Foto: Alexandre Sladkevich

„Aggressionen sind das A und O im Straßenverkehr“

Ständig Fehler vor den Augen anderer machen, Aggressionen besänftigen und dabei die eigenen Gefühle immer unter Kontrolle haben – in Schichtarbeit und Wochenenddiensten: Susanne Schmidt war Busfahrerin, bis die Arbeit sie krank machte. Trotzdem liebte sie es, die Busse durch Berlin zu steuern. Porträt eines unterschätzen Berufs. 

Sechs Monate nachdem Susanne Schmidt ihre Ausbildung zur Busfahrerin begonnen hat, sitzt sie bleich hinterm Steuer, hat vergessen, welche Nummer der Bus eigentlich hat und wohin sie fahren muss. Vor den verschlossenen Türen warten die genervten Fahrgäst*innen. Draußen an den Bushaltestellen hingen einst die Plakate, die ihren Kampf ankündigten: „Ältere Frauen, die Busfahrerinnen werden wollen: Wir bilden Sie aus. Wir stellen Sie ein.“ Das war Susannes letzte Fahrt. 

Abfahrt

Susanne Schmidts Stimme erklingt, wie man Busfahrer*innen im Alltag häufig wahrnimmt: eine Stimme aus dem Off. Statt Haltestellennamen oder Verwarnungen durch das Bordmikrofon, spricht sie am Telefon mit ruhiger Stimme von Überarbeitung, Sexismus während ihrer Ausbildung und von all den Emotionen, die im Bus entstehen und hinterm Steuer keinen Platz haben. Fünf Jahre sind vergangen, seit sie das letzte Mal einen Bus steuerte, jetzt hat sie ein Buch über diesen unterschätzen Beruf geschrieben. 

2015 hatten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) über Annoncen in der Zeitung, auf Plakaten und Bushaltestellendisplays überall in der Stadt explizit nach älteren Frauen gesucht, die sich zu Busfahrerinnen ausbilden lassen wollen. Laut einer Studie sind sie besonders stressresistent, können gut mit Aggressionen umgehen und bauen weniger Unfälle. Die BVG wollten damit Kandidatinnen finden, die sich perfekt für die Jobansprüche eigneten und gleichzeitig eine Gruppe fördern, die nur wenig im Unternehmen vertreten war und ist: Frauen sollten mehr als nur 17 Prozent ausmachen.

Der Ausbilder, der Susanne Schmidt und den anderen Neuankömmlingen das Busfahren beibringen sollte, versprach den Frauen freudestrahlend etwas anderes: „Mädels, wir machen Männer aus euch.“ „Was man am ersten Tag gesagt bekommt, trägt man durch die ganze Ausbildung“, sagt Susanne, und dass sie diesen Satz nicht mehr aus ihrem Kopf bekam. 

1. Haltestelle: Ausbildung

Immer wieder kommt es in der Ausbildung zu sexistischen Äußerungen und auch im Bus wird Susanne von Männern sexistisch angefeindet: Sie nehme den Männern ihren Job weg. Am unangenehmsten sei es gewesen, den Atem der Männer im Nacken zu spüren, die sich in Gruppen dicht hinter sie stellten und bei der Fahrt auf Fehler warteten: „Ich habe wirklich gestaunt, wie sehr sich Menschen dazu befugt fühlen, andere zu beurteilen, obwohl sie gar keine Ahnung haben von der Arbeit oder der Situation.“ 

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Eine Umfrage über die gesellschaftliche Wahrnehmung von Busfahrer*innen zeigt genau das: Die Erwartungen sind sehr groß und das Verständnis für Fehler so gering wie das Ansehen des Berufs selbst. Bei der Frage nach passenden Attributen zum Beruf der Busfahrer*innen antworten viele der Befragten mit Zuschreibungen wie „unattraktiv“ oder „langweilig“.   

Foto: Alexandre Sladkevich

Susanne Schmidt wurde 1960 am Rande des Ruhrgebiets geboren und zog 1976 nach Berlin. Hier arbeitete sie im Laufe der Jahre als Erzieherin, Drehbuchautorin, Stadtführerin, Pförtnerin und Social-Media-Managerin. Susanne Schmidt war von Sommer 2015 bis Januar 2016 als Busfahrerin tätig.

„Es fühlt sich an, als mache man seinen Job schlecht – ständig.“ 

Susanne Schmidt

Vor ihrer ersten Fahrt steht Susanne Schmidt zu Hause vor dem Spiegel und spricht sich mantraartig einen Satz ins eigene Gesicht: „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei.“ Da alles, was sie im Bus sagt oder macht, direkt beobachtet wird, jede Bewegung, jede Geste und jedes Wort beurteilt wird, will Susanne vorbereitet sein: „Diesen Satz, den muss man können, wenn man den einfach nur so in die Sprechanlage im Bus nuschelt, dann reagiert da ja kein Mensch drauf.“ Trotzdem sind genau diese Herausforderung und der Austausch mit den Fahrgäst*innen das, was Susanne am Beruf reizte; was sie in ihrer Zeit als Busfahrerin genoss, waren die Menschen, die mit ihr gefahren sind.

2. Haltestelle: Die Fahrgäst*innen

Aber neben den Fahrgäst*innen begleiten sie auch die Zweifel und der Stress ständig:  „Dieses ,Ich bin zu spät‘, das hat man immer in sich drin.“ Die Fahrpläne im Innenstadtbereich seien so getaktet, dass es gar nicht möglich sei, sie einzuhalten. Es ist ein unausgesprochenes Gesetz: Busse kommen immer zu spät. Für Susanne Schmidt war jede Haltestelle, die sie zu spät ansteuerte, wie ein kleines Versagen: „Es fühlt sich an, als mache man seinen Job schlecht – ständig.“ 

Gleichzeitig gibt es wortwörtlich keinen Raum für diese Zweifel und Gefühle. Ein Bus hat keine Toilette, keine Kaffeeküche und keinen Balkon für eine kurze Zigarettenpause. Susanne war diesen Gefühlen ständig ausgesetzt, ohne sie zeigen zu können. „Ich musste mich selber ständig unter Kontrolle haben. Ich wollte nicht einfach eine Geste machen oder mein Gesicht verziehen oder einfach mal schimpfen.“ Jede Stimmung, sagt sie, übertrage sich gleich auf den gesamten Bus: „Ich wollte, dass die Menschen sich in meinem Bus sicher fühlen, dafür musste ich Sicherheit ausstrahlen.“ 

„Wann geht man schlafen, um pünktlich um 4.46 Uhr gewaschen und sortiert einen anspruchsvollen Tag zu beginnen? Wie schläft man ein ohne die übliche Regelmäßigkeit?“

Susanne Schmidt

3. Haltestelle: Schichtarbeit

Susanne Schmidts Arbeitstage begannen und endeten stets mit einem Blick auf den Arbeitszeitenzettel, der sich liest wie die Sonntagslotterie: eine Aneinanderreihung von Zahlen, die keinen Zusammenhang haben, keinen Sinn ergeben – und keinen normalen Tagesrhythmus erlaubten: Arbeitsbeginn um 4.46 Uhr, um 7.39 Uhr, um 9.34 Uhr, um 3.55 Uhr. „Was leider nie auf den Zetteln steht: Wann geht man schlafen, um pünktlich um 4.46 Uhr gewaschen und sortiert einen anspruchsvollen Tag zu beginnen? Wie schläft man ein ohne die übliche Regelmäßigkeit?“, schreibt Susanne in ihrem Buch – und dass nie eine*r ihrer Kolleg*innen den aktuellen Film im Kino gesehen oder das Buch des*r aktuellen Nobelpreisträger*in gelesen habe, dass diese Arbeit Familien und Ehen scheitern lasse und Liebe, Hobbys und eigene Interessen verhindere. 

Diese Arbeitsbedingungen nimmt Susannes ehemalige*r Arbeitgeber*in billigend in Kauf und lässt die Verantwortung bei den Arbeitnehmer*innen: „Wer im Fahrdienst in drei Schichten arbeitet, nur alle sechs Jahre einmal garantiert Weihnachten frei hat oder die Sommerferien mit den Kindern verbringen darf, wer nur alle sechs Wochen ein freies Wochenende einplanen kann, muss schon abwägen, ob das zur häuslichen Situation passt“, sagt Ines Schmidt, Gesamtfrauenvertreterin bei den Berliner Verkehrsbetrieben, im Gespräch mit der Gewerkschaft ver.di. Die Berliner Verkehrsbetriebe selbst wollten sich auf Anfrage von EDITION F nicht zu den Vorwürfen äußern.

4. Haltestelle verpasst

Susanne liebte es, die gelben Busse durch Berlin zu fahren und genoss den Austausch mit den Fahrgäst*innen, aber der Druck war für sie kaum auszuhalten. Am schlimmsten war es, wenn sie sich verfuhr. Susanne Schmidt passierte das hin und wieder. Meist war es nur eine verpasste Abfahrt oder einmal falsch abgebogen an einer Kreuzung, „und schon ist die Katastrophe da“, sagt Susanne. Mit einem Bus lässt sich nicht mal eben eine Drei-Punkt-Wendung manövrieren oder schnell zurückfahren.

Die Fahrgäst*innen bemerkten diese Fehler sofort. „Da hätten Sie doch abbiegen müssen“, hallte es dann direkt durch die Sitzreihen bis nach vorne zu Susanne, die sich schämte: „Am liebsten wäre ich ausgestiegen und nach Hause gegangen, das geht natürlich nicht. Man kann sich im Bus nicht verkriechen oder verstecken. Ich musste mich jeder Situation immer stellen, immer diejenige sein, die die Situation im Griff hat und sie wieder in Ordnung bringt.“ 

„Was ich mit 18 hätte leisten können, kann ich mit 55 nicht mehr leisten, dafür bring ich viel zu viel mit.“

Susanne Schmidt

Ihre Fahrgäst*innen hatten Susanne Schmidt auch damals, als sie direkt hinterm Hauptbahnhof mit dem M85 die Ausfahrt in den Tiergartentunnel verpasste, aus der Ferne der Sitzbänke zugesehen, Meter für Meter auf der falschen Route, bis ihre Scham in Erfinder*innengeist umschlug. Kurzerhand nutzte Susanne die Gelegenheit und erklärte den Fahrgäst*innen auf der neuen Route alle Sehenswürdigkeiten, die sie passierten: das Schloss Bellevue, die Goldelse. Die Gäst*innen liebten es. 

Irgendwann konnte Susanne nicht mehr kreativ sein und das Verfahren und der Stress wurden zu viel: „Es war ziemlich schnell klar: Das schaffe ich alles nicht.“ Doch ihre Chefs konnten oder wollten nichts an ihren Arbeitsbedingungen ändern und verlangten von der 55-Jährigen, dass sie das Gleiche leiste wie ihre jüngeren Kolleg*innen. „Aber das war nicht möglich und auch gar nicht mein Ziel. Was ich mit 18 hätte leisten können, kann ich mit 55 nicht mehr leisten, dafür bringe ich viel zu viel mit.“

Endstation

Susanne hält es für ein kleines Wunder, dass ihre Kolleg*innen die Fahrgäst*innen trotz dieser schwierigen Arbeitsbedingungen täglich sicher – wenn auch oft unpünktlich – an ihre Ziele bringen. In Statistiken über die Todesfälle bei Verkehrsunfällen liegen Busse weit zurück hinter dem Pkw, Fahrrädern oder Motorrädern. Im Jahr 2019 war nur jeder hundertste Beteiligte an Unfällen mit Personenschäden ein*e Busfahrer*in. Kurzum: Der Bus ist ein relativ sicherer Ort.

„Es ist ein Beruf, der unentwegt Emotionen mit sich trägt, die man nirgendwo lassen kann, man hat sie immer bei sich.“

Susanne Schmidt

Susanne ist irgendwann krank geworden von den Arbeitsbedingungen und sitzt am letzten Arbeitstag vor ihrer Krankschreibung und anschließenden Kündigung in einem ihrer geliebten Busse ohne klaren Verstand, weil sie übermüdet von der Schichtarbeit und überfordert von dem Druck und der Verantwortung für ihre Fahrgäst*innen ist. Sie konnte nicht mehr und musste aus der Leitzentrale eine Vertretung kommen lassen.

Den wartenden Fahrgäst*innen, die ungeduldig an ihr Fenster klopfen, sagte sie, dass der Bus kaputt sei. Zugeben, dass sie es war, die nicht mehr konnte, wollte sie nicht. Sie wollte das Mitleid oder Mitgefühl der Fahrgäst*innen nicht und konnte keine Diskussionen mehr ertragen: „Es ist ein Beruf, der unentwegt Emotionen mit sich trägt, die man nirgendwo lassen kann, man hat sie immer bei sich. Umso sagenhafter ist es, dass die meisten Busfahrer*innen trotz dieser Umstände wirklich einen tollen Job machen.“ 

Quelle: Hanser-literaturverlag.de

Susanne Schmidt: „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“, Hanser Literaturverlag, 2021, 17 Euro.

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Emotionen im Job. Warum wir Gefühle brauchen – auch bei der Arbeit.

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Carmen Maiwald hat Bekleidungstechnik an der HAW in Hamburg studiert, um dort zu merken, dass sie neben der Kleidung vor allem die Geschichten dahinter interessieren. Bis Januar 2020 war sie Schülerin an der Deutschen Journalistenschule. Aktuell unterstützt sie die Redaktion von Edition F als freie Redakteurin.

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