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#MeToo – der nächste Schritt müssen Lösungen sein

Die #MeToo-Debatte der vergangenen Monate hat einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht, wie stark sexuelle Belästigung und Gewalt nach wie vor das Leben vieler Menschen beeinträchtigen. Ändert sich das nun?

 

Antifeministischer Backlash

Gesellschaftlicher Fortschritt verläuft nicht geradlinig nach vorn. Wenn die Rechte von Frauen, die sie erkämpft und errungen haben, wieder in Frage gestellt und zurückgedrängt werden, sprechen Feminist_innen von einem so genannten „Backlash“: Gegenbewegungen gegen die Gleichberechtigung und gegen die Freiheit von Frauen und marginalisierte Gruppen. Der antifeministische Backlash ist zuletzt auf den politischen Bühnen wieder prominent sichtbarer geworden, unter anderem mit der Wahl von Donald Trump als US-Präsident im November 2016 und auch in Deutschland, als im September 2017 mit der AfD eine rechtspopulistische Partei mit frauenfeindlichem Programm in den deutschen Bundestag eingezogen ist und der Frauenanteil der Bundestagsabgeordneten so niedrig war wie zuletzt 1998, was jedoch nicht nur an der fehlenden Diversität in der AfD-Fraktion lag, sondern auch am verschwindend geringen Anteil von weiblichen Abgeordneten bei der FDP und Union. Nur 31 Prozent Frauen gehören den Deutschen Bundestag in der dieser Legislatur an – das ist für eine Gesellschaft, in der oft behauptet wird, Gleichberechtigung sei schon erreicht sowie die sich dazu im Grundgesetzt verpflichtet hat, zu wenig.

Wie #MeToo zur Bewegung wurde

#MeToo kam nicht aus dem Nichts. Die Kampagne, die in den USA begann und in vielen anderen Ländern Widerhall fand, ist eine Fortsetzung der feministischen Bewegungen, die es seit Jahrzehnten gibt und die niemals verstummt sind. Doch #MeToo fällt auch in eine Zeit, in der noch einmal mehr Menschen sehr bewusst wahrnehmen, dass Gleichberechtigung längst nicht erreicht ist und dass es sogar wieder salonfähig wird, ihre Notwendigkeit in Frage zu stellen. Soziale Medien haben es einfacher gemacht, dass Themen transnational diskutiert werden können und diese Themen nun von den Menschen ausgesprochen werden können, die vorher zu wenig politisch und auch medial repräsentiert waren. Machtverhältnisse verschieben sich. 

Dass #MeToo schon von Beginn an in Deutschland in sozialen Netzwerken stark diskutiert wurde, hatte den simplen Grund: „Ja, wir auch.“ Wenn fast jede zweite Frau angibt, schon einmal belästigt worden zu sein, stellt sich die Frage nicht, ob #MeToo ein Hollywood-Problem sei. Dass es so lange dauerte, bis sich diese Erkenntnis in den deutschen Medien durchsetzte, liegt auch daran, dass der liberale Feminismus, wie er in den USA häufig vertreten wird, in den dortigen Redaktionen leichter Anknüpfung fand als die Rezeption der deutschen Ausprägung des Feminismus in den Medienhäusern hier, die feministischen Themen mi Argwohn gegenüberstehen und es selbst in vielen großen Redaktionen nach wie vor keine Fachredakteurinnen für Geschlechterthemen gibt. Die #MeToo-Debatte in Deutschland fing damit an vielen Stellen wieder bei Null an, man gewann den Eindruck, dass sogar die #Aufschrei-Debatte (2013) schon wieder vergessen worden sei.  

Bei #MeToo geht es nicht um Komplimente

Als Journalistin, die sich seit vielen Jahren mit feministischen Themen beschäftigt, empfand ich die Debatte darüber, ob Männer Frauen nun überhaupt noch Komplimente machen und Menschen miteinander flirten dürften, als intellektuelle Beleidigung. Auch zur Frage, warum Menschen erst so spät ihr Schweigen über sexualisierte Gewalt brechen, gibt es schon lange fachlich fundierte Antworten. Die deutsche Debatte war über Wochen ein einziger Abwehrreflex gegenüber den bitteren Fakten, die belegen, dass auch in unserem Land, das als so fortschrittlich gilt, Sexismus, sexuelle Belästigung, Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt etwas Alltägliches ist, das nicht nur Frauen, aber vor allem ihnen, in allen beruflichen Branchen und leider auch im Umfeld ihrer Familien immer wieder widerfährt – und wir in den vergangenen Jahren hier keine nennenswerten Fortschritte gemacht haben.

Die zentrale Frage, die die #Metoo-Debatte aufwirft, ist: Welche Lösungen gibt es, damit diese Dinge nicht mehr geschehen? Damit der Anteil von Frauen (und viele Männer werden im Laufe ihres Lebens ebenfalls Opfer von Belästigung und sexualisierter Gewalt), die sexuell gedemütigt oder missbraucht werden, signifikant zurückgeht? Wie schaffen wir es, dass Menschen im Beruf fair miteinander umgehen und keine Frau jemals das Gefühl haben muss, sie müsse jemandem sexuell gefallen und zur Verfügung stehen, um ihren Job zu behalten oder dort voranzukommen? Wie schaffen wir es, dass Männer nicht mehr vergewaltigen? Dass Frauen angstfrei abends joggen oder nach Hause gehen können?

Es geht um mehr als sexuelle Belästigung im Beruf

Zudem verlor sich die #MeToo-Debatte in Deutschland zu oft im Blick auf privilegierte Frauen. Dass sexueller Missbrauch oft in Kontexten extremer Abhängigkeit passiert, zum Beispiel Frauen mit Behinderungen, mit Migrationsgeschichte häufiger betroffen sind, dass neben Frauenfeindlichkeit auch Homo- und Transphobie gewaltvolle Übergriffe produziert, oder dass die Unterbringung von geflüchteten Frauen nicht ausreichend vor Gewalt schützt, sondern diese eher begünstigt, ist bislang kaum adressiert worden. Gerade hier sind Journalist_innen gefragt, den Menschen, die nicht die gleichen Chancen haben, am Diskurs zu partizipieren, Gehör zu verschaffen. Auf politischer Ebene müssen der Istanbul-Konvention, die zu Beginn des Jahres endlich auch von Deutschland ratifiziert wurde, konkrete Maßnahmen folgen, die Gewalt verhindern und Frauen besser schützen. Das finge bei so simplen Sachen an, wie genügend Plätze in Frauenhäusern zu finanzieren, die im vergangenen Jahr mehrere Tausend Frauen abweisen mussten.

#MeToo gibt uns als Gesellschaft zahllose Fragen und Aufgaben mit auf den Weg, die wir angehen müssen. Ich verstehe es auch als journalistische Aufgabe, Wege in eine gleichberechtigte, freie Gesellschaft aufzuzeigen – es liegt viel Arbeit vor uns, aber auch viel Potenzial, Dinge zu bewegen.

Dieser Beitrag erschien zuerst als Gastbeitrag zum Internationalen Frauentag auf heute.de.

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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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