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So wollen die Deutschen in Zukunft leben – Jutta Allmendinger erforscht diese Wünsche

„Das Land, in dem wir leben wollen“: In ihrem Buch zeigt Jutta Allmendinger auf, wie eine lebenswerte Zukunft für Deutschland aussehen könnte.

 

Umdenken in allen Bereichen

Was wünschen sich die Deutschen für die Entwicklung der Arbeitswelt, für Partnerschaften und für das Leben ihrer Kinder? Was möchten sie an die nächste Generation weitergeben und wo sind sie zur Veränderung bereit? Antworten auf diese Fragen findet die Vermächtnisstudie vom infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der ZEIT aus dem Jahr 2015. 3.000 repräsentativ ausgewählte Menschen wurden dafür befragt. 

Jutta Allmendinger fasst die Ergebnisse dieser Studie in ihrem Buch „Das Land, in dem wir leben wollen“ zusammen und gibt einen Ausblick auf die Zukunftswünsche der Deutschen. Dabei deckt die Autorin soziale Unterschiede  in verschiedenen Lebensbereichen unserer Gesellschaft auf. Durch ihren unermüdlichen Einsatz für die Gleichberechtigung Männern und Frauen, gehört sie in diesem Jahr auch zu den 50 nominierten Frauen, die die Wirtschaft revolutionieren

Wir stellen euch einen Auszug aus ihrem Buch vor: 


Jutta Allmendiger ist Expertin auf dem Gebiet der Sozialforschung. Quelle: David Ausserhofer

Das Land, das Frauen und Männer erleben wollen

Wir alle wachsen in einem Land auf, das noch immer unterschiedliche Erwartungen an Frauen und Männer richtet. 21 Diese Erwartungen prägen unsere Lebenswelten massiv und damit auch unsere Einstellungen. In unserer Studie können wir dieser geschlechtsspezifischen Prägung nicht nachgehen. Wohl aber können wir untersuchen, welche Einstellungen Frauen und Männer heute haben und welche davon sie den kommenden Generationen mitgeben möchten. Je tiefer Einstellungen verinnerlicht wurden, desto eher werden sie auch anderen empfohlen. Wollen Frauen oder Männer dagegen an der heutigen Situation etwas ändern, so sollte sich dies darin zeigen, dass sie bestimmte Einstellungen, die sie heute haben, im Vermächtnis verwerfen, oder aber Haltungen nahelegen, die sie heute eben noch nicht vertreten. Diese Umbrüche und die damit einhergehenden Dynamiken sind für uns von besonderem analytischem Interesse, tragen die Ergebnisse doch auch wesentlich dazu bei, die Forschung zu dieser Thematik voranzutreiben.

Im Folgenden zeigen wir wieder sortiert nach den Lebensbereichen, welche Einstellungen Frauen und Männer heute haben und welche sie in ihrem Vermächtnis weitergeben wollen. Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, nutzen wir unser eingangs beschriebenes Analysemodell. Wir kontrollieren also wieder alle anderen sozialstrukturellen Merkmale der Menschen.

Lebensstil

Frauen ist Zusammengehörigkeit und Nähe im Allgemeinen wichtiger als Männern, sie achten stärker auf ihre Gesundheit und auf gutes Essen. Weiterhin kümmern sich Frauen mehr um ihr Aussehen, guter Sex spielt dagegen eine weniger große Rolle. Diese statistisch hochsignifikanten Unterschiede sind robust, man findet sie in den Einstellungen heute wie auch im Vermächtnis.
Zudem ist es Männern heute im Durchschnitt deutlich wichtiger als Frauen, politisch und kulturell informiert zu sein. Hier aber schließen die Frauen in ihrem Vermächtnis zu den Männern auf und formulieren ebenso nachdrücklich wie diese den Auftrag an die kommenden Generationen: Informiert euch gut!

Erwerbstätigkeit

Frauen suchen die Erwerbstätigkeit stärker und setzen der Arbeit gleichzeitig klarere Grenzen als Männer. So sprechen sich Frauen nachdrücklicher als Männer dafür aus, einer Erwerbstätigkeit auch dann nachzugehen, wenn man das Geld nicht benötigt. Gleichzeitig lehnen sie eher ab, ortsungebunden zu arbeiten. Die mit der Erwerbsarbeit einhergehende Nähe, das direkte Zusammenarbeiten mit anderen ist ihnen wichtig. Auch hier handelt es sich um robuste Unterschiede. Wir finden sie in den Einstellungen heute und in dem Vermächtnis. In anderen Bereichen nehmen Frauen die Meinung von Männern an. So ist es zwar heute Frauen wichtiger als Männern, einer Arbeit nachzugehen, die sie wirklich gerne machen, und feste Arbeitszeiten zu haben. Kommenden Generationen empfehlen sie aber, konzessionsbereiter zu sein, auch eine nicht ganz so erfüllende Arbeit anzunehmen und unregelmäßige Arbeitszeiten zu akzeptieren. Das ist exakt die Haltung von Männern, sowohl im Hier und Jetzt als auch im Vermächtnis.

Technik

Auch hier sehen wir deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen sind Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen, und doch warnen sie stärker als Männer. Das Internet sei nicht der Ort der Freiheit, es schütze nicht vor Einsamkeit und es schade Kindern, wenn sie zu früh an das Internet herangeführt werden. Im Haushalt wollen sie mehr als Männer ihre Freiheit erhalten wissen und auch dann Dinge mit der Hand erledigen können, wenn die technischen Geräte vorhanden sind. Auch zu der Gesundheitstechnik haben sie einen anderen Bezug als Männer. Frauen überwachen ihre Gesundheit seltener mit technischen Hilfsmitteln und legen auch weniger Wert darauf, ihre Erkrankungsrisiken durch entsprechende Tests zu erfahren. Und sie formulieren klarer als Männer, auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichten zu wollen. All dies zeigt sich heute und im Vermächtnis. In diesem Bereich sehen wir keine Annäherungen zwischen Frauen und Männern.

Partnerschaft und Familie

Eindeutige und robuste Unterschiede zwischen Frauen und Männern heute und im Vermächtnis finden sich in drei Bereichen: Partnerschaften wegen der Kinder aufrechterhalten, eine traditionelle Arbeitsteilung verfolgen, Geheimnisse haben. Frauen lehnen viel entschiedener als Männer ab, nur wegen der Kinder eine kaputte Beziehung weiterzuführen, und stellen sich viel klarer gegen die traditionelle Arbeitsteilung von Beruf und Familie. In der Partnerschaft sehen Frauen keinen Platz für Geheimnisse. Sie sprechen sich aber viel stärker als Männer dafür aus, Kindern ihre Geheimnisse zu lassen. Auch das gilt für heute und für das Vermächtnis. Andere Unterschiede verschwinden. Frauen geben zwar heute wesentlich häufiger als Männer an, für ihre Kinder Opfer zu bringen oder gebracht zu haben. In dem, was man den kommenden Generationen empfiehlt, nähern sich die Geschlechter dann aber einander an. Das liegt allerdings nicht daran, dass Frauen ihre Einstellungen ändern. Die Lücke schließt sich, da Männer ihre Position überdenken und den nächsten Generationen nahelegen, andere Ziele zugunsten der Kinder zurückzustellen. Gleiches beobachten wir bei der Frage, ob Rücksicht auf andere genommen wird. Heute sind die Unterschiede riesig. Frauen nehmen viel häufiger Rücksicht als Männer. Im Vermächtnis verschwinden die Unterschiede. Frauen bleiben bei ihrer Haltung, Männer korrigieren sich und raten dringend dazu, mehr Rücksicht auf andere zu nehmen.

In den Empfehlungen an die kommenden Generationen entstehen auch Unterschiede zwischen Frauen und Männern, die wir heute noch gar nicht sehen. „Passt auf“, so die Frauen, „und trefft weniger Entscheidungen im Sinne eurer Eltern und, allgemein gesprochen, trefft überhaupt weniger Entscheidungen aus Liebe. Seid kompromissloser und verzichtet notfalls auf Kinder. Weicht nicht aus in ein bequemes Leben.“ Frauen schließen nicht zu den Männern auf, sie sind radikaler als diese. Wir sehen hier einen weiteren Modernisierungsschub und damit das Gegenteil einer Retraditionalisierung.

Fassen wir zusammen: Akzeptiert man, dass das Vermächtnis immer auch etwas darüber aussagt, wie Menschen gerne leben würden, so wünschen sich Frauen ein Land, das ihnen mehr Bewegungsfreiheit bietet, als sie heute haben. Dies ist durchaus auch ein Appell an die Frauen selbst. Man sollte weniger Entscheidungen aus Liebe treffen, weniger Opfer bringen, sich entsprechend mehr um sich selbst kümmern und alles tun, um auf eigenen Beinen zu stehen. Um dies zu erreichen, machen Frauen deutliche Abstriche an ihren Vorstellungen heute. Ihre Konzessionsbereitschaft ist gerade im Bereich der Erwerbsarbeit hoch. „Seid weniger wählerisch, dafür flexibler“, raten sie, „verzichtet auf feste Arbeitszeiten, geht einer Arbeit nach, auch wenn ihr diese nicht gerade gerne macht.“ Angesichts der oft schlechten Arbeitsbedingungen von Frauen und ihrer im Allgemeinen niedrigeren Entlohnung ist das beklemmend. Es zeigen sich Realismus, Pragmatismus und Not. 

Männer bewegen sich ihrerseits ein Stückchen auf die Welt der Frauen zu. Dies erkennen wir an der Empfehlung, mehr Rücksicht auf andere zu nehmen und selbst mehr Opfer für die eigenen Kinder zu bringen. In zwei großen Bereichen bleiben Frauen und Männer quasi unter sich. Zusammengehörigkeit, Nähe, Gesundheit – diese Werte stehen für Frauen ganz außer Frage und werden von ihnen viel stärker gewichtet als von Männern. Männer nehmen ihrerseits die technischen Entwicklungen und deren Nutzung weit vorbehaltloser an, als Frauen dies tun. Ein ziemlich klassisches Ergebnis. 

In der dritten Dimension, der Beurteilung dessen, was die Zukunft tatsächlich bringen wird, bleiben nur noch wenige Unterschiede bestehen. Frauen gehen häufiger als Männer davon aus, dass es den Menschen in Zukunft wichtig sein wird, über Politik und Kultur informiert zu sein, die Technik zu verstehen und Entscheidungen unabhängig von anderen zu treffen. Dies zu interpretieren ist nicht ganz einfach. Denn wenn wir das Spektrum öffnen und die Antworten von Frauen über die drei Erhebungsdimensionen heute, Vermächtnis, erwartete Zukunft hinweg vergleichen, sehen wir oft eine ansteigende Linie, ein Muster wachsender Zustimmung.

Das Vermächtnis liegt auf dieser Linie also zwischen den Einstellungen heute und dem, was Frauen in Zukunft tatsächlich erwarten. Exklusive Modernisierung haben wir dieses Muster genannt. Hierzu ein Beispiel: Gegenwärtig ist Frauen Information wenig wichtig, in ihrem Vermächtnis formulieren sie, dass Information wichtiger sein sollte, und in der Zukunft erwarten sie eine noch höhere Bedeutung von Information. Bei den Fragen, ob man eine Partnerschaft nur wegen der Kinder weiterführen sollte und Entscheidungen aus Liebe oder im Sinne der Eltern trifft, stimmen Frauen schon heute zu und schrauben ihre Erwartungen für die Zukunft noch weiter hinauf. 

Frauen lösen sich also von ihren heutigen Einstellungen, empfehlen den kommenden Generationen klare Korrekturen und rechnen gleichzeitig damit, dass der Wandel noch viel deutlicher ausfallen wird. Ist es das, was sie anstreben? Sehen sie sich auf dem richtigen Weg? Freuen sie sich darüber? Oder befürchten sie, dass man von ihnen in Zukunft mehr fordern könnte, als sie zu geben bereit sind?

aus: „Das Land, in dem wir leben wollen“, Pantheon Verlag, 19. Juni 2017, 270 Seiten, 16,99 Euro

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