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„Ich habe gelernt, mir mein Scheitern selbst zu vergeben“

Eine Beziehung geht zu Ende, ein Job wird gekündigt, die Vorsätze für die neue Woche wurden wieder nicht eingehalten – die Gelegenheiten, im Leben zu scheitern, sind vielfältig. Wir alle gehen unterschiedlich damit um. Vier Persönlichkeiten haben ihre Gedanken zum Scheitern mit uns geteilt.

Die Angst zu scheitern kann uns davon abhalten, etwas überhaupt zu versuchen. Laut dem Global Entrepreneurship Monitor 2019/2020 ist die Sorge, keinen Erfolg zu haben, bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern. Das könnte ein Grund dafür sein, warum Frauen bei den Gründer*innen in Deutschland immer noch in der Minderheit sind. Doch auch im privaten Bereich können Ängste vor Misserfolgen uns daran hindern, Probleme anzugehen, Dinge zu wagen, Risiken einzugehen.

Doch ist Scheitern überhaupt schlimm? Scheitern wir nicht alle jeden Tag an den scheinbar banalsten Dingen? Was können wir für uns daraus lernen? Und wie könnte eine neue „Kultur des Scheiterns“ in unserer Gesellschaft aussehen?

Judith Poznan, Journalistin und Autorin, ist beim Versuch einen Verlag für ihren Roman zu finden, viele Male gescheitert. Die Journalistin und Drehbuchautorin Nour Khelifi sieht im Scheitern immer einen Lerneffekt, egal ob ihr auf diese Weise gezeigt wird, wo ihre eigenen Grenzen liegen oder welche Dinge sie gar nicht machen möchte. Für die Bloggerin und Autorin Anna Mendel ist Scheitern ein Konzept, das nur in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft, wo es um Gewinnmaximierung geht, existieren kann. Michèle Loetzner, freie Journalistin und Autorin, findet, wir sollten weniger von Scheitern und mehr von „Manchmal passt es halt einfach nicht“ sprechen.

Judith Poznan

Judith Poznan spricht auf ihrem Instagram-Kanal offen über ihren Umgang mit dem Scheitern und nimmt ihre Community mit auf ihre Reise voller Höhen und eben auch Tiefen. Die Autorin schreibt regelmäßig für das „Eltern-Magazin“, die „Berliner Zeitung“ und den „Spiegel“. Gerade ist ihr erstes Buch „Prima Aussicht“ beim Dumont Buchverlag erschienen. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Save the date: Am 27. August, um 19 Uhr, sprechen wir mit Judith live auf unserem Instagram-Account übers Scheitern und ihren Umgang damit .

Foto: Scarlett Werth

Wann bist du mal so richtig gescheitert? 

„Als ich versucht habe, Verlage davon zu überzeugen, meine Buchidee zu kaufen – und das vier Jahre lang. Ich wollte unbedingt einen Roman schreiben und wurde unzählige Male abgelehnt. Irgendwann hat es dann geklappt. Rückblickend war es vor allem schwer, weiter an meinem Traum festzuhalten, egal wie viele viele Neins ich auf meinem Weg kassiert habe.“ 

Was hast du daraus gelernt? 

„Dieses An-sich-selbst-Glauben ist so ein olles Klischee, aber da ist was dran. Wenn man das tut, bekommt das Scheitern eine ganz neue Bedeutung. Ich habe wahrscheinlich am meisten gelernt, mir mein Scheitern selbst zu vergeben. Man kann auch grandios scheitern, davon bin ich überzeugt.“  

„In dem Moment des Scheiterns darf alles und jede*r kurz doof sein. Aber irgendwann richtet man sich wieder auf und guckt, was da eigentlich mit einem passiert ist.“

Judith Poznan

Muss man eigentlich immer was lernen aus dem Scheitern? 

„Ich denke, es ist zumindest eine gute Gelegenheit. Und das setzt auch erst sehr viel später ein. In dem Moment des Scheiterns darf alles und jede*r kurz doof sein. Aber irgendwann richtet man sich wieder auf und guckt, was da eigentlich mit einem passiert ist. Lernen ist immer ein Prozess.“  

Was würdest du dir fürs nächste Mal Scheitern von dir selbst und von deinem Umfeld wünschen?

„Von meinem direkten Umfeld tatsächlich nichts, wobei Schokolade und Sekt immer geholfen haben. Es wäre aber schön, wenn das Scheitern an sich genauso viel Aufmerksamkeit bekäme wie der Erfolg, da sich eben beides bedingt. Das darf auch ich beim nächsten Mal nicht vergessen.“

Nour Khelifi

Nour Khelifi, 27, ist Wienerin und arbeitet als Journalistin, Drehbuchautorin, Speakerin und Online Content Creator in Berlin und Wien. Die Grimmepreisträgerin arbeitet unter anderem für den österreichischen Rundfunk, Funk (ARD/ZDF) und beschäftigt sich inhaltlich mit deutscher und österreichischer Politik. 

Foto: Hiba Khelifi

Wann bist du mal so richtig gescheitert?

„Das war vor einigen Jahren, da ist eine Freund*innenschaft zerbrochen oder besser gesagt: Ich habe einfach losgelassen. Ich habe meiner Freundin damals über einen Zeitraum von einigen Jahren hinweg tatkräftig zur Seite gestanden, alles dafür getan, damit sie die Unterstützung und die Möglichkeiten bekommt, um wieder gesund zu werden. Mit der Zeit ging es mir dann immer schlechter, weil ich sie und ihre Bedürfnisse über die meinen gestellt habe.

Sie war zu dem Zeitpunkt nicht bereit, Hilfe anzunehmen und mich hat ihre Lebenssituation immer mehr runtergezogen. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr und alles hat seinen Lauf genommen, die Freund*innenschaft ist quasi ,ausgelaufen‘. Es hat sich angefühlt, als ob ich sie aufgeben und ihrem Schicksal überlassen würde. Das war das erste Mal, dass ich dachte, als Freundin gescheitert zu sein, weil ich jemandem nicht helfen konnte.“ 

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Was hast du daraus gelernt?

„Ich habe mittlerweile daraus gelernt, dass jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad für sich selbst Verantwortung übernehmen muss. Und dass es nicht schlimm ist, wenn man mal scheitert oder etwas oder jemanden aufgibt. Wir alle stoßen mal an unsere Grenzen, genauso wie ich damals. Deswegen mache ich mir mittlerweile auch keine Vorwürfe mehr, weil ich weiß, wieviel ich damals versucht habe, um dieser Person beizustehen. Manchmal kann es Menschen so schlecht gehen, da können Freund*innen keine Fachpersonen ersetzen, das verstehe ich mittlerweile.“  

„Alleine die Tatsache, dass ich etwas ausprobiere, daran scheitere und dann eben für mich mitnehmen kann, dass das nichts für mich ist oder dass ich etwas nicht kann oder will, ist auch ein Riesenschritt hin zu den Dingen, die ich machen möchte.“

Nour Khelifi

Muss man eigentlich immer was lernen aus dem Scheitern?

„Ich glaube, es ist gut, wenn wir eine Erkenntnis aus dem Scheitern gewinnen können. Alleine die Tatsache, dass ich etwas ausprobiere, daran scheitere und dann eben für mich mitnehmen kann, dass das nichts für mich ist oder dass ich etwas nicht kann oder will, ist ein Riesenschritt hin zu den Dingen, die ich machen möchte. Ansonsten wäre Scheitern einfach sinnlos und würde uns nur runterziehen, anstatt uns zu gegebenem Anlass Motivation zu verleihen.“  

Was würdest du dir fürs nächste Mal Scheitern von dir selbst und von deinem Umfeld wünschen?

„Ich wünsche mir ein unterstützendes Umfeld, das mich in so einem Moment auffangen und daran erinnern kann, dass Scheitern nicht das Ende ist, sondern hier und da auch andere Türen, Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen kann. Es ist wichtig, Menschen um sich herum zu haben, die einer*m Hoffnung geben, wenn man scheitert. Anstatt eines überbordenden und falschen Optimismus‘ hilft es mir, wenn mir dann realistische Perspektiven aufgezeigt werden.“ 

Anna Mendel

Anna Mendel, 38, ist in Stuttgart aufgewachsen. Sie hat Germanistik und Anglistik studiert. Mit ihrem Mann hat sie drei Kinder, zwei davon leben mit einer Behinderung. Im Internet kennt man sie von Texten, die die Augen öffnen und Sichtbarkeit erzeugen sollen. Mit viel Gefühl und manchmal noch mehr Wut schreibt sie über ihre Herzensthemen: Familienleben mit behinderten Kindern, Rassismus, das Konzept der Body Neutrality, feministische Ansichten in Erziehung und Partner*innenschaft. Im Frühjahr 2023 wird voraussichtlich ihr erstes Buch im Brimboriumverlag erscheinen.

Foto: Kim Hass

Wann bist du mal so richtig gescheitert? 

„2012 habe ich mich in einem Cupcake-Café in Stuttgart als Assistentin der Geschäftsleitung beworben und wurde nach dem Vorstellungsgespräch auch genommen. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung. Die Position vereinte alles, was ich gut konnte und gerne machte. Drei Wochen vor Beginn meines Arbeitsverhältnisses war ich nochmal für einen Kennenlernvormittag dort. Am Ende erwähnte ich, dass ich auf meinem damaligen Blog ‚Anna im Backwahn‘ gerne von meiner neuen Anstellung erzählen würde. Die Reaktion darauf war sehr verhalten.

Einen Tag später bekam ich vom Mann der Geschäftsführerin, der Anwalt war, eine E-Mail, dass ich diesen Blog sofort schließen müsse. Mein Name dürfte ab sofort nur noch in Verbindung mit dem Unternehmen in der Tortenbranche erwähnt werden. Ich war geschockt, immerhin war mein Blog, zu dem Zeitpunkt knapp drei Jahre alt, eines meiner wichtigsten Argumente in meinem Lebenslauf gewesen. Darüber hinaus war es mein liebstes Hobby.

Ich entschied mich, meine Kündigung noch vor Antritt des Jobs einzureichen, da mein Gefühl mir sagte, dass da was nicht stimmen kann. Zum Glück hatten meine vorherigen Arbeitgeber*innen noch nicht nach einem Ersatz für mich gesucht und ich konnte meine alte Stelle behalten.“

„Insgesamt ist Scheitern ein Konzept, das nur im Rahmen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft bestehen kann.“

Anna Mendel

Was hast du daraus gelernt?

„Ich habe daraus gelernt, dass mein Gefühl stimmt. Nicht nur da, sondern auch ganz allgemein. Und dass, ich wenn ich es mir leisten kann, dementsprechend auch handeln sollte.“

Muss man eigentlich immer was aus dem Scheitern lernen?

„Nee, Quatsch. Scheitern ist ja auch ein Konzept, das nur im Rahmen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft bestehen kann, sobald eben Geld oder Geldverlust im Spiel sind. Aber auch das Ausbleiben von Erfolg und Misserfolg wird mit Scheitern betitelt. Ein Kind scheitert, wenn es nicht mehr zum Fußballtraining will oder sich mit den Jahren nicht verbessert. Davon halte ich nicht viel.“

Was würdest du dir fürs nächste Mal Scheitern von dir selbst und von deinem Umfeld wünschen?

„Von mir selbst muss ich mir nichts wünschen. Scheitern gehört als Bonus zu jedem Projekt dazu. Ich rechne immer damit und weiß: Wenn es dazu kommt, muss ich mir Wut und Enttäuschung zugestehen. Das ist auch das, was ich mir von meinem Umfeld wünsche. Kein Nachtreten, höchstens ein bisschen Aufmunterung. Und einen guten Ratschlag, aber auch nur, wenn ich danach frage.“

Michèle Loetzner

Michèle Loetzner ist 1982 in Heidelberg geboren und hat in München und Helsinki Literaturwissenschaft, Anglistik und Linguistik studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Textchefin und Konzeptionerin unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, „Plan W“ und „DIE ZEIT“. 2020 veröffentlichte sie das Sachbuch „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“, das mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Michèle Loetzner lebt in München, sie ist alleinerziehende Mutter einer Tochter.

Foto: Christian Brecheis.

„Aus dem Scheitern habe ich gelernt, Entscheidungen zu treffen. Es gibt keine guten oder schlechten. Es gibt nur Entscheidungen. Und wenn man die nicht für sich selbst trifft, dann trifft sie das Leben.“

Michèle Loetzner

Wann bist du mal so richtig gescheitert?

„Ich sehe tatsächlich nichts in meinem Leben als Scheitern an. Das klingt jetzt wahrscheinlich etwas esoterisch, aber ich finde scheitern im Wortlaut so negativ beurteilend. Manchmal passt es halt einfach nicht, manche Dinge klappen nicht, aber das liegt nie am alleinigen Unvermögen eines*einer Einzelnen. Und so gut wie immer bringen solche Erfahrungen einen weiter.“

„Sachen aussitzen, halte ich für faul. Wer das tut, darf sich danach nicht beschweren, wenn es doof für sie*ihn läuft.“

Was hast du daraus gelernt?

Entscheidungen zu treffen. Es gibt keine guten oder schlechten. Es gibt nur Entscheidungen. Und wenn man die nicht für sich selbst trifft, dann trifft sie das Leben. Danke, das mache ich dann lieber selbst.

Muss man eigentlich immer was lernen aus dem Scheitern?

„Ja, und wenn es nur die Tatsache ist, dass mensch manches einfach nicht beeinflussen kann, weil eine Person oder – meistens – ein System stärker ist. Das darf mensch dann bitte schön auch richtig scheiße finden.“

Was würdest du dir fürs nächste Mal Scheitern von dir selbst und von deinem Umfeld wünschen?

„Mein Umfeld unterstützt mich auch in schwierigen Momenten. Danke an dieser Stelle! Ich bin nicht besonders gut darin, Dinge sofort sein zu lassen. Davon habe ich grundsätzlich immer profitiert in meinem Leben. Aber manchmal bin ich ein bisschen zu stur und probiere zu lange, ob etwas doch noch irgendwie geht. Ich würde mir also eigentlich gern ein bisschen Zeit sparen in Zukunft.

Allerdings stellt sich dann die Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wer Grenzen nicht austestet, weiß nicht, wann der Point of no return erreicht ist. Das ist zuweilen ein bisschen anstrengend. Aber dafür auch ein Garant für viele tolle Momente. Ich befürchte, dieses Dilemma werde ich deshalb nie lösen können.“

Schöner Scheitern. Trennung, Kündigung, Vorsätze – wir scheitern alle, immer wieder. Doch was lernen wir daraus?

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Sherin El Safty studiert in Bochum Islam- und Sozialwissenschaften. Ihre Themen bewegen sich vor allem im gesellschaftlichen und popkulturellen Bereich. Besonders interessieren sie die Themen Feminismus, Theater, Religion, Klassismus und Nahostpolitik. Mit anderen Nachwuchsjournalist*innen betreut sie derzeit das Insta-Projekt @journojobs, wo es spannende Interviews und Tipps für Nachwuchsjournalist*innen gibt.

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