-Marzahn ist ja die komplette Infrastruktur vorhanden: Es gibt Straßen, Stromleitungen, Wasser, Abwasser, Müllentsorgung, die gesamte Versorgungstechnik, Parkplätze, Wäscheplätze, Grünanlagen: Für mich war es nicht tragbar, dass ganz Blöcke leergezogen und komplett abgerissen werden sollten, wenn doch alles drum herum, das Wohnumfeld und die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel da und intakt war! Da gab es bessere Lösungen, etwa ein modernisierter Stadtteil: Geschosse abtragen und die Gebäude niedriger machen, oder die elend langen monotonen Wohnzeilen in Solitäre teilen, etwa indem man zwei oder mehr obere Geschosse oder  bestimmte Aufgänge demontiert.“

Wurden Ihre Ideen zum Stadtumbau denn umgesetzt?

„Ja, viele Wohnungsunternehmen haben tatsächlich Teilrückbaumaßnahmen realisiert. Das hat mich gefreut, es wäre wirklich ein Wahnsinn gewesen, einfach alles abzureißen. Und dann habe ich weiter überlegt: Nun fallen viele Teile an, aus denen können wir doch wieder Etwas bauen. Wir haben nachgewiesen, dass die Betonbauteile eine sehr gute Qualität haben, untersucht, wie die Logistik am besten funktioniert. Denn der Rückbau finde ja nicht automatisch genau dann statt, wenn auch der Neubau anfängt, für den die Teile genutzt werden.“

Und wie sieht Ihre Lösung dafür aus?

„Es müssen Zwischenlager eingerichtet werden. Im Idealfall kann es mal sein, dass ein Haus teilrückgebaut wird und schon klar ist, wo die Teile wieder verbaut werden, aber das ist eher selten.“

Wie viele neue Gebäude aus alten Teilen sind denn schon mit Ihrer Hilfe gebaut worden?

„Etwa 30 Gebäude sind mit meiner Mithilfe entstanden, ich habe die Projekte zum großen Teil angeregt, komplett begleitet, angefangen beim Rückbau, Bereitstellung der Teile, Zwischenlagerung, Qualitätsuntersuchungen, ich habe meine Studierenden mit eingebunden, wir haben gemeinsam mit Bauherren die Entwürfe von Vereinsheimen, einem Erdkeller oder einem Freizeitpark konzipiert. Darüber hinaus sind aber auch Eigenheime geplant und errichtet worden.“

Kann man denn die Betonteile tatsächlich ohne irgendwelche Nachteile wieder benutzen?

„Ja! Gerade die Teile aus dem Wohnungsbau sind überhaupt nicht negativ beeinflusst, sie sind sehr gut erhalten, geradezu in Top-Qualität – ich habe wir haben über 1000 Elemente geprüft hinsichtlich der Qualität. Wir haben einen Festigkeitszuwachs festgestellt: Der Beton wird nach den 28 Tagen geprüft, aber der chemische Prozess ist nach 28 Tagen noch nicht beendet, Beton härtet noch nach.“

Wie funktioniert das denn konkret, angenommen ich bin Bauherr und will Betonplatten auf alten Plattenbauten benutzen, wo kriege ich die dann her?

„Es gibt in Deutschland noch keine ausschließlichen Zwischenlager für großformatige Betonelemente oder Bauteilbörsen, wo der Kunde oder Bauherr gucken kann, was es gerade gibt. Bisher ist es immer noch so, dass man sich individuell abstimmen muss. Was interessant ist: Ich konnte immer wieder nachweisen, wie viel Energie und Ressourcen man durch Wiederverwendungsmaßnahmen einsparen kann, aber ich kenne nur einen Bauherren, der auf mich zukam, weil er Ressourcen schonen wollte. Alle anderen wollen vor allem Kosten sparen, Umweltschutz spielt ganz selten eine Rolle.“

Woran liegt das?

„Oft muss es bei Bauprojekten schnell gehen, die Planungszeit ist kurz, leider kommt dabei vielfach der Nachhaltigkeitsgedanke zu kurz. Und wir haben im Moment einfach noch genug Primärbaustoffe, also Kiese, Sande, Splitte. Aber auch diese werden irgendwann erschöpft sein, sie wachsen ja nicht nach. In Deutschland gibt es heute schon lokale Engpässe.“

Das Bauen mit recyceltem Beton, also Beton mit Anteilen von Recyclingbaustoffen, hat bei vielen Bauherren ein schlechtes Image, warum? Hat das Gebrauchte an sich kein gutes Image in der Branche?

„Ja, das spielt eine Rolle. Bei Primärrohstoffen müssen die Bauherren keinerlei Umweltverträglichkeitsprüfungen vornehmen – im Gegensatz zu Recycling-Baustoffen. So entsteht ein Mehraufwand: die umwelttechnischen Eigenschaften müssen außer den bautechnischen Analysen nachgewiesen werden, das ist bei Naturmaterialien nicht so, obwohl es natürlich auch dort geogene Belastungen etwa mit Schwermetallen gibt. Naturmaterialien werden nur hinsichtlich der bautechnischen Eigenschaften untersucht. Recyclingmaterialien sind also viel besser geprüft als Naturbaustoffe, aber das kriegen Sie mal in einen Menschen rein, der 40 Jahre lang Häuser herkömmlich geplant hat.“

Sie arbeiten also in einer nicht gerade innovativen Branche?

„Ganz viele Ausschreibungen lassen immer noch keinen Einsatz von Recyclingbaustoffen oder Recycling-Beton zu. Das ist überhaupt nicht nachvollziehbar. Wir müssen aber das Potential von Recycling-Baustoffen jetzt schon ausschöpfen, ohne dass wir in Not sind bezüglich der Verfügbarkeit an Naturrohstoffen. Nachhaltigkeit ist immer etwas für die nächste Generation, indem wir an unsere Kinder und Enkelkinder denken. Viele in meiner Branche aber sagen: ,Na ja, ich hab noch zwei Jahre, dann geh ich in Rente, jetzt mach ich nix Neues mehr‘, viele wollen sich so einer neuen Aufgabe nicht mehr stellen – so versickert die Innovation.“

Nochmal persönlich zu Ihnen: Ihre Arbeit ist oft mühsam und kostet viel Überzeugungsarbeit, und dann klappt es doch nicht – gibt es bei Ihnen diese Momente der Verzweiflung? Oder gab es die Momente, in denen sie resignierten?

„Jetzt nicht mehr: Ich brenne für das zirkuläre Wirtschaften. Aber eine Zeit lang, als ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, war ich ein paar Mal an diesem Punkt angekommen, an dem ich mich fragte: Was ist, wenn die Wiederverwendung von Bauteilen nicht funktioniert? Wenn ich keine interessanten, brauchbaren für die Praxis relevanten Ergebnisse bekomme? Ich hatte viele Zweifel. Wenn Sie mich als Frau ansprechen: Das war eine Zeit, in der ich stark gefordert war; ich hatte einen Vollzeit-Job neben der Promotion, eher zwölf bis fünfzehn als acht Stunden täglich, meine Familie sah ich kaum, nach dem Essen und am Wochenenden bin ich wieder in die Uni gefahren, so hatte ich oft ein schlechtes Gewissen, egal ob ich Zeit mit der Familie verbrachte – dann dachte ich an die noch nicht fertige Promotion, an das noch zu erledigende Arbeitsvolumen – oder arbeitete, dann hatte ich ein schlechtes Gewissen meiner Familie gegenüber.“

Und wie haben Sie diesen für so viele Frauen leider immer noch klassischen Konflikt für sich gelöst?

„Ich sagte mir damals: Ich will es auch den männlichen Kollegen zeigen, die mir und meiner Idee sehr skeptisch gegenüber standen – heute habe ich natürlich einen ganz anderen Stand; ich kann eigenständig arbeiten, das war mir immer wichtig: Ich wollte nicht nur zuarbeiten, ohne meine eigenen Ideen verwirklichen zu können, ich wollte keinen Chef haben, der diktiert. Heute sagt meine Familie immer noch: ,Du bist ja immer nur im Büro‘ aber heute verkrafte ich das besser (lacht). Und ich bin sehr froh und glücklich, dass ich etwas in der Bauwirtschaft bewegen konnte, dass ich durch Forschungsprojekte Arbeitsplätze für junge Menschen schaffen konnte, mit jungen Leuten arbeiten kann, immer mit jungen Menschen an der Uni zu tun habe, das macht mir wirklich großen Spaß. Meine Mission, was mich antreibt: Ich will die Forschungsergebnisse flächendeckend in der Praxis umsetzen. Zu sehen, dass die eigenen Ideen und erzielten Ergebnisse umgesetzt werden, zu sehen: Es steht; es hält; es funktioniert – das ist für mich das Schönste.“

In einer Arbeitswelt, in der Männer und Frauen oft immer noch unterschiedlich bezahlt werden und Geschlechtergerechtigkeit an vielen Stellen noch nicht funktioniert – welche Erfahrungen haben Sie in der männerdominierten Baubranche gemacht? Hatten Sie es schwerer?

„Ja, ich musste wirklich einen starken Willen haben, und den hatte ich; ich habe nicht nachgelassen, den Nachhaltigkeitsgedanken aus den Augen zu verlieren, weil ich überzeugt war, dass ich auf dem richtigen Weg bin; ich habe nicht Steine in den Weg gelegt bekommen, aber ich bin von männlichen Führungskräften auch nicht unterstützt worden, bis auf meine damaligen Vorgesetzten, die einen gewissen Druck auf mich ausübten und regelmäßig fragten, wie weit ich mit der Promotions- beziehungsweise Habilitationsschrift bin. Erst als erkannt worden ist, dass Kreislaufwirtschaften politisch gefordert wird, hat das Thema ,Bauliches Recycling‘ an Relevanz gewonnen und da spielte es keine Rolle, ob man Frau oder Mann ist. Auch wenn das natürlich niemand offen gesagt hat: Erst als ich Erfolg hatte, wollten einige Männer plötzlich unbedingt mit mir zusammenarbeiten.“

Welchen Ratschlag würden Sie jungen Frauen heute geben wollen mit Rückblick auf Ihren eigenen Weg?

„Allen Frauen, die ein Ziel haben, beruflich Verantwortung zu übernehmen, für die Weiterentwicklung der Gesellschaft einen Beitrag zu leisten, auch wenn sie zwischendurch mal nicht vorankommen, will ich Mut machen, damit sie an sich glauben. Wenn sie überzeugt sind, fundiertes Wissen zu besitzen, und dass sie auf dem richtigen Weg sind, sollen sie weiterarbeiten und sich nicht beirren oder verunsichern lassen von irgendwelchen Floskeln, etwa ,die spinnt doch‘ oder ,wer macht denn so was?‘, das hab ich auch alles gehört. Das muss man ertragen können, ohne sich von seinem Weg abbringen zu lassen.“

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