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Ausgeladen, weil ich Mutter bin – so wird das nichts mit Vielfalt auf Konferenzen

Ich wurde als eine von 200 „Leaders of Tomorrow” zu einem Symposium nach St. Gallen eingeladen – und wieder ausgeladen, weil ich mein Kind nicht wegorganisieren kann und will.

 

„Leader of Tomorrow” kann man nur ohne Kind sein?

Liebes International Students’ Committee (ISC),

nach einer Korrespondenz, die zum Teil per E-Mail, zum Teil telefonisch ablief, möchte ich mich jetzt noch einmal abschließend bei euch zurückmelden. Alles fing damit an, dass ich von euch als eine von 200 „Leaders of Tomorrow“ ausgewählt zu eurem Symposium nach St. Gallen eingeladen wurde, das derzeit stattfindet. Ich hatte euch geschrieben, dass ich nicht die vollen drei Tage an dem Symposium teilnehmen kann, da ich derzeit mein Kind stille und das nicht drei Tage pausieren kann. Ich hatte als Kompromiss vorgeschlagen, stattdessen nur eineinhalb Tage und dafür mit meinem Kind zum Symposium zu kommen. Das habt ihr abgelehnt. In der schriftlichen Korrespondenz zu Beginn mit der Begründung, dass eine Teilnahme mit Kind aus Erfahrung nicht möglich ist. Später wurde dies in Teilen zurückgenommen: Eine verkürzte Teilnahme am Symposium sei grundsätzlich nicht möglich.  

So oder so bedeutete das für mich: Ich kann nicht teilnehmen. Ich hatte euch in einer E-Mail daraufhin dargelegt, dass ich diese Entscheidung rückständig und irritierend finde. Denn ich erlebe es zum ersten Mal, dass eine Teilnahme mit Kind an einer Konferenz, Workshop etc. nicht möglich ist. Schon während der Schwangerschaft habe ich Seminare geleitet und bei Talks gesprochen. Nach der Geburt unseres Kindes haben mein Partner und ich dies gemeinsam mit ihm getan. Unsere Teilnahme war nie ein Problem oder wurde als störend wahrgenommen – im Gegenteil, uns wurde stets rückgemeldet, dass sie nicht nur bereichernd sondern auch ermutigend für (künftige) Väter und Mütter sei.

Es geht, man muss es nur wollen 

Ihr habt mich mit der Begründung ausgewählt, dass ich den Ist-Zustand verbessern will und Debatten mit Entscheidungsträgern bereichern könne. Ich möchte meine Stimme zumindest hier schriftlich einbringen und euch ermutigen, das Symposium künftig für mehr Diversität unter den Teilnehmenden zu öffnen und damit auch zu verbessern.

Hier findet ihr drei Möglichkeiten, wie es in Zukunft gelingen kann:

  • Ihr könnt es Eltern und Sorgetragenden ermöglichen, mit Kind teilzunehmen.
  • Ihr könnt eine Kinderbetreuung anbieten.

  • Ihr könnt Geld bereitstellen, womit der Lohnausfall für mitreisende Begleitpersonen ausgeglichen werden kann.

Empfehlen kann ich euch die Website ramp-up.meauf der man hervorragende Anleitungen findet, wie man Veranstaltungen für ein großes, vielfältiges Publikum öffnen kann.

Wollt ihr wirklich etwas verändern?

Nachdem ich euch all das per E-Mail mitgeteilt hatte, konnte ich auch in der nachfolgenden Kommunikation mit euch nicht erkennen, dass euch bewusst ist, worum es hier geht: Ihr wollt ausgewählte „Leaders of Tomorrow” weiter fördern und mit Entscheidungsträger*innen in Kontakt bringen. Ihr verzichtet mit eurer Entscheidung aber darauf, dass Eltern oder Menschen, die für ein oder mehrere Kinder Sorge tragen, das Symposium mit ihrer Perspektive und Expertise bereichern. Ihr wisst wohin das führt: Die von euch ausgewählten „Leaders of Tomorrow“ sind nicht nur gerade schon, sondern vielleicht auch in Zukunft vornehmlich männlich. Denn Menschen, die ihre Sorgearbeit nicht an andere abgegeben haben, sondern sie in ihrem Alltag organisieren müssen oder wollen, sind immer noch meistens Frauen.

Auf eurer Homepage schreibt ihr, es sei euch egal, ob Business-Leader, Studierende oder Journalist*innen zum Symposium kommen, aber offensichtlich müssen es Teilnehmende auf jeden Fall bewerkstelligen, Menschen, für die sie Sorge tragen, irgendwie wegzuorganisieren. Wärt ihr eine kleine NGO, die kaum Mittel hat, könnte ich eure Art, das Symposium zu organisieren, nachvollziehen. Doch die Listen eurer Stifter*innen, Schirmherr*innen und Spender*innen sind so lang, dass man scrollen muss. Ihr bietet – wie ihr schreibt – „world-class services” an, seid aber nicht in der Lage eine Kinderbetreuung zu organisieren?!

Vielleicht begreift ihr euer diesjähriges Thema „Dilemma of Disruption“ auch als Auftrag an euch selbst und gestaltet das nächste Symposium flexibler. Das könnte sich auch auf eure Organisation positiv auswirken: Im Team sind derzeit 8 von 35 Menschen Frauen; bei den Speaker*innen 14 von 68. Eine Quote von 20 Prozent ist ausbaufähig, oder?

Mit den besten Grüßen,

Mareike Geiling


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