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Die Geschichte unserer Insolvenz – warum spricht niemand übers Scheitern?

Warum ist Scheitern in Deutschland eigentlich so verpönt? Unsere Community-Autorinnen sind gerade insolvent gegangen und finden: Wir sollten vom Scheitern der anderen lernen!

 

Der Tag allen Übels

Wir schreiben Donnerstag, den 19. Oktober 2017, für uns besser bekannt
als der „Hiobs-Tag“. Mit erhobenem Haupt marschieren wir zum Amtsgericht Frankfurt und reichen unseren Insolvenzantrag für unser gemeinsam gegründetes Unternehmen ein. Alles vorbei, einfach so. Das Selbstbewusstsein? (Erstmal) dahin. Die Hoffnung in seinem Leben doch noch etwas Tolles erreichen zu können? Seltsamerweise immer noch zu 100 Prozent vorhanden!

Das „eigene Baby-Projekt“

Fragen wir uns nicht alle oft mal an einem Punkt im Leben: „Sollte ich
nicht mal langsam mein eigener Chef werden?“ Sei es am Bürotisch kurz vor
Feierabend, wenn der*die Chef*in einem gerade die „letzten“ Kommentare zu einer morgen fälligen Präsentation gegeben hat, die eigentlich schon um 17 Uhr auf unserem Tisch hätten landen sollen. Oder wenn ein Kollege um acht Uhr morgens anruft, dass er es leider krankheitsbedingt nicht zum wichtigen Termin um neun schafft, ob man das „netterweise“ übernehmen könnte. Klar, können wir das!
 

Genauso ging es uns damals, im Jahr 2014, als wir uns entschlossen unser Projekt – unser gemeinsames „Baby“ – zu starten. Wir hatten Großes vor: ein Food-Startup. Und das mit nicht nur gesunden, sondern vor allem auch leckeren, schnellen Speisen, mit hochwertigen Zutaten, zu fairen Preisen. Vier Jahre später vermuten wir: das Gründen ist wie eine Ehe mit Kind. Mal hast du ein schönes Familienpicknick im Park, mal trägst du das Baby die halbe Nacht durch die Gegend, damit es endlich aufhört zu schreien. So oder so: man ist fest aneinander gebunden. 

Ein holpriger Weg 

Der Weg zum Erfolg ist bekanntermaßen nicht proportional, sondern läuft
eher in einer schwer zu beschreibenden Form ab. W
arum in Gottes Namen haben wir uns mit diesem Wissen so früh selbstständig gemacht?

Der Weg zum Erfolg. Quelle: Flickr | Bernard Goldbach | CC BY 2.0

Hätte man sich der proportionalen Kurve nicht als Angestellte*r annähern können? An besagtem Donnerstag haben wir uns dabei erwischt, dass wir uns diese Frage stellten. Die Neider*innen im Freundes- und Bekanntenkreis würden allen „Told you so“-Freund*innen, Bekannten und Ex-Kolleg*innen weichen, die in uns die Antwort darauf fanden, warum sie sich doch nicht selbstständig machen würden. 

Der Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern ist oft das Glück 

Aber ist scheitern wirklich so schlimm? Waren wir nun für immer als die Unfähigen gebrandmarkt, die es nicht geschafft haben, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen? Die Antwort darauf ist ein fettes „Nein“. Letztlich haben wir in den vergangenen Jahren gelernt: Erfolg hängt von sehr vielen Faktoren ab: Fleiß, Disziplin, das eigene Netzwerk – aber allem voran gar nicht mal so wenig auch von Glück. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, das macht manchmal den Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern aus.

Wir waren mit unserer Entscheidung zu expandieren leider zur falschen Zeit am falschen Ort. Unser Traum klappte wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Aber, was nach dieser zunächst negativen Erfahrung passierte, hat uns oft positiv überrascht. Wir haben nach der Insolvenzanmeldung ein Maß an Unterstützung erfahren, das oft nicht zu fassen war – teilweise standen uns sogar Tränen in den Augen. Unsere Partner standen uns zur Seite und haben uns das Gefühl gegeben, dass wir einfach nur auf ein kleines Schlagloch in der Erfolgsstraße gestoßen sind. Freunde und Familie haben uns unterstützt, uns zugehört, uns zugesprochen – wochenlang. Geschäftspartner haben uns Jobs angeboten und uns ihr Netzwerk für neue Möglichkeiten angeboten. 

Gläubiger*innen, denen wir Geld geschuldet haben, haben uns kooperativ empfangen und sich nicht auf die nun kommende „schlechte“ Zeit, sondern auf die letzten zweieinhalb Jahre „gute“ Zusammenarbeit berufen. Auch unsere Investor*innen haben uns unterstützt. Das Ganze bestätigte uns, dass wir uns die Jahre davor richtig verhalten hatten. Unsere Devise, immer fair und transparent zu handeln, hat sich ausbezahlt. Zwar nicht durch einen erfolgreichen Laden, aber durch viele wertvolle Lebenslektionen. Uns ist bewusst, dass wir damit großes Glück hatten und nicht jede Insolvenz so abläuft. 

Gute Ratschläge können doch helfen 

Viele meinten es gut und gaben uns Ratschläge: „Eine Tür schließt sich, eine andere öffnet sich.“ Manch eine*r würde meinen, solche Ratschläge helfen nicht weiter – uns hat es geholfen. Wir haben beschlossen nicht zynisch auf diesen
Schicksalsschlag zu reagieren und die Schuld auf andere zu schieben, sondern
die Chancen, die wir entdecken, zu nutzen. Und das haben wir. Wir
haben hart dafür gekämpft, unserem „Baby” wenigstens noch zu dem bestmöglichen Ende zu verhelfen. Wir stecken zwar noch in der Insolvenz, konnten aber eine gute Insolvenzmasse erwirtschaften. Für uns privat sieht die Situation zum Glück auch ganz gut aus. Was man nicht manchmal alles erreichen kann, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht und (finanziell) nichts mehr zu verlieren hat!

Bereut man seinen Mut, wenn man gescheitert ist?

Aus einem Angestelltenverhältnis ins kalte Wasser „Selbstständigkeit“ zu
springen, ist niemals eine einfache Entscheidung. Diejenigen, die erfolgreich
sind, würden es jedem*r raten und es selbst immer wieder tun. Doch was ist
mit denjenigen, die gescheitert sind? Nachdem wir uns und unser Unterfangen nun lange Zeit reflektiert haben, können wir sagen: Wir würden es wieder tun!

Die Möglichkeit zu lernen, wie man ein Team führt und zusammenhält, der
Zwang zu lernen, hart zu verhandeln, die Kraft, die man aufbringen musste neben dem alltäglichen Startup-Geschäft, Schichten im Restaurant zu übernehmen, weil jemand ausgefallen ist – all das hat uns verändert, geprägt, aber allen voran unfassbar stark gemacht! Man lernt in einem Jahr Gründung mehr über sich selbst als viele Jahre zuvor. Man lernt seine Stärken zu nutzen und seine Schwächen zu akzeptieren, sich auf seinen Gründungspartner*innen zu verlassen und Glück sowie Leid zu teilen, denn man ist niemals allein. Das würden wir jedem empfehlen: Selbstständigkeit als Egotrip? – sehr schwierig. Sucht euch eine (oder zwei) Person(en) eures Vertrauens, die genauso für die Idee brennen wie ihr und erobert zusammen die Welt!

Außerdem mussten wir zum Schluss lernen, damit umzugehen, dass wir Fehler
gemacht haben. Wir haben uns zweimal gegen unser Bauchgefühl entschieden – und zweimal danebengegriffen. Das hat letztendlich zum Aus geführt. Denn das
Konzept an sich passte im Großen und Ganzen, auch die Expansion war gut vorbereitet. Wie sagt man so schön: „Nobody is perfect“ – hauptsache, man setzt sich mit seinen Fehlern auseinander, um daraus zu lernen. Das Fatale ist nicht, Fehler zu machen, sondern nicht aus ihnen zu lernen.

Was nun?

Wir hatten lange überlegt, wie wir mit unserem Misserfolg umgehen
sollten: den Kopf in den Sand stecken, die beiden Läden still und leise
schließen und verkaufen? Oder doch lieber mit einem großen Knall versuchen, die „Scheiterkultur” in Deutschland positiv zu prägen? Was ist das für ein Zeichen, wenn Microsoft Word uns das Wort „Scheiterkultur” rot unterstreicht? Genau, ein mieses. Das wollen wir ändern und haben noch ein letztes Projekt vor.

Unser Ziel ist es zu zeigen, dass Scheitern immer auch neue
Möglichkeiten bietet. Deshalb haben wir uns entschieden, ein Buch zu schreiben – ein Buch für frustrierte Restaurantbesitzer*innen und Menschen, die sich für gesunde Rezepte interessieren. 

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! 

Wenn es eins gibt, das ihr aus diesem Artikel mitnehmen solltet, ist es: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Wir würden jederzeit wieder gründen und möchten hiermit alle anderen, die darüber nachdenken, es zu tun, motivieren. 

Es muss nicht direkt klappen, man muss nur dran bleiben und den Spaß an der Sache behalten! Lasst uns gerade als Frauen zusammenhalten und dafür sorgen, dass wir aus Scheitergeschichten lernen und Menschen respektieren, die in ihrem Leben etwas wagen, Arbeitsplätze schaffen und sogar versuchen, unsere Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Das war unser Ziel, das ist unser Ziel – und wenn nicht so, dann eben anders!

Die beiden Gründerinnen Nina Ruemmele und  Ekaterina Bozoukova sprechen ganz offen über ihr Scheitern. Quelle: privat 

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