Foto: Kimi Palme

Thelma Buabeng: „Ein deutscher Film mit mehreren Schwarzen Schauspieler*innen ist wichtig!“

Wir sprechen mit der Schauspielerin Thelma Buabeng über ihre Rolle im Film BORGA, den zähen Weg der deutschen Film- und Fernsehbranche in Richtung mehr Diversity und ihren Aktivismus für Schwarze Frauen.

Thelma Buabeng ist Schauspielerin, Comedian, Moderatorin, Aktivistin und „ein echtes Kölsche Mädchen mit Frohnatur“, wie sie im Interview lachend erzählt. Sie liebt es, gute Laune und gute Energie zu verbreiten und versucht, ihre positive Einstellung zum Leben zu behalten – trotz des Bewusstseins darüber, was in unserer Welt passiert.

Ende Oktober kam der Film BORGA in die deutschen Kinos. Thelma spielt in diesem Film die Afro-Shop-Besitzerin Choga. Erzählt wird die Geschichte zweier Brüder aus Ghana, die ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Metall auf einer Müllhalde für Elektroschrott verdienen. Kojo, gespielt von Eugene Boateng, wünscht sich für sich und seine Familie ein besseres Leben und reist dafür nach Deutschland. Dort angekommen, merkt er, dass sein Traum nur ein Mythos war. Ein Drama über Herkunft, Identität und Chancenungleichheit.

Thelma, du spielst in dem Film BORGA die Afro-Shop-Besitzerin Choga. Was war dein erster Gedanke, als du von der Handlung des Films erfahren hast?

„Ich wusste, dass ein Teil des Films in Ghana gedreht wird und mein erster Gedanke war: , Hoffentlich bin ich im Ghana-Teil dabei!‘. Das ist leider nicht aufgegangen, obwohl ich alles versucht habe (lacht). Dann war da natürlich sehr viel Stolz, denn meine Eltern kommen aus Ghana und ich bin dort geboren. Ich habe mich total gefreut, dass überhaupt eine ghanaische Geschichte erzählt wird. Die Story ist total wichtig und gut. Trotzdem denke ich auch: ,Wie viele von diesen Geschichten wollt ihr noch erzählen? Es gibt auch andere Geschichten.‘ Aber im Großen und Ganzen ist es natürlich trotzdem wichtig. Es sind wahrscheinlich auch die ersten Schritte, die man gehen muss, um mehr Diversity zu schaffen. Ich finde es großartig, dass ein Film wie BORGA so viel Fläche, Anerkennung und Sichtbarkeit bekommt.“

Wenn du selber in Ghana geboren bist, gab es dann für dich persönliche Berührungspunkte, die im Film widergespiegelt werden?

„Für mich war es ein richtig krasses Erlebnis, einen Film zu sehen, in dem meine Sprache gesprochen wird. In BORGA wird zwar hauptsächlich Twi gesprochen, ich spreche Fanti, aber das ist wie Kölsch und Hochdeutsch. Es ist ein Unterschied, aber wenn man genau hinhört, versteht man es gut. Grundsätzlich ist es auch ein schönes Erlebnis, einen deutschen Film zu sehen, bei dem so viele Schwarze Menschen mitspielen und Hauptrollen haben. Ich finde, dass ist das Besondere an BORGA – der Kern der Geschichte dreht sich um Schwarze Menschen, die ihre Geschichte erzählen dürfen. Oft ist es so, dass es in deutschen Produktionen nur eine BiPoC-Person gibt. Dadurch wurden wir Schauspieler*innen in der Branche zur Konkurrenz erzogen. Beim Casting wussten wir schon, es kann nur eine Schwarze Schauspielerin geben. Jetzt zu sehen, dass es einen deutschen Film mit mehreren Schwarzen Menschen geben kann, bedeutet uns als Community sehr viel.“

Kojo und Choga im Film BORGA, gespielt von Eugene Boateng und Thelma Buabeng.
Foto: Chromosom Film GmbH | Tobias von dem Borne

Du hast in einem Interview mit dem „Spiegel“ gesagt, dass du früher eher für Rollen wie Putzfrau, Dienstmädchen oder Sklavin angefragt wurdest. Mittlerweile hast du in verschiedenen Formaten Angebote für Rollen als Anwältin und Polizistin. Spielt Hautfarbe und Herkunft bei Produktionen trotzdem noch eine Rolle?

„Wenn weiße Menschen den Fernseher anmachen und eine Schwarze Schauspielerin in der Rolle einer Polizistin sehen, haben sie das Gefühl: ,Huch, das habe ich ja noch nie gesehen!‘ – insofern spielt es noch eine Rolle. Mein Wunsch ist, dass das deutsche Fernsehen mehr wie das britische oder amerikanische Fernsehen wird: Da zuckt auch niemand zusammen, wenn Schwarze Menschen mitspielen oder die Hauptrolle spielen. In Deutschland ändert sich zwar etwas, aber nur sehr langsam, Schritt für Schritt. Es gibt mittlerweile Klauseln für Filmproduktionen, durch die man Rollen mit BiPoCs besetzen muss, aber es ist immer noch nicht selbstverständlich. BiPoCs spielen selten bis nie die Hauptrolle.“

Wäre das also dein größter Wunsch für Veränderung in der Film- und Fernsehbranche?

„Volle Kanne! Ich bin schon seit mehr als 20 Jahren in diesem Beruf und habe eine einzige Hauptrolle gespielt. Das war zwar wunderschön – ein Film mit Katharina Wackernagel. Sie und ihr Bruder haben den Film ,Wenn Fliegen träumen‘ produziert – aber es war auch eher eine kleinere Indie-Produktion. Ich bin schon so lange in dieser Branche, Produzent*innen und Regisseur*innen kennen mich, Leute rufen mich an, wollen Interviews führen und ich halte eine Laudatio bei einem Filmpreis. Was muss ich denn noch machen, um nicht nur ein, zwei Drehtage zu haben, sondern eine Rolle zu spielen, die sich entwickeln kann? Jetzt kommen langsam die Angebote rein, aber auch noch nicht lange. Das ist erschreckend, nach all dieser Zeit. Deswegen wünsche ich mir, dass das selbstverständlicher wird.“

„Was muss ich noch machen, um nicht nur ein, zwei Drehtage zu haben, sondern eine Rolle zu spielen, die sich entwickeln kann?“

Du wirst oft als Vorbild gesehen – siehst du dich selbst in dieser Funktion und bist du das gerne?

„Total! Ich bekomme von vielen zu hören, dass sie dankbar für meine Arbeit sind. Für mich ist das das schönste Geschenk. Gerade durch das Format ‚Five Souls‘ bin ich in den sozialen Medien noch präsenter und durch YouTube sehen mich auch viele jüngere Menschen. Leute aus meiner Community, also BiPoC-Frauen, bedanken sich dann für meine Arbeit und finden es superschön, was ich repräsentiere. Es gibt Jungs und Mädels, die mir schreiben, dass sie auch Schauspieler*innen werden wollen, sich zuerst nicht getraut haben und durch mich ermutigt wurden. Das freut mich total und ist eine Bestätigung für das, was ich mache. So übernehme ich die Aufgabe des Vorbilds gerne!“

Gibt es denn eine Sache, die du jungen Schwarzen Frauen mit auf den Weg geben möchtest?

„Tatsächlich muss ich mich erstmal vor den jungen Schwarzen Frauen verbeugen! Unabhängig davon, dass andere Sistas in meinem Alter und ich über die letzten Jahre den Weg geebnet haben, geht die junge Generation schon einen richtig guten Weg. Die haben Power, pushen sich gegenseitig, organisieren Workshops, nutzen ihre Social-Media-Plattformen und kämpfen gemeinsam gegen Rassismus. Dahingehend würde ich sie motivieren, weiterzumachen, ihr Ding zu machen und sich nichts sagen zu lassen! Obwohl ich das Gefühl habe, dass die sich sowieso von niemanden etwas sagen lassen (lacht). Außerdem würde ich den jungen Frauen raten, nicht aufzugeben, auch wenn Sachen mal nicht klappen. Viel zu oft sagen wir einfach: ,Du schaffst das! Das geht schon!‘. Aber man schafft nicht immer alles, man hat nicht immer Zeit für Self-Care und man ist nicht immer gut gelaunt. Und das ist okay. Man darf sich auch mal in seinem Elend suhlen und sich dann wieder Kraft holen, um neu aufzustehen.“

„Man schafft nicht immer alles, man hat nicht immer Zeit für Self-Care und man ist nicht immer gut gelaunt. Und das ist okay.“

Weil wir gerade von Zusammenhalt und Empowerment reden. Du hast letztes Jahr die Gruppe „BlackWomxnMatter Germany“ gegründet. Was war der Auslöser dafür?

„Traurigerweise die Demos nach dem Tod von George Floyd und die ,Black Lives Matter‘-Demonstrationen. Dort habe ich immer wieder meine ganzen Sistas gesehen. Zu der Zeit ging es mir sehr schlecht. Ich bin morgens aufgestanden, habe mir die Nachrichten angeschaut und direkt angefangen zu heulen. Parallel zu den Protesten in Amerika ist auch viel in Deutschland passiert. Durch die Konfrontation habe ich mich auch wieder an eigene Erfahrungen erinnert. Dabei dachte ich: ,Krass, was müssen wir in diesem Land und auf der ganzen Welt eigentlich noch tun, damit Schwarze Menschen mit Respekt behandelt werden und nicht angefeindet werden oder Angst um ihr Leben haben müssen?‘. Das war alles so viel, dass ich gemerkt habe, ich kann und will das nicht allein schaffen müssen. Dann habe ich zu meinen Sistas gesagt, dass wir uns treffen und empowern müssen und habe eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Es war wie ein Schneeballsystem, es kamen immer mehr dazu. Daran habe ich gemerkt, dass nicht nur ich das Bedürfnis nach Verbindung hatte.“

Was bedeutet die Gruppe für dich?

„Sistahood, Zuhause ankommen, Empowerment. Wir halten zusammen, finden Lösungen und geben uns Kraft. Egal, ob jemand eine Wohnung, einen Job, eine*n Friseur*in oder Kosmetiker*in sucht, wir helfen uns. Genauso tauschen wir uns über rassistische Übergriffe und Erfahrungen aus und sind füreinander da. Das ist ein unbezahlbares Gefühl von Zusammenhalt!“

Du bist nicht nur Schauspielerin, sondern auch Moderatorin und moderierst die Show „Five Souls“ mit Hadnet Tesfai und Natasha Kimberly. Was ist für dich das Besondere an diesem Format?

„In der Show sitzen nur BiPoCs. Das ist ein noch nie dagewesenes Format in Deutschland und unsere Signatur. Dazu kommt, dass wir bei ,Five Souls‘ über ganz normale alltägliche Dinge reden: Liebe, Sex, Familie, Periode, Körperbehaarung und so weiter. Und eben nicht über dramatische, rassistische Erfahrungen, die wir als Betroffene reproduzieren müssen. Wir reden einfach über Dinge, die uns alle bewegen. Völlig egal, ob BiPoCs oder nicht. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich nach der Sendung denke: ,Wieso habe ich das schon wieder alles erzählt?`. Weil es oft sehr private Dinge sind. Aber die Atmosphäre, die man in der Show sieht – mit Freund*innen im Wohnzimmer sitzen und quatschen – genau dieses Gefühl haben wir auch im Studio. Das ist kein Fake. An dieser Sendung wirken von vorne bis hinten BiPoCs mit – auch Deutsche natürlich – und das spiegelt für mich die Wirklichkeit wider. Wir sprechen in der Sendung über wichtige Themen, bei denen es teilweise einen großen Unterschied macht, ob man einen migrantischen Hintergrund hat oder nicht – und bei anderen Themen ist es total egal. Und genau das aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, finde ich sehr wichtig. ,Five Souls‘ ist momentan mein Lieblingsjob.“

Warum ist so ein Format aktuell wichtig?

„Wir kratzen endlich nicht mehr nur an der Oberfläch, wenn wir über Diversity reden. Leider auch hervorgerufen durch den Tod von George Floyd und die ,Black Lives Matter‘-Bewegungen. Ich glaube, 2020 war für viele Menschen das erste Mal, dass sie wirklich von Rassismus gehört, ihn gesehen und gespürt haben. Menschen haben gemerkt, dass es auch Deutsche mit Migrationsgeschichte gibt, die Teil unserer Gesellschaft sind, aber kaum oder gar nicht repräsentiert werden. Darum war es wichtig, eine Plattform zu schaffen, mit der man zeigen kann: Wir sind da, wir sind auch Deutsche, wir haben auch eine Meinung, wir sind multikulturell und Teil dieser Gesellschaft. Und das macht ,Five Souls‘.“

„Ich wünsche mir, dass es in Interviews einfach mal um mich als Künstlerin und Mensch geht.“

Noch eine Abschlussfrage: Gibt es eine Frage, die dir in Interviews noch nicht gestellt wurde, die du aber gerne mal beantworten würdest?

„Eine konkrete Frage fällt mir gerade nicht ein, aber ich würde mir wünschen, dass es in Interviews einfach mal um mich als Künstlerin und Mensch gehen würde. Im Vergleich: Eine Schauspielerin wie Natalie Wörner wird in Interviews auch nicht zu Themen wie Rassismus befragt. Sie kann einfach von ihrer Produktion, ihren Kolleg*innen und ihrer Film-Figur erzählen. All das wünsche ich mir auch.“

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In Bayern aufgewachsen, Studium in Baden-Württemberg und jetzt fürs Praktikum nach Berlin. Selina Hellfritsch studiert Crossmedia-Redaktion und Public Relations an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Aktuell ist sie Praktikantin in der EDITION F-Redaktion. Das vergangene Jahr hat sie an ihrer Hochschule das Studierendenmagazin "VielSeitig" geleitet. Besonders Themen wie intersektionaler Feminismus, Kultur, Sex und Sexualität interessieren sie.

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