Foto: Michael Kappeler/DPA

Isa Sonnenfeld: „Mutig sein bedeutet, viele Fragen zu stellen“

Die Leiterin des Google News Lab wird bei der Female Future Force Academy als Coach mitwirken – denn schon ihren Berufsweg haben weibliche Vorbilder begleitet. Isabelle Sonnenfeld hat uns im Interview erzählt, wie man persönlich wachsen kann und Communitys stärker macht.

 

Vorbilder zugänglich machen

Isabelle Sonnenfeld ist die Frau, um digitale Pionierarbeit zu leisten: Für Twitter war sie die erste Mitarbeiterin auf dem deutschen Markt, im Oktober 2015 wechselte sie zu Google, um dort als Leiterin das News Lab in Deutschland aufzubauen. Dort beschäftigt sie sich gerade damit, wie die Redaktionen in Deutschland vielfältiger werden können und entwickelt mit junge Journalist_innen und Entwickler_innen Lösungen für einen Umgang mit Falschmeldungen im Netz.

Da für Isabelles eigenen Berufsweg Vorbilder und Mentorinnen immer wichtig waren, engagiert sich Isabelle neben ihrem Beruf dafür, Wissen weiterzugeben. Gemeinsam mit David Noël, einer der ersten Mitarbeiter von Soundcloud, hat sie in Berlin die Veranstaltungsreihe #rolemodels etabliert, bei dem einen Abend lang eine erfahrene Frau über ihren Beruf- und Lebensweg interviewt wird und die Fragen der Teilnehmenden beantwortet.

„Frauen sind doch längst gleichberechtigt“, den Spruch kennst du sicherlich. Brauchen wir also überhaupt noch Initiativen für Female Empowerment?

„Oh doch, es kann nicht genügend Initiativen für Female Empowerment geben! Denn wäre Gleichberechtigung bereits die Norm in unserer Gesellschaft, dann bräuchten wir keine Quote, hätten keine All-Male-Panels mehr bei Konferenzen, und müssten uns nicht rechtfertigen, wenn wir über gleiche Bezahlung diskutieren.“

Isa unterstützt die Female-Future-Force-Academy, die im Herbst starten soll, als Coach.

Hast du auf deinem Berufsweg selbst Erfahrungen gemacht, bei denen du gemerkt hast, dass es von Nachteil sein kann, eine Frau zu sein?

„Sehr häufig und zwar egal in welcher beruflichen Situation. Frau wird nicht ernstgenommen, beim Gehalt benachteiligt oder für zu ,bossy‘ empfunden.

Mich nervt es mittlerweile sehr, wenn ich merke, dass im Jahr 2017 jüngere Frauen immer noch härter um ihren gleichberechtigten Platz in der Berufswelt kämpfen müssen als Männer. Ich glaube daher mehr denn je an den positiven Einfluss von starken Vorbildern.“

Gab es eine Erfahrung, bei der dir eine Frau entscheidend geholfen haben?  

„Wir alle brauchen starke Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Es gibt viele Frauen, die mich in den letzten Jahren entscheidend beeinflusst haben, jedoch bin ich drei Frauen besonders dankbar.

Die erste Frau hat mich eingestellt und mir sehr viel Verantwortung übertragen, obwohl ich noch sehr jung und relativ unerfahren war. Dieser Sprung ins kalte Wasser hat dazu geführt, dass ich über meine eigenen Fähigkeiten hinausgewachsen bin. Ich wurde zum Machen und Mutigsein regelrecht gezwungen. Die zweite Frau hat mir in einer der schwierigsten beruflichen Situationen einfach nur zugehört. Und die dritte Frau lehrt mich jeden Tag, mit Gelassenheit, einer Portion Selbstironie und Spaß an neue Aufgaben ranzugehen.“

Wann hast du selbst zuletzt einen anderen Menschen dazu bewegt, mutig zu sein?

„Mutig sein bedeutet, viele Fragen zu stellen – ganz besonders das eigene Handeln zu hinterfragen. Vor einigen Wochen habe ich einer Freundin sehr sehr viele Fragen gestellt. Sie war unglücklich in ihrem aktuellen Job, jedoch fehlte ihr bis jetzt der Mut, zu kündigen. Ich hoffe, ich konnte sie ermuntern, dass manchmal nur ein Sprung ins kalte Wasser dazu führt, dass man all die anderen Möglichkeiten und Chancen erkennt, die nur auf einen warten.“

Was kann Digitalisierung zu mehr Gleichberechtigung beitragen?

„Digitalisierung bzw. die Technologien, die die Digitalisierung ermöglichen, lassen uns globale Netzwerke bilden, Diskurse und Bewegungen, Proteste anstoßen sowie Ungleichheit und Ungerechtigkeit viel einfacher aufdecken. Lasst uns alle digitalen Wege nutzen, um uns weiterzubilden, zu vernetzen und Veränderungen zu forcieren.“ 

Welche Erkenntnis hat dich im Leben entscheidend weitergebracht?

„Dass man mit Leidenschaft für eine Sache sehr weit kommen kann. Neben Leidenschaft hat mich aber auch viel Mut und die oft fehlende Scheu vor schwierigen Herausforderungen an die nächste Kreuzung gebracht.

Was ist deine Super-Power?

„Menschen vernetzen.“

Du wirst als Coach bei der Female Future Force Academy dabei sein. Was ist dein Tipp an andere Frauen was sie tun können, um sich persönlich zu entwickeln und über sich hinauszuwachsen?

Be the person of change. Hinterfrage immer den Status quo und lass dich nicht von Sätzen irritieren wie zum Beispiel: ,Das haben wir schon immer so gemacht‘. Festhalten am Status Quo und an Traditionen hemmt Kreativität und Innovation.

Go where it might hurt. Denn wenn du die schwierigsten oder komplexesten Herausforderungen zuerst angehst, dich dabei selbst aus deiner Komfortzone schubst, wirst du die Dinge erreichen, die dich erfüllen und an die du glaubst.“

Warum gehen die Themen Weiblichkeit und Zukunft für dich Hand in Hand?

„Für mich ist die Zukunft feministisch, das heißt weiblicher – aber vor allem gerechter. Denn meine Definition des Feminismus bezieht sich nicht nur auf die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Es geht um Selbstbestimmung und gesellschaftliche und politische Strukturen, die ein Zusammenleben und Arbeiten basierend auf gleichen Rechten und Toleranz ermöglichen. Dafür müssen wir uns alle engagieren, unabhängig davon, welchem Geschlecht wir angehören.“

Was ist entscheidend dafür, dass Netzwerke gut funktionieren und etwas bewegen können?

„Netzwerke funktionieren nur, wenn man in sie investiert. Entweder gründet man selbst ein Netzwerk bzw. Community, ich habe zum Beispiel die #Rolemodels mitgegründet, eine Veranstaltungsreihe in Berlin, bei der tolle weibliche Vorbilder ihr Wissen weitergeben. Oder man bringt sich aktiv ein, indem an Diskussionen teilnimmt, immer zu den Events geht, wenn es passt, und stetig Vorschläge macht, wie sich das Netzwerk verbessern oder vergrößern kann. Es gibt so viele tolle Netzwerke – gerade für Frauen, wie zum Beispiel die Digital Media Women oder die Berlin Geekettes. Gegenseitiges Unterstützen ist wichtig, um die anderen Frauen und selbstverständlich auch Männer, die Tolles leisten, groß zu machen bzw. ihnen eine Bühne zu geben.“

Was müssen wir jetzt bewegen, damit die Zukunft sich für alle in eine positive Richtung wendet?

„Ich hoffe, dass ich jeden Tag meinen kleinen Beitrag für eine positive Zukunft leiste. Von uns allen wünsche ich mir ziemlich viel: mehr Haltung bei gesellschaftspolitischen Themen; offenere Diskussionen über Tabu-Themen; mehr Toleranz; noch mehr Männer, die sich aktiv und laut für Gleichberechtigung in unserer Arbeitswelt einsetzen (warum müssen eigentlich immer nur die Frauen kämpfen); mehr Frauen, die mutig sind und die großen Herausforderungen unserer digitalen Gesellschaft anpacken; mehr Selbstbestimmung und weniger Einflussnahme von Status und gesellschaftlichen Normen auf das eigene Tun.

Achja und viel mehr Gelassenheit! … letzter Zusatz, dann bin ich still: eine globale #Femalefutureforce – einfach, weil es jetzt an der Zeit ist, Verantwortung zu übernehmen insbesondere für die nächsten Generationen. Technologie liefert uns so viele Möglichkeiten!“

Welcher Mann und welche Frau haben dich in deinem Leben besonders inspiriert und wieso?

„Mein Mann, meine Eltern, meine Freunde und Kollegen inspirieren mich jeden Tag. Ihr Einfluss auf mein Handeln ist grenzenlos. Jedoch hat mich eine Person in den letzten Wochen ganz besonders inspiriert: Obi Felten. Sie hat den besten Titel der Welt: Head of getting moonshots ready for contact with the real world. Sie sorgt bei X Foundry (Google) dafür, dass sogenannte Moonshot-Projekte (Project Loon, Waymo) den Weg in unsere Realität finden. Ich durfte sie für unser 1. #Rolemodels Event dieses Jahr interviewen.“

Worüber hat sie gesprochen?

„Obi sprach sehr viel über Fehlerkultur und Misserfolge und vor allem wie wichtig es ist, persönlichen Erfolg vom Erfolg eines einzelnen Projektes zu trennen. Ihre klare Herangehensweise an gescheiterte Projekte ist, auch die Misserfolge zu feiern. Das hat mich sehr beeindruckt. Zum Schluss sagte sie ,Acknowledge your weaknesses and have a little disrespect for the impossible‘. Dem kann ich nur zustimmen!“

Welchen Rat würdest du heute deinem jüngeren Ich geben?

„Gelassenheit üben, Fehler zulassen bzw. Perfektionismus ablegen. Zudem würde ich direkt für ein All-around-the-world-Ticket sparen und mich zwingen, die Welt zu bereisen. Die Begegnungen und Erfahrungen, die man auf Reisen macht, lassen einen Menschen wachsen.“


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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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