Foto: Abini Gold

Marie Mouroum: „Kampfsport ist mein Leben“

Ihre Stuntrollen haben Marie Mouroum berühmt gemacht und ihr die Stärke für einen ewigen Kampf im Alltag gegeben: den Kampf gegen Rassismus.

Abducken. Halber Schritt raus. Schlag links, rechts. Abducken. Marie Mouroum macht Agentinnen auf der Leinwand zu Super-Agentinnen, und Heldinnen zu Super-Heldinnen. Sie ist die Frau, die gut mit einer Waffe umgehen kann, die Ellenbogenschläge, Low- und High-Kicks und Kniestöße im richtigen Moment abgibt. Marie Mouroum ist Stuntfrau.

Marie Mouroum, die man im Großformat der Kinoleinwand aus Filmen wie Black Panther und James Bond kennt, erscheint im 16:10-Format meines Laptops auf dem Bildschirm. Über 6.000 Kilometer Luftlinie entfernt sitzt sie im Apartment ihres Vaters in New York. Sie ist für ein Filmprojekt dort. Marie Mouroum, die sich sonst in Filmen in harten Kämpfen bewehrt, mit Waffen hantiert und durch die Gegend geschleudert wird, strahlt Ruhe aus.

Schon mit neun Jahren beginnt Marie Mouroum mit dem Kampfsporttraining im traditionellen Kyokushin Karate. Ihre Mutter wollte, dass sie sich verteidigen kann. Wieso, das erzählt Marie später im Gespräch, wenn es um ihre Kindheit im Ostberlin der 90er-Jahre geht, und um die Menschen, denen sie auf Bürgersteigen, in S-Bahn-Abteilen oder auf dem Schulhof begegnete. Kyokushin Karate wird im Vollkontakt gekämpft – ohne Handschuhe und ohne Schienbeinschoner. Er gilt als eines der härtesten Karate-Stile der Welt. „Es hat mir immer Spaß gemacht, weil ich gut darin war. Ich wollte immer neue Sachen lernen und Sport war schon immer meine Leidenschaft“, sagt Marie. Doch es bleibt nicht beim Training im Freikampf als Hobby, erst wird Marie als Sportmodel in Werbespots angeheuert und bekommt dann ihre erste Stuntrolle in „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“. Damals ging sie noch zur Schule und war gerade 18 Jahre alt. „Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört zu kämpfen.“

Eine immer wiederkehrende Herausforderung: Rassismus

Marie ist in Ost-Berlin aufgewachsen und hat dort ihre Kindheit verbracht. Ihre Mutter ist aus Deutschland und ihr Vater aus Kamerun. Rassismus sei Teil ihres Alltags, ihrer Realität gewesen, sagt Marie: „Die Welt ist so – es gibt Menschen, die haben etwas gegen dich, deine Hautfarbe und dein Aussehen, damit musste ich leben.“

Wie geht ein Kind mit Rassismus um, das gelernt hat, sich zu wehren? „Klar gab es Momente, wo ich sehr verletzt war. Aber das habe ich eher verdrängt, statt es zu verarbeiten – weil ich es nicht anders kannte. Ich glaube, dieses Verarbeiten passiert erst jetzt.“

Noch heute erlebt Marie ständig Rassismus und Diskriminierung. Was Marie früher auf der Straße, im Schulalltag oder beim Sport begegnete, trifft sie heute vor allem auch im Internet. Kommentare können hässlich sein und rechtswidrig. Marie hat gelernt, einen Kampf im Internet zu kämpfen und sich mit den rassistischen Nachrichten nicht allein zurückzuziehen und in Deckung zu gehen, sondern in die Offensive: Rassistische Nachrichten und Kommentare, die sie persönlich erhalten hat, teilt sie, um Menschen an ihrer Realität teilhaben zu lassen: „Einige Leute wollen einfach nicht wahrhaben, wie manche Menschen denken und mit was für Kommentaren und Nachrichten ich mich auseinandersetzen muss.“

„Ich habe vor zehn Jahren angefangen und war die Einzige. Zehn Jahre später bin ich immer noch die Einzige. Wenn ich nicht kann, dann müssen die Produzent*innen die Leute aus England einfliegen lassen.“

Die Stuntwelt als Männerdomäne: Marie setzt den ersten Schritt zur Veränderung

Marie trainiert jeden Tag: Kampfsport, Yoga, Krafttraining. Ihre Muskeln sind wie ihr Panzer, der sie vor Verletzungen bei Stunts schützt und sie stark fühlen lässt – auch im Alltag. Maries Idol ist Jackie Chan. Immer noch sind es vor allem Männer, die die Stuntbranche oder den Kampfsport dominieren. Ist der Zugang in die Stuntwelt besonders für Frauen schwierig? „Stunt an sich ist eine Männerdomäne. Es gibt selten viele Frauen im Team. Manchmal wird man als Frau nicht ernst genommen.“

Marie Mouroum ist besonders für die Schwarze Community ein Vorbild. Als erste und bislang auch einzige afrodeutsche Stuntfrau zeigt sie, dass kämpfen sich lohnt. Auf die Frage, weshalb Schwarze Frauen in Stuntberufen unterrepräsentiert sind, hat Marie keine Antwort, nur eine traurige Feststellung: „Ich habe vor zehn Jahren angefangen und war die Einzige. Zehn Jahre später bin ich immer noch die Einzige. Wenn ich nicht kann, dann müssen die Produzent*innen die Leute aus England einfliegen lassen.“

Allein an der Spitze

Bisher steht sie allein an der Spitze. Sie doubelte bereits in Filmen wie Star Wars, James Bond und Avengers. Ihren internationalen Durchbruch erlebte die 28-Jährige mit dem US-amerikanischen Science-Fiction-Actionfilm „Black Panther“, in dem sie als Besetzung eine Kriegerin der Dora Milaje spielt, ein Team von Frauen, die als Spezialeinheiten für die fiktive afrikanische Nation Wakanda dienen. „Es war eine der besten Erfahrungen meines Lebens und für uns alle ein historischer Moment, diesen Film zu drehen. So viele Schwarze Talente, Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Produzent*innen habe ich in Deutschland noch nie am Set gesehen und auch nicht in den USA.“

Ständig geht es bei Maries Beruf um Kämpfe und Stärke. Welche sind ihre Momente der Schwäche, wo liegen ihre Unsicherheiten und wo ihre verletzlichen Stellen? „Ich habe Unsicherheiten und Ängste bei anderen Dingen, wie zum Beispiel im sozialen Umgang. Ich drehe oft mit richtigen Hollywood-Größen, momentan mit Queen Latifah für den Film ‚The Equalizer‘, und da weiß ich oft nicht, was ich sagen, wie ich mit ihnen reden soll. In dem, was ich mache, in meiner Performance, habe ich keine Unsicherheiten. Ich vertraue mir selbst hundertprozentig. Deswegen bin ich eine gute Stuntfrau.“

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Petra Görner ist Hamburgerin. Sie ist freiberufliche Journalistin mit dem Schwerpunkt mentale Gesundheit, Spiritualität, soziale Gerechtigkeit, Gesellschaftsthemen und Themen rund um die afrikanische Diaspora.

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