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Schlank, jung, sexy – über den Jugendwahn der Medien und unserer Gesellschaft

Frauen genießen mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit – solange sie dem gängigen Schönheitsideal entsprechen und die Dreißig nicht allzu weit überschritten haben.

 

K.o.-Kriterien: Jugendlichkeit und Schönheit

Grundidee meines Blogs thirtyplus ist es, dem Leben als Frau jenseits der 30 mehr inhaltliches Gewicht zu verleihen. Denn in der medialen und gesellschaftlichen Wahrnehmung unserer Breitengrade werden Frauen fast immer unter dem Aspekt ihrer Jugendlichkeit und Schönheit beurteilt. Es ist fast egal, was sie sagen, tun oder fordern: Immer wieder und viel zu oft scheint ihr attraktives Äußeres wichtiger zu sein als ihre Ideen. Im Wesentlichen lassen sich hier drei Kriterien definieren, wie eine Frau zu sein hat, um wahrgenommen zu werden: jung, schlank und sexy. Und bitte auch ausschließlich in dieser Kombination, aber dazu später mehr. 

Die faltenfreie Stirn und straffe Haut sind Garanten für Aufmerksamkeit und Beachtung in der Gesellschaft. Für mich ist dieser Jugendwahn eine Form von Misogynie (aus dem Griechischen, Abneigung/Hass gegenüber Frauen). Während Männer in Frieden altern dürfen, ohne dass dies ihren gesellschaftlichen Status ernsthaft gefährdet, haben Frauen ein „Verfallsdatum“. Für Schauspielerinnen jenseits der 35 werden die interessanten Rollenangebote rar, wer die abgebildeten Frauen auf den Magazintiteln am Kiosk betrachtet, könnte meinen, die Welt bestünde aus jungen, schlanken Blondinen. Die Vielfalt des weiblichen Lebens in all seinen Altersstufen wird nicht im mindesten abgebildet in Werbung, Film und Presse. 

Werden weibliche Attraktivitätsstandards erreicht?

Diesen Missstand prangert Jon Stewart, der Moderator der satirischen Nachrichtensendung „The Daily Show“, anhand eines außergewöhnlichen Beispiels an: Die Reaktion der Medien auf das Cover des Vanity Fair Magazins mit Caitlyn Jenner.

Zum Hintergrund: Caitlyn Jenner, die 1949 als Bruce Jenner geboren wurde und als Sport- und TV-Persönlichkeit bekannt wurde, bekannte sich 2015 zu ihrer Transsexualität und präsentierte der Welt auf dem Magazintitel der Vanity Fair ihren neuen Namen und ihre neue Identität als Frau. Unter dem Aspekt der medialen Wahrnehmung von Männern und Frauen ist dieser Fall besonders interessant:

Stewart belegt anhand von Video-Sequenzen aus amerikanischen Sendungen, die dieses Thema aufgegriffen haben, dass die Berichterstattung diesen Meilenstein für die Transgender-Community allenfalls flüchtig streifte und sich sofort der Frage widmete, inwiefern Caitlyns neues weibliches Ich den Attraktivitäts-Standards der Gesellschaft entspreche. Wurde früher über Bruce Jenners berufliche Erfolge als Sportler oder Schauspieler berichtet, dominiere bei der Berichterstattung über Caitlyn Jenner nun nur noch ein Thema: ihr Äußeres. Kern-Aussage der meisten Berichte zur Cover-Enthüllung des Magazins sei die Feststellung gewesen, wie „hot“ und „sexy“ Caitlyns neues Ich sei. 

Außerdem werde unweigerlich auch das Alter von Caitlyn plötzlich zum Mittelpunkt des Interesses. „Für ihr Alter“ sei sie sehr attraktiv, was laut Stewart unmittelbar impliziere, dass nun, da sie sich zu einem Leben als Frau in der amerikanischen Öffentlichkeit entschlossen habe, die mediale Aufmerksamkeit ein ganz klares Ablaufdatum habe. Dieses währe nämlich genau so lange, wie sie als „heiß genug“ gelte. Danach, so Stewart, verschwinde sie von den Bildschirmen und werde für die Medien und damit auch die Gesellschaft unsichtbar. Er beschließt seine großartige und pointierte Analyse mit den Worten: „Herzlichen Glückwunsch, Caitlyn und Willkommen als Frau in der amerikanischen Gesellschaft!“

Weibliche Sexualität im Alter? Hilfe!

Und er hat recht! In allen Punkten! Leider! Die Werbeindustrie weiß: Produkte verkaufen sich am besten über attraktive Frauen. Aber bitte nur junge Frauen! Denn von weiblicher Sexualität im Alter fühlt man sich bedroht. Oder wie sonst erklären sich die unsägliche Reaktionen auf die Screen Actor’s Guild Awards, die sich maßgeblich um den tiefen Ausschnitt von Susan Sarandon drehte?  In diesem großartigen (englischsprachigen) Artikel zum Thema legt Autorin Harriet Hall die verlogene Doppelmoral und Boshaftigkeit der gesellschaftlichen Meinung gnadenlos offen: Brüste sind nur bis zu einem gewissen Alter akzeptabel. Soll frau sie vorher noch zu jeder sich bietenden Gelegenheit in die Kamera halten, hat sie sie nach Überschreiten der Altersgrenze gewissenhaft zu bedecken. 

Aber warum ist das so? Zugrunde liegen könnte eine der tiefsten menschlichen Urängste – die Angst vor dem Tod. Zu dieser Einsicht kam ich bei der Lektüre von Simone de Beauvoirs Klassiker „das andere Geschlecht“, einer sozialgeschichtlichen und philosophischen Betrachtung über die gesellschaftliche Rolle der Frau. Darin schreibt sie: „Die Frau „muss das wunderbare Erblühen des Lebens verkörpern (…). Es wird also vor allem Jugend und Gesundheit von ihr verlangt, denn der Mann kann sich an der Umarmung von etwas Lebendigem nur erfreuen, wenn er dabei vergisst, dass allem Leben der Tod innewohnt. (…) Am Körper der Frau verspürt der Mann empfindlich den Niedergang des Fleisches. Die alte, die hässliche Frau sind nicht nur reizlose Objekte, sondern erwecken einen mit Angst gemischten Haß.“ Und weiter heißt es: „ In ihr kehrt die beunruhigende Gestalt der Mutter wieder, während die Reize der Ehefrau dahingeschwunden sind: (…) Vom Tag seiner Geburt an beginnt der Mensch zu sterben: Das ist die Wahrheit, die seine Mutter verkörpert“. 

Was bedeutet Jugend?

Ist da etwas dran? Wenn wir einen Blick auf die vielen Männer werfen, die sich in fortgeschrittenem Alter junge Frauen an die Seite stellen, dann lässt ein Zusammenhang nicht leugnen. In der sehenswerten und sehr nachdenklich machenden Dokumentation aus der 37 Grad-Reihe mit dem Titel „ Sugardaddy – suche Jugend, biete Geld“ sagt ein 61-jähriger Protagonist: „ Bei der ganzen Suggardaddy-Geschichte spielt natürlich der Begriff der Jugend eine zentrale Rolle. Das wäre jetzt die Frage, was Jugend für mich bedeutet oder was sie beinhaltet. Sie beinhaltet natürlich eine Angst vor dem Alter und den vergeblichen Versuch, sich Jugend zu erkaufen.“ 

Dies nur als ein erster Ansatzpunkt, gerne würde ich mich in meinem Studium der Gender Studies ab dem kommenden Wintersemester damit beschäftigen. Wie ist das Bild von älteren Frauen in Kulturen, in denen der Tod nicht so tabuisiert ist? Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Jugendwahn und der Tatsache, dass Tod und Sterben nicht Bestandteil unseres Lebens sind, sondern eine isolierte Stellung haben? Ist die mangelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit eine Ursache für die Ablehnung älterer Frauen? Aber warum werden alternde Männer dann nicht in gleicher Weise betrachtet? 

Ich finde, es reicht nicht, auf den biologischen Hintergrund zu verweisen, demnach Jugend ein Zeichen von Fruchtbarkeit ist und wir deshalb das Bild der schlanken, jungen Grazie vor Augen haben, wenn wir an weibliche Sexualität denken. Wir sind nicht mehr rein instinktgetriebene Steinzeitmenschen, unsere Schönheitsideale sind immer auch Ergebnis unserer Sozialisation. Was die Gleichberechtigung von Frauen betrifft, hat sich in den vergangenen Jahren einiges gewandelt – wieso aber hat das nicht dazu beigetragen, die Attraktivitätsmerkmale neu zu definieren? 

Von der Frauenbewegung der 60er Jahre, die das Patriarchat in Frage stellte, bis hin zur viel diskutierten Frauen-Quote ist die Auseinandersetzung über die Rollenverteilung von Mann und Frau in vollem Gang. Gleichzeitig mit dieser Entwicklung wurde aber auch das Schönheitsideal rigider, die Hosenbünde immer enger und das Schönheitsideal niedlicher und jünger. Stevie Meriel Schmiedel, die Initiatorin und Vorstandsvorsitzende von pinkstinks, einer Kampagne gegen limitierende Geschlechterrollen für Jungen und Mädchen, sieht hier einen interessanten Zusammenhang. Sie antwortet in einem Interview mit der Neuen Westfälischen auf die Frage, woher der Schlankheitswahn der letzten Jahre komme: „Das hat in den 60er-Jahren begonnen. Seitdem sind Frauen in Filmen und auf Bildern immer dünner und zarter geworden. Wir glauben, dass es daran liegt, dass Frauen in dieser Zeit viel mehr Freiheiten bekommen haben: Sie durften selbst entscheiden, ob sie arbeiten gehen, und seit der Einführung der Pille auch, ob sie ein Kind bekommen möchten oder nicht. Diese Selbständigkeit hat die Gesellschaft verunsichert und sie hat darauf reagiert, indem sie ein Bild schafft, das sagt: „Frauen sind gar nicht so unabhängig, sie sind zart, schlank und jung, sie müssen beschützt werden.“

Kehrseite der Emanzipation?

Somit könnte also die Kehrseite der Emanzipationsbewegung tatsächlich bedeuten, dass Frauen die zunehmende Stärkung ihrer gesellschaftlichen Freiheiten mit einer wachsenden Reglementierung ihres Äußeren bezahlen müssen. Umso wichtiger scheint es mir, das Leben der Frauen in all seinen Phasen immer und immer wieder zum Thema zu machen, so lange, bis es einen ebenbürtigen Platz neben dem der Männer einnimmt. Ich glaube, dass es ungeheuer notwendig ist, unseren Töchtern vorzuleben, dass das weibliche Leben nicht ab 30 vorbei ist. Dafür müssen wir ihnen zeigen, dass eine Frau nicht in erster Linie aus Körper und Gesicht besteht, sondern aus einem Gehirn, einer Seele und einem Herzen. Die alterslos sind und die in jedem Lebensabschnitt nicht weniger wert sind als die ihrer Brüder, Väter oder Kollegen. Auch nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Dieser Artikel erschien zuerst auf thirtyplus. Wir freuen uns, dass wir ihn auch bei uns veröffentlichen können.

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