Foto: Felix Speiser

#MachtBuerosZu: „Kranke und Tote schaden der Wirtschaft mehr als geschlossene Büros“

Viele Arbeitgeber*innen bestehen trotz Corona-Pandemie weiterhin auf Präsenz im Büro – und bringen ihre Arbeitnehmer*innen damit in Gefahr. Laura Sophie Dornheim sammelt unter dem #MachtBuerosZu Erfahrungen zum Thema Home Office – positive und negative.

Ich arbeite, also bin ich. In den Debatten um die Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus wird vieles neu verhandelt, eines scheint unumstößlich: Die Wirtschaft darf nicht still stehen. Dass die Maßnahmen verschärft wurden, um weitere Kontakte zu reduzieren, ist das einzig Richtige, es ist schlicht lebensnotwendig: Allein im Dezember sind über 16.000 Menschen am und mit dem Virus gestorben – das Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen. Doch während wir uns im sozialen und kulturellen Leben immer mehr einschränken, Restaurants, Kinos, Theater, Kitas und Schulen geschlossen sind, bleiben Büros weiterhin offen. Einige Arbeitgeber*innen stellen die physische Anwesenheit ihrer Mitarbeiter*innen schlicht über ihre gesetzliche Fürsorgepflicht für diese Menschen.

Schließt die Büros!

Die Politikerin Laura Dornheim hat jetzt den Hashtag #MachtDieBürosZu ins Leben gerufen und sammelt Erfahrungen von Arbeitnehmer*innen in kleinen und großen Unternehmen, die deutlich zeigen: Bei vielen endet der Infektionsschutz da, wo die Profitgier anfängt. „Obwohl Kranke und Tote der Wirtschaft viel mehr schaden als geschlossene Läden und Büros“, sagt Dornheim. Die Politikerin, die für die Grünen kandidiert, macht seit März Home-Office, aktuell mit Kind zu Hause. Es war die Wut darüber, in der Stadt an Büros vorbeizulaufen, in denen Menschen dicht an dicht arbeiten, die sie dazu gebracht hat, mit ihrer Forderung an die Öffentlichkeit zu gehen: Die Büros müssen schließen!

Seit ihrem Aufruf haben ihr dutzende Menschen Nachrichten geschrieben, in deren Büros es Corona-Ausbrüche gab, von Vorgesetzten, die aus Prinzip auf Anwesenheit im Büro bestehen und trotz mehre Corona-Fälle im Team die eigenen Arbeitsräume einfach nicht als Infektionsherde erkennen. Mit so einem Ausmaß hätte Laura Dornheim nicht gerechnet: „Ich komme mit den Nachrichten kaum hinterher.“

„Kein Homeoffice genehmigt bei 35 Mitarbeitern, die gleichzeitig in 3 ineinander übergehenden Büros anwesend sind. Am Arbeitsplatz keine Masken.“

Arbeitnehmer*in eines Callcenters

„Bis zuletzt werden Sportübungen in den besetzten Bürofluren gemacht, da die Turnhallen wegen Corona geschlossen sind.“

Soldat*in der Bundeswehr

„Die Bitten nach Homeoffice werden abgelehnt, es gibt keine Maskenpflicht und im November fanden Team Tage statt (d.h. 6 Menschen in einem kleinen Besprechungsraum für mehrere Stunden) und alle Anwältinnen sind 40h im Büro anwesend.“

Mitarbeiterin einer Medizinrechtskanzlei

„Wir können immer nur kurzzeitig Home-Office machen, wenn jemand positiv getestet wurde oder jemand einen Kontakt hatte. Da das wöchentlich der Fall war, mussten wir immer mit dem gesamten Equipment (Rechner, PC) hin und her fahren alle zwei Wochen.“

Mitarbeiter*in eines Solaranbieter

„Ich habe mir einen neuen Job gesucht, da man von mir völlig überflüssige Dienstreisen verlangt hat. Es wird weiterhin gereist, zuletzt zu Kunden, weil man die vor Weihnachten halt immer besucht.“

Mitarbeiter*in einer Hostelanlage

Es klingt unvorstellbar, was viele Angestellte gerade erleben. Und wie in vielen anderen Bereichen legt die Pandemie auch in der Arbeitswelt gerade erhebliche Schwächen offen. „Zum Teil fürchte ich auch, dass die technische und kulturelle Unfähigkeit zu Home-Office in vielen Behörden und Verwaltungen die Politik davon abhält, hier konsequente Maßnahmen zu verhängen“, sagt Laura Dornheim. Statt dass Arbeitgeber in Laptops, Bildschirme oder sichere Netzwerke investieren, zahlen die Mitarbeiter*innen nun mit ihrer Gesundheit, sie werden dazu gezwungen, sich zu entscheiden: Lebensunterhalt oder Gesundheit.

Ein Appell reicht nicht

Theoretisch haben Angestellte einen Kündigungsschutz, jedoch nur wenn sie nachweisen können, dass keine ausreichenden Maßnahmen zum Infektionsschutz getroffen werden. Dornheim fasst in ihrem Gastbeitrag für den Tagespiegel zusammen: „Solange die Beweispflicht beim Einzelnen und nicht bei den Arbeitgeber*innen liegt, bleibt auch diese Vorgabe wirkungslos.“ Es bräuchte also einen eindeutigen Kündigungsschutz und Lohnfortzahlung, sodass Mitarbeiter*innen nicht mehr unter Druck gesetzt werden können, im Büro anwesend zu sein, wenn die Arbeit im Home-Office genauso möglich ist.

Der Verlust des Jobs baut für viele Menschen unheimlichen Druck auf: Das erklärt, warum im November nur 14 Prozent aller Erwerbstätigen im Home-Office arbeiteten. Die Zahlen zeigen: Es müssen strikte Regelungen und Sanktionen her, wie es sie in jedem anderen Bereich unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens gerade auch gibt. Im letzten Beschluss der Bundesregierung heißt es: „Darüber hinaus sind die Unternehmen weiterhin aufgefordert, wo immer dies umsetzbar ist, Heimarbeit zu ermöglichen.“ Es ist ein Appell, mehr nicht. Und viele Arbeitgeber*innen scheinen den überhört zu haben.

Solidarität gegen das Virus

Dass es systemrelevante Berufe gibt, in denen es den Mitarbeiter*innen nicht möglich ist, von zu Hause aus zu arbeiten, steht außer Frage. Doch 50 Prozent der Berufstätigen in Deutschland arbeiten in Bürojobs und gehen Aufgaben nach, die mit der richtigen Ausstattung ohne weiteres im Home-Office erledigt werden können. Bleiben die einen zuhause, schützen sie auch diejenigen, die unser Gesundheitssystem, die Versorgung der Supermärkte, die Entsorgung des Mülls aufrechterhalten, die die Brände löschen und Menschen pflegen. Eins zeigt die Pandemie schon seit Monaten: Solidarität bekämpft das Virus. Doch im Gegensatz zum Virus ist Solidarität nicht immer ansteckend und viele Arbeitgeber*innen scheinen ihre Verantwortung schlichtweg zu ignorieren und orientieren sich mit ihren Forderungen am eignen Profit: Mitarbeitende aus dem Büro arbeiten zu lassen, bedeutet größtmögliche Kontrolle.

Was lässt sich besser machen?

Doch es gibt auch positive Beispiele bei all den Nachrichten, die Laura Dornheim erreicht haben. Beispiele, die zeigen, dass Produktivität und Infektionsschutz sich nicht ausschließen und dass einige Arbeitgeber*innen ihre Fürsorgepflicht ernst nehmen. Sie lassen Laptops, Bildschirme und Bürostühle zu ihren Mitarbeiter*innen liefern, um einen ergonomischen Arbeitsplatz im angeordneten Home-Office zu sichern. Oder ermöglichen flexible Arbeitszeiten für Eltern und bezahlte Auszeiten für die Kinderbetreuung.

Und es gibt noch viel mehr, das Arbeitgeber*innen tun können, um das Home-Office zu verbessern, denn von zu Hause zu arbeiten, vergrößert die Ungleichheit: Wer einen höhenverstellbaren Tisch mit richtiger Beleuchtung hat, arbeitet anders als jemand, der am Küchentisch sitzt. Und wer allein in einem Zimmer arbeitet, hat mehr Ruhe als jemand, der gleichzeitig die Kinder betreuen soll. Wir haben ein paar Vorschläge gesammelt, wie Arbeitgeber*innen Arbeitnehmer*innen das Arbeiten von zu Hause erleichtern können.

1. Deadlines flexibler gestalten, um vor allem Menschen mit Kindern oder Menschen, die psychisch besonders belastet sind, etwas Zeitdruck zu nehmen.

2. Videokonferenzen verkürzen, für mehr zeitliche Flexibilität für Menschen, die Kinder betreuen und den Druck rauszunehmen, zu einer bestimmten Uhrzeit oder für eine längere Zeit erreichbar zu sein.

3. Essenslieferungen nach Hause, um Mitarbeiter*innen bei der eigenen Versorgung oder auch der Versorgung von Kindern zu entlasten.

4. Schreibtischstühle und Bildschirme zu den Arbeitnehmer*innen liefern lassen, für einen ergonomischen Arbeitsplatz, der weder Augen, Nacken noch Rücken schadet. Oder eine finanzielle Unterstützung für die Mitarbeitenden, die sich entscheiden, selbst in diese Ausstattung zu investieren.

5. Psychologische Betreuung bereitstellen für alle Menschen, die gerade belastet sind oder Probleme haben, über die sie reden möchten.

6. Laptops für den Hausunterricht zur Verfügung stellen, für Menschen mit Kindern, die zuhause beschult werden müssen und keine Endgeräte zur Verfügung stehen.

7. Eine Pauschale für Zusatzaufwände, da durch die Arbeit im Home-Office zum Beispiel mehr Strom und Wasser verbraucht wird.

8. Sonderurlaub für Menschen mit Kindern, um sie bei der Kinderbetreuung bei Schließung der Kitas und Schulen zu entlasten.

9. Vertrauensarbeitszeit, um die Arbeitszeiten möglichst flexibel zu gestalten und den Bedingungen im Home-Office bestmöglich anzupassen.

10. Anreize für Pausen schaffen, vielleicht mit einem Yoga-Kurs bei Zoom oder einem virtuellen Austausch mit Kolleg*innen.

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Carmen Maiwald hat Bekleidungstechnik an der HAW in Hamburg studiert, um dort zu merken, dass sie neben der Kleidung vor allem die Geschichten dahinter interessieren. Bis Januar 2020 war sie Schülerin an der Deutschen Journalistenschule. Aktuell unterstützt sie die Redaktion von Edition F als freie Redakteurin.

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