Foto: Shai Levy

Warum es nie zu spät ist, sich beruflich neu zu orientieren

Ist es irgendwann zu spät, beruflich nochmal ganz was anderes zu machen? Unsere Autorin erzählt diesen Monat in ihrer Kolumne „Sag mal, Mirna…?“, wie sie durch eine Lebenskrise einen neuen Weg einschlug – und zwar genau den richtigen.

Es gibt etwas, das wir Menschen oft vergessen: Wir werden sterben. Wenn nicht heute, dann auf jeden Fall übermorgen. Mit dieser Erkenntnis einher gehen wichtige Aspekte. Erstens, es gab schon Menschen vor uns und zweitens, es wird welche nach uns geben. Vor gerade einmal 150 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 37 Jahren. Genau! Ihr habt richtig gehört. Da wäre die Frage, ob man sich mit über 30 nochmal beruflich neu orientieren sollte vielleicht auch nicht wirklich angebracht. Mittlerweile kann man als Frau locker 83 Jahre alt werden. Das ist also mehr als doppelt so alt wie noch im 18. Jahrhundert.

Raus aus der Enge

Ich bin mit 27 Jahren in meine erste Lebenskrise geschliddert. Heute kann ich sagen: Glücklicherweise. Obwohl ich damals alles dafür getan hätte, dort so schnell wie möglich wieder rauszukommen. Aber diese Lebenskrise war meine Chance nicht nur beruflich etwas völlig anderes zu machen, als ich es bis dahin getan hatte, sondern etwas Elementares übers Leben zu verstehen. Nämlich, es gibt kein zu spät für irgendwas. Damals arbeitete ich in der Kommunikationsbranche, obwohl ich immer Philosophie hatte studieren wollen. 

Aber ich war Ende Zwanzig. In meiner Vorstellung – und bestimmt in der Vorstellung vieler – sollte ich an Kinder, das Reihenhaus und den Hund denken. Mit Ehemann, versteht sich. Aber von diesem Konzept war ich meilenweit entfernt. Deswegen fragte ich mich, was Glück ist, was Zufriedenheit ist und was ich von meinem langen aber gleichsam kurzen Leben eigentlich will?

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Meine Antwort war: Das Leben als solches. Das Leben leben, das ich leben möchte. Also entschied ich, das zu studieren, was ich immer hatte studieren wollen: Philosophie und Geschichte. Plötzlich fand ich mich inmitten von Menschen wieder, die zehn Jahre jünger waren als ich. Aber ich entdeckte auch Menschen, die 40 Jahre älter waren als ich. Ich blickte auf diese siebzigjährigen Philosophiestudent*innen und dachte, yes, that’s me. Nicht das Reihenhaus. Nicht der Hund. Und nicht der Ehemann. Sondern das Leben als Wunder, nicht als starres Konzept, indem es lineare Biografien zu geben hat.

Locker machen

Entgegen aller Unkenrufe, die ich vernahm, jeder Diskreditierung, die ich in unterschiedlichen sozialen Situationen erfuhr, zog ich einfach durch. Mit dem, von dem ich glaubte, dass es richtig für mich ist. Deswegen lautet auch die große Frage an jede*n Einzelne*n, die*der unzufrieden oder unglücklich in ihrem*seinem Leben ist: Was hat dich immer glücklich gemacht? In welchen Szenarien fühlst du dich am allerwohlsten? Was mochtest du als Kind? Worin warst du gut? 

Wir biegen manchmal falsch ab im Leben und dann sollten wir die Umstände auf uns nehmen und bis zu der Gabelung zurückkehren, an der vielleicht statt rechts links besser gewesen wäre. Das nervt klar, das ist in dem Sinne auch nicht so richtig straight forward. Aber vielleicht ist es der bessere Move – statt das Leben lang in die falsche Richtung zu marschieren, nur weil man sich nicht die Blöße geben will, einen Fehler gemacht zu haben. 

Vielleicht war die Entscheidung nicht grundsätzlich falsch, nur passt der Weg nicht mehr zum aktuellen Selbst. Vielleicht war es zum damaligen Moment genau richtig so. Aber nicht mehr im Jetzt. Wir müssen lernen, zu verstehen, dass es kein Problem ist, eine Entscheidung zu revidieren. Im Gegenteil. Nicht in ständiger Entwicklung zu sein, ist der Fehler. George Bernard Shaw sagte schon: „Progress is impossible without change; and those who cannot change their minds cannot change anything.“

Seid flexibler und weniger starr mit euch selbst. Wir haben nur dieses eine Leben. Und ich gehöre nicht zu jenen, die glauben, dass es so etwas wie Wiedergeburt gibt. Wenn wir wirklich begreifen würden – bis in die letzte Zelle unseres Körpers –, dass wir nur eine begrenzte Zeit für unser eigenes Leben haben und dass dieses Leben irgendwann enden wird, dann träfen wir Entscheidungen vermutlich freier und auch risikoreicher.

Wir sollten lernen, die vermeintlich „richtigen“ Lebenskonzepte loszulassen. Denn sie sind nichts weiter als ein Resultat vergangener Entwicklungen. Sie sind von Menschen unter spezifischen Bedingungen entstanden. Denn die Gegenwart ist eine Weiterführung der Vergangenheit. Sie ist das Ergebnis geschichtlicher und gesellschaftlicher Umwälzungen und Entwicklungen. Die Gegenwart mit ihren Konzepten ist nicht absolut. Sie ist gemacht und wird sich zukünftig immer wieder verändern.

Wer auch immer sich gerade fragt, ob er mit 20, 30, 40, 50, 60 oder 90 nochmal eine neue berufliche oder auch persönliche Laufbahn in seinem Leben einschlagen darf oder kann, dem sei gesagt: Ja, klar. Du musst sogar!

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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