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Fat-Shaming: „Diese Schenkel sind zu fett, um Mode zu sein“

Wie dick darf ein Model sein? Darüber machte sich eine Redakteurin der Welt-Gruppe Gedanken – und kam zum Schluss: Überhaupt nicht, denn das ist einfach unschön. Aber das soll natürlich kein Body-Shaming sein, hier geht’s einfach um ihre Meinung. Nun ja, so einfach ist es dann doch nicht.

 

Oberschenkel haben bitte nicht dick zu sein!

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, hätte die Überschrift über einem kürzlich erschienenen Kommentar der Chefredakteurin des zur Welt-Gruppe gehörenden Stil-Magazins „Icon“ zum Plus-Size-Model Ashley Graham auch lauten können. Oder auch: „Hey, endlich haben wir noch einmal eine Frau gefunden, die was zu dicken Frauen sagt, damit ist es dann wenigstens kein sexistisches Frauenbild.“ Man könnte gähnen und weiterklicken, schließlich ist es ja nichts Neues, herablassende Texte über dicke Menschen zu veröffentlichen, aber dieser Text ist so herablassend und mit kruden Theorien gespickt, dass es doch einer Äußerung bedarf. Kleines Beispiel: Diversity sei zwar gut und eine Errungenschaft, aber nichts Neues und mitmachen müsse man da sowieso nicht. Aha. Aber dazu später.

Als Aufhänger des Textes dient die Feststellung, dass es ja nicht zu fassen sei, dass ein Plus-Size-Model zu den bestbezahlten Models der Welt gehört – ein Model könne ja wohl nicht dick sein, denn das sei schließlich ein Beruf, bei dem die Anforderung darin bestehe, dünn zu sein. Dass genau das heute ganz offensichtlich nicht mehr zutrifft, beweist doch aber die Tatsache, dass ein Plus-Size-Model zu den bestbezahlten Models unserer Zeit zählt – es besteht also Nachfrage. Das Thema könnte an diesem Punkt beendet sein, ist es aber natürlich nicht.

„Die Oberschenkel sind furchtbar“

– Inga Griese, Icon

Wieso dürfen sich dicke Menschen überhaupt in der Öffentlichkeit zeigen?

Denn eigentlich war das nur der Beginn einer, so scheint es, persönlichen Abrechnung mit kurvigen Frauen. Und so darf man weiterlesen: Dicke Oberschenkel wie jene von Ashley Graham seien eben auch furchtbar, nicht Mode. Auch wenn nun alle kurvige Frauen toll fänden. Und dann tut dieses Model auch noch so, als würde es Sport machen. Na klar, das glaubt ihr doch keiner, denn dicke Menschen sind ja immer unfit und schlapp. Und überhaupt, so einen Anblick kenne man doch eher von adipösen Menschen in den USA, die in zu kurzen Shorts im Disneyland herumspazieren. Aber Models, die diese Oberschenkel zeigen, sind der Redakteurin offenbar ein Dorn im Auge. Na klar, furchtbar! Was tun diese Menschen ihren Augen nur an? Womit hat sie es verdient, Körper ansehen zu müssen, die sich von ihrem unterscheiden! Welch Affront – fehlt nur noch der Hinweis, dass man ja dick oder fett sein könne, aber das bitte nur im Privaten ausleben möge. Liebe Dicke, bleibt doch zuhause! Ihr beschädigt mit eurem Aussehen den ästhetischen Eindruck, den das deutsche Straßenbild sonst zu bieten hätte!

Wenn es nicht so diffamierend wäre, wäre es ja einfach nur lächerlich. Nun, sicherlich: Man muss in der Tat nicht alles und jeden schön finden. Man kann sich aber auch mal eine (unqualifizierte) Meinung verkneifen, die als Gesellschaftskritik getarnt ist – zumal, wenn es eigentlich nur darum geht, auf andere draufzuhauen, um andere bloßzustellen.

Role-Model ja, aber irgendwie auch nicht

Nicht nur der Tenor des Textes ist, um es milde zu sagen, schwierig; auch  Ashley Graham als Aufhänger funktioniert nicht, da es sich bei Graham ganz einfach um eine Frau handelt, die eine „normale“ Figur im Sinne von „nicht sehr dünn und nicht sehr dick“ hat – und da, entgegen der Meinung von Frau Griese, ganz offensichtlich eine große Nachfrage nach eben dieser Figur herrscht. Viel Kohle verdient man im Model-Business nicht, weil die Auftraggeber Mutter Teresa spielen und Almosen verteilen. Auch die Ausführung, dass „solche“ Frauen vielleicht Role-Model, aber keine Models sein dürfen, missversteht das Prinzip eines Role-Models leider komplett. Vorbilder müssen sichtbar sein, sonst macht das Konzept keinen Sinn. Und junge Frauen brauchen gerade in der Mode- und Werbebranche, die noch immer von sehr dünnen Menschen beherrscht und damit nicht für alle, ja, nur für ein paar wenige repräsentativ ist, solche Role-Models. Wir brauchen hier Vorbilder in Form von Frauen jenseits von Size Zero – und da reicht die Palette von kurvig bis dick, sonst haben wir, Überraschung, keine Diversität.

„Ashley Graham sei der Erfolg gegönnt. Aber eine Ermunterung ist sie auch nicht.“

– Inga Griese, Icon

Ein diverses Frauenbild in der Öffentlichkeit entsteht eben nicht von allein – es braucht schon Menschen, die da aktiv mitziehen. Das ist in Unternehmen nicht anders als in der Modebranche. Ein lapidares „die einen so, die anderen so“, wie im Text propagiert wird, gilt natürlich grundsätzlich. Aber das funktioniert in der Praxis nur, wenn Akzeptanz und Toleranz gelebt und nicht niedergerissen werden. Statt sich also daran abzuarbeiten, welche Körper es wert sind, gesehen zu werden oder ob dünn beziehungsweise dick schöner ist, sollte man sich vielleicht darauf einigen, dass es weder den „guten“ noch den „schlechten“ Körper gibt. Und dass die Körper anderer Leute nur dann zur Diskussion stehen, wenn sie einen danach fragen. Das wäre doch sehr ermunternd! Und wenn wir dann schon dabei sind, könnten wir den Begriff „Plus-Size“ vor Mode und Models abschaffen, braucht nämlich kein Mensch.

Bis dahin dauert es aber leider und offensichtlich noch ein Weilchen. Und dennoch wäre es schön, wenn gerade Frauen anderen Frauen nicht mehr ungefragt einreden würden, dass sie so, wie sie sind, nicht okay sind.

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